_Dresden_ d. 30/4 43.
_Mein verehrter Freund!_
Ich wünschte Sie hätten sehen können, wie sehr Alle die Meinigen sich
erfreuten als ich ihnen sagen konnte: „seht hier einen Brief von unserm
theuren Tiek!“ selbst die etwas wehmüthige Stimmung des Briefes welche
aussprach, Sie haben uns noch lieb und werth und sähen sich zuweilen
gern noch bei uns, that dem Herzen wohl! -- Möge indeß bald alles was
noch von Krankheit obschwebt sich verlieren und ein recht heiterer
Sommer Ihnen wieder volle Freude des Daseyns und gewohnte Wirksamkeit
geben! Wir hoffen daß auch dann noch unser Andenken Ihnen den Wunsch
giebt wieder einmal in unsrer Nähe zu weilen!
Fräulein von Hagn haben wir leider nicht bei uns gesehen. Sie gab den
Brief ab als niemand zu Hause war, ich bin zweimal bei ihr gewesen um
ihr meine Dienste anzubieten und traf sie nicht zu Hause. Bei Serre’s
war eine Soirée veranstaltet wohin sie kommen sollte und kam nicht
-- so daß wir sie nur ein paarmal auf dem Theater gesehen haben.
Sie gefiel mir besonders in „Voltaire’s Ferien“ und noch besser im
„Tagebuch.“ Weniger in der „Schule des Lebens“ -- aber auch welch ein
Stück! -- übermäßig erbärmlich -- mit „einem übermäßigen Mangel an
Witz“ ausgestattet[8]. -- Ueberhaupt ist unser Schauspiel -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- Neulich sah man -- -- -- Shakespear hat in jener
Nacht sich gewiß 3 mal von einer Seite zu andern gekehrt! -- Ich höre
indeß daß es bei Ihnen nicht besser geht und dort Ihre Lehren auch in
den Wind gehen! -- O Himmel! --
Kommt Ihnen denn die Lust nicht, wieder etwas zu schreiben oder zu
dictiren? -- Wir schmachten oft danach wieder einmal etwas von Ihnen zu
lesen!
Ich gebe diesen Brief dem Vater unsrer Frau von Lüttichau mit. Die
liebe Frau hat auch viel Noth gehabt. Sie soll jetzt wieder Eselsmilch
trinken und ich hoffe daß sie dabei sich wieder mehr erholt.
In einigen Wochen hoffe ich Ihnen mein Büchlein über Göthe senden zu
können welches ich in diesem Winter vollendet habe, möge es Ihnen
Freude machen, es sind mancherlei Gedanken hinein verwebt worden.
Die Meinigen grüßen Sie herzlich. Empfehlen Sie uns der gnädigen
Gräfin! und bleiben Sie gut