VI.

(Ohne Datum.)

Ich sende Ihnen hier, liebster Tieck die englischen Comödien, ich habe

nur diesen Theil und fürchte, daß Ihnen nun doch nicht ganz geholfen

sey, herzlich bitte ich Sie mir das Buch nicht über zwei Monate zu

behalten, indem ich einiges daraus bekannt zu machen mich verbunden

habe, so viel ich weiß, wollten Sie es ja nicht abdrucken, sondern

bei ihrem Buch über Schakespear benutzen. Den Titurel bin ich leider

nicht im Stande Ihnen jezt zu senden, da ich ihn dem jungen Dichter und

Philologen Wilhelm Müller, der den alten englischen Faust meisterhaft

übersetzt hat, auf einige Zeit eben bei Erhalt ihres gütigen Briefes

mitgetheilt. Was mich von litterarischen älteren Producten in der

letzten Zeit besonders verwundert hat, war eine Uebersetzung der

Celestina aus 16ten Jahrhundert in Strasburg erschienen, von so

ungemeiner Genialität und ungeheurer Macht und freien elastischen

Spannung und Biegung der Sprache, wie mir in meinem Leben nie etwas

vorgekommen, eine andre bessre Uebersetzung ist gar nicht möglich. Ich

kann nur den Fischart für den Meister halten, es verhält sich ganz zum

Original, wie seine Geschichtsklitterung zum Rabelais. Es wurde mir

leider auf der Auktion bis 30 Thlr. getrieben, die ich nicht hatte.

Ich halte es für eins der merkwürdigsten deutschen Produkte, es ist

hier in die Prinz Heinrichsche Bibliothek gekommen. Leben Sie herzlich

wohl und bleiben Sie mir ein bischen gut. Görres arbeitet an einer

Volks-Liedersammlung von der ersten deutschen Zeit bis jetzt, einer

Entwicklung des Ideenkreises im Mittelalter, und einer Sagensammlung.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 149 / 326 题