IV.

Erdberggaße No. 98 an der Landstraße

in Wien 1813 den 12. Juli.

_Liebster Tieck!_

Ich bin nach einer dreitägigen Reise, auf welcher mich das Leben

sehr ~en Bagatelle~ traktierte, in Wien angekommen, in der so

mannichfach gepriesenen Stadt, der Eindruck, den sie mir gemacht, ist

ganz von meiner Erwartung verschieden, die Stadt, die ich bereits nach

allen Seiten durchschnitten macht einen Eindruck wie Leipzig, Dresden

und München durch einander, der herrliche Münster steht wunderbar, wie

ein altes Gespenst, im modernen Getümmel, da sizzt die Spinne drinn, in

deren Geweb, alle die modernen Fliegen hängen, und gebe es einen ewigen

wandelnden Jesus wie einen Juden, so stände sie da, wie ein solcher

unter den Jesuiten. Das Ganze ist wie überall, nur diese Kirche, ist

wie Nirgends, „Ueberal und Nirgends“ aber ist ein Spiesischer Roman in

dem viele Anlage, viel Stoff, aber kein Zug einer großen bildenden

willenwollen- und vermögenden Meisterhand waltet. Mit Weg und Steg und

Marschrouten beschäftigt, habe ich noch nicht von ihren Empfehlungen

Gebrauch gemacht, werde es aber nächstens thun, und Ihnen dann

treulich berichten. Ich will Ihnen nur meine gestrigen Entdeckungen

erzählen; denen ich das einliegende Schreiben verdanke. Ich suchte

Adam Müller auf, er bewohnt das Gräflich Carolische Schloß und Garten

am Ende der Favoriten Linie gegen dem Theresianum über, ein äußerst

reitzendes einsames grosartiges Lokal, wo er mit Unterstützung des

Erzh. Maximilians eine Erziehungs Anstalt gründen soll, gegen welche

von der Unwissenheit und Pfafferei viele Kämpfe eröffnet sind. Ich fand

dort den Hofrath Fischer, den ich von Berlin kenne als Partikülier

wohnend. Als Gehülfen der Anstalt aber einen sehr besonnenen Künstler

und Freund Runges, den Mahler Klinghofström aus Schwedisch Pommern und

einen alten Freund von mir den jungen H. v. Eichendorf aus Schlesien,

nebst drei Priestern aus dem von Warschau durch die Franzosen

vertriebenen Orden der Redemptoristen, Alle aßen wir zußammen und das

Gemisch von nordischen Gelehrten und südlichen Priestern mit angenehmen

Frauen und ihren kleinen Kindern in einem schönen Saal unter einem

Gespräch über die heutige Predigt machte mir in meiner außerweltlichen

Seele, die auch nicht grade geistlich ist, ein seltsames Weltbild von

Heutzutage. Doch brachte ich einen reitzenden Tag zu und war beinah

so neutral und vergnügt und fromm und gottlos als die Vögel auf den

Castanienbäumen vor dem Fenster. Ich glaube auch Sie könnten dort

sehr glücklich sein. Ich selbst wohne in dem reitzendsten Hauß, sind

gleich die Wände von den herrlichen Kunstsammlungen eines ruhigen,

geschmackvollen und reichen antiquarischen Gelehrten entblößt, so

sprechen doch klassische Mottos über leeren Büchergestellen wie

Grabschrifften zu mir, und den reitzenden Garten schmücken herrliche

Abgüße von Antiken, und den schattigten Lauben Gang unter dichten

Akazien hinab schmücken helle Büsten der edelsten Griechen und

Römer, alles das erfüllt mich mit tiefer Rührung über den Untergang

eines großartig und wissenschaftlich ausgebauten und eingerichteten

Lebenswinkels in den Händen von Erben, die an Münzen 100 mahl so reich

sind, als der treffliche Verstorbene, den sie in einem kunstlosen Sarg

unter die Todtensammlung der Erde gestellt haben, ich fühle durch meine

Umgebung seltsame Wellen in meiner Seele sich bewegen, mögen sie meine

Seele nach irgend einer heiligen Insel hinführen. Jezt noch, lieber

Tieck, herzlichen Dank, für Liebe und Schonung, ich bedarf Beides, um

besser zu werden. Dem guten Leitenberger theilen Sie den Inhalt dieses

Schreibens mit und sagen Sie ihm das herzliche Lebewohl, das ich ihm,

weil ich ihn nicht fand, nicht selbst sagen konnte, auch nochmals

zärtlichen Dank für alle seine Liebe und Güte. Auch Weber grüßen sie

herzlich. Hier macht ein Stück von einem jungen Dichter Müllner aus

Weißenfels, die Schuld, nicht nur vor dem Volk, sondern auch vor

den denkenden Kennern die gröste Sensation, so bald ich es gesehen,

schreibe ich Ihnen darüber. Empfehlen Sie mich den Ihrigen und der

gütigen Gräfin Henriette, Humbold ist noch in Gitschin (?) oder schon

in Prag beim Congress

ihr

_Clemens Brentano_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 147 / 326 题