II.

_Marburg_ in Hessen den 22ten April 1804.

Sie wissen gewiß, daß ich Sie liebe, von Herzen liebe, und daß ich

glücklich wäre, Sie irgendwo hingestellt zu sehen, wo es Ihnen wohl

ergieng, ohne daß Sie aus aller Berührung mit den Menschen gebracht

wären; Ich hatte einstens einen nachher verunglückten Plan, wie sie

wißen, mit dem Frankfurter Theater; Ohne zu wissen, ob es gelingt,

oder ob Sie einwilligen würden, wenn es gelänge, habe ich die Idee

gefaßt, ob es nicht möglich sein sollte ihnen eine Professur der

schönen Wißenschaften in Heidelberg zu verschaffen, wo es Ihnen so sehr

gefallen hat. Könnte Ihnen diese Hoffnung sehr angenehm sein, so bitte

ich Sie herzlich, sie als äußerst ungewiß anzusehen, damit Sie durch

das Fehlschlagen nicht betrübt werden mögen. Nun will ich Ihnen kurz

aus einander setzen, wie ich auf die Idee gekommen bin. Sie wissen, daß

Heidelberg durch Baden neu organisirt wird, man geht dabei bescheiden

und würdiger zu Werk, als in Würzburg. Der Minister von Edelsheim, der

das Ganze leitet ist human, voll guten Willens, aber es fehlt dort,

wie überall an Ansicht, Herr Professor Kreuzer von hier ein Philolog,

mein Freund, ein bescheidner geistvoller Mann ist auf die einfachste

Art dorthin berufen worden, er hatte den Ruf nach Wilna, und da er

etwas vor der Fremde scheute, so sendete er vorerst seine Einleitung in

den Herodot an seinen Freund den Professor Daub in Heidelberg mit der

Anfrage, ob sie schon einen Philologen dort hätten? Dieser schickte das

Buch an den organisirenden Minister von Edelsheim nach Karlsruhe, und

wenige Tage hierauf erhielt Kreuzer von dem Minister die Einladung zu

einer Professur. Eben so ist mein Schwager der Professor von Savigny

von hier dahin berufen worden, der aber wegen einer großen gelehrten

Reise, es bis zu seiner Rückkehr abgelehnt hat. Da ich durch diese

Männer nun allen Umgang hier verlohr, so war ich anfangs willens mit

meiner Frau nach Dresden zu ziehen, um in ihrer Nähe zu sein, lieber

Tieck, denn sie wissen es vielleicht nicht, mit welcher kindischen

Sehnsucht ich immer an Sie gedenke, und wie ich in mir selbst fest

überzeugt bin, nur ihre Nähe, ihr Umgang könne eine fürchterliche

Unruhe und unerklärbare Muthlosigkeit, die mich zusichtlich zerrüttet,

auflösen, ich hatte diese große Translokation fest beschloßen, als

ich plötzlich in dieser Idee durch meine Familiengeschäfte, und meine

Vermögungsumstände verhindert ward, welche mir es nicht erlauben mich

weit von Frankfurt zu fixiren. Heidelberg ist mir der einzig taugliche

Ort dazu, und da ich wegen der Ausführung meines Plans an den Dr.

Creuzer nach Heidelberg schrieb, und zugleich meinen Wunsch, sie dort

angestellt zu wißen, ihm mittheilte, weil es mir bekannt ist, daß das

Ministerium sehr auf die Vorschläge der Professoren bei der Besetzung

der Professuren achtet, so hat er mir auf diesen lezten Punkt folgendes

geantwortet, was ich Ihnen abschriftlich mittheile, indem Sie dadurch

am leichtesten ~au fait~ gebracht werden können.

„Mit ihrem frommen Wunsche, Ludwig Tieck betreffend, stimme ich aus

voller Seele zusammen. In der That, wenn ich jezt bei meinen einsamen

Wanderungen in den mächtigen Ruinen des hiesigen Schloßes unsere

neudeutsche Kleinheit fühle, empfinde ich lebhaft, daß hier ein Ort

für Männer sei, die das alte große Deutschland im Herzen tragen, für

Dichter, wie Tieck einer ist, die den alten romantischen Gesang in

seiner Tiefe aufzufassen und auf eine würdige Art wieder zu beleben

vermögen. Urtheilen sie also selbst, wie sehr ihr Wunsch auch der

meinige ist, ohne daß ich die persönlichen Beziehungen kenne, die Ihnen

Tiecks Umgang zum Bedürfniß machen. Aber warum kann ich Ihnen hier

nicht mit so großer Zuversicht entgegenkommen! -- Sehen Sie, das gehört

zu der Seite Heidelbergs, die ich nicht mit dem frohen Muthe schon jezt

anzupreisen wage, als die hiesige Natur, die hiesigen Menschen und

die geselligen Verhältniße. Ich habe mich in Carlsruhe wo ich neulich

war, selbst überzeugt, daß man zwar die besten Absichten für die

Universität, auch recht gute einzelne Ideen hat, daß es aber bis jezt

an einem recht tüchtigen Mittelpunkt aller wißenschaftlichen Ansicht,

und folglich an einer tiefgefaßten Einsicht in die hiesigen gelehrten

Bedürfniße fehlt. -- Ich habe nach Kräften geredet -- aber da viel zu

wirken, dazu gehört ein Mann in einem ganz freien Verhältniß zu dem

hiesigen Land, den sein Stand, sein Vermögen, sein öffentlicher Credit

auf eine gewiße Höhe gestellt hat -- ein solcher Mann ist Savigny,

dessen Besuch der Minister dringend wünscht. Ich habe es Savigny

schon geschrieben, er kann viel dort thun, und auch für Tieck, aber

er muß eilen, denn man empfiehlt hier rechts und links, und es ist

auch bereits schon ein obskurer Mensch als Aestetiker projecktirt, noch

ist es Zeit für Tieck zu wirken. Wie wäre es, wenn er seinen Wunsch

dazu, etwa mit seiner Ausgabe der Minnelieder und der vortreflichen

bescheidnen lehrenden gelehrten Vorrede, an einen der Freunde, die

er sich bei seinem Aufenthalt hier unter den Gelehrten erworben hat,

sendete, wie wären wir alle belohnt, wenn er mit uns sein könnte.“

Dieses sind die Worte meines Freundes, an Savigny habe ich bereits

geschrieben, er liebt sie, wie ich, wenn er überhaubt nach seinen

eigenthümlichen Grundsätzen und Plänen, sein Ansehen bei dem Minister

zu gebrauchen Lust hat, so wird er auch gewiß für sie arbeiten,

lieber, theurer Herr Tieck, o thun sie doch auch irgend Etwas darzu,

ich wäre ewig glücklich, alle meine Hofnungen würden wieder erstehen,

wenn ich dort unter ihrer Leitung, an einer Reproducktion der alten

Heldengedichte arbeiten könnte. Wie herrlich wäre es, nach einem

gewissen Plan arbeitend in einer ganzen Gesellschaft, die verschiedenen

Heldengedichte wieder zu verbinden und hervorzuführen, ich wollte

gern auf alle eigne Arbeiten Verzicht thun, und mein ganzes Leben

für diese Arbeiten anwenden. Bei dieser Gelegenheit sage ich ihnen

mein Herzlichen Dank für die große Belehrung, die sie mir, und allen

ihren gelehrigen Lesern in der Vorrede zu den Minneliedern gegeben

haben, lieber Tieck, wenn sie auf Erden in bürgerlichen Umständen

nie glücklich sein sollten, so muß es auch wahr sein, daß sie ihren

Himmel bereits im Herzen tragen. Ich habe vor einiger Zeit unter

einigen poetischen alten Manuskripten von minderm Wehrt, eine Sammlung

Minnelieder aus dem 14 und 15 ~Saeculo~ gekauft, die Lieder sind

noch nicht edirt, und meist Nahmenlos, und von verschiedenem Wehrt,

folgende Verfasser, die ich nicht kenne kommen unter ihnen vor, der

Brandberger, Heinrich Graff von Würtemberg, H. v. Schromberger, Johann

Sasse. Die Samlung enthält vorzüglich viele sogenante Wächter-Romanzen,

und auch einen vollständigen Gedichtwechsel zwischen einem Edelmann

und einer Fürstinn, von deren Gemahl er des Ehebruchs beschuldigt

hingerichtet wird, doch alles nahmenlos, einige Strophen sind

überschrieben, dies diechtete der Herre dri Stunnden vor seim Tot. Ich

gedenke sie nächstens theilweiß bekannt zu machen, auch besizze ich

in demselben Band, die von dem Minnesinger Nithard, dem Hofnarr des

Otto des frölichen von Oestereich gesungenen eignen Schalksstreiche mit

Bauren, und manches Andere, auch die seltene Ausgabe des Titurell,

und noch vieles, waß dahin schlägt. Wie glücklich wäre ich in ihrer

Nähe weißlicher fort zu sammlen und nebst Ihnen alles das zu benutzen.

Eine Vereinigung zu einer gemeinschaftlichen zugleich hervortretenden

Bearbeitung mehrerer sich gegenseitig unterstützender Gedichte jener

Zeit ist immer mehr mein Wunsch, und ich würde mit aller Anstrengung

und Liebe unter ihrer Leitung nach einer durch sie vorgeschlagenen

Form, die Nibelungen, den Parzival, oder den Titurell oder waß sie

wünschten bearbeiten. Ach aber alles dieses verhindert die Ferne, ich

gehe einsam an ihrem Stöckchen durch die Welt, an ihrem lieben Stock,

waß ich den Stock liebe, _ihr_ Marseiller Marsch, „o Stock o Stock

o Vaterland,“ hat für mich durch ihn eine andere Bedeutung erhalten.

Geliebter Tieck sollte sich ein widriges Geschick, das bis jezt alle

meine schönen Wünsche vereitelte abermals zwischen meine Hofnungen und

ihre Erfüllung stellen, so verzeihen sie meiner Liebe, und sein sie

versichert, daß Sie kein Herz so besitzen wie das meinige, wenn sie

sich hierüber ein wenig freuen können, wenn es ihnen wohl thun kann,

daß ich mich in jeder Stunde nach Ihnen oft mit Trähnen sehne, so ist

auch das mir schon ein Lohn. Schreiben sie mir doch gleich auf meine

Projeckte, und auch nach Heidelberg, wenn es Ihnen gut dünkt. Meine

Frau, die nächstens ein Kindchen bekömmt, wünscht Ihnen Glück, und sich

einen Sohn wie Ludwig Tieck. Ihr treuer

_Clemens Brentano_.

Grüßen sie den lieben H. v. Burgsdorf.

Dieser Brief muß erst zu ihrem Bruder nach Weimar oder zu Frommann

laufen, da ich den Nahmen ihres Aufenthalts vergessen habe, eilen sie

doch zu antworten. Kann denn ihr Burgsdorf nichts für Heidelberg thun?

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 145 / 326 题