Ludwig Tieck an Braniß.
_Dresden_ den 24. Jul. 40.
_Geehrter Herr Professor_,
Ich wünsche, daß Sie das Buch, welches Ihnen Herr Max in meinem
Nahmen überreichen wird, als ein Zeichen meiner wahren Hochachtung
annehmen mögen: eben so ist es mein Wunsch, daß es Ihnen Vergnügen und
Theilnahme geben und erregen möge.
Diese Geschichte, wie ich auch in der Vorrede andeute, habe ich lange
mit mir herum getragen: seit ich den Camoens schrieb, traten mir die
Gestalten immer näher, und forderten mich gleichsam auf, sie aus dem
Gefängnisse meines Gedächtnisses und der Phantasie zu befreien; denn
das Buch ist doch wie ein Pendant zum Cam. und Shakspear-Novellen zu
betrachten.
Erlaubt es Ihre Zeit, oder können Sie die Neigung fassen, ein Urtheil
über das Werk auszusprechen, so freue ich mich schon im Voraus, etwas
Gediegenes und Lehrreiches über eine meiner Lieblings-Arbeiten zu
vernehmen. Nur müssen Sie nicht das Vorurtheil fassen, daß Bedenken
und Tadel eines unpartheiischen und reifen Mannes mich kränken, oder
verletzen könne.
Man hat so viel Unnützes und Freches über die Emancipation der Weiber
geschwatzt. Das Schiksal und der Charakter dieser Vittoria reissen sie
auch aus den herkömmlichen conventionellen Formen; aber, nach meiner
Ansicht, so wie es der ächten Weiblichkeit, einem starken Gemüthe,
erlaubt sein kann. Verhältnisse beugen die grossen Naturen, aber
vernichten sie nicht.
Doch -- der Poet kann und soll nur sein Werk für sich sprechen
lassen. Auch war ich nie der Ansicht, daß es gut sei, wenn zu viel
Kunst-Absicht (oder künstliche, oder philosophische &c.) in das äussere
Bewußtsein tritt: denn Begeisterung sieht doch immer weiter und hat
alles Dergleichen, so viel gut und nöthig ist, in sich.
Doch ich sage alles dis nur einem Wissenden, und schliesse deshalb,
indem ich nur noch den Wunsch ausspreche, daß Sie mir Ihr Wohlwollen
erhalten, Dresden einmal auf längere Zeit besuchen, damit wir uns näher
kommen, und so nenne ich mich mit Hochachtung