I.

Wien d. 29. Septemb. 1834.

_Hochverehrter Herr!_

Das beiliegende Schauspiel „Fortunat“ wage ich Ihnen, hochverehrter

Herr, zur Einsicht vorzulegen, eh’ ich es noch einem Theater zur

Aufführung übergebe. Ich gestehe, daß mich dieser Stoff seit Jahren

beschäftigt, und daß ich mir eigentlichst Mühe gab, dasjenige, was mir

daran poetisch erschien, in dramatischer, wo möglich in theatralischer

Form wieder zu geben. Natürlich konnt’ ich zu diesen Zwecken nur einige

Umrisse der ursprünglichen Fabel beibehalten, und war gewisser Maßen

gezwungen, die dramatische Handlung erst zu erfinden. Bei solchem

Verfahren würde ich mich glücklich preisen, wenn es mir nicht mißlungen

ist, den Sinn und Geist der Fabel auch in dieser veränderten Form

nicht verwischt zu haben. Der erste Akt meines Schauspiels bildet

eine Art Vorspiel: Fortunat als Jüngling im elterlichen Hause; dieser

Theil unterscheidet sich in Ton und Darstellungsweise wesentlich von

den übrigen Akten, worin die Abentheuer behandelt sind, die sich mehr

dem Heroischen nähern. Der Schluß soll mit dem Anfang wieder zusammen

greifen. Um das Theater-Publikum, welches leider ein allzu großer Feind

des Phantastischen ist, auf das Wunderliche des Inhalts vorzubereiten,

hab’ ich noch einen Prolog beschlossen, welchen Fortuna halten soll. --

Ich kann es mir nicht bergen, daß meine bisherigen theatralischen

Arbeiten mir bei Ihnen, hochverehrter Herr, keinesweges das Zutrauen

erwecken werden, daß ich einem Stoff, wie der vorliegende, gewachsen

sei; allein auch bei jenen, mehr im französischen Sinne geschriebenen

Lustspielen leitete mich eine Absicht, welche Sie vielleicht nicht ganz

mißbilligen werden, wenn Sie mir in der Folge etwa gestatten, mich

hierüber näher zu erklären.

Indem ich Ihrem Urtheil über die vorliegende Arbeit mit Verlangen

entgegen sehe, unterzeichne ich mich mit Hochachtung

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 103 / 326 题