Während meines Aufenthaltes in Babylon stieg das Thermometer gegen
Mittag auf 40, am Nachmittag auf über 42 Grad im Schatten. Wenn die
Sonne im Zenit stand, war es kaum möglich, sich draußen aufzuhalten
und in den Ruinen umherzuklettern, so schlaff fühlte man sich; man war
dankbar selbst für jeden glühendheißen Luftzug, der die durchnäßten
Kleider durchdrang, und wenn ich mich um diese Stunde zum Zeichnen
niedersetzte, wurde mir bald schwarz vor den Augen; ich mußte
schleunigst mein Zimmer aufsuchen, um die Kleider vom Leibe zu zerren
und ein Bad zu nehmen in Wasser, das, wenn es über Nacht in Lehmkrügen
gestanden hatte, in einer Kühle von bestenfalls 25 Grad gehalten
werden konnte. Wenn wir uns dann im gemeinschaftlichen Speisesaal
versammelten, dessen Fenster und Türen Mückennetze schlossen, war man
nicht viel mobiler als die Laubfrösche, die dort stumpfsinnig in den
Aquarien hockten. Zum Essen fehlte jeder Reiz, um so stärker war das
Bedürfnis zu trinken, Wasser aus porösen Lehmkrügen mit einem Schluck
Rotwein oder Himbeersaft. Professor Koldewey hielt es zwar für besser,
während der heißen Tagesstunden so wenig wie möglich zu trinken; ich
dagegen huldigte dem Grundsatz: Trinke, wenn du durstig bist! Denn
sonst trocknet die Haut ein, und man fällt um vor Mattigkeit, wie ich
das im Jahre 1895 in der Wüste Taklamakan am eigenen Leibe erfahren
habe. Natürlich sind die Ausdünstungsorgane dabei in ununterbrochener
Tätigkeit, und solch ein Monate lang anhaltendes Schwitzbad muß, wie
~Dr.~ Buddensieg beobachtet hat, sehr ermattend wirken und die
Arbeitskraft vermindern. Nach dem Mittagessen blieb einem nichts
anderes übrig, als sich, aller Kleidung bar, hinzulegen und sich einer
schlaffen Betäubung zu überlassen, die man nicht Schlaf nennen konnte
und die durch keine noch so spannende Lektüre zu überwinden war.
Man lebte erst richtig auf, wenn wir uns am Abend in bequemen Stühlen
auf der Dachterrasse lagerten, bei strahlendem Mondschein in kühlender
Abendluft des Tages Last und Hitze überwanden und froh waren, wenn die
Wärme auf etwas über dreißig Grad gesunken war. Dann beschloß Professor
Koldewey seine am Tage begonnene Vorlesung über diese ruhmreiche
Stätte, die er so liebt, und über die langen Jahre unerschöpflicher
Arbeit, die ihn zum Ehrenbürger Babylons gemacht haben. Wenn ich
dann mein Bett aufsuchte, lag ich meist noch lange wach. Leise ging
eine nächtliche Brise durch die Kronen der Palmen, und die Schatten
des vom Monde weiß beleuchteten Mückennetzes flatterten wie im
Elfentanz. Es war wie ein Märchen, und ich glaubte in einem Sarkophag
von durchsichtigem Alabaster zu liegen und den Flügelschlag der
Jahrhunderte über der alten Königsstadt rauschen zu hören. Die Fülle
historischer Erinnerungen, die Koldeweys Vortrag hervorgezaubert hatte,
mischte sich unter die Bilder des Traumes; Löwe, Stier und Drache
wurden lebendig und wandelten einher mit den fünfzehn gelben Katzen,
die im Hause der deutschen Archäologen allenthalben herumsprangen. Sie
waren die Lieblinge Koldeweys, der sie nicht entbehren konnte, und
zeichneten sich alle dadurch aus, daß die Spitze ihres Schwanzes zu
einer kleinen Öse geflochten war, was ebenso vornehm wirkte, wie der
Knoten am Schwanz des Drachen von Babel.
Schon in Aleppo hatte mir ein Besucher der Ruinen Babylons versichert,
die größte dortige Sehenswürdigkeit sei Professor Koldewey selbst,
und diesem Urteil mußte ich zustimmen. Denn der schon bejahrte
Gelehrte mit seinem noch immer jugendlichen Wesen, mit seinem tiefen
wissenschaftlichen Ernst und seinem behaglichen Humor, die er als unser
Dolmetscher am Hofe Assarhaddons, Sardanapals, Nabopolassars und vor
allem Nebukadnezars in anregendstem Wechsel anzuwenden wußte, hatte in
der ganzen Art, wie er die Dinge sah und wie er selbst lebte, etwas
so Charakteristisches, daß ich von seiner Persönlichkeit einen der
stärksten Eindrücke mitnahm, den nur ein Mensch auf den andern ausüben
kann.
Ebenso unvergeßlich wird mir das Arbeitszimmer des Gelehrten sein,
das zu betreten eine Auszeichnung bedeutete, die nur wenigen Fremden
zuteil wurde. Es hatte etwas von einer Eremitenklause, in der sich
Staub und Tabaksrauch aus den vier Fuß langen Pfeifen seines Besitzers
einträchtig vermischten. Die Fenster waren sorgfältig geschlossen,
das eine mit einem Stück Stoff, das andere mit weißem und schwarzem
Papier verhängt; wenn man aus diesem mystischen Dunkel wieder ins
Helle trat, war man wie geblendet. Alle Ecken und Winkel hingen voller
Spinnengewebe, denn die fleißigen Spinnerinnen in ihrer löblichen
Arbeit zu stören, hätte der Hausherr nicht übers Herz gebracht.
Jedenfalls paßte das Altertümliche dieses Raumes ganz stilgerecht zu
dem Ruinenfeld ringsum.
Die Tische bedeckte eine phantastische Sammlung unzähliger Gegenstände.
Da waren Federn, Messer und Dolche, Papiere in allen Formaten und
Tinte in verschiedenen Farben, Thermometer und alte Briefe, ein
Spirituskocher und eine Maultrommel, auf der der große Forscher
eine lustige Melodie spielte, Altertümer aller Art, besonders mit
Keilschrift bedeckte Zylinder, die noch der Entzifferung harrten. Dann
Bücher, Karten und Pläne des Trümmerfeldes, Photographien von Palästen
und Tempeln, Kaffeetassen, Gläser und Teller, Toilettesachen und modern
arabisches Allerlei. Ein kleines Gestell trug einen Propeller, der,
mit Petroleum geheizt, Zugwind hervorbrachte, und daneben lagen zwei
Geigen; denn Professor Koldewey studierte Musik, um das musikalische
Vermögen der Babylonier beurteilen zu können. Ja, er studierte so
ziemlich jede menschliche Wissenschaft, die irgendwie zu der alten
babylonischen Kultur in Beziehung stand. In seiner Bibliothek entdeckte
man Handbücher der Chirurgie und Anatomie, die er dazu brauchte, um
die Darstellung menschlicher Körper in den Plastiken der Babylonier
mit der Wirklichkeit vergleichen, ihr Kunstverständnis und ihre
Beobachtungsgabe prüfen zu können. Und dickleibige Werke der Zoologie
und Paläontologie dienten ihm zur Bestimmung der Tierformen, die
sich in Babylon abgebildet finden. Er zeigte mir in seinem eigenen
Buche über das wiedererstehende Babylon das Bild eines Drachenfußes
verglichen mit dem eines Raubvogels: die Ähnlichkeit zwischen beiden
ist in der Tat schlagend und verrät eine bewundernswerte Naturtreue.
Dabei hielt mir der gelehrte Eremit einen kleinen Vortrag über diesen
Sirrusch, das Fabeltier, dessen Relief wir am Tor des Ischtartempels
gesehen hatten; das Wesentliche davon habe ich schon im vorigen Kapitel
wiedergegeben.
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.
Auf der Galerie des deutschen Expeditionshauses.
Von rechts nach links: ~Dr.~ Buddensieg, der Herzog, Professor
Koldewey, der Verfasser.]
Neben zahlreichen unentbehrlichen Werken über Architektur, Ornamentik
und Kunstgeschichte standen sogar astronomische Handbücher, denn die
Babylonier waren in der Sternkunde sehr erfahren. Und der Fachwerke
über Koldeweys eigene Wissenschaft, die er selbst in so hohem Grade
gefördert hat, war kein Ende. Den größten Teil seines einsamen
Eremitenlebens verbrachte aber Koldewey nicht in dieser seiner Klause,
sondern draußen unter den Ruinen, in der unmittelbaren Gesellschaft der
alten Babylonier. Die Wogen des Weltkrieges hatten seine Einsamkeit bis
dahin nur ein einziges Mal erreicht. Jetzt hörte er kaum noch das Echo
der fernen Schlachten. Im März 1917 aber mußte er Babylon zum zweiten
Male verlassen, noch rechtzeitig, ehe Bagdad von den Engländern erobert
wurde.
Damit ist die Inventaraufnahme dieser deutschen Studierstube am Ufer
des Euphrat noch nicht abgeschlossen. Ein Regal in einer dunklen
Ecke war angefüllt mit photographischen Apparaten, Blechbüchsen,
Pappkasten mit photographischen Platten und Filmkapseln. Hier stand
ein Stoß Mappen mit Zeichnungen von Gebäuden und Mauern, dort lehnten
sich Reißbretter und Winkel malerisch an Pantoffel und Schnürstiefel,
die auf dem Wege zur Vernichtung verschieden weit vorgeschritten
waren. Teppiche waren früher einmal in Gebrauch, jetzt standen sie
zusammengerollt in einer Ecke. Mehrere gewaltige, eisenbeschlagene
Kisten enthielten die größte Kostbarkeit des Hauses: Manuskripte und
Tagebücher, Photographien und Pläne. Falls unvorhergesehene Ereignisse
zu schneller Flucht zwingen sollten, stand alles bereit, was in erster
Linie mitgenommen werden mußte.
Gewiß hatte keine ordnende Hand das Zimmer Koldeweys berührt, seit
die arabischen Plünderer darin aufgeräumt hatten. Inmitten des
Wirrwarrs stand das Bett, ebenso verstaubt wie alles andre. Hier
hatte der Gelehrte drei Monate lang an Fieber darniedergelegen;
jetzt war er Rekonvaleszent. Einen Arzt brauchte er nicht! Er hatte
ja seine medizinischen Handbücher, und kein Arzt in der ganzen Welt
kannte Babylons Klima so gründlich wie er, und keiner sicherlich war
mit den Gebrechen seines Körpers vertrauter als er selbst. Ihm war
diese Atmosphäre, die ihn umgab, ein Lebensbedürfnis, und in dieser
Einsamkeit fühlte er sich unendlich wohl. Er hätte ja ebenso gut nach
Hause reisen und andern die Bewachung der Ruinen überlassen können.
Aber nein, er +wollte+ nirgends anders als eben in Babylon wohnen!
So lebte und arbeitete der berühmte Forscher, und seine systematischen
Ausgrabungen hatten nun eins der alten Gebäude nach dem andern ans
Tageslicht gebracht. Wenn aber endlich die Grabungen abgeschlossen
sind, und die Gelehrten ihrer Wege ziehen, dann bricht das letzte
Stadium der Zerstörung an. Dann beginnt aufs neue der Ziegelraub, dann
suchen die beutegierigen Araber wieder nach verborgenen Schätzen, dann
nagt wieder die Verwitterung an den Ruinen, und Wind und Wetter treiben
hier wieder ihr Spiel. Dann schlagen die Wogen des Wüstenmeers zum
letzten Male über Babylon zusammen, und neue Jahrtausende ziehen über
die öden Hügel.
[Illustration: Kerbelawagen.]
Achtzehntes Kapitel.
Samarra, die Hauptstadt des Kalifen Mutawakkil.
Fast übersättigt mit Eindrücken überwältigender Art verließ ich am
Abend des 18. Mais Babylon. Ein vierspänniger Kerbelawagen, die
Postkutsche zwischen Bagdad und Hille, die besonders von persischen
Pilgern nach Kerbela und Nedschef benutzt wird, brachte uns, den
Herzog, Rittmeister Schölvinck und mich, in zehnstündiger nächtlicher
Fahrt nach Bagdad zurück.
Diese Fahrt auf den mit Mänteln und Kissen notdürftig gepolsterten
Holzbänken des hochrädrigen Marterkastens, dessen Federung auf ein
volles Haus mit Sack und Pack berechnet war, mit uns dreien aber Ball
spielte, wird uns wohl allen unvergeßlich sein. Wir saßen im Zickzack,
um Raum für die Beine zu haben, und wechselten von Zeit zu Zeit unsere
Plätze, um nicht immer auf derselben Stelle gestoßen und geschunden zu
werden. An Unterhaltung war nicht zu denken, denn bei dem erbitterten
Gerassel des trockenen Holzwagens, dem klappernden Getrappel der
Pferdehufe auf dem ebenso trocknen wie harten Wege, der lange Strecken
glatt wie Asphalt, dann wieder durch Reste von Kanaldämmen kaum fahrbar
war, konnte man sich höchstens durch lautes Schreien verständigen.
Nur Freund Schölvinck brachte es fertig, in diesem betäubenden Lärm
regelrecht einzunicken, bis plötzlich sein großer Tropenhelm rasselnd
vom Kopfe rutschte und er zu der beiden Zuschauer Belustigung jäh
aus dem Schlaf aufschreckte. Dazu die unendliche Einsamkeit und die
todbleiche Beleuchtung, als der Mond am Himmel stand. Beim Aufgang
war er, infolge der durch Dunst und Staub getrübten Atmosphäre,
dunkelgelbrot, fast hagebuttenfarbig, und zeigte eine merkwürdige
elliptische Form, deren Längsachse dem Horizont parallel lief. Als
er dann langsam emporstieg, brannte sein Licht immer klarer und
beleuchtete schließlich wie ein Scheinwerfer die Kulissen des Weges:
hier und da einen dürren Hügel, einen alten Kanaldamm vielleicht
noch aus der Kalifenzeit, die graue Steppe und ab und zu einige
Reisende, die mit Pferden, Eseln oder einer stolz einherschreitenden
Kamelkarawane aus der Mondscheindämmerung auftauchten und wie Schatten
vorüberzogen.
[Illustration: Rittmeister Schölvinck.]
Gegen ½4 Uhr zeigte sich endlich ein schwaches Leuchten am östlichen
Horizont und ward allmählich heller. Als wir eben über die Brücke von
Cher fuhren, sprühte der Horizont in Blitzen, und die Ebene loderte
empor wie in einem Steppenbrand. Alles ringsum bekam Farbe, und die
Strahlen der siegreich aufgehenden Sonne spielten auf den vergoldeten
Kuppeln und Gebetstürmen von Kasimen. Die Grabmoschee stand in der
weiten Wüste wie ein Märchenschloß aus schimmerndem Gold, und im satten
Grün ihrer Palmen lag wieder die Stadt der Kalifen vor uns.
Bagdad prangte in vollem Flaggenschmuck, als wir ankamen. Der türkische
Kriegsminister Enver Pascha wurde erwartet. Er kam wie ein Wirbelwind,
von Kanonendonner begrüßt, und fuhr sogleich nach Kut-el-Amara weiter.
Dann reiste er nach Chanikin und war am 25. Mai wieder in Bagdad, wo
ich ihm im alten Hause des Feldmarschalls von der Goltz, das jetzt von
seinem Nachfolger Halil Pascha bewohnt wurde, einen Besuch abstattete.
Bald darauf reiste er mit seinem Stabschef, dem General Bronsart von
Schellendorf, nach Samarra.
Auch meine Tage in Bagdad waren gezählt. Mein nächstes Reiseziel war
Mosul mit den Ruinen von Ninive, und mit gewohnter Liebenswürdigkeit
forderte mich der Herzog auf, mich seiner Karawane anzuschließen, die
den gleichen Weg nehmen sollte. Da alles, was Fuhrwerk und Pferd hieß,
militärisch beschlagnahmt war, erleichterte mir dieser glückliche
Umstand meine Weiterreise ungemein.
Am 1. Juni brachen wir auf. Ein Belem setzte uns über den Tigris, und
am Bahnhof verabschiedeten wir uns von den zahlreichen deutschen,
türkischen und schwedischen Freunden, die sich dort versammelt hatten,
von General Gleich und den Majoren Kiesling und Molière, von ~Dr.~
Hesse und Konsul Richarz, der am nächsten Tag auf „Sommerfrische“ in
sein Särdab hinunterzuziehen gedachte. Dann brachte uns ein Salonwagen
zunächst nach Kasimen, wo Halil Pascha, der neue Wali und der syrische
Erzbischof von Bagdad den Herzog noch einmal begrüßten, und abends um
10 Uhr langten wir in Samarra an. Soweit war die Bagdadbahn fertig,
als der Ausbruch des Krieges ihren Weiterbau unterbrach. Hier wurden
unsre Pferde, Maulesel und Wagen ausgeladen, dazu das gewaltige Gepäck,
und auf dem Hofe des Stationsgebäudes der Abendbrottisch gedeckt,
um den wir uns zu fünf Mann versammelten: Herzog Adolf Friedrich,
Rittmeister Schölvinck, Rittmeister Busse, der ehemalige Adjutant
des Feldmarschalls, Konsul Schünemann aus Täbris und ich. Auf dem Dach
des Bahnhofsgebäudes standen unsere Betten, und über Nacht wehte ein
so herrlicher Nordwind, daß das Mückennetz überflüssig war und man
zum Laken sogar noch einen Mantel brauchte. Auch über Tag hatten wir
nicht über allzu große Hitze zu klagen gehabt und uns bei 33 Grad am
Nachmittag wie in Mitteleuropa zur Sommerszeit gefühlt.
[Illustration:
Der neue Wali von Bagdad. Der Herzog spricht mit Halil Pascha.
]
[Illustration:
Phot.: Schölvinck.