Farbige Engländer.]

Nachdem ich Halil und seine Gäste begrüßt hatte, wurde ich eingeladen,

an Townshends Seite Platz zu nehmen. „Erinnern Sie sich noch unseres

Zusammentreffens in Simla?“ rief er mir entgegen. „Hier sehen

Sie mich nun als Besiegten!“ Wir sprachen von Kitchener, von den

indischen Zedern und Mangobäumen und den schneebedeckten Bergen

des Himalaja oberhalb Simlas. Townshend trug sein Geschick mit

Gleichmut. Die Stimmung an der Tafel war sogar heiter; es war ein

wirkliches Verbrüderungsfest, und der Champagner floß in Strömen.

Halil Pascha füllte sein Glas und toastete auf seinen Ehrengast, dem

er eine glückliche Zukunft wünschte, und der Engländer dankte für

die Gastfreundschaft, die er in Bagdad erfahren hatte. Nach diesem

feierlichen Schlußakt des Gastmahls fuhr Townshend in Halil Paschas

Automobil nach Hause. Am andern Tag sollte er nach Konstantinopel

weiterreisen, wo ihm auf einer der Prinzeninseln eine Villa angewiesen

war.

Die folgenden Tage über kamen unaufhörlich neue Schiffe mit Gefangenen

von Kut-el-Amara. Die größere Masse aber marschierte zu Fuß heran

und wurde in einem Lager auf dem rechten Flußufer untergebracht. Die

Eisenbahn beförderte sie später nach Samarra, und von dort marschierten

sie nach Ras-el-Ain. In elenden Schuppen und kleinen weißen Zelten

lagen da Tausende von Sikhs, Gurkhas, Patanen und andern Repräsentanten

des unglücklichen, unterdrückten indischen Volkes. Ausgemergelt,

mager und hungrig wehklagten sie laut über ihr Schicksal. Schon in

Kut-el-Amara hatte man sie auf schmale Rationen gesetzt, Maulesel-

und Pferdefleisch war ein Leckerbissen gewesen. Satt wurden sie auch

jetzt nicht von dem Essen, das sie sich, in verschiedenen Gruppen

nach Nationen, Religionen und Kasten geteilt, an ihren kleinen Feuern

bereiteten. Ich konnte sie nur mit der Hoffnung trösten, daß in Konia,

Angora und andern Teilen Kleinasiens, wohin sie geschafft werden

sollten, besser für sie gesorgt würde, als hier auf dem Durchmarsch

auch beim besten Willen möglich war. Unter den englischen Soldaten

waren, wie gewöhnlich, brillante Typen. General Townshend schien

übrigens bei seinen Truppen beliebter zu sein als bei seinen Offizieren.

Rund zwei Drittel der Gefangenen von Kut-el-Amara waren indische

Truppen, 9000 Mann! Ein Tropfen im Meer, verglichen mit den Massen

farbiger Menschen, die England in Europa, Asien und Afrika auf die

Schlachtbank geführt hat, um der deutschen Kultur ein Ende zu bereiten.

Man kann sich denken, mit welchem Ingrimm sich diese unschuldigen

Opfer nun von ihrer Heimat abgeschnitten sahen! Als sie zu Schiff nach

Basra gebracht wurden, wußten sie weder weshalb, noch gegen wen sie in

dem fremden Lande kämpfen sollten. Einige wagten vor Furcht auf meine

Fragen gar nicht zu antworten. Andere meinten, sie hätten nichts von

einer Bedrohung Indiens gemerkt. Einer von ihnen berief sich auf die

Versicherungen englischer Offiziere, daß Deutschland der Feind der

gesamten Menschheit sei. Nach dem Fall von Kut-el-Amara behaupteten

die englischen Zeitungen, mehr als 4000 Mann hätten dort überhaupt

nicht gestanden. Die Farbigen waren also keine Menschen, lediglich

Kanonenfutter, und brauchten in der englischen Presse nicht als Verlust

gebucht zu werden!

[Illustration: Die Moschee Abdel Kader in Bagdad.]

Unter den indischen Truppen befanden sich mehrere mohammedanische

Regimenter. Es war zweifellos ein Wagestück, sie gegen Bagdad zu

führen, das im ganzen mohammedanischen Indien als eine der vornehmsten

Städte der Welt gilt. In Bagdad steht auch eine Moschee, ein

Heiligengrab, Abdel Kader genannt, das die Nachfolger des Propheten in

Hindostan in großen Ehren halten. Ich besuchte dieses Heiligtum und

erhielt von seinem Nakib oder Oberpriester, Abdurrahman Gilani, einem

dicken, behäbigen achtzigjährigen Greise, Aufschluß über die Bedeutung

des Platzes. Seine Würde, erzählte er mir, sei erblich, und die sechs

Priester, die ihn bei meinem Besuch umgaben, seien seine Brüder. Er

hatte zwölf Söhne, alle verheiratet und Väter vieler Kinder. Sie waren

Sunniten von arabischer Abstammung und Seïden oder Abkömmlinge des

Propheten, also Glieder in der Kette einer priesterlichen Dynastie

und, wie die Moschee selbst, mächtig reich. Denn die indischen Pilger

kommen nach Abdel Kader nicht mit leeren Händen. Außerdem machte der

älteste Sohn, der zukünftige Nakib, jährlich Reisen zu den indischen

Mohammedanern, um Gaben für die Grabmoschee und ihre Priester zu

sammeln. Die Moschee umgaben zahlreiche Häuser mit Unterkunftsräumen

für die indischen Pilger; jetzt waren sie alle dem Roten Halbmond

überlassen. Als Ende November 1915 die Engländer über den Dijala gingen

und gegen Bagdad vorrückten, sollen zwei mohammedanische Regimenter

gemeutert haben, da sie die Stadt, die Abdel Kaders Grab einschloß,

nicht angreifen wollten. Dieses Ereignis scheint den englischen Rückzug

beschleunigt zu haben.

*

* *

Siegesstimmung erfüllte Bagdad, als ich dort weilte. Jetzt, da ich

dies schreibe, kaum ein Jahr später, erklingen wieder Jubelrufe in der

Kalifenstadt, aber nicht mehr der Osmanen, sondern der Briten.

Das englische Ansehen im Orient hatte durch den Fall von Kut-el-Amara

einen schweren Stoß erlitten. Was sollten die Völker Indiens und

Ägyptens, was Araber, Perser und Afghanen von einer europäischen

Großmacht denken, die nicht einmal Asiaten standhalten konnte? Also

galt es, jedes Opfer zu bringen, um den Schimpf jener Niederlage wieder

abzuwaschen. Es ging um Englands Ehre und Ansehen im Orient, um die

Zukunft der britischen Herrschaft auf asiatischem Boden.

Anfang des Jahres 1917 meldete der Telegraph wiederholt, daß die

Engländer durch das Irak wieder mit bedeutenden Kräften vordrängen,

und am 25. Februar brachten alle Zeitungen der Welt ein Telegramm aus

Konstantinopel, Kut-el-Amara sei von ihnen wiedererobert.

Am 6. März hatte englische Kavallerie Ktesiphon passiert und stand 6

englische Meilen südöstlich vom Nebenfluß Dijala. Offenbar ging der

englische Oberbefehlshaber auf nichts Geringeres aus, als auf die

Eroberung Bagdads. Schon am 11. März kam auch aus London die lakonische

Mitteilung, Bagdad ist gefallen. Ihr folgte eine amtliche Meldung, in

der es hieß:

„Unsern Truppen, die den Fluß Dijala entlang mit dem Feinde Fühlung

hielten, gelang es trotz Mondscheins in der Nacht zum 8. ds. Mts.,

überraschend den Dijala zu überschreiten und sich auf dem rechten Ufer

dieses Flusses festzusetzen. Nachdem über den Tigris, unterhalb seines

Zusammenflusses mit dem Dijala, eine Brücke geschlagen war, setzte

eine starke englische Abteilung auf das rechte Ufer hinüber und stieß

mit dem Feind ungefähr 9 Kilometer südwestlich von Bagdad zusammen.

Die Türken wurden aus ihrer Stellung in eine zweite, 3 Kilometer

dahinter gelegene, gedrängt und am 9. auch aus dieser vertrieben.

Unsere Truppen lagerten auf dem gewonnenen Gelände. Der Vorstoß wurde

am 10. März trotz furchtbaren orkanartigen Sandsturms zu Ende geführt

und die Türken bis 5 Kilometer vor Bagdad zurückgeworfen. -- Soeben

telegraphiert nun der Oberbefehlshaber in Mesopotamien, daß Bagdad am

11. März frühmorgens von den englischen Truppen genommen wurde.“

Ohne Zweifel war die Expedition von General Maude gut vorbereitet; die

Engländer wollten den Völkern des Orients zeigen, daß sie den Türken

nicht nachständen. Die Londoner Presse schwelgte in ungeheurem Jubel,

als könne der Ausgang des Weltkrieges nun nicht länger zweifelhaft

sein: „Der Sieg vernichtet den deutschen Traum Berlin-Bagdad und macht

Deutschlands hochfliegenden Plänen im Orient ein Ende. Dieses Ereignis

hat die größte Seifenblase des Pangermanismus zum Platzen gebracht und

eine an den Grenzen des indischen Reiches beständig drohende Gefahr

entfernt.“

Weder Deutschland noch die Türkei haben jemals Absichten auf Indien

gehabt. Welche Gefahr diesem am ersten droht, darüber könnte General

Kuropatkin, der Erbe von Skobelews Invasionsplan, merkwürdige Dinge

erzählen. Außerdem wird das Schicksal der Türkei oder auch nur

Mesopotamiens nicht in Bagdad entschieden, sondern allein an der

Westfront.

Aber die Freude der Engländer ist nur zu verständlich. Der

Krieg ruiniert sie, und sie brauchten eine Ermunterung. Bagdad,

Dar-es-Salaam, das Heim des Friedens, war bisher die einzige Stadt, die

sie während des Weltkrieges erobern konnten, abgesehen von einigen kaum

verteidigten afrikanischen Nestern. Die Zukunft wird zeigen, wie lange

sie sich in der Residenz Mansurs werden halten können.

[Illustration: Unsere beiden Gendarmen (rechts).]

Vierzehntes Kapitel.

Meine Fahrt nach Babylon.

Am 15. Mai wurde ich bei Tagesanbruch geweckt, kleidete mich in aller

Eile an und eilte zum Kai hinunter, wo bereits ein Belem auf Herzog

Adolf Friedrich, Rittmeister Schölvinck und mich wartete.

Unser Reiseziel war Babylon. Die deutschen Ordonnanzen des Herzogs,

sein Kammerdiener und sein Koch, beide Neger aus Togo, dessen

Gouverneur der Herzog bei Kriegsausbruch war, sowie mein arabischer

„Silberdiener“, wie Schölvinck Sale nannte, waren mit dem Gepäck

vorausgefahren. Wir hätten den ganzen Weg im Kerbelawagen zurücklegen

können, zogen es aber vor, die Feldbahn nach Risvanije zu benutzen und

von dort aus auf dem Euphrat zu fahren.

Es war ein herrlicher Morgen. Die Luft war lau, am Himmel segelte nur

hier und da ein Wölkchen. Wie ein Ball weißglühenden Eisens stieg die

Sonne empor, von den Gebetsrufern der Minarette begrüßt, und vergoldete

die Balkone und Palmen auf dem rechten Ufer.

Das Boot landete an dem Kai, wo die Feldbahn beginnt. Eine Draisine

stand bereit, und bald rollten wir durch die stille Wüste, als eben

die Eidechsen, Heuschrecken, Käfer und andere Insekten ihr Tagewerk

begannen. Heute ging es schneller als das vorige Mal: in drei Stunden

waren wir am Ziel.

Mein alter Schahtur lag noch an seinem Platz. Doch brauchten wir ihn

nicht. Der Herzog hatte die große Fähre „Emden“ instand setzen lassen,

und sie hatte sich, seitdem ich in ihrer Gesellschaft den Euphrat

hinabgefahren war, sehr angenehm verändert. Mittschiffs erhob sich ein

Deck mit Bänken, Tischen und Feldstühlen; darüber war auf senkrechten

Stangen ein Zeltdach gespannt. An den Seiten stand unser Gepäck

aufgeschichtet, und hinten residierte der schwarze Koch mit seinem

Petroleumofen und seinen Proviantkisten. Die Besatzung bestand aus

acht Arabern und einer Eskorte von zwei bis an die Zähne bewaffneten

Gendarmen. Der Flußweg bis Babylon galt nicht für sicher, besonders in

diesen unruhigen Zeiten, die jetzt auch in der Provinz Irak herrschten.

Auch der Herzog hatte als geschickter Jäger und Schütze seine und

seiner Soldaten Waffen in Bereitschaft.

Die Fähre stieß vom Land und wurde sogleich von der gewaltigen Strömung

fortgeführt. Wir saßen auf bequemen Stühlen unter dem Sonnendach mit

freier Aussicht flußabwärts, zogen unsere Jacken aus, zündeten die

Zigaretten an und genossen die Fahrt in vollen Zügen. In Gedanken aber

war ich den ganzen Tag in meinem lieben, alten Heim zu Stockholm, wo

mein ehrwürdiger Vater heute sein neunzigstes Lebensjahr vollendete.

Schon vor 12 Uhr betrug die Temperatur im Schatten 36 Grad. Die Hitze

wurde aber etwas gemildert durch den Nordwind, der uns zuweilen nach

dem rechten Ufer hinübertrieb und uns zwang, die Fähre ziehen zu

lassen. Doch ließ er bald nach, und es gab eine herrliche Fahrt an

Jublatije und den weiten Weizenfeldern von M’Gessab vorüber.

[Illustration: Die Fähre „Emden“.]

[Illustration: Die beiden Neger des Herzogs, rechts Sale.]

Auf dem rechten Ufer erhebt sich die Grabkapelle El-Fasl, und von

vereinzelten Palmen geschmückt liegt im Sonnenbrand das Dorf El-Batsch.

Am Uferrand knarren die üblichen Wasserwerke mit ihren unermüdlichen

Ledersäcken. Auf der Steppe zu beiden Seiten hüten die Nomaden ihre

Schafe und Ziegen; hier und da hat ein wandernder Stamm seine

schwarzen, immer gleich malerischen Zelte aufgeschlagen. Bei dem

Dorf Nahrlatefije auf dem linken Ufer weiden zahlreiche Pferde, Esel

und Zebuochsen. Bei El-chidr-lias ruht ein Heiliger unter einer

weißen, von Palmen beschatteten Grabkuppel. In dieser Gegend zeigen

sich am Ufer seichte Seen, die Chor genannt werden. Zuweilen sieht

man Fischereigeräte derselben Art, wie an den Ufern des Tarim in

Ost-Turkestan.

Um 1 Uhr zeigt das Thermometer 37 Grad, und der Wind hat aufgehört. Das

Flußwasser hat eine Temperatur von 24,1 Grad. Der Himmel ist türkisblau

und völlig klar, nur eine einzige kleine Wolke schwebt über der Wüste,

über der die Luft wie Dampf über einer bratenden Pfanne zittert.

Zu Beginn der Fahrt machte der Euphrat scharfe Windungen. Jetzt geht er

geradeaus und ist zuweilen nach Südosten offen wie eine Meeresbucht.

Bäume und Palmen werden selten, das Land ist kahl und flach. Aber

häufig zeigen sich die prismatischen Strohdächer der Lehmhütten, in

denen Nomaden und Bauern wohnen.

Gegen Abend wird es herrlich, trotzdem wir noch um 5 Uhr über 36 Grad

haben. Aber die Sonne ist etwas bedeckt, und ein leichter Nordwind

beschleunigt unsere Fahrt nach Südsüdosten.

Wir hielten uns in der Mitte des Stroms, der hier gegen 800 Meter breit

und 5-6 Meter tief ist. Da erschien nicht weit vor uns das Dorf Soba,

und wir sahen etwa zehn Araber am Ufer stehen. Sie waren mit Gewehren

bewaffnet, und als wir uns näherten, nahmen sie eine drohende Haltung

ein; einige hockten in Schußstellung und brachten auf einer kleinen

Brustwehr ihre Gewehre in Anschlag, andere standen schußbereit da und

forderten uns in befehlendem Tone auf zu landen.

Der eine von unseren beiden Gendarmen legte eilig sein Gewehr über die

Reling, und der Herzog lud kaltblütig seine Büchse. Die Lage war etwas

kritisch, und wir warteten natürlich mit einiger Spannung, wer wohl

zuerst schießen werde. Unterdes trieb die Fähre mit der Strömung ruhig

weiter; wir waren schon den kriegerischen Arabern gerade gegenüber,

ohne daß etwas geschah, und entfernten uns schon wieder langsam von

ihnen. Da gaben sie plötzlich ihre drohende Haltung auf, bildeten eine

Gruppe und unterhielten sich lebhaft. Einer von ihnen, wahrscheinlich

der Führer, rief uns, wohl um ihr Benehmen zu entschuldigen, zu: „Wir

wußten nicht, daß ihr Deutsche an Bord hattet.“ Jedenfalls hatten sie

uns, wie unsere Begleiter meinten, für Kaufleute gehalten, die mit

Waren stromabwärts reisten und, wenn sie sich hätten einschüchtern

lassen zu landen, in aller Ruhe geplündert worden wären.

So nahm unser kleines Abenteuer einen harmlosen Verlauf, und wir fuhren

weiter, saßen wieder behaglich unter unserm Zeltdach, tranken Rotwein

mit Wasser aus irdenen, in feuchte Tücher gehüllten Töpfen und freuten

uns der eigenartigen Landschaft, die so flach ist wie ein zugefrorener

See, und in die nur Zelte, Palmen und weidende Tiere einige Abwechslung

bringen. Die Posthalterei Matardas sah aus der Ferne wie eine Festung

aus, in der Nähe schrumpfte sie zur Unbedeutendheit zusammen.

[Illustration:

Phot.: Schölvinck.

Bagdad, Babylon, Ninive · 第 21 / 54 题