Preis 2 Mark 50 Pf.
Der Liebesroman von _Jakob Wassermann_ „_Melusine_“ ist ein
schweres und trauriges Buch. Von der ersten Seite des Buches an
fühlt man sich seltsam und unwiderstehlich festgehalten. Man ahnt
bereits das Ende der Geschichte, wenn man den Anfang liest. Man
merkt schon an dem Ton, an der Vortragsart des Verfassers, daß er
uns Verhältnisse schildert, aus denen es kein Entrinnen giebt,
bange, zerrüttete, trostlose Verhältnisse, in denen die
Gefangenen nur stumm, eintönig, unaufhörlich weinen, ohne etwas
ändern zu können an ihrem Geschick. Ein kindhaft scheues und
schwermütiges weibliches Wesen mit großer Hingebung und einem
bösen Geheimnis treibt in dem Buche ihr Spiel. Sie ist leidend,
die rätselhafte, weltfremde Melusine, die, jung und elternlos,
von ihrem Vormund verführt wurde und seitdem heimlich seine
Geliebte ist. Sie haßt, verachtet ihn, sie hat schon unzähligemal
mit ihm gebrochen, aber sie ist arm und hilflos und so muß sie
sich von ihm brutalisieren lassen. In der Familienpension lernt
sie einen jungen Studenten kennen, und ein leidenschaftliches
Verhältnis entspinnt sich bald zwischen den beiden. Aber das
Geheimnis liegt zwischen ihnen und dann die Armut. Mit Ekel vor
der Liebe erfüllt, hat das Mädchen nicht den Mut, nicht die
Kraft, der Lüge zu entrinnen, ihr Schicksal zu ändern. Und so
entschwindet sie dem jungen Mann plötzlich und wie ihm, so auch
dem Leser. Man vernimmt nichts mehr von ihr und es bedarf auch
dessen nicht. Ihr Bild ist vollendet, ihr Wesen steht klar vor
unserer Seele. Eine große Sehnsucht weht durch das Buch, das ganz
in Moll klingt und das ein eigenartiges und dichterisches genannt
werden darf.
(Frankfurter Zeitung, 29. VI. 96.)
Kleine Bibliothek Langen.