VI.

»Oh,« sagte Sybil, »die Ärzte sind noch weit zurück mit ihrer

Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell den Kranken zu heilen,

wollen sie immer generell und schematisch die Krankheit heilen. Eine

Krankheit ist aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur von

relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. Sein Fleisch und

Blut. Das von den Medizinern nicht weniger als von den Juristen und den

Philologen mit Paragraphen dirigiert werden will.«

»Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung des Krebses!« sagte

der kleine kluge Japaner. »Man kann konstitutionelle Krankheiten nicht

lokal zur Heilung bringen.«

»Meine Mutter«, sagte Sylvester leise, »litt an Brustkrebs. Sie ist wohl

achtmal operiert worden. Ich war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht

helfen. Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand geschlagen.«

»Wie leichtsinnig«, sagte Sybil, »sind die Ärzte hier oben mit ihren

Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige Temperaturerhöhung: gleich ins

Bett. Das mag bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. Bei

Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett ist für den täglichen Tod,

den Schlaf, da. Wie leicht birgt es den richtigen Tod.«

»Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als Beispiel eines Todes

gegolten, wie er sein soll«, meinte Sylvester. »Er starb draußen im

Freien, in der Sonne, unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den

letzten Blick einer Schwalbe zugehaucht.«

»Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,« flüsterte der

Bulgare auf seinem Hocker, »die Tuberkuloseheilung auf die Basis der

sogenannten Liegekur zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in

den Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne sich zu rühren,

und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, auf den Liegehallen

liegen. Als ich das erstemal nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes

wandelte, ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich ritt jeden

Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden und ritt mich wieder ins

Leben zurück. Nichts macht einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von

Leysin aus auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten Tod

prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich durch die jahrelange

Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich brauche dann und wann eine

Reaktion, um noch weiter zu können: eine Montblancbesteigung, ein

dampfendes Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen Poker.«

»Die Ärzte bedenken nicht,« sagte Sylvester verächtlich, »daß sie das,

was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder

verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen.

Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen

übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter.

Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher

Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit

taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums

und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig

Jahre alt, an der >_Dementia praecox_<.«

Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:

»Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre

im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht

frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem

Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch

sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache,

vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch

nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch,

und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch

beibringen.«

Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett.

»Ihr müßt gehen,« sagte sie freundlich, »ich erwarte den alten Ronken.«

Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 15 / 32 题