~Vergiftung durch Schwefelsäure.~
Ein sehr eclatanter Fall von Schwefelsäure-Vergiftung betraf ein
(bereits deflorirtes) Dienstmädchen von 19 Jahren, von welchem ich
gleich voraus bemerken will, dass nach den späteren richterlichen
Ermittelungen der von Hause aus höchst wahrscheinlich gewesene
Selbstmord als gewiss constatirt wurde, weshalb die chemische
Untersuchung der _Contenta_ der Leiche, welche schon begonnen hatte,
auf amtliche Anordnung, als unnöthige Kosten verursachend, unterblieb.
Bei der äusseren Besichtigung der Leiche fielen die eine Linie lang
vor den Zähnen ragende Zunge, und zwei von der Mitte der Unterlippe
bis zum Kinn parallellaufende 3/4 Zoll breite dunkelbraune, hart zu
schneidende Streifen auf, welche offenbar von der herabgeflossenen
Schwefelsäure herrührten. Bei der Section fand sich der Magen durchweg
ganz schwarz aussehend. Nachdem derselbe mit dem _duodenum_ unterbunden
und exenterirt war, fanden wir im Magen ein Quart schwarzbrauner,
auf Lacmuspapier sauer reagirender Flüssigkeit, und nun zeigte sich
auch die Schleimhautfläche des Magens überall kohlschwarz und die
Schleimhaut aufgelockert. Auch die Netze erschienen von schwarzer Farbe
-- obgleich der Magen nicht perforirt war. Leber, _Pancreas_, Milz,
Darmkanal, Nieren, Harnblase und der ungeschwängerte Uterus ergaben
nichts von der Norm Abweichendes. Aus der Bauchhöhle wurden neun Unzen
eines dunklen dünnflüssigen Blutes geschöpft. Die Hohlvene enthielt nur
weniges dunkles, ~dünnflüssiges, sauer reagirendes~ Blut. Am Zwerchfell
fiel eine schwarze Färbung seiner ganzen linken Hälfte auf, wie ich
sie in keinem ähnlichen Falle wieder gesehen habe. Der Blutgehalt
der gesunden Lungen war der ganz normale. Das schlaffe Herz war fast
blutleer. Die Luftröhre war leer, und so war folglich kein einziges
Zeichen von Erstickung vorhanden, und dennoch war die Zunge zwischen
den Zähnen eingeklemmt und hervorragend (s. unten Corollarien Nr. 4).
Sehr unerwartet war der Befund an Zunge und Gaumen. Sie zeigten nämlich
gar keine ungewöhnliche Färbung noch Texturveränderung! Dagegen
fand sich die Speiseröhre auf ihrer ganzen Schleimhaut grauschwarz
gefärbt, und wie gegerbt anzufühlen. Das Blut in den Gefässen der
Brusthöhle verhielt sich wie das schon oben geschilderte. Die harte
Hirnhaut, wie die _pia mater_ und die Gehirnsubstanz erschienen in ganz
ungewöhnlichem Maasse mit dunkelm, ganz flüssigem Blute überfüllt. Eben
so strotzend zeigten sich das kleine Gehirn und sämmtliche _sinus_.
Dass der Tod durch Vergiftung mit Schwefelsäure erfolgt war, konnte
nicht bezweifelt werden. Wir sprachen indess, zur Wahrung unsers
wissenschaftlichen Gewissens, im summarischen (dem Obductionsprotokolle
angehängten) Gutachten, da die chemische Untersuchung die Ergebnisse
der Leichenöffnung noch nicht ergänzt hatte, nur die »höchste
Wahrscheinlichkeit« des Todes durch Schwefelsäure aus, womit ja auch,
nach Lage unsrer Gesetzgebung (s. oben) den richterlichen Anforderungen
ausreichend genügt war.