~Verletzung der Jugularen. Zweifelhafter Selbstmord.~
Sehr viel schwieriger war die Frage vom zweifelhaften Selbstmorde bei
einem Hutmacher, den man gleichfalls an einer Halsschnittwunde getödtet
fand. Man hatte den Mann noch ziemlich spät in der Nacht im Zimmer
umhergehen hören, und ihn am andern Morgen auf dem Boden desselben
in Hemdsärmeln und mit Hosen und Stiefeln bekleidet, auch mit einem
dünnen seidenen Halstuch angethan, gradeüber dem Spiegel todt liegend
gefunden. Ringsum war Alles voll Blut; etwa zwei Fuss vom Todten
lag ein ~zusammengeklapptes~ (eingeschlagenes) blutiges Rasirmesser,
welches aus einem, im Fenster stehenden offenen Rasirmesserfutteral
fehlte. Nicht weit davon lag ein frischer Haufen Menschenkoth. Diese
Umstände, so wie hauptsächlich der Befund von zwei oberflächlichen
Hautwunden in beiden Ellenbogenbugen, während die ~Hemdsärmel die
ganzen Arme bedeckten~, endlich die Verhältnisse des _denatus_, der
mit ~zwei~ Concubinen zusammenlebte, hatten die Vermuthung auf eine
Mordthat rege gemacht. Den Tod hatte eine Halsschnittwunde verursacht,
die von einer Seite zur andern etwas schräg von links und oben nach
rechts und unten verlief (ohne dass das Halstuch zerschnitten war --),
und die den Kehlkopf und beide äussern Drosselvenen durchschnitten,
und einen Verblutungstod verursacht hatte, der sich in der Blutleere
des ganzen Körpers (mit Ausnahme der Gehirnvenen, die noch sichtlich
Blut enthielten), documentirte. Aber es ergaben sich noch merkwürdige
pathologische Befunde, die gleichzeitig die Beurtheilung des Falles
erleichterten. Die Luftröhre war fast in ihrer ganzen Ausdehnung, so
wie die Knorpel des Kehlkopfs verknöchert; auch die Bronchien waren
verknöchert und enthielten Eiter, das Herz war um die Hälfte seines
Volumens hypertrophisch mit Erweiterung des linken Ventrikels, und
die Leber zeigte Cirrhose. Diese Krankheiten hatten den Verstorbenen,
wie durch ärztliche Atteste und seine Hausgenossen festgestellt
ward, seit Jahren sehr leidend und verstimmt gemacht, und noch am
Abend vor seinem Tode hatte er geäussert: »eine Pistolenkugel, und
Alles ist vorbei!« Musste man schon hiernach zu der Annahme eines
Selbstmordes gelangen, so sprach noch der Umstand, dass die Thür
des Zimmers von ~innen~ verriegelt worden war, dafür. Auffallend
waren nur die Armschnittwunden und das eingeschlagene Rasirmesser,
worüber wir uns, wie folgt, äusserten: »Diese Verletzungen müssen
nothwendig zuerst beigebracht worden sein, da nicht anzunehmen, dass
ein Mensch, der sich zuerst eine solche Halsverletzung beigebracht,
sich dann noch zwei Schnittwunden in den Arm habe geben können. Gar
nicht abzusehen ist es ferner, was etwanige Mörder veranlasst haben
könnte, nachdem sie den Hals durchschnitten, noch die Arme auf die
vorgefundene Weise einzuschneiden, wie noch weniger anzunehmen, dass
Dritte ~zuerst~ diese leichten, und dann erst die tödtliche Verletzung
beigebracht hätten. Bekannt aber ist es, wie häufig Selbstmörder zuerst
vergebliche Versuche machen, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Höchst
wahrscheinlich ist auch _H._ so verfahren, und hat sich zuerst jene
leichten Schnitte beigebracht, die, da sie nur ganz oberflächlich
waren, ihm nicht die Besinnung raubten, und ihm Zeit genug liessen,
die Hemdsärmel noch wieder hinunter zu ziehn, und nun einen andern
und sicherern Todesweg einzuschlagen. Auffallend ist ferner das bei
der Leiche gefundene ~eingeschlagene~, blutige Rasirmesser. Aber es
liegt Nichts in den Umständen, was diesen Befund mit der Annahme eines
Selbstmordes unvereinbar machen müsste; denn es ist erfahrungsmässig
nicht vorauszusetzen, dass der Tod durch die Halsschnittwunde etwa
urplötzlich erfolgt wäre, vielmehr hat _denatus_ nach der Analogie
ähnlicher, ärztlich beobachteter Fälle zweifellos wohl noch mehrere
Minuten, vielleicht noch länger gelebt, und kann sehr füglich
unmittelbar nach dem Schnitt noch das Messer zusammengeklappt und
weggeworfen haben. Wie auffallend ferner das unverletzt gefundne Tuch
um den Hals auch sein mag, so spricht doch auch dieser Umstand mehr
für Selbstmord, als für die That eines Dritten, da kaum anzunehmen,
dass ein etwaniger Mörder, selbst wenn er den _H._ im Schlafe
überfallen hätte, so behutsam und langsam zu Werke gegangen wäre, das
Halstuch herabzuziehn. Endlich ist es schwer, einen blossen Zufall
darin zu erkennen, dass die Stelle, an welcher der Leichnam gefunden
worden, grade dem Spiegel gegenüber sich befindet, während sich die
Annahme aufdrängt, dass _H._ diese Stelle absichtlich gewählt, und dem
Spiegel gegenüberstehend, das Halstuch herunterziehend, den Schnitt
ausgeführt habe.« Diese Ansicht drang durch, und wurde noch durch
spätere Vernehmungen zur Gewissheit erhoben.[9]