Nun begann der Andere die Hände zu ringen:
»Auch Du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein
Unglück! ... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der
Beichte ausgesagt habe, was ich weiß, so hat der Herr Mandatar mir
geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank
legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen
unsicher suchenden Blick auf den Doctor: »Bist auch Du mit ihnen
einverstanden?«
»Einverstanden -- ich? mit wem? ... Sag' Alles!« befahl Rosenzweig:
»Was wird ums neue Jahr geschehen?«
»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen
Besitzungen unter die Bauern vertheilen.«
-- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Canaillen! dachte der
Doctor, und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?«
»Die Regierung? Ach Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen
Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer
wissen, wie getheilt werden soll.«
Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus: »O dieses Volk! ...
Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, aber die Wege seiner
Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! die Vermessungen
hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, wie groß sein
Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.«
Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:
»Das wissen wir besser, verzeih'. Der Kaiser nimmt den Herren, die
gegen ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind.
Dann wird es gut sein, glauben die Meisten ... Ich glaube, daß es
schlecht sein wird. Jeder Tag wird Sonntag sein, und was thun die
Bauern am Sonntag, als raufen und sich betrinken? ... O, mein gnädiger
Herr, könnt' man's doch verhüten!«
»Sei Du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete
Rosenzweig und lachte wieder.
Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht:
»Wenn Du gestern Abend im Wirthshaus gewesen wärest und den Commissär
hättest predigen gehört, Du würdest nicht lachen.«
»Den Commissär? Den Emissär, willst Du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie
jetzt zu Dutzenden herumziehen.«
»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt
sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für
Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer
geworden ist, und hat Alles verschenkt.«
Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es
ihm zur Ueberzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der
Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst
Aug' in Auge gestanden hatte.
Derselbe! er war es -- er gewiß, der Räthselhafte, dessen
Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott
erzählten, die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es
war -- ~Eduard Dembowski~.
Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgeht,
dem sich Niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnißvollen
Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht; nun gestand er sich,
daß er doch etwas ihr Aehnliches erfahre.
Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja!
sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich
suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es
auf und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.
Das Gefährt des Doctors stand schon seit geraumer Weile auf der
Straße. Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder
Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen
Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach
verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um
die so mancher Edelmann den Doctor beneidete.
Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die
Zöpflein der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er
im Begriffe in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am
Fuße des Kreuzes zurück:
»Du! wie heißest Du?«
»Semen Plachta, Herr.«
»Hör' an, Semen! Krieche heim und sage Deinem Schwiegersohn, daß Doctor
Rosenzweig morgen kommen wird, Dich zu besuchen. Er soll Dich zu Hause
lassen. Verstehst Du mich? Wenn ich komme und Dich nicht zu Hause
finde, werde ich dafür sorgen, daß Dein Schwiegersohn noch vor der
allgemeinen Vertheilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine
Tracht Prügel erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und
ihr eine Fünfgulden-Banknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst,
während er sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er
sie dem Greise hin.
»Das aber gehört Dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für Dich
verwendet worden ist.«
Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichthum aus; -- zu
sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke
blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinahe die Zügel
fallen. Was sollte das heißen um Gottes willen? Sein Herr verschenkte
fünf Gulden an einen Straßenbettler?!
»Herr,« sagte er, als der Doctor in den Wagen stieg, »Du hast ihm fünf
Gulden gegeben. Hast Du Dich nicht geirrt?«
»Schweig' und fahr' zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte,
und die Falben griffen aus.
Bald kam auf der weiten Ebene das Doctorhaus in Sicht. Es stand jetzt
nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen
und Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrunde, und eine
wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und
Wirthschaftsgebäuden.
Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der
Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut
ausgefallen, das mußte man gelten lassen.
Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines
Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse
eines Magnaten -- sein geliebtes Besitzthum begrüßte er stets mit der
gleichen Freude. »Den Anderen das Ihre, das Meine mir!« -- Aufrichtig
gesagt, getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit Keinem.
Er hatte ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so
geliebt, wie er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor
ihm lag, das langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner
Kraft und Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigenthum,
wie es wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen
imaginären Todtschlag an den imaginären Ersten, der es wagen würde,
ihm seinen Besitz anzutasten.
Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort
für Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.
Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der
communistischen Umtriebe im Lande ein, die eigentlichen Absichten
ihres Urhebers jedoch, das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte
er nicht zu erklären, so genaue Kenntniß er auch von dessen ganzem
Lebenslaufe besaß.
Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen
und den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen
und der Gleichtheilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte,
als Sohn des Senator-Kastellans von Polen und Herrn der Herrschaft
Rudy im Warschauer Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie
seine Standesgenossen aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein
überkommener Rechte, ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und
sie auszuüben.
Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig
entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der
Güterlosen, oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog
umher und warb Jünger für seine Lehre, und fand ihrer in den Reihen
seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der
Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen
waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in
Sehnsucht seinem opfermuthigen Beispiele zu folgen. Boten des Sendboten
tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in
Galizien. Die Worte ihres Abgotts auf den Lippen, riefen sie dem Adel
zu: -- Wirf deine Reichthümer und deine zu lang genossenen Vorrechte
von dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen!
Nehmt euren Antheil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß,
und wie oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie:
Erhebt euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich
gründen, darin es weder Ueberfluß noch Armuth, nicht Herrschaft noch
Knechtschaft giebt das Reich -- das Christus gepredigt hat.
Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen
Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten
Aufstande des Jahres 1843 betheiligt. Als Flüchtling entkam er nach
Posen, wurde dort binnen Kurzem wegen Verbreitung communistischer
Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich
verbannt. Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen
seiner allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen
bittersten Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der
Revolutionäre« steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus.
Was seine Seele fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den
Elenden und Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen,
hießen sie nun die Beherrscher der Theilungsmächte, oder die Inhaber
der polnischen Centralgewalt in Paris, und Usurpatoren des Königreichs,
das sie wiederherstellen wollten.
Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator
nach der Heimath zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen
geleitet hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe,
Galizien zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun.
Wußten Diejenigen, die ihn mit ihr betrauten, was sie thaten? Sahen sie
ihn und seine Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge
in Gährung bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung
vorzuschreiben sie sich anmaßten? --
Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für Denjenigen
empfindet, der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat,
bewährte sich von Neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl
er einen Gegner seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher
Partei immer angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf
dem Wege traf man zusammen und drückte einander die Hand.
»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch
in mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um
solcher Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen
Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.«
»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer
schwiegen. Nach geraumer Weile erst nahm der Doctor wieder das Wort:
»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor Allem sich
und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des communistischen großen
Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein:
›Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.‹ -- »Ich
begreife nicht, warum man so lange unthätig zusieht. Warum man ihn
nicht hindert, gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein
tödtliches Gift auszustreuen.«
Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit welcher Rosenzweig
sprach, entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Ueberlegenheit:
»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Uebrigens -- unter uns! -- wir
haben Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.«
»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer
Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts,
als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr »Sendbote« krank
ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer
des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!«
Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter, er richtete
plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doctor und entließ ihn, indem
er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »_Surtout pas trop de
zèle!_« citirte.
Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doctors einmal entfesselter Eifer für
die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen.
Er hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den Anderen
mittheilen mögen, legte einen Abscheu ohne Gleichen gegen die
zuwartende Geduld an den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen
befliß, und nannte sie verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche
Lauheit.
Sein politisches Glaubensbekenntniß hatte sich bisher in dem Satze
zusammenfassen lassen:
Unsere Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur
noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu
besitzen. Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser
Regierung erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und
Rathgeber zu gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm,
er brachte täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten
von dem Umsichgreifen der communistischen Propaganda, und rieth
immer dringender, man möge sich doch entschließen, energische
Sicherheitsmaßregeln zu ergreifen.
Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er
gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals
mit dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in
seinen Augen der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut
überzogenen Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn,
beobachtete ihn genau, ging sogar mit ihm ins Wirthshaus, ließ sich
mit ihm in Gespräche ein, und wußte am dritten Tage, was er schon im
ersten Augenblick gewußt hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und
einfältig sei. ~Wie~ einfältig, das kam erst zum Vorschein, wenn
ihm der Branntwein die schwere Zunge löste, und es nur wenige geschickt
gestellter Fragen brauchte, um sich zu überzeugen, daß ihm sogar die
Cardinal-Erkenntniß der Unterscheidung zwischen Mein und Dein fehlte.
Der Doctor fuhr zur Gräfin Aniela, und hielt ihr einen Vortrag über
den Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er denselben, »der
Bauer ist dumm, aber wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es
nicht zufällig von Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde
die Arbeitsamkeit ihm nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen
grünen Zweig. Seine Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zu gute als ihm.
Ja, der Bauer trägt den heute verdienten Groschen heute noch in die
Schänke, aber diese Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist
nicht sparsam, das Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden
Gedanken, wie den der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.«
Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre
lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch:
»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der ›Sendbote‹«,
sagte sie, »man glaubt ihn zu hören.«
Der Doctor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.
Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen,
nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner
kleinen Blätterkrone drei herrliche Aepfel, völlig reif beinah, mit
gelblich glänzender Schale. Zu jeder anderen Zeit hätte der Doctor an
dem Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur
sein Mißmuth. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgeräth auf der
Schulter, und wollte den Wohlthäter noch zu anderen Bäumchen führen,
die ein ebenso kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag
legten, wie dasjenige, das er staunend betrachtete.
Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen
Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und
plötzlich sprach er:
»Sag' einmal, hast Du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art
Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und den Bauern in
den Wirthshäusern Revolution predigen soll?«
Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.
»Gesteh'! Gesteh'!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrothes
Gesicht näherte sich dem des Jünglings.
»Ich weiß nicht, Herr«, stammelte dieser, »ob Du Denjenigen meinst, den
sie den Sendboten nennen.«
»Den eben meine ich!«
»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.«
»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Todtschlagen -- was?« höhnte der
Doctor.
Ungewohnter Weise ließ sich Joseph nicht außer Fassung bringen. Noch
mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:
»Du bist im Irrthum. Ich kenne ihn.«
Rosenzweig prallte mit einem unartikulirten Ausruf zurück, und Joseph
fuhr fort:
»Ich habe lange mit ihm gesprochen.«
»Wo? und wann? und was?«
»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von Dir ist die Rede gewesen.«
-- »Von mir?«
Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte
der Doctor. -- Nun, sie sind danach!
»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort.
»Möchtest aber wohl?«
»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichthun, heißt
es. Es heißt auch, daß er heute Nacht zum letzten Male in unserer
Gegend sprechen wird, in der Schänke des Abraham Dornenkron, eine Meile
von hier, auf der Straße nach Dolego.«
Eine lange Pause entstand, welcher der Doctor ein Ende machte, indem
er Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen, er selbst begab sich zum
Kreishauptmann, meldete, was er soeben in Bezug auf den Emissär in
Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht gerathen wäre, ein
Piket Husaren nach der Schänke zu schicken, und den Aufwiegler gefangen
nehmen zu lassen.
»Was nöthig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete
der Beamte. »Wir sind von Allem, was vorgeht, auf das Genaueste
unterrichtet, und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten
denn Sie sich? Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von
Ihrer Vorsicht Denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären, als Sie
und wir.«
Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche, und kam erst spät am
Abend heim. Vor dem Gartenthor fand er Joseph, der ihn erwartete.
»Was hast Du dazustehen? Geh' schlafen!« herrschte er ihm zu.
Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht,
wie in den vorhergehenden Nächten.
Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich
jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schänke zu rennen und die
Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit und
die Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ...
Uebrigens -- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am
Ende gar ein Pferd aus dem Stall ...
Nun, ~der~ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen.
Rasch nahm er den Leuchter vom Tische und eilte über die Treppe, den
Gang, nach der von Joseph bewohnten Stube.
In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzig schlechte
im Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler
Raum, einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der
Wohlthäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da
zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der
Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.
Er sagte sich das, als er eintretend Denjenigen, den er auf dem Wege
nach Dolego vermuthete, der Länge nach ausgestreckt fand auf seiner
mehr als bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.
Als Rosenzweig sich über ihn beugte, und ihm ins Gesicht leuchtete,
zuckten seine Augenlider, sein rother, frischer Mund zog sich trotzig
zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht auf einander ruhenden
Lippen ungestört weiter zu athmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie
würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit
seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen,
schweigenden Friedens auf seinem Antlitz that.
Der Doctor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in
der Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und an
fast beendeten Arbeiten, das Alles war die Frucht des Fleißes emsig
schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler
Verstand sein, der ihr Thun leitete, denn nirgends fand sich die Spur
verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das
ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl
und Gedeihen des Doctorhauses, ihm kam all' sein Streben zu Gute, das
förderte er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert
fiel dem Doctor auf, und -- fast rührte es ihn.
Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes
ersetzen lassen, und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser
gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich
will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und
nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus
starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker
Arabesken zeichnete sich bereits, gar künstlich verschlungen, der
Namenszug Rosenzweigs.
Dieser lächelte, kreuzte die Hände, und versank in eine, zum ersten
Male wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen
Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des
Heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter
stand in ungefügiger Schrift:
»Von meiner Lubienka.«
-- Die Deine, Du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt?
Hab' erst festen Boden unter Deinen eigenen Füßen, eh' Du es
wagst, einem schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du
hast Dir noch nichts erworben, noch nichts verdient trotz Deiner
Arbeitsfreudigkeit und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein
Recht. Was Du mir leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer
dereinst -- unfreiwillig eingegangenen Schuld.
Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle? ... Ist
sie es denn im Grunde nicht längst? Besäßest Du Klugheit genug, um
abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest Du gesagt: Wir sind
quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben.
-- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich Niemand
schelten. Wenn Du gefordert hättest, ich hätte Dir gegeben, ich hätte
Dich gelten lassen, wenn Du Dich geltend gemacht hättest ... Du hast
es aber nicht gethan; Du bist schweigend unter Deinem Joche weiter
geschritten, und wirst so weiter schreiten bis Du zusammenbrichst, und
am Ausgang Deines Lebens so hülflos dastehst, wie Du an seinem Eingang
gestanden hast ... Wessen Schuld? -- Warum denkst Du nicht? ... Warum
sprichst Du nicht? ... Warum verschwendest Du die kostbaren Kräfte
Deiner Jugend? ... Aber es geschieht, und ich verbrauche sie -- und so
wie ich thun Tausende, und so wie Du Hunderttausende ...
Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die
Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es
auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und
Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und
harmlos, und die Hunderttausende seines Gleichen schlafen wie er ...
Doch werden sie erwachen -- schon weckt man sie. -- Zu welchen Thaten?
Wie werden sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?
Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.
»Noch nicht!« rief er, und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.
Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst Du, Herr?« Das Bewußtsein
kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen
trat.
»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was Euch gepredigt wird. Ich will
den Sendboten hören. Spann' die Falben vor den Wagen, Du wirst mich
nach der Schänke des Dornenkron fahren. Spann' ein!«