Sie beugte sich tief über ihn. »Papa!«

Es kam keine Antwort zurück, nicht einmal ein Zucken. Sein Gesicht war

wunderlich entstellt. Aber er lebte noch.

Ehe der Mensch wiederkam, kauerte sie neben ihm, den Arm unter dem schweren

Kopf mit den blauroten, gedunsenen Zügen, mit der anderen Hand tastete sie

ihm nach dem Puls, befühlte die feuchtkalte Stirn.

»Papa, mein Papa --«, murmelte sie immer wieder auf das leblose Gesicht

nieder.

Es kam Leben in das Haus, die Kunde flog wie ein wilder Vogel durch

alle Räume. Es kam Hilfe, mehr als nötig war. Draußen wurde nach dem

Schultzeschen Wagen gerufen.

»Ein Schlaganfall --«, sagte Frau v. Pohle leise. »Ihr armen Kinder --«

Wer findet sich im Wirbel solcher Schreckensstunde zurecht? Alles geht im

Fluge, und doch kommt nichts von der Stelle. Man macht lauter Hantierungen,

die nichts nützen. Man versucht dies und das, man steht beiseite und graut

sich, oder man ringt die Hände und weint, was noch am wenigsten nützt. Da

läuft Gisela durch das grüne Zimmer, wo sie vorhin gesessen haben, um

aus Frau v. Pohles Stube Tropfen zu holen, sie sieht noch all das

Kaffeegeschirr, die halbgeleerten Tassen, sie steht schaudernd still, da

hört sie Herrn Schultzes Stimme einen ganzen wohllautenden Satz sagen. O

schrecklich, schrecklich.

Frau v. Pohle hatte in allem Schrecken und Wirrwarr eine stille Freude

am Fritzchen. Die hatte wohl vergessen, daß sie fror, und all das leere

Blicken war fort. Sie hatte warme, ruhige, treue Hände. Sie grauste sich

nicht und schüttelte sich nicht. Sie heulte auch nicht, wie das dumme

Mägdevolk in den Korridoren. Sie tat, was sie hierbei wußte und konnte

(viel war es ja nicht), und all ihr Empfinden war nur ein inbrünstiges

Bitten: »Papa, bleibe hier, lieber Papa!«

Es vergehen hier schon Stunden, ehe der Doktor kommen kann. Man kann

getrost über das Warten sterben, das ist nun einmal nicht anders.

Manch armer Schächer im Dorf hat das schon seinem gestrengen Gutsherrn

vorgemacht. Selbst der Förster, keiner von den Weichsten, hat ihm ein

paarmal vorgestellt: »Zum wenigsten eine Diakonissin müßte her, gnädiger

Herr.«

Jawohl! Wer soll das bezahlen? So ein Wesens um das bißchen Kranksein!

Er hatte schon recht. So ein Wesens um das bißchen Leben und Sterben. Was

nicht mehr halten will, das reißt eben. Er hat auch nie geflickte

Hemden tragen mögen. Nun behält er auch bis zum Schluß recht: die ganze

Anstellerei hätte sich ihm nicht rentiert. Eine Diakonissin hätte heute

auch nur daneben gestanden und zugeguckt, gerade wie es am Ende der Doktor

tat.

Endlich war er da, aber zu sagen hatte er auch nichts. »Na ja -- das ist

eben so. Hab's schon lang' erwartet. Wäre es heute nicht gekommen, so käm

es morgen, bei dieser Konstitution.«

Im Hof rannten die Leute, alle Ställe waren erleuchtet, keiner wußte warum.

Das war auch »man eben so.« Im eisigen Winde wehte der Lichtschein aus den

Wagenlaternen des Doktors.

»Er wird nicht mehr zur Besinnung kommen, es geht so hin«, sagte der

Doktor. »Ich komme im Frühesten noch einmal heran, bis Mittag hält er es

wohl noch aus.«

Man trug alle überflüssige Beleuchtung heraus, die letzte Nacht für diesen

armseligen Erdensohn brach an.

Es war Fritzchen, die am besten an dies Sterbebett paßte. Gisela nicht,

und die Frau, die in dieser Stunde doch eine Fremde war, auch nicht. Diese

verstand das am ehesten. »Wir wollen uns im Nebenzimmer setzen«, sagte sie

zu Gisela.

»Ja, ja, Frida war ja immer sein Liebling«, entgegnete Gisela mit etwas

sentimentaler Betonung. Aber die Sentimentalität war in diesem Moment ganz

ehrlich.

-- Noch gehen die Atemzüge. Noch stöhnt und gurgelt und grunzt es aus der

Kehle. Noch zuckt und arbeitet das Leben in dem Körper. Fritzchen sitzt auf

seiner Bettkante und hält seine Hände, streichelt sein Gesicht. Manchmal

ist es, als ob eine Beruhigungsmacht von ihr ausginge auf den umflorten

Geist.

Nur eine verhängte Lampe brennt.

Mein Vater -- was war denn unser Leben miteinander?

Wie leidenschaftlich wird das Fragen. Vater, Vater, ich hätte mehr mit Dir

sein müssen.

Sie beugt sich über das Gesicht, es zu küssen, er merkt es nicht mehr.

Die Abrechnung an Sterbebetten, das ist die bitterste, aber auch wohl die

häufigste. Wenn der alltägliche Mensch, den man am Alltag vernachlässigt

und nicht viel geachtet hat, plötzlich zur Erde stürzt und sein irdisch

Teil zerbricht und aufgibt, dann steigt er wie im Nu in seinem Wert und

Ansehen, dann sitzt der andere da und schlägt sich die leeren Hände vors

Gesicht: Was habe ich verloren! Was habe ich versäumt!

Das ist die alte, gewöhnliche Geschichte.

Die Nacht ist lang, es kommt auch niemand, zu stören. Laß das Kind mit dem

Vater allein einig werden. Es läuft am Ende doch nicht alles nur auf ein

Abrechnen hinaus. Es ist doch noch ein vollerer Ton, der erklingt, wenn von

zweien der eine gehen will. Viel Unbewußtes, das hier klar und hell wird,

viel leuchtende, starke Liebe, die solange schlief, viel Herzenskraft, die

niemand verlangte und niemand angerufen hat.

Eine kleine arme Handreichung, ein Helfen und Stützen, ein Trunk Wasser,

ein beruhigendes Streichen der Hand, das bloße Dabeisein -- das alles ist

in dieser Stunde das Wirkliche, das Starke, das Einigende für ewige Zeit

über die Kluft des Todes hinüber, das wiegt tausend Versäumnisse auf. So

groß und so klein das Leben -- so groß und so klein sind seine Formen.

Ewigkeit und Sekundenzeit untrennbar verwoben.

Nicht im Jammer der Reue soll das Kind sich vom Vater scheiden. Mit den

jungen, heißen, lebendigen Lippen küßte sie die zerfallende Form.

»Papa, lebe wohl, mein lieber Papa.«

Es kam schon jemand, aber der störte jetzt nicht mehr. Leben und Tod hatten

schon ihren großen Bund geschlossen und saßen friedlich Hand in Hand.

»Fritzchen --«, sagte leise die Eingetretene, Frau v. Pohle, »es ist Ihnen

vielleicht nicht recht, aber Gisela hat gehandelt, ohne mich zu fragen.

Sie meinte, es sei in der Ordnung, sie hat zu dem Pfarrer geschickt. Er ist

schon hier und wartet.«

Es war Morgen geworden, obwohl draußen noch Finsternis lag. Sie sah im

schwachen Lampenschein die dämmernden Züge. »Er versteht ja doch nichts

mehr, ich werde den Pfarrer zurückhalten.«

Fritzchen sah zu ihr auf, sie ließ die sterbenden Hände nicht los. Ihr

Gesicht hatte sich in diesem seltsamen Zusammensein verwandelt, es sah klar

und groß aus. »Der Pfarrer kann kommen«, sagte sie.

Frau v. Pohle ging und holte ihn herein. Sie war beklommen und bange wie

das Kind dort nicht war. Sie wußte auch nicht, ob sie recht oder unrecht

tat, sie konnte jetzt nichts als den großen, stillen Augen gehorchen und

ihren Willen tun.

Überall brannten Lampen, das ganze Herrenhaus war wie illuminiert. So hatte

Gregor es gefunden, als er in eisiger Morgenfrühe den nächtlich dunklen Weg

hinanging. Als ob es ihn zu einem hohen und strahlenden Feste grüßte.

Er wartete in Herrn v. Dörfflins Zimmer. Noch hing alter Zigarrenrauch im

Raum, eine halbgerauchte Zigarre lag im Aschbecher auf dem Sofatisch. Welch

eine Sprache dies alles führte!

Am Fenster stand Gisela und weinte. Seit er das Haus betreten hatte,

war die Erschütterung übermächtig über sie gekommen. Es war wohl keine

Spielerei, daß sie ihn gerufen hatte, wenn auch in ihrem tiefsten

Winkel, wo die dunklen Motive lagern, solch ein Spielmotivchen vielleicht

mitgefunden werden könnte. Aber sie hätte auch Pastor Baumann holen lassen.

Unselig Herz, das zwischen Ernst und Spiel sich selbst nicht mehr

zurechtfindet! Das sich immerdar so trefflich selber zu regieren wußte,

bis nichts mehr übrig blieb, regiert zu werden, als ein Häufchen

leichthandlicher und wechselbarer Wetterfähnchen.

Gregor dachte nicht an sie.

Er dachte an den Juni-Nachmittag, als er Herrn v. Dörfflin von dem

Sterbebette seines Vaters hinausgeführt hatte, weil er kein Recht besaß,

dort zu weilen.

Mit welchem Rechte nun ging er an dieses Mannes letztes Bett?

Er war im Talar. Jawohl, er kam in der Kraft seines Amtes, als Diener der

Kirche. Er war nur der Träger seines heiligen Rockes, der Vollzieher eines

Befehles.

Er wußte, wen er dort finden würde und bebte nicht.

Frau v. Pohle kam, ihn zu holen. Gisela schloß sich an. Da sah er das

Sterbebett und daneben den Engel auf der Wacht.

Er trat heran. Er sah, er konnte dem Bewußtlosen das Abendmahl nicht mehr

reichen, noch ihm etwas sagen. Einen Augenblick stand er stumm, er dachte

nun zu gehen.

Da kam der Geist über ihn. Er öffnete den Mund und sprach mit gedämpfter

Stimme in einem edlen, schönen Tonfall von dem Leben und seinem Wert, von

dem Tode und seiner Macht und von ihrer beider Bund. Er sprach von der

Fülle der Formen innerhalb des Lebenskreises, von der Unerschöpflichkeit

und Unzerstörbarkeit des Lebens, dem selbst der Tod nur eine Form, seine

Entwicklungsbedingung ist. Von der Unergründlichkeit des Werderätsels, das

das Weltall umfaßt und an die Gottheit rührt.

Es war keine Predigt, kühl abgewogen, auch keine Improvisation, bei

der plötzlich der Gegenstand mit dem Redner durchgeht. Es war ein Anruf

angesichts des Todes und seiner unabsehbaren Ufer. Gott! wo bist Du? Gott!

laß uns Dich schauen! Mensch -- wohin gehst Du? Warum warst Du? Warum bin

ich?

Er hörte es nicht mehr, der Ziehende. Aber er war es doch, der in seiner

dunklen Sterbestunde den vier Menschen, die ihn umstanden, eine große,

starke Gnade gab. Noch nie war in diesem Sohn der Kirche das Herz so heiß,

so voll und groß geworden, noch nie hatte es, den Eispanzer sprengend,

in so starken Tönen sein dumpfes Ringen und seine helle Erkenntnis, sein

dunkles Glauben und seine herrliche Anbetung so unbekümmert und ohne

Zurückhaltung verschwenderisch ausgeströmt.

Zum ersten Male in seinem Leben war er von sich selber frei.

Dies war die größte Stunde seines Lebens, zu der hinein keine Verleugnung,

von der hinaus keine Reue führte.

Um ihn herum aber stand das Leben wie mit angehaltenem Atem. Sie fühlten

alle, ob groß, ob gering, ob armselig, ob in der Fülle des eigenen

Reichtums erbebend, die Schauer der Ewigkeit.

Fritzchen war vom Bettrand hinunter leise, halb unbewußt, in die Knie

gesunken. Ihr Kopf lag auf der Bettdecke.

Ja -- wohl hielt ihr Leben den Atem an. Wo war er geblieben, ihr Spielgott,

ihr Katechismusgott, mit dem sie haderte und dem sie an den Fingern seine

Fehler herzählte? Gegen den sie ausschlug und andere arme Seelen zur

Rebellion anstachelte? Dieser Vertreter einer menschlichen Mächtigkeit, von

den Grenzen menschlicher Gesetze umzogen, der Verantwortung und Abrechnung

unterworfen?

Schauer der Ewigkeit. -- Gehen Dir die Augen auf, Kind der Erde?

»Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle, wo ist Dein Sieg?«

Die Worte waren verklungen. Noch mischte sich kaum in das Schwarz vor den

Fenstern der graue Schein des Dezembermorgens. Still brannte die Lampe.

Still war das Leben hier im Raum.

Zu gleicher Zeit richteten sie sich beide auf und sahen einander an. Sie

waren keine armen Menschen mehr, keine wirren und heißen Kämpfer um Mein

und Dein, um Du und Ich, all die Angst und das Grauen und die schreckliche

Not lag hinter ihnen. Als zwei erlöste Geister grüßten sie sich.

Sie gaben sich die Hände und blickten sich lange an. Dann schieden sie.

Tod, wo ist Dein Stachel? Hölle -- Hölle, wo ist Dein Sieg?

Vierzehntes Kapitel.

Das Leben hatte in heiliger Stunde erschauernd angehalten, jetzt setzte es

mit starkem Takt, mit Gewirr, Getön und Geklapper wieder ein.

Ludwig v. Dörfflin war im Leben nicht viel gewesen. Nun er tot war, war

der Mittelpfeiler aus dem Hohen-Leuckener Dasein herausgezogen, und alles

drohte zusammenzufallen.

Was nun? Wohin mit allem? Was wurde aus der Wirtschaft? Wer befahl jetzt im

Hause? Wer gab Geld? Wer hatte Geld?

Kaum war der Gutsherr unter der Erde, da liefen beängstigende Schreiben

ein. Hypotheken, Ablösung, Kündigung, fällige Zinsen -- was schwirrte da

alles durcheinander. Es war noch acht Tage vor Weihnachten, da kam der

Inspektor und redete von rückständigem Gehalt. Wo waren die Papiere? Wo war

Geld? Wer schaffte Klarheit und Ordnung in diesem entsetzlichen Wirrwarr?

Von solchen Geschäften verstand Frau v. Pohle auch so gut wie gar nichts;

die beiden Kinder ahnten nicht einmal etwas. »Ja, ja, so geht's öfter

mit plötzlichen Todesfällen«, sagte Herr v. Leisewitz-Deechow, den Frau

v. Pohle in ihrer Angst am Begräbnistage um Rat anging. Er hatte wohl

nicht viel Lust, in diesen Kram die Hände zu stecken. »Nehmen Sie einen

gerichtlichen Verwalter für die Sache«, schlug er vor.

Ist ein Testament da? Ja, wo soll man suchen? In den Schränken liegen die

Papiere herum wie Waschzettel, wer findet sich da hindurch?

Jeder Briefträger bringt Rechnungen. Ein Zigarrenfabrikant schreibt einen

groben Brief. Es ist eine heillose Wirtschaft, wohin man auch blickt. Frau

v. Pohle schläft keine Nacht. Um Gott, die armen Kinder! Da kommt ja wohl

eine Zwangsversteigerung dabei heraus.

Gisela hat alle Farbe verloren und schleicht wie ein gescheuchtes Huhn

einher. Den Schmerz will sie schon tragen, aber die Schande kann sie nicht!

Aber es war noch nicht aller Tage Abend. Ein Ruck -- und die wirrtolle

Jagd bergab stand plötzlich still. Wer hat sie aufgehalten? Von wem kam der

kräftige Ruck?

Es war Herr August Schultze. Der war von anderem Holz als Herr

v. Leisewitz. Der stand mit seiner untersetzten, energischen Figur neben

Frau v. Pohle am Aktenschrank, nahm ihr mit seinen fleischigen und doch

festen Händen die häßlichen, schrecklichen Papiere fort und sagte in dem

Ton, den gutwillige Plebejer an sich haben, wenn sie helfen wollen und ihre

Unentbehrlichkeit durchaus nicht zu verschleiern sich bemühen:

»Das ist nichts für Sie, gnädige Frau. Da finden Sie sich doch nicht durch.

Wenn es Ihnen recht ist, nehme ich den Krempel mal ein bißchen zur Hand und

schaffe da erst Ordnung drein.«

Ach ja, es mußte ihr ja schon recht sein. Sie konnte sich hier die Helfer

nicht erst aus feinen Erziehungsinstituten verschreiben.

Gisela konnte aus ihrem Winkel herauskommen. Herr Schultze verstand sich

aufs Zaubern: von der Stunde seiner Ankunft an ging alles unhörbar und

sicher wie auf Rollen. Alle Angst und Unklarheit war wie fortgewischt.

Er hatte sich gleich zwei seiner Schreiber herüberkommen lassen und sich

mit denen ein paar Stunden eingeschlossen. Dann kam er, glänzend vor

Wohlwollen und Frische, mit dem vergnügten Händereiben des Mannes, der ein

Stück Arbeit hinter sich hat, in das Eßzimmer, wo man mit dem Kaffee auf

ihn wartete.

Er redete unablässig, während er es sich hier im Kreise der Damen wohl sein

ließ, aber nur von ganz außenliegenden Dingen. Von seinem Gut und

seiner Fabrik und auch mit angenehmer Offenheit von seinem arbeits- und

erfolgreichen Lebensgang, von seinen kleinen mühseligen Anfängen, die durch

seine jetzige Stellung verklärt und gekrönt erschienen.

Von nun an hielt er das Geschick der Kinder von Hohen-Leucken in seiner

Hand. Man hätte sich in diesem Falle keine bessere Hand wünschen können.

Keine Liebe und liebenswürdige Begeisterung, keine Weichheit und kein

Mitleid konnte so sicher, klar und einzig richtig die verfahrenen

Verhältnisse ordnen, als es dieser Mann mit dem geschäftsgewohnten Kopf und

dem kühlen Herzen tat. Er behandelte alle Dinge mit der sachlichsten Ruhe,

rettete der künftigen Braut seines Sohnes, was noch zu retten war, betrieb

den Verkauf des Gutes nicht als eine Angstsache, sondern als die durch den

Todesfall bedingte allernatürlichste Angelegenheit und band dabei durch all

sein Vorgehen Gisela an Händen und Füßen für seinen Leopold fest.

Frau v. Pohle merkte dies von der ersten Stunde an. Gisela wußte es auch.

Danach wurde es auch Fritzchen klar.

Es war am heiligen Abend. Kalt, still und dunkel war das ganze Haus. Kein

Christbaum, keine Lichter, nur die Dienstboten hatten sich Kuchen backen

dürfen. Herr Schultze hatte in seiner unzarten Manier gedrängt, den Abend

in seinem Hause mitzufeiern, aber Frau v. Pohle hatte für sich und die

beiden Kinder voll Bestimmtheit abgelehnt. Herr Schultze konnte es sich

jetzt schon gestatten, eine starke Verstimmung an den Tag zu legen.

»Gisa«, sagte Fritzchen, als sie beide allein im grünen Zimmer waren, »Du

wirst den Sohn von da drüben heiraten sollen.«

Gisela bedeckte ihre Augen mit der Hand. Sie fühlte alle diese Tage selbst

eine Qual und Empörung über den Zwang, der sie in etwas hineinreißen

wollte, was sie, als freie Gnade zu vollziehen, noch gar nicht entschlossen

gewesen war.

»Sollen?« erwiderte sie. »Man wirbt um mich, das ist gewiß.«

Ihre Art war erkünstelt, sie hätte gern Kälte und Hoheit gefühlt und

gezeigt. Aber sie fühlte nur die entsetzliche Frage: Wenn nicht -- was

dann?

»Tu es nicht!« rief Fritzchen.

Sie stand auf, setzte sich zu ihr auf das Sofa und schmiegte sich an sie.

»Gisa -- fort müssen wir ja nun beide. Hier ist's nun wohl aus. Wie es

wird, weiß ich nicht. Aber geh nicht zu den Schultzes!«

Matt -- nicht heftig und ohne sich von ihr loszumachen, entgegnete Gisela:

»Ach, Frida, Du verstehst ja nichts. Du siehst nur den Augenblick, nicht

das weite, lange Leben. Wenn alles geordnet sein wird, werden wir ein paar

arme Mädchen sein, Fritz.«

»Ja. Laß das doch. Was schadet es? Wir sind ja gesund. Andere Mädchen haben

auch kein Geld. Besser, als aus Not und Angst irgend einen reichen Mann zu

heiraten, ist das doch immer noch.«

»Du verstehst nichts!« sagte Gisela noch einmal. »Wir haben ja nichts

gelernt, willst Du Wirtschaftsstütze werden oder alten grilligen Damen

vorlesen oder als Kinderbonne Dich plagen? Und wer weiß, ob wir auch davon

etwas verstünden oder nur angenommen würden.«

»Gisa!« rief Fritzchen mit wachsender Angst, umklammerte sie mit beiden

Armen und rüttelte sie, als wolle sie sie aus einem schweren Schlaf

aufrütteln, »es ist nicht möglich, Du kannst nicht, Du kannst nicht das

wollen, aus bloßer Verzagtheit und Angst vor harten Stunden Dich selber

einem Manne schenken, den Du gar nicht einmal lieb hast! O Gisa, besinn

Dich doch nur, das ist ja grenzenlos schlecht und unwürdig! Du entehrst

Dich und ihn! Was soll das werden Euer ganzes Leben hindurch -- Gisa, ich

will für Dich mitarbeiten, Du sollst sehen, daß ich's kann! Ich habe Kräfte

und mir ist jede Arbeit gleich. Ein bißchen Geld bekommen wir doch auch

noch mit, wenn alles verkauft wird. Gisa, _das_ wäre die ärgste Rache,

die Du an Papa nehmen könntest! Das ist überhaupt das Niedrigste und

Schlechteste, was es auf Erden gibt --«

»Laß los! Frida! Was fällt Dir ein! Du drückst mich ja! Laß los! Was weißt

Du, Kind --«

»Du bist auch nur augenblicklich in Sorge, und alles ist so dunkel. O tu

nur das eine, Gisa, tu keinen übereilten Schritt. Laß Dir Zeit, dann wirst

Du selber sehen --«

»Gnädige Fräulein, da ist noch 'n Weihnachtsbesuch«, sagte Jakob in der

Tür. Man hatte das Knirschen von Rädern im Kies nicht gehört. Er hielt die

Tür auf als ein fühlender Sklave, der schon im voraus katzbuckelt, aus der

Fülle seiner Ahnungen heraus.

»Ach, Herr Schultze --«, sagte Gisela in grenzenloser Bestürzung und machte

sich aus der Umschlingung der Schwester los.

Es war der junge Herr, Leopold, und er kam als Freier. Das sah Jakob, das

sah Gisela, das sah Fritzchen. Die Stufen vor der Haustür hätten es sehen

müssen, so prangte es aus ihm heraus.

Es war heiliger Abend, bei ihm zu Hause brannte der Christbaum, nun holte

er sich nur noch die Braut dazu. Papa hatte es ihm geraten. So war alles in

schönster Ordnung.

»Ich erlaube mir, den Damen meine Weihnachtsgrüße --« Er kam ins Stottern,

es wehte doch wie ein frostiger Empfang von der erschreckten Gisela her.

Herr Leopold hatte schwache Instinkte, sonst hätte er gemerkt, daß jetzt

der unpassendste Moment war, den es geben konnte, er hätte Kehrt gemacht

und sich lieber der Blamage vor dem Papa ausgesetzt, als länger dazustehen

und den unwillkommenen Liebhaber abzugeben.

Da kam Frau v. Pohle herein. Sie hatte das Rädergeräusch gehört und nahm

an, daß ihre Gegenwart jetzt nützlich sei. Im übrigen war sie in dieser

Angelegenheit nicht leidenschaftlich und abwehrend wie Fritzchen. Sie fand:

Wenn Gisela diesen Bund eingehen wollte, so war weiter nichts verloren, was

man durch Hinderung ihres Vorhabens hätte retten können. Sie war eine kühle

alte Dame, die die Dinge nicht mehr wichtiger nimmt, als sie sind. Will ein

Mädchen lieber einen Geldsack heiraten, als arbeiten und Mühsal tragen,

so soll man sie um Gottes willen lassen. An einer unwilligen und verzagten

Mühsalträgerin gewinnt das Reich Gottes und das Menschenreich nicht viel.

Laßt sie doch heiraten, zur Puppe werden und kleine Puppen kriegen. Wir

sind auf Erden nicht so arm an guten, starken und blühenden Elementen,

daß wir uns um die Masse der Zweifelhaften, Halben und Matten die Arme

ausrenken müßten. »Wir« überhaupt! »Wir« können gar nichts. Gisela heiratet

doch -- Fritzchen reißt doch Himmel und Erde ein, um es sich selber neu

aufzubauen. -- »Wir« sind nur zum Zugucken da. Also ruhig Blut.

Sie übersah sogleich die Sachlage. Der Liebhaber als etwas unglückliche

Figur, Gisela betroffen und ein Bild der Unschlüssigkeit, Frida kriegerisch

bis zum äußersten.

Was ist es doch für eine treffliche Sache um die gute Erziehung! Man

braucht gar keine geistige, seelische oder moralische Anstrengung, um als

Frau von Welt solche Verlegenheitsbilder zurecht zu rücken. Frau v. Pohle

bat, zu Tisch zu kommen. Sie war etwas stark »erstaunt« über den Besuch

zu dieser Stunde, ließ ihn sanft und nachdrücklich fühlen, daß seine

ungenügende Kenntnis der guten Form ihm hier einen kleinen Streich gespielt

habe, begnadigte ihn dann aber immerhin wieder, indem sie ihn zu Tische

lud. Die allgemeine Schwüle war abgelenkt, aber die Tatsachen blieben alle,

wie sie waren.

Folgendes war das Bild dieses Abends.

Fritzchen, wie in Wehr und Waffen, bereit, jeden Augenblick loszuschießen,

sobald eines von beiden dem Kernpunkt näherrücken würde. Herr Leopold,

die Unglücksfigur des Abends, sich windend und würgend, als hätte er einen

schlechtsitzenden Kragen um. Gisela, allmählich aus der Verwirrung zu sich

kommend, ein Zwitter zwischen Trotz und Ergebung, und Frau v. Pohle, über

dem allen, die Oberfläche beständig glättend und sich um das Brodeln der

Tiefe kein Herzklopfen machend.

Sie sah mit einem innigen Lachen des Herzens auf ihren jungen Liebling am

Tisch. Ach, es ist so wonnig schön, wenn man noch nicht mit seiner Kraft

herumpufft, als hätte man einen Vorrat von Ewigkeit daran! Wenn man sich um

irgendeine wildfremde Sache, die man nicht kennt noch übersieht, mit seinem

ganzen Menschen ins Zeug legt und mit so prachtvoller Zuversicht an den

Sieg glaubt! Die Jahre des Lächelns und Müdewerdens und Stilleseins

kommen immer noch früh genug. Heil und Leben, wenn ihnen solche unsinnige,

gedankenlose Kraftverschwendung brausend erst voranging!

Schlage Du Dich auch nur mit Deinen Enttäuschungen herum, Du, mein schönes

Kind! Liege am Boden und schreie vor Wut, Empörung und Schmerz! Es gehört

alles mit dazu. Wir sollen Dich alle beneiden um die Kraft, mit der Du Dein

Leben lebst.

-- -- Und an dem Abend vollzog sich die Tatsache doch noch.

Leopold Schultze fühlte sich beständig von der Erwartung seines Papas

gejagt. Er hatte immer dessen Hand im Nacken, sonst wäre die Entscheidung

doch wohl noch verschoben worden. Aber das stärkte seine Schüchternheit

wie Alkohol, er rannte einfach, wie mit zugekniffenen Augen darauf los. Das

Fritzchen, vor dem er sich fürchtete, brauchte nur einmal aus der Tür zu

sein, Frau v. Pohle zur Seite zu gucken, da flüsterte er wie im Sturm seine

auswendig gelernte Werbung her. Gisela wurde wie mit Blut übergossen,

sie sagte nicht Ja, nicht Nein. Das war ja nun aber auch Nebensache, die

Hauptsache, die Erklärung, war geschehen.

So sicher ritt dieser schüchterne Jüngling auf seines Papas dickem Geldsack

einher!

Von nun an versank er in ein seliges, befriedigtes Schweigen. Nach Tische,

beim Durchschreiten eines dunklen Zimmers, faßte er sie um und küßte ihren

Mund. Sie wehrte sich, halb entsetzt, aber das ist ja immer so. »Süße

Gisela --«, flüsterte er.

Als sie in die Helle traten, strich sie sich mit einem tiefen Aufatmen über

das Gesicht.

Nun war es also doch so gekommen. Doch es konnte ja auch nicht anders sein.

Gut, daß die Entscheidung vorüber war.

»Noch nichts sagen!« bat sie ihn.

»Aber bald -- bald!« flehte er dagegen.

Frau v. Pohle sah sich nach ihnen um.

»Na ja!« dachte sie nur.

Fünfzehntes Kapitel.

Schloß Hohen-Leucken, das Dorf, das Moor, der See, die Pferde und Hunde,

die Leute, der alte klobige Turm -- das hat aufgehört zu existieren. Es ist

wie ein Bild, das im Nebel zergeht.

Es wird Sommer über dem Moor, das Gras steht hoch, die Käfer schwirren,

der alte Kahn zieht sich ganz voll Wasser und liegt auf dem Grunde -- kommt

denn das Fritzchen noch immer nicht, das hier zum Sommer gehört wie Gras

und Käfer?

Der alte wilde Garten ist neu angelegt, ein Tennisplatz ist darin

abgezäunt. Darin spielen weißbeschuhte Herren und junge Damen den halben

Tag. Es sind jetzt überall neue große Fensterscheiben eingesetzt, der Turm

dient zu Logierzwecken und hat elektrische Leitung.

Wie heißt die neue Herrschaft? Es kommt nicht darauf an, Schmidt oder

Schneider oder noch anders. Wenn sie sonst nur gut sind, aber die Leute im

Dorf merken nicht viel davon. Man kennt das nicht von der Stadt her, daß

man sich persönlich um die Leute kümmert. Früher ist es nichts großes

gewesen, wenn das Fräulein Fritzchen eine Suppe gebracht hat und selber

am Herde gestanden hat und gekocht. Jetzt reden sie davon, wie wenn sie

Märchen erzählen.

Der Jakob kann einem leid tun. Ein Höhenmensch war er ja gerade nicht, aber

doch ein alter braver Knecht. Er lief davon, wenn sein Herr vom Sofa fiel,

aber die Stiefel hielt er noch immer blank und war so zuverlässig, wie ein

alter Kettenhund. Der hatte sich auch wunders gedacht, was er war, und nun

war er nichts. Der neue Herr Schneider oder Schmidt oder Sonstwie wollte

ihn nicht haben, der hatte selber einen Diener, der anders fliegen konnte

als dies Klappergestell. Am Ende konnte der Jakob ins Dorf gehen und sich

von seiner alten Mutter füttern lassen, wenn er nicht auf Tagelohn gehen

wollte. So ging er eben auf Tagelohn mit dem Dorfpack zusammen. Das war

auch ein Trauerspiel aus unseres Herrgotts Druck und Verlag.

Rechts herum geht's zum Pfarrhaus. Die jungen kichernden Töchter gehen mit

ihren Freundinnen die Dorfstraße entlang und stoßen sich an.

»Da wohnt »er«!«

Das ist nämlich auch noch etwas, hier auf dem Lande, der interessante

Prediger, mit der Hof-Vergangenheit! In den Einladungsbriefen der

Backfische wird das besonders erwähnt.

Viel Dorfleute sind Sonntags nicht in der Kirche, aber die rosa und

hellblauen und weißen Backfische sind vollzählig. Ein paar junge Herrchen

aus Eifersuchtsgründen sind auch regelmäßig dabei. Das ist ein Zublinzeln

und verhaltenes Kittern, ein Augenverdrehen und Schmachten, daß die Leute

heraufsehen und sich wundern.

Das ist nun Herrn Gregors Arbeitsfeld!

Wenn ihm übel werden will und matt bis zum Tode, geht er stundenlang über

die Felder. Er kommt dann auch jedesmal über den Böllinger Kreuzweg, wo

Möt über den Graben setzte. Möt ist jetzt zahm geworden und geht im

Ackergeschirr.

Ist das auch das Ende aller unserer Weisheit nach den Stürmen und tollen

Sprüngen unserer schönen Zeit?

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Aber es ist viel untergegangen, doch nicht die Kraft und die Herrschaft.

Kennst Du den Rausch der Selbstüberwindung? Kennst Du den Triumph, der

höher ist als alle Kränze des Lebens, wenn der Mensch von sich selber frei

wird?

Königlich ist die Unabhängigkeit von den eigenen Wünschen. Sie ist

mächtiger als das Schwert in der Brust, und sie spottet der Dornen unter

den Füßen.

Die jungen Kinder eines hohlen Daseins schmachten ihn an und verdrehen sich

nach ihm die Hälse. Sie wissen nicht, wen sie verehren. Seine Welt

kennen sie nicht, und kennten sie sie, so würde ihnen grauen vor ihrer

übermenschlich stolzen, kalten Einsamkeit.

* * *

Doch eine einsame alternde Frau, die Mutter dieses Mannes, konnte ihm auf

dem schmalen Wege nicht folgen. Sie saß in ihrem leeren Hause und hielt nur

abgerissene Fäden in ihrer Hand.

Die beiden Söhne fort. Der eine, der nahe, den sie alle Tage sehen konnte,

wohl noch am weitesten. Worte sind nichts, sie sind wie ein Schrei,

ausgestoßen auf schwindelnder Bergeskuppe, verflatternd in der leeren,

unendlichen, stummen Weite. Tränen sind nichts. Ach, was fragte dieser Sohn

nach den Schmerzen der Zurückbleibenden da unten im Tal?

Es war eine Mutterqual, die sich durch dies ganze Leben gezogen hatte. Nun

war dies Leben müde davon. Es brachte kaum noch Angst und Erregung für den

zweiten der Söhne auf.

Hans Henning hatte geschrieben. Nach vielen Nachforschungen, Besorgnissen

und Ratlosigkeiten wirkte der Brief fast wie eine Ernüchterung auf sie.

Stempel Lissabon. Die Form kurz bis aufs äußerste. Er habe den Abschied

schriftlich genommen und sei jetzt auf einer Reise um die Erde. Nach

Jahresfrist oder etwas später werde er kommen und das Gut übernehmen.

Geldmittel habe er sich bei dem Freunde des Vaters, Herrn So und so,

verschafft, er bitte, sie ihm zurückzuerstatten. -- Weiter nichts.

Nicht einmal den Namen seines Dampfers hatte er genannt, keine Adressen

angegeben, jegliche Möglichkeit einer Verbindung bis zu seiner Rückkehr

total abgeschnitten.

Fritzchen: Die Geschichte einer Einsamen · 第 13 / 15 题