Wir stehen vorgebeugt an steiler Küste.
Wir müssen uns durch Nachtorkane drehn --
Doch noch ins Flackerfeuer roter Lüste
Fühlen wir kühl den Sternenwirbel wehn.
Zerrissenes Herbstgewölk Blutregen speit
Und wirft uns hin in schwefligen Gewittern,
Daß wir erfrieren an der Einsamkeit
Und klein an Gottes Saume wir erzittern.
Durch das betäubende und stumpfe Hämmern
Des aufgeputzten Wahnsinns tobender Zeit
Zuweilen schon Fanfarenschreie dämmern ..
Wir wissen uns zum Sturz der Macht bereit!
Nicht kämpfen wir mit Stahl und Haß und Giften
Für unsere erdentblühte Menschlichkeit --
Es flamme über unsern jungen Triften
Gestirn der Liebe auf und strahle weit!
Gewürm der Nacht, gedörrt und ausgesogen,
Versinkt in klaffendem Schlund .. Tiefe rollt hohl --
Und größren Willens hochgespannter Bogen
Wölbt sich unendlich hin von Pol zu Pol.
Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst?
Die Stadt versank, in Dämmerung verwoben,
Darüber zag verklungnes Läuten schwebt;
Sie zittert leicht aus Angst vor schwarzen Roben,
Wie sie die Türme in den Abend hebt.
Und lernte nicht im jähen Sturz von Jahren,
Daß solche Schreckensnacht nicht ewig währt ..?
Daß hinter Berges sturmzerwühlten Haaren
Stets wieder neu das junge Leuchten kehrt?
Nun stoßen Menschen dort durch welke Gassen,
Mit denen sie am Mittag aufgeschrien,
Und müssen schmählich mit dem Tag verblassen,
In dumpfe Räume ihrer Häuser fliehn.
Wie traurig stehn in Stein erstarrte Wände,
Verschmiert, vom Gift der Flüche angeraucht!
Erstickend schwelen eingesunkne Brände,
Darin sich Gier und Wahnsinn ausgefaucht.
Wenn jetzt die Hand der Liebe auferstünde
Und legte mild sich auf die dunkle Stadt --:
Dann gäben in die Nacht geborstne Schlünde
Gebilde, lichter als der Tag sie hat.
Es würden tanzen Sterne und Kometen,
Von Friedensklängen läutete die Luft ..
Aus Gärten, die der niedre Geist zertreten,
Erhöbe sich ein Paradiesesduft.
O Hand, die Kinder in den Schlummer leitet,
In kleinem Lampenlicht ein Glück entfacht,
Die kühlend über müde Stirnen gleitet
Und Tränen der Verlassnen süße macht!
In Gold auf weißen Fahnen wehn Gesetze --
Das Flammenschwert geht schneidend durch die Luft.
Es küßt ein Knabe die geschminkte Metze,
Und alle Krämer fahren in die Gruft.
* * * * *
Ganz kränklich ist der Spätstern aufgeglommen ..
Wann tagt der Morgen, der die Feindschaft löst? --
Es muß ein steppenheißer Wirbel kommen,
Der zischend in die trägen Straßen stößt!
Daß Männer sich besinnen, stirnendrohend,
Und Häuser stürzen über Trug und Schmach --
Und eine große, rote Flamme lohend
Sich losbricht von dem allerhöchsten Dach!
»Vermißt«
(März 1915; meinem wiedergewonnenen Freunde L. H.)
Atemloser von Tag zu Tag lief ich in der großen Stunde des
Postverteilens durch das Lazarett,
Gejagt von Unruhe um den Freund, der draußen noch in den Schlachten
steht.
In der bebenden Minute des Abschieds, als mein Zug in dunkelnde
Ferne rollte,
Da war es uns doch gewiß, daß keiner den andern verlieren sollte.
Lang war das Schweigen; dann kamen Grüße und Briefe -- o seltsamer
Geschicke Gang:
Ich war nun geborgen, und er warf sein teures Leben hinein in den
schauerlichen Gesang!
Der Zuversicht war ich voll; doch dieses zweite Schweigen packte
mich unheimlicher an,
Und schon ahnte entsetzt ich das Verhängnis, noch ehe der wichtige
Mann
Mir harmlos-geschäftig meinen eigenen Brief wiedergab in die
stürzende Hand,
Auf dem (die Blutflecken übersah ich erst ganz!) mit Bleistift in
einer zerknüllten Ecke sehr steif und ungeschickt das Wörtchen
»Vermißt« geschrieben stand.
O Schmerzgefühle, unsäglich groß! O Wut über das sinnlos-furchtbare
Gemetzel! Wie dampften die lösenden Tränen zum Himmel empor!
Oft langte ich die kleine Photographie hervor,
Auf der wir beide in enger, verhaßter Montur Arm in Arm stehen im
heimatlichen Wald;
Und von Rührung und Wehmut niedergerissen mußte ich oft, immer
wieder, wie irrsinnig, den Vers des melancholischen Reiterliedes
flüstern: Ach wie bald, ach wie bald ...!
Ich sah die vertraute, gelassene Pose und dachte viel der Zeiten,
Da wir zweisam in der geliebten Stadt am Rhein die Straßen wallten,
wo ein Gang von weitem
Uns oft entrückte, so daß niemand sprach.
Nun höre ich nie mehr deinen Schritt auf knarrender Treppe, nun
wirst du, ach!
Nicht mehr (die Akten auf den Tisch werfend) dich neben mir
niederlassen,
Dein Mißgeschick beklagend und preisend mein wunderliches Glück, das
nicht zu fassen!
Ich werde nicht mehr dein Lächeln sehen über ein etwas kitschiges
Bild, das neu in meiner Bude hing,
Nicht mehr dir von frohen Sommerfahrten erzählen, wenn hell ein
Gefährte mir zur Seite ging.
Keinen Brief, nicht einen neuen Vers mehr kann ich dir freudig
zeigen ...
Denn dein Mund, deine Augen schlossen sich zu tiefem Schweigen.
(Denk' ich des grimmigen, viehischen Mordens in dem Wahnsinnskessel,
wo du mußtest kämpfen
Mit deinem breiten Säge-Messer, mit dem Spaten in dem Schwall von
Dolchen, Kolben, Bajonetten, Wut und Würgerkrallen und den
giftigen Dämpfen:
Unmöglich mir, noch eine Tröstung zu erflehn;
Den Hoffnungs-Zuspruch meiner Kameraden kann ich nicht verstehn.)
Mein armer Freund! vielleicht liegst du verschüttet jetzt in
selbstgegrabenem Schacht
Und die Verwesung verzehrt deine Hände in gräßlicher, feuchter
Nacht!
Oder zerfällst du gar in der Sonne (niemand holt dich zurück)
Und in den toten Leib noch bohren sich weiße und rote Kugeln, Stück
für Stück?
* * * * *
Wer blickte noch so tief in die Gemächer meiner Seele
Wie du, den mir der Zufall erst und dann die Not gewann!
Wie schrecklich, daß ich nun mit einer unverhofften Begegnung, einem
nächtlichen Brief, einer Arie aus heller Kehle
Dir nicht mehr für dein Dasein danken kann!
Unsere Freundschaft war still, brauchte keine großen Worte;
Nur in den Zeiten der Angst mußte das übervolle Herz sich entladen
(Wenn allzuheiß unsre Ader von langem Getrenntsein dorrte --)
Doch oft brauchte man sich zum Troste nur das eine Wort: _Wir beide
sind da!_ zu sagen.
Nun bin ich .. allein! (O harte Vokabel, du läßt dich nicht
bemänteln!)
Und freier wird meine Brust auch kaum, wie sonst wohl, wenn ich
Gefühle ablegte, indem ich sie niederschrieb.
Ist dieses Bild, sind Erinnerungen und einige tote Briefe wirklich
alles, was mir von dir noch blieb??
* * * * *
Nehmen -- zur Ausgehzeit -- die Straßen, Alleen, die Parkwege (oder
ein noch verschneiter Bergpfad) mich auf,
Bin ich ganz von dir erfüllt und unsrer heimlichen Verwandtschaft.
Oft pochen den einsamen Lauf
Gesprächige Winde an; schwatzen viel von Zeit und Vergehen -- --
-- Wozu, ach wozu sind nun unsere Träume geschehen! --
Kinder, frisch und rotwangig von des Winters stürmischen Küssen,
Und Leute, die ich nicht kenne, lächeln mir zu und grüßen.
Alle sind mir so gut! Sie ahnen vielleicht meine Not?
Wohlwollen macht mich verlegen; ich strauchle und werde rot.
Doch hab' ich ein großes Sehnen nach eines guten Menschen Schoß,
In den mein heißes Gesicht ich könnte bergen und schluchzen
grenzenlos!
Mitgefühl, süß und erhaben, o wonnige Bruderhand!
Wird euer gesegneter Hafen noch einmal mir winken,
Wenn die schwarze Flut mich wieder bedrängt, ich drohe zu sinken,
Und den einen Schrei nur kennt meine Zunge: Land!?