Aus den aufgeführten Beispielen können wir ohne Weiteres das entnehmen,
was dem ägyptischen Maler als charakteristisch für Nymphaea caerulea
aufgefallen ist: Das Blatt erhält fast immer seine richtige,
naturalistische Form; Fälle, in denen es einmal etwas anders gezeichnet
erscheint (Abb. 23), sind selten. Die Blüthe ist stets spitzig, grün mit
gelblichem Fruchtknoten; die Härchen auf den Kelchblättern sind in
zahlreichen Fällen durch Strichelchen wiedergegeben. Die beiderseitigen
äusseren Umrisslinien der Blüthe sind wie in der Natur stets etwas steif
und gerade; selten zeigt sich nur eine leise Biegung nach aussen. Die
stets spitzen Kelch- und Blüthenblätter berühren natürlich in allen
Fällen den oberen Contour.
Wir haben hiermit die Beschreibung der Darstellungen von Nymphaea
caerulea erschöpft und kommen nunmehr zu der eigentlichen Aufgabe dieses
Abschnitts, die von Nymphaea caerulea abgeleiteten Säulentypen zu
bestimmen.
[Illustration: Abbildung 24.
Offenes Nymphaea caerulea-Kapitell von einem gemalten Baldachin, in Grab
13 zu Qurna; n. R. Dyn. 18; Zeit Amenophis' II; nach L. D. III, 63a.]
[Illustration: Abbildung 25.
Kapitell und Sockel von einem gemalten Baldachin in Grab 8 zu Qurna; n.
R.; Dynastie 18. Zeit Amenophis' III.; nach L. D. III, 77e.]
Es muss sogleich vorausgeschickt werden, dass ausgeführte Säulen mit
Nymphaea caerulea-Kapitell überhaupt nicht erhalten sind; ein einziges
Säulenfragment zeigt unter dem eigentlichen Kapitell eine Verzierung von
plastisch nachgebildeten Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea[25],
und zwei neuerdings im Arsnuphistempel zu Philae gefundene
Säulentrommeln aus Ptolemäischer Zeit[26] zeigen Zwischenstengel mit
Blüthen und Knospen von Nymphaea caerulea. Verschiedene Abbildungen
lassen jedoch darauf schliessen, dass Säulen mit dem fraglichen Kapitell
vorkamen. Und zwar nur Säulen mit offenem Kapitell; mit geschlossenem
haben sich bisher noch keine nachweisen lassen. Die Knospe findet
höchstens auf den Zwischenstengeln Verwendung.
Die _ältesten Säulen mit offenen Nymphaea caerulea-Kapitellen_ kommen
erst im neuen Reiche vor; es sind zwar in LEPSIUS' Denkmälern einige
Kapitelle abgebildet, die man wegen ihrer spitzen Blätter für Nymphaea
caerulea halten könnte, jedoch liegt der Verdacht nahe, der auch durch
den Vergleich mit den noch vorhandenen Abklatschen bestätigt wird, dass
die Publication in diesen Fällen ungenau ist und sich im Originale
Nymphaea Lotus-Kapitelle dargestellt finden.
Unter Amenophis II. erscheinen die ersten Beispiele in Gräbern zu Qurna,
merkwürdigerweise mit einer sonst nicht vorkommenden Zuthat. Zwischen
Kapitell und Abakus ist nämlich eine Platte mit vier Löwen- (s. Abb. 24)
oder an einer anderen Stelle mit Sperberköpfen eingefügt.[27] Unsere
Abbildung stellt wohl wieder eine Bündelsäule mit offenem Kapitell und
mit Knospen tragenden Zwischenstengeln vor. Letztere sind, wie wir das
bereits bei anderen Darstellungen kennen, _neben_ die Halsbänder anstatt
_durch_ dieselben gesteckt abgebildet. Zu bemerken ist, dass die
Halsbänder bei diesen Säulen vielfach über einen weiteren Raum vertheilt
sind, als bei anderen Arten üblich. Der Schaft ist meist ganz gerade,
oft ohne jede Basis, jedoch kommen auch Schäfte mit Schwellung vor (Abb.
25), die irrthümlich von Papyrussäulen entnommen sein dürften. Bei dem
zuletzt citirten Beispiel tritt uns zum ersten Male eine
Eigenthümlichkeit entgegen, die an Säulen aller Gattungen unter der 18.
Dynastie, besonders aber unter Amenophis IV. vorkommt: die von den
Halsbändern abflatternden, verschiedenfarbigen Bandenden. Nach den
Abbildungen, welche uns solche festlich geschmückten Säulen zeigen,
lässt sich jedoch die Frage nicht entscheiden, ob diese Bandenden jemals
in der eigentlichen Architektur eine Rolle gespielt haben und ob sie
etwa in flachem Relief auf den Säulenschäften unter den Halsbändern
dargestellt wurden. Nur bei den später zu besprechenden Palmensäulen
findet sich Aehnliches, worauf noch unten (S. 48 u. 49) zurückzukommen
sein wird.
[Illustration: Abbildung 26.
Kapitell und Sockel mit Farbenangabe, von einem gemalten Baldachin
aus Qurnet-Murrai; Grab des Huj; n. R.; Dynastie 18; Zeit des
Twet-anch-amon; nach L. D. III, 118.]
[Illustration: Abbildung 27.
Hals einer Bündelsäule mit Zwischenstengeln von Nymphaea caerulea.