Einleitung.
Die der Pflanzenwelt entnommenen ägyptischen Säulenformen sind seit dem
Bekanntwerden der reichen architektonischen Schätze des Nilthales der
Gegenstand wiederholter Untersuchungen und der verschiedensten Theorien
gewesen. Aegyptologen und Kunsthistoriker haben es mit mehr oder weniger
Glück versucht, in die bunte Mannigfaltigkeit der Kapitellformen System
zu bringen, ohne jedoch bisher zu einem völlig sicheren Resultate
vorgedrungen zu sein. Der Grund dieser Unsicherheit mag hauptsächlich
darin zu suchen sein, dass jüngere Bearbeiter der Frage das, was die
älteren bereits richtig erkannt hatten, wieder umzustossen für gut
fanden, ohne etwas Besseres an dessen Stelle setzen zu können.
Namentlich die jüngsten Autoren auf diesem Gebiete[1] haben es mit
bewunderungswürdigem Geschick verstanden, das, was früher schon
wenigstens in den Hauptzügen feststand, von Grund aus zu verwirren.
Während fast von jeder der früheren Arbeiten[2] bei genauerer
Untersuchung wenigstens irgend ein Hauptgedanke als berechtigt anerkannt
werden muss, stellen uns die letzterschienenen Erörterungen über
ägyptische Säulenformen vor die Notwendigkeit, dieses Gebiet eingehend
zu revidiren. Bei dieser Revision soll es nun nicht unsere Aufgabe sein,
die Theorie jedes einzelnen der früheren Autoren besonders zu widerlegen
oder zu bestätigen; wir werden vielmehr versuchen, unsere Ansichten über
die verschiedenen Gattungen der ägyptischen Pflanzensäulen, so weit es
geht, ohne jede Polemik gegen andere Meinungen zu entwickeln. Der mit
dem Gegenstand vertraute Leser wird auch so herauserkennen, wo alte
Theorien angenommen, wo sie verworfen, wo neue vorgebracht sind.
Bei unseren Untersuchungen werden wir so vorgehen, dass wir _zuerst die_
in Frage kommende _Pflanze nach der Natur schildern_ -- nicht etwa mit
gelehrten botanischen Ausdrücken, sondern ganz laienhaft, auf die Gefahr
hin, auch wissenschaftlich falsche Bezeichnungen einigen Pflanzentheilen
beizulegen. Die Beschreibung wird dadurch den meisten Lesern
verständlicher werden, da vermuthlich deren botanische Kenntnisse, wie
die des Verfassers, über das Erfassen der äusseren Form der Pflanzen
nicht hinausgehen dürften. _Zweitens_ wird dann Umschau zu halten sein,
_wie die Aegypter die_ beschriebene _Pflanze in ihrer Kunst
verwertheten_, wie sie sie in Bildern, Reliefs und plastischen
Kunstwerken darstellten, um dann _endlich_ unser eigentliches Ziel
erreichen zu können und festzustellen, wo _wir die_ fragliche _Pflanze
in den Säulenformen_ wiedererkennen. Dass wir dann den auf eine
bestimmte Pflanzenform zurückgeführten Säulentypus an Beispielen aus
verschiedenen Epochen erläutern müssen, ist ebenso selbstverständlich,
wie dass dabei hie und da sich etwas über die geschichtliche
Entwickelung der betreffenden Säulenform wird ermitteln lassen.
Unsere Beispiele werden wir den noch erhaltenen Bauten und den
altägyptischen Abbildungen, die an Tempel- und Grabwänden in grosser
Zahl vorhanden sind, entnehmen können. Bei den nur abgebildeten
Beispielen werden wir allerdings etwas vorsichtig zu Werke gehen müssen,
da die Phantasie der ägyptischen Maler in vielen Fällen unmögliche
Gebilde dargestellt hat, und ausserdem oft die Verschrobenheit der
perspektivischen Darstellung das Verständniss des Abgebildeten
erschwert. Mit ganz besonderer Vorsicht wird eine Gattung von Säulen zu
behandeln sein, die sich häufig auf Darstellungen findet: die Säulen mit
mehreren -- bis zu fünf -- Kapitellen übereinander. Es sind diese Säulen
-- falls sie überhaupt je so existirt haben -- meist Holzsäulen, deren
Form sich auf die ägyptische Art zurückführen lässt, Bouquets aus
verschiedenen, ineinander gesteckten Blumen zu binden. Für unsere
Aufgabe, die den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzentypen
festzustellen, interessirt an diesen „Bouquetsäulen” nur die einzelne
Pflanze, das Einzelkapitell, nicht die ganze Zusammensetzung; wir werden
daher die Bouquets zerpflücken und die einzelnen so gewonnenen Kapitelle
dann bei verschiedenen Abschnitten unserer Untersuchung gesondert
besprechen müssen.
Auch von den in natura erhaltenen Säulen werden wir nicht alle
gleichmässig als Beispiele benutzen. Da es sich vorläufig darum handelt,
die älteren Säulentypen zu analysiren, so können die Formen der
Spätzeit, d. h. in diesem Falle der Epoche nach der Eroberung Aegyptens
durch die Perser, also hauptsächlich die Säulenbildungen der Ptolemäer-
und Kaiserzeit vernachlässigt werden, soweit sie neue Pflanzen als
Ornament verwenden. Wir werden diese daher nur in den Fällen -- und
deren Anzahl ist nicht gering -- citiren, wo sie sich an ältere
Schöpfungen anschliessen und die alten Formen wieder aufnehmen und
fortbilden.
Zum Schlusse der Einleitung möchte ich noch rechtfertigen, weshalb ich
ebenso wie andere Autoren, die das hier behandelte Gebiet früher
bearbeitet haben, auf eine „schärfere Sonderung der Formen des Höhlen-
und Freibaus”, bezw. des Holz- und Steinbaus keine Rücksicht genommen
habe. Wie der Schluss lehren wird, ist der den ägyptischen Säulenformen
zu Grunde liegende Gedanke ein rein ornamentaler, ohne jede construktive
Grundlage. Es ist daher ausnahmsweise möglich, was bei der Behandlung
architektonischer Details anderer Epochen ein schwerer Fehler sein
würde, bei der Auswahl der Beispiele vollständig von Material und
Construktion abzusehen und nur die äussere Form zu betrachten, zumal da
es sich hauptsächlich nur um die Ermittelung der den Säulenformen zu
Grunde liegenden Pflanzenvorbilder handelt.