Schluss 53

Einleitung.

Die der Pflanzenwelt entnommenen ägyptischen Säulenformen sind seit dem

Bekanntwerden der reichen architektonischen Schätze des Nilthales der

Gegenstand wiederholter Untersuchungen und der verschiedensten Theorien

gewesen. Aegyptologen und Kunsthistoriker haben es mit mehr oder weniger

Glück versucht, in die bunte Mannigfaltigkeit der Kapitellformen System

zu bringen, ohne jedoch bisher zu einem völlig sicheren Resultate

vorgedrungen zu sein. Der Grund dieser Unsicherheit mag hauptsächlich

darin zu suchen sein, dass jüngere Bearbeiter der Frage das, was die

älteren bereits richtig erkannt hatten, wieder umzustossen für gut

fanden, ohne etwas Besseres an dessen Stelle setzen zu können.

Namentlich die jüngsten Autoren auf diesem Gebiete[1] haben es mit

bewunderungswürdigem Geschick verstanden, das, was früher schon

wenigstens in den Hauptzügen feststand, von Grund aus zu verwirren.

Während fast von jeder der früheren Arbeiten[2] bei genauerer

Untersuchung wenigstens irgend ein Hauptgedanke als berechtigt anerkannt

werden muss, stellen uns die letzterschienenen Erörterungen über

ägyptische Säulenformen vor die Notwendigkeit, dieses Gebiet eingehend

zu revidiren. Bei dieser Revision soll es nun nicht unsere Aufgabe sein,

die Theorie jedes einzelnen der früheren Autoren besonders zu widerlegen

oder zu bestätigen; wir werden vielmehr versuchen, unsere Ansichten über

die verschiedenen Gattungen der ägyptischen Pflanzensäulen, so weit es

geht, ohne jede Polemik gegen andere Meinungen zu entwickeln. Der mit

dem Gegenstand vertraute Leser wird auch so herauserkennen, wo alte

Theorien angenommen, wo sie verworfen, wo neue vorgebracht sind.

Bei unseren Untersuchungen werden wir so vorgehen, dass wir _zuerst die_

in Frage kommende _Pflanze nach der Natur schildern_ -- nicht etwa mit

gelehrten botanischen Ausdrücken, sondern ganz laienhaft, auf die Gefahr

hin, auch wissenschaftlich falsche Bezeichnungen einigen Pflanzentheilen

beizulegen. Die Beschreibung wird dadurch den meisten Lesern

verständlicher werden, da vermuthlich deren botanische Kenntnisse, wie

die des Verfassers, über das Erfassen der äusseren Form der Pflanzen

nicht hinausgehen dürften. _Zweitens_ wird dann Umschau zu halten sein,

_wie die Aegypter die_ beschriebene _Pflanze in ihrer Kunst

verwertheten_, wie sie sie in Bildern, Reliefs und plastischen

Kunstwerken darstellten, um dann _endlich_ unser eigentliches Ziel

erreichen zu können und festzustellen, wo _wir die_ fragliche _Pflanze

in den Säulenformen_ wiedererkennen. Dass wir dann den auf eine

bestimmte Pflanzenform zurückgeführten Säulentypus an Beispielen aus

verschiedenen Epochen erläutern müssen, ist ebenso selbstverständlich,

wie dass dabei hie und da sich etwas über die geschichtliche

Entwickelung der betreffenden Säulenform wird ermitteln lassen.

Unsere Beispiele werden wir den noch erhaltenen Bauten und den

altägyptischen Abbildungen, die an Tempel- und Grabwänden in grosser

Zahl vorhanden sind, entnehmen können. Bei den nur abgebildeten

Beispielen werden wir allerdings etwas vorsichtig zu Werke gehen müssen,

da die Phantasie der ägyptischen Maler in vielen Fällen unmögliche

Gebilde dargestellt hat, und ausserdem oft die Verschrobenheit der

perspektivischen Darstellung das Verständniss des Abgebildeten

erschwert. Mit ganz besonderer Vorsicht wird eine Gattung von Säulen zu

behandeln sein, die sich häufig auf Darstellungen findet: die Säulen mit

mehreren -- bis zu fünf -- Kapitellen übereinander. Es sind diese Säulen

-- falls sie überhaupt je so existirt haben -- meist Holzsäulen, deren

Form sich auf die ägyptische Art zurückführen lässt, Bouquets aus

verschiedenen, ineinander gesteckten Blumen zu binden. Für unsere

Aufgabe, die den Säulenformen zu Grunde liegenden Pflanzentypen

festzustellen, interessirt an diesen „Bouquetsäulen” nur die einzelne

Pflanze, das Einzelkapitell, nicht die ganze Zusammensetzung; wir werden

daher die Bouquets zerpflücken und die einzelnen so gewonnenen Kapitelle

dann bei verschiedenen Abschnitten unserer Untersuchung gesondert

besprechen müssen.

Auch von den in natura erhaltenen Säulen werden wir nicht alle

gleichmässig als Beispiele benutzen. Da es sich vorläufig darum handelt,

die älteren Säulentypen zu analysiren, so können die Formen der

Spätzeit, d. h. in diesem Falle der Epoche nach der Eroberung Aegyptens

durch die Perser, also hauptsächlich die Säulenbildungen der Ptolemäer-

und Kaiserzeit vernachlässigt werden, soweit sie neue Pflanzen als

Ornament verwenden. Wir werden diese daher nur in den Fällen -- und

deren Anzahl ist nicht gering -- citiren, wo sie sich an ältere

Schöpfungen anschliessen und die alten Formen wieder aufnehmen und

fortbilden.

Zum Schlusse der Einleitung möchte ich noch rechtfertigen, weshalb ich

ebenso wie andere Autoren, die das hier behandelte Gebiet früher

bearbeitet haben, auf eine „schärfere Sonderung der Formen des Höhlen-

und Freibaus”, bezw. des Holz- und Steinbaus keine Rücksicht genommen

habe. Wie der Schluss lehren wird, ist der den ägyptischen Säulenformen

zu Grunde liegende Gedanke ein rein ornamentaler, ohne jede construktive

Grundlage. Es ist daher ausnahmsweise möglich, was bei der Behandlung

architektonischer Details anderer Epochen ein schwerer Fehler sein

würde, bei der Auswahl der Beispiele vollständig von Material und

Construktion abzusehen und nur die äussere Form zu betrachten, zumal da

es sich hauptsächlich nur um die Ermittelung der den Säulenformen zu

Grunde liegenden Pflanzenvorbilder handelt.

Die Ägyptische Pflanzensäule · 第 7 / 27 题