Vierter Auftritt

(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)

Saladin und Sittah.

Saladin (im Hereintreten, gegen die Türe).

Hier bringt den Juden her, sobald er kömmt.

Er scheint sich eben nicht zu übereilen.

Sittah.

Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich

Zu finden.

Saladin. Schwester! Schwester!

Sittah. Tust du doch,

Als stünde dir ein Treffen vor.

Saladin. Und das

Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.

Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;

Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.

Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das

Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu?

Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld,

Geld einem Juden abzubangen; Geld!

Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich

Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir

Zu schaffen?

Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr

Verschmäht, die rächt sich, Bruder.

Saladin. Leider wahr.--

Und wenn nun dieser Jude gar der gute,

Vernünft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir

Ihn ehedem beschrieben?

Sittah. O nun dann!

Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt

Ja nur dem geizigen, besorglichen,

Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht

Dem weisen Manne. Dieser ist ja so

Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,

Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't;

Mit welcher dreisten Stärk' entweder er

Die Stricke kurz zerreißet; oder auch

Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze

Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast

Du obendrein.

Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß;

Ich freue mich darauf.

Sittah. So kann dich ja

Auch weiter nichts verlegen machen. Denn

Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß

Ein Jude, wie ein Jude: gegen den

Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,

Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;

Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm

Als Geck, als Narr.

Saladin. So muß ich ja wohl gar

Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht

Schlecht denke?

Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,

Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

Saladin.

Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er

Nicht zu beschönen wüßte!

Sittah. Zu beschönen!

Saladin.

Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,

In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was

Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist:

Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch,

Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;

Und könnt' es freilich lieber--schlechter noch

Als besser.

Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!

Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst.--

Daß uns die Männer deinesgleichen doch

So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,

Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.

Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit

Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.

Saladin.

Und daß die Weiber doch so gern den Mann

Zu sich herunter hätten!--Geh nur, geh!--

Ich glaube meine Lektion zu können.

Sittah.

Was? ich soll gehn?

Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?

Sittah.

Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben--

Doch hier im Nebenzimmer--

Saladin. Da zu horchen?

Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.--

Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt!--doch daß

Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern

herein; und Saladin hat sich gesetzt.)

Nathan der Weise: Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen · 第 28 / 60 题