nichts. Es fehlten wohl noch ein paar Minuten auf Mitternacht. Sollte er
sich irgendwie bemerkbar machen? Leise ans Fenster klopfen? Da nichts
dergleichen ausgemacht war, hätte es vielleicht doch in Marcolina einen
Verdacht werfen können. Also warten. Lange konnte es nicht mehr dauern.
Der Gedanke, daß sie ihn sofort erkennen, den Betrug durchschauen
konnte, eh' er vollzogen war, kam ihm, nicht zum erstenmal, doch ebenso
flüchtig und als die natürliche verstandesmäßige Erwägung einer
entfernten, ins Unwahrscheinliche verschwimmenden Möglichkeit, nicht als
eine ernstliche Befürchtung. Ein etwas lächerliches Abenteuer fiel ihm
ein, das nun zwanzig Jahre zurücklag; das mit der häßlichen Alten in
Solothurn, mit der er eine köstliche Nacht verbracht hatte, in der
Meinung, eine angebetete schöne junge Frau zu besitzen - und die ihn
überdies tags darauf in einem unverschämten Brief ob seines ihr höchst
erwünschten, von ihr mit infamer List geförderten Irrtums verhöhnt
hatte. Er schüttelte sich in der Erinnerung vor Ekel. Gerade daran hätte
er jetzt lieber nicht denken sollen, und er verjagte das abscheuliche
Bild. - Nun, war es nicht endlich Mitternacht? Wie lange sollte er noch
hier stehen an die Mauer gedrückt, fröstelnd in der Kühle der Nacht?
Oder gar vergeblich warten? Der Geprellte sein - trotz allem? -
Zweitausend Dukaten für nichts? Und Lorenzi mit ihr hinter dem Vorhang?
Seiner spottend? - Unwillkürlich faßte er den Degen etwas fester, den er
unter dem Mantel an seinen nackten Leib gepreßt hielt. Von einem Kerl
wie Lorenzi mußte man am Ende auch der peinlichsten Überraschung
gewärtig sein. - Aber dann ... In diesem Augenblick hörte er ein leises
knackendes Geräusch, - er wußte, daß nun das Gitter von Marcolinens
Fenster sich zurückschob, gleich darauf öffneten sich beide Flügel weit,
während der Vorhang noch zugezogen blieb. Casanova hielt sich ein paar
Sekunden regungslos, bis von unsichtbarer Hand gerafft der Vorhang sich
nach der einen Seite hob; das war für Casanova ein Zeichen, sich über
die Brüstung ins Zimmer zu schwingen und sofort Fenster und Gitter
hinter sich zu schließen. Der geraffte Vorhang war über seinen Schultern
wieder gesunken, so daß er genötigt war, darunter hervorzukriechen, und
nun wäre er in völliger Finsternis dagestanden, wenn nicht aus der Tiefe
des Gemachs, in unbegreiflicher Entfernung, wie von seinem eignen Blick
erweckt, ein mattes Schimmern ihm den Weg gewiesen hätte. Nur drei
Schritt - und sehnsüchtige Arme breiteten sich nach ihm aus; er ließ den
Degen aus der Hand, den Mantel von seinen Schultern gleiten und sank in
sein Glück.
An Marcolinens seufzendem Vergehen, an den Tränen der Seligkeit, die er
ihr von den Wangen küßte, an der immer wieder erneuten Glut, mit der sie
seine Zärtlichkeiten empfing, erkannte er bald, daß sie seine
Entzückungen teilte, die ihm als höhere, ja von neuer, andrer Art
erschienen, als er jemals genossen. Lust ward zur Andacht, tiefster
Rausch ward Wachsein ohnegleichen; hier endlich war, die er schon so
oft, töricht genug zu erleben geglaubt, und die er noch niemals wirklich
erlebt hatte - Erfüllung war an Marcolinens Herzen. Er hielt die Frau in
seinen Armen, an die er sich verschwenden durfte, um sich unerschöpflich
zu fühlen; - an deren Brüsten der Augenblick des letzten Hingegebenseins
und des neuen Verlangens in einen einzigen von ungeahnter Seelenwonne
zusammenfloß. War an diesen Lippen nicht Leben und Sterben, Zeit und
Ewigkeit Eines? War er nicht ein Gott -? Jugend und Alter nur eine
Fabel, von Menschen erfunden? - Heimat und Fremde, Glanz und Elend, Ruhm
und Vergessensein - wesenlose Unterscheidungen zum Gebrauch von
Ruhelosen, von Einsamen, von Eiteln - und sinnlos geworden, wenn man
Casanova war und Marcolina gefunden? Unwürdig, ja lächerlicher von
Minute zu Minute erschien es ihm, sich, einem Vorsatz getreu, den er
früher als Kleinmütiger gefaßt, aus dieser Wundernacht stumm, unerkannt,
wie ein Dieb zu flüchten. Im untrüglichen Gefühl ebenso der Beglückende
zu sein, als er der Beglückte war, glaubte er sich schon zu dem Wagnis
entschlossen, seinen Namen zu nennen, wenn er sich auch immer noch
bewußt war, damit ein großes Spiel zu spielen, das er, wenn er es
verlor, bereit sein mußte, mit dem Dasein zu bezahlen. Noch war
undurchdringliche Dunkelheit um ihn, und bis durch den dichten Vorhang
das erste Dämmern brach, durfte er ein Geständnis hinauszögern, an
dessen Aufnahme durch Marcolina sein Schicksal, ja sein Leben hing. Aber
war denn nicht gerade dieses stummselige, süßverlorene Zusammensein dazu
gemacht, ihm Marcolina von Kuß zu Kuß unlöslicher zu verbinden? Wurde,
was sich als Betrug entsponnen, nicht Wahrheit in den namenlosen
Entzückungen dieser Nacht? Ja, durchschauerte sie, die Betrogene, die
Geliebte, die Einzige, nicht selbst schon eine Ahnung, daß es nicht
Lorenzi, der Jüngling, der Wicht, daß es ein Mann, - daß es Casanova
war, in dessen Göttergluten sie verging? Und schon begann er es für
möglich zu halten, daß ihm der ersehnte und doch gefürchtete Augenblick
des Geständnisses gänzlich erspart bleiben würde; er träumte davon, daß
Marcolina selbst, bebend, gebannt, erlöst ihm seinen Namen
entgegenflüstern würde. Und dann - wenn sie so ihm verziehen - nein -
seine Verzeihung empfangen -, dann wollte er sie mit sich nehmen,
sofort, in dieser selben Stunde noch; - mit ihr im Grauen der Frühe das
Haus verlassen, mit ihr in den Wagen steigen, der draußen an der
Straßenbiegung wartete ... mit ihr davonfahren, für immer sie halten,
sein Lebenswerk damit krönen, daß er, in Jahren, da andre sich zu einem
trüben Greisentum bereiten, die Jüngste, die Schönste, die Klügste durch
die ungeheure Macht seines unverlöschlichen Wesens gewonnen und sie für
alle Zeit zur Seinen gemacht hatte. Denn diese war sein, wie keine vor
ihr. Er glitt mit ihr durch geheimnisvolle schmale Kanäle, zwischen
Palästen hin, in deren Schatten er nun wieder heimisch war, unter
geschwungenen Brücken, über die verdämmernde Gestalten huschten; manche
winkten über die Brüstung ihnen entgegen und waren wieder verschwunden,
eh' man sie recht erblickt. Nun legte die Gondel an; Marmorstufen
führten in das prächtige Haus des Senators Bragadino; es war als das
einzige festlich beleuchtet; treppauf, treppab liefen Vermummte - manche
blieben neugierig stehen, aber wer konnte Casanova und Marcolina hinter
ihren Masken erkennen? Er trat mit ihr in den Saal. Hier wurde ein
großes Spiel gespielt. Alle Senatoren, auch Bragadino, in ihren
Purpurmänteln, reihten sich um den Tisch. Als Casanova eintrat,
flüsterten sie alle seinen Namen wie im höchsten Schrecken; denn am
Blitz seiner Augen hinter der Maske hatten sie ihn erkannt. Er setzte
sich nicht nieder; er nahm keine Karten, aber er spielte mit. Er gewann,
er gewann alles Gold, das auf dem Tische lag, das war aber zuwenig; die
Senatoren mußten Wechsel ausstellen; sie verloren ihr Vermögen, ihre
Paläste, ihre Purpurmäntel, - sie waren Bettler, sie krochen in Lumpen
um ihn her, sie küßten ihm die Hände, und daneben, in einem dunkelroten
Saale, war Musik und Tanz. Casanova wollte mit Marcolina tanzen, doch
die war fort. Die Senatoren in ihren Purpurmänteln saßen wieder um den
Tisch wie vorher; aber nun wußte Casanova, daß es nicht Karten waren,
sondern Angeklagte, Verbrecher und Unschuldige, um deren Schicksal es
ging. Wo war Marcolina? Hatte er nicht die ganze Zeit ihr Handgelenk
umklammert gehalten? Er stürzte die Treppen hinunter, die Gondel
wartete; nur weiter, weiter, durch das Gewirr von Kanälen, natürlich
wußte der Ruderer, wo Marcolina weilte; warum aber war auch er maskiert?
Das war früher nicht üblich gewesen in Venedig. Casanova wollte ihn zur
Rede stellen, aber er wagte es nicht. Wird man so feig als alter Mann?
Und immer weiter - was für eine Riesenstadt war Venedig in diesen
fünfundzwanzig Jahren geworden! Nun endlich wichen die Häuser zurück,
breiter wurde der Kanal - zwischen Inseln glitten sie hin, dort ragten
die Mauern des Klosters von Murano, in das Marcolina sich geflüchtet
hatte. Fort war die Gondel, - jetzt hieß es schwimmen -, wie war das
schön! Indes spielten freilich die Kinder in Venedig mit seinen
Goldstücken; aber was lag ihm an Gold?... Das Wasser war bald warm, bald
kühl; es tropfte von seinen Kleidern, als er die Mauer hinankletterte. -
Wo ist Marcolina? fragte er im Sprechsaal laut, schallend, wie nur ein
Fürst fragen darf. Ich werde sie rufen, sagte die Herzogin-Äbtissin und
versank. Casanova ging, flog, flatterte hin und her, immer längs der
Gitterstäbe, wie eine Fledermaus. Hätte ich das nur früher gewußt, daß
ich fliegen kann. Ich werde es auch Marcolina lehren. Hinter den Stäben
schwebten weibliche Gestalten. Nonnen - doch sie trugen alle weltliche
Tracht. Er wußte es, obwohl er sie gar nicht sah, und er wußte auch, wer
sie waren. Henriette war es, die Unbekannte, und die Tänzerin Corticelli
und Cristina, die Braut, und die schöne Dubois und die verfluchte Alte
aus Solothurn und Manon Balletti ... und hundert andre, nur Marcolina
war nicht unter ihnen! Du hast mich belogen, rief er dem Ruderer zu, der
unten in der Gondel wartete; er hatte noch keinen Menschen auf Erden so
gehaßt wie den, und er schwor sich zu, eine ausgesuchte Rache an ihm zu
nehmen. Aber war es nicht auch eine Narrheit, daß er Marcolina im
Kloster von Murano gesucht hatte, da sie doch zu Voltaire gereist war?
Wie gut, daß er fliegen konnte, einen Wagen hätte er doch nicht mehr
bezahlen können. Und er schwamm davon; aber nun war das gar kein solches
Glück mehr, als er gedacht hatte; es wurde kalt und immer kälter, er
trieb im offenen Meer, weit von Murano, weit von Venedig - kein Schiff
ringsum, seine schwere goldgestickte Gewandung zog ihn nach unten; er
versuchte sich ihrer zu entledigen, doch es war unmöglich, da er sein
Manuskript in der Hand hielt, das er Herrn Voltaire überreichen mußte, -
er bekam Wasser in den Mund, in die Nase, Todesangst überfiel ihn, er
griff um sich, er röchelte, er schrie und öffnete mühselig die Augen.