II.

Herr Bachtschejeff.

Ich näherte mich bereits dem Ziele meiner Reise, als ich in dem kleinen

Städtchen B., kaum zehn Werst von Stepantschikowo entfernt, an der

Schmiede in der nächsten Nähe des Schlagbaums aussteigen mußte, um den

gesprungenen Reifen des einen Vorderrades meiner kleinen Postkutsche

ausbessern zu lassen. Für die Strecke von zehn Werst, die mir noch

bevorstanden, ließ sich die Reparatur leicht machen; daher beschloß ich,

so lange daselbst bei der Schmiede zu warten und mich nicht erst in das

Städtchen zu begeben. Als ich ausstieg, bemerkte ich einen dicken Herrn,

der gleichfalls eine Ausbesserung an seinem Gefährt, einer Landequipage,

vornehmen ließ. Er stand, wie ich später erfuhr, schon seit einer Stunde

im unerträglichen Sonnenbrand, schrie, schimpfte und trieb mit der

ganzen Ungeduld eines Eigensinnigen und ewig Unzufriedenen die

Schmiedegesellen, die an seinem prächtigen Wagen arbeiteten, zur Eile

an. Ein Blick in das Gesicht dieses Herrn genügte, um in ihm den Typ

eines Brummbären zu erkennen. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt,

mittelgroß, sehr dick und pockennarbig. Sein Schmerbauch, das

Doppelkinn, die aufgeblasenen, hängenden Wangen zeigten anschaulich, daß

er ein bequemes Gutsherrnleben führte. Es war etwas Weibisches an ihm,

das sofort ins Auge fiel. Seine Kleider waren sehr breit zugeschnitten,

jedenfalls beengten sie ihn nicht, waren sauber und nicht billig, doch

nicht gerade allzu modisch.

Ich weiß nicht, weshalb er sich sogleich über mich ärgerte, wozu er doch

um so weniger Veranlassung hatte, als er mich zum erstenmal im Leben sah

und noch kein Wort mit mir gesprochen hatte. Seinen Ärger aber bemerkte

ich sofort an seinem unglaublich wütenden Blick, den er auf mich

richtete, als ich kaum meinen Fuß auf die Landstraße gesetzt hatte.

Gleichwohl wollte ich ihn ungeheuer gern näher kennen lernen. Aus dem

Gespräch seiner Leute erriet ich, daß er aus Stepantschikowo kam,

wahrscheinlich also von einem Besuch bei meinem Onkel nach Hause fuhr –

so war’s denn doppelt begreiflich, daß ich ihn gern ein wenig ausgefragt

hätte, um mir von dem, was mich erwartete, ein Bild machen zu können.

Ich lüftete also den Hut und bemühte mich, möglichst liebenswürdig zu

bemerken, wie unangenehm doch solch unfreiwilliger Aufenthalt unterwegs

zu sein pflege – aber der dicke Herr maß mich nur mit einem

unzufriedenen, mürrischen Blick vom Hut bis zu den Stiefeln, brummte

darauf etwas Unverständliches in seinen Schnurrbart und drehte mir dann

behäbig seine Rückseite zu. Wenn nun auch dieser Teil seiner Person für

einen Beobachter ein sehr bemerkenswertes Objekt abgegeben hätte – eine

angenehme Unterhaltung war von ihm nicht zu erwarten.

„Grischka! Was brummst du da wieder! Durchbleuen werde ich dich!“ schrie

er plötzlich seinen Diener an, als hätte er meine Äußerung über die

Unterbrechungen einer Reise überhaupt nicht gehört.

Dieser „Grischka“ war ein alter Kammerdiener mit langem, grauem

Backenbart und in einem langschößigen Dienerrock. Nach einigen Anzeichen

zu urteilen, war er gleichfalls sehr schlechter Laune. Er knurrte

beständig etwas vor sich hin. So kam es denn zwischen dem Herrn und dem

Diener alsbald zu einer Auseinandersetzung.

„Durchbleuen! Schrei nur noch mehr!“ brummte Grischka, anscheinend nur

vor sich hin – tat es aber doch so laut, daß alle es hörten – und wandte

sich unwillig weg, um sich am Wagen zu schaffen zu machen.

„Was? Was sagst du? ‚Schrei nur noch mehr?‘ Willst du grob werden!“

schrie der Dicke, puterrot im Gesicht.

„Weshalb belieben der Herr über einen herzufallen? Man darf wohl kein

Wort mehr sagen?“

„Wieso herzufallen? Hört ihr, Leute? Selbst knurrst du die ganze Zeit,

und dann soll ich nicht einmal über dich herfallen!“

„Weshalb soll ich denn knurren, möcht’ ich wissen!“

„Weshalb! ... Als ob! ... Ich weiß ja ganz genau, weshalb du knurrst:

weil ich vom Mittagsmahl weggefahren bin, – deshalb!“

„Was geht das mich an! Meinethalben brauchten der Herr überhaupt nicht

zu essen! Ich knurre nicht des Essens wegen, ich habe hier nur den

Schmiedegesellen ein Wort gesagt.“

„Den Schmiedegesellen ... Was hast du denn für einen Grund, die

Schmiedegesellen anzuknurren?“

„Nu, wenn nicht sie, dann knurre ich eben die Equipage an.“

„Was hast du denn die Equipage anzuknurren?“

„So! – warum ist sie denn entzweigegangen? Hinfort hat sie zu gehorchen

und heil zu bleiben!“

„Die Equipage ... Nein, du hast mich angeknurrt, nicht aber die

Equipage! Selbst ist er der Schuldige, und dabei schimpft er noch auf

mich!“

„Was wollen denn der Herr heute von mir? Kann man mich denn nicht in

Ruhe lassen!“

„Weshalb hast du denn während der ganzen Fahrt wie ein Talglicht

dagesessen und kein Wort mit mir gesprochen? Sonst bist du doch nicht

stumm!“

„Eine Fliege war mir in den Mund geflogen, deshalb schwieg ich und saß

wie ein Talglicht, wie der Herr sagen. Soll ich denn Märchen zu erzählen

anfangen? So mögen der Herr doch die alte Malanja auf Reisen mitnehmen,

wenn der Herr Märchen zu hören liebt.“

Der Dicke tat wohl den Mund auf, um heftig etwas zu erwidern, fand sich

aber nicht zurecht und klappte den Mund wieder zu. Er schwieg. Der

Diener aber wandte sich, zufrieden mit seiner Dialektik und seinem vor

Zeugen bewiesenen Einfluß auf den Herrn, mit doppelter Wichtigkeit an

die Schmiedegesellen, um ihnen etwas Besonderes zu erklären.

Mein Annäherungsversuch war also vergeblich gewesen – vielleicht nur

wegen meiner Ungeschicklichkeit – doch plötzlich half mir ein

unvorhergesehener Zufall.

Aus einer geschlossenen Kutsche, die offenbar seit undenklichen Zeiten

ohne Räder vor der Schmiede stand und täglich, doch vergeblich ihre

Ausbesserung erwartete, blickte plötzlich durch das Türfenster ein

verschlafenes, ungewaschenes Mannsgesicht heraus, über dem die Haare

verwühlt zu Berge standen. Kaum war diese Physiognomie im Fenster der

Kutschentür erschienen, als plötzlich alle Schmiedegesellen in lautes

Gelächter ausbrachen. Die Sache war nämlich die, daß der Betreffende in

betrunkenem Zustande von den Schmiedegesellen in diese Kutsche

eingeschlossen worden war und nun als Gefangener in ihr saß. Da er

inzwischen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, bat er nun flehentlich,

man möge ihn doch wieder in Freiheit setzen, was natürlich niemand tat.

Endlich verlangte er sein Werkzeug, das ihm jemand aus der Schmiede

bringen sollte, doch dieses anmaßende Verlangen erheiterte die Zuschauer

nur noch mehr.

Es gibt Naturen, denen Gott weiß was alles zur größten Erheiterung

dient. Die Grimassen eines Betrunkenen, ein auf der Straße stolpernder

oder hinfallender Mensch, ein paar streitende Weiber oder Ähnliches

können bei manchen Menschen aus ganz unerklärlichen Gründen das größte

Entzücken hervorrufen. Zu diesen Naturen gehörte nun offenbar auch der

dicke Gutsbesitzer. Sein Gesicht, das noch vor wenigen Minuten wütend

gewesen war, wurde jetzt immer freundlicher, bis schließlich das letzte

Wölkchen seines Ärgers daraus verschwand.

„Aber das ist ja doch Wassiljeff?“ fragte er plötzlich sehr

interessiert. „Wie ist er denn dorthin geraten?“

„Jawohl, Wassiljeff, Herr! Wassiljeff!“ rief man lachend von allen

Seiten.

„Er hat wieder blauen Montag gemacht,“ sagte einer der Schmiedegesellen,

ein älterer, langer, hagerer Mann mit pedantischem Gesichtsausdruck und

dem offenbaren Bestreben, der erste unter seinen Genossen zu sein. „Er

ist vor drei Tagen von seinem Herrn fortgegangen, ist uns auf den Hals

gekommen und versteckt sich nun hier. Jetzt will er sein Stemmeisen

haben. – Was willst du denn jetzt mit dem Stemmeisen anfangen, du

Dummkopf! Willst wahrscheinlich noch dein letztes Werkzeug versetzen!“

„Ach, du, Archipuschka! Geld ist – wie Tauben: es kommt angeflogen und

fliegt wieder weg! Laß mich doch um des himmlischen Vaters willen wieder

heraus!“ bat Wassiljeff mit hohler, unsicherer Stimme, den Kopf zum

Kutschenfenster hinaussteckend.

„Sitz jetzt, hast es verdient, wenn du hineingekommen bist!“ sagte

Archip unerbittlich. „Seit drei Tagen bist du ja überhaupt kein Mensch

mehr! Heute morgen hat man dich noch in aller Herrgottsfrühe von der

Straße aufgelesen und hergeschleppt. Dank dem Schöpfer, daß wir dich

versteckt haben. Und deinem Matwei Iljitsch sagten wir, du seist

erkrankt: man habe bei dir Anzeichen von schleichendem Faulfieber

entdeckt ...“

Alles lachte.

„Aber wo ist denn mein Stemmeisen?“

„Bei unserem Handlanger, – wo soll es denn sein! ... Das ist ein echter

Saufbruder, Herr, dieser Wassiljeff.“

„He–he–he! So ein Schuft! Also das ist deine Arbeit in der Stadt: dein

Werkzeug versetzen!“ rief der Dicke vollkommen zufrieden, in der

angenehmsten Gemütsverfassung aus, und sein Schmerbauch schaukelte zu

seinem gemächlichen Lachen.

„Und dabei ist der Kerl ein Tischler, wie man in ganz Moskau keinen

findet! Aber da sieh nun einer, wie der Schuft sich aufführt!“ Mit

diesen Worten wandte sich der Dicke plötzlich und ganz unerwarteterweise

an mich. „Laß ihn heraus, Archip, vielleicht hat er irgend etwas nötig.“

Da der Herr es gesagt hatte, gehorchte man. Der Nagel, mit dem sie die

Kutschentür unten zugenagelt hatten, – eigentlich nur um über Wassiljeff

lachen zu können, wenn er wieder aufwachte – wurde herausgezogen, und

Wassiljeff erschien zerlumpt, beschmutzt und nur halb ausgeschlafen im

freien Sonnenlicht.

Er blinzelte, nieste und wankte auf den Beinen; dann legte er die Hand

als Schirm über die Augen und sah sich die Umgebung an.

„Wieviel Volk ... wieviel Volk!“ sagte er kopfschüttelnd. „Und alle ...

wie man sieht ... nü–üchtern,“ sagte er langsam, wie in traurigen

Gedanken, geradezu vorwurfsvoll zu sich selbst. „Nun, guten Morgen,

Freunde, zum anbrechenden Tage.“

Wieder lachten alle.

„Zum anbrechenden Tage! Mach doch die Augen auf und sieh, wieviel vom

anbrechenden Tage noch übrig ist, du dummer Mensch!“

„Lüg nur, Jemelja, – jetzt ist’s deine Woche.“

„He–he–he! Der Junge ist wirklich nicht übel!“ meinte der Dicke lachend,

wieder mit einem freundlichen Blick auf mich. „Aber schämst du dich denn

nicht, Wassiljeff?“

„Ach, Herr, es ist doch nur aus Kummer!“ sagte Wassiljeff, schlug

abwinkend mit der Hand zur Seite und war offenbar froh darüber, noch

einmal von seinem Kummer reden zu können.

„Was ist denn das für ein Kummer, Esel?“

„Das ist nun so einer, wie man ihn bisher noch nie gesehen hat: man

überschreibt uns auf Foma Fomitsch.“

„Auf – wen? Was? Wann?“ schrie der Dicke, im Augenblick außer sich

geratend.

Ich trat gleichfalls einen Schritt vor: die Sache ging plötzlich auch

mich etwas an.

„Jawohl, ganz Kapitonowka. Unser Herr, der Oberst – Gott erhalte ihn! –

will ganz Kapitonowka, sein väterliches Erbgut, dem Foma Fomitsch

opfern, ganze siebzig Seelen. ‚Da hast du es,‘ sagte er, ‚Foma! Sieh,

jetzt gehört dir ja so gut wie nichts; du bist kein großer Gutsbesitzer:

im ganzen arbeiten für dich zwei Stinten im Ladogasee – das ist alles,

was dir dein Verstorbener Vater an Besitz hinterlassen hat; denn dein

Vater war,‘“ fuhr Wassiljeff mit einem gewissen boshaften Vergnügen

fort, als wolle er auf jedes Wort, das sich auf Foma Fomitsch bezog,

gewissermaßen noch Pfeffer streuen; „‚denn dein Vater war ein Mann von

altem Adel, unbekannt woher, unbekannt wer; und ebenso wie du hat er bei

Herren das Gnadenbrot gegessen und hat sich dank ihrer Barmherzigkeit in

den Küchen aufhalten dürfen. Nun aber, wenn ich dir Kapitonowka schenke,

wirst auch du ein Gutsbesitzer sein, ein alter Adliger, und du wirst

deine eigenen Leute haben, kannst selbst auf dem Ofen liegen, ein

adliges Leben führen‘ ...“

Doch der Dicke hörte nicht mehr zu. Der Eindruck, den diese Erzählung

des halbbetrunkenen Wassiljeff auf ihn machte, war unbeschreiblich: er

war dermaßen empört und aufgeregt, daß sein Gesicht blaurot wurde. Sein

Doppelkinn zitterte, seine Augen waren blutunterlaufen. Ich fürchtete

schon, daß ihn der Schlag rühren werde.

„Das fehlte noch!!“ stieß er atemlos hervor. „Dieser Foma als

Gutsbesitzer!! Pfui! Hol euch der Satan! He, ihr da! Schneller! Macht,

daß ihr fertig werdet! Nach Haus!“

„Gestatten Sie mir eine Frage,“ begann ich und trat etwas unsicher einen

Schritt vor, „Sie nannten soeben den Namen Foma Fomitsch; ich glaube,

sein Familienname ist, wenn ich mich nicht täusche – Opiskin. Ich würde

gern ... mit einem Wort, ich habe besondere Gründe, mich für diese

Persönlichkeit zu interessieren, und würde daher gern wissen wollen,

inwieweit man den Worten dieses Menschen da“ – ich wies auf Wassiljeff –

„trauen kann, daß sein Gutsherr Jegor Iljitsch Rostaneff eines seiner

kleineren Güter Foma Fomitsch schenken will. Das interessiert mich sehr,

und ich ...“

„Aber gestatten Sie zuerst, daß ich Sie frage,“ unterbrach mich der

Dicke, „von welcher Seite Sie sich für diese Persönlichkeit, wie Sie

sagen, interessieren; denn meiner Ansicht nach müßte man ihn einen

gottverfluchten Schurken nennen, aber nicht Persönlichkeit! Was kann

denn dieser Grindkopf überhaupt für eine ‚Persönlichkeit‘ sein! Nichts

als Schmach und Schande ist der ganze Kerl, aber nicht eine

‚Persönlichkeit‘!“

Ich erklärte ihm hierauf, daß ich mich bezüglich seiner Person vorläufig

noch in völliger Ungewißheit befände, daß aber Jegor Iljitsch Rostaneff

mein Onkel sei und ich – Ssergei Alexandrowitsch soundso heiße und sei.

„Was! Dann sind Sie also dieser Gelehrte aus Petersburg? Gott im Himmel,

man erwartet Sie ja dort sehnsüchtig!“ rief der Dicke in unbegreiflicher

Freude aus. „Ich komme ja doch soeben selbst aus Stepantschikowo, stand

vom Mittagstisch auf und fuhr weg, gleich vom Pudding weg! Konnte nicht

länger mit Foma an einem Tisch sitzen! Habe mich dort wegen dieses

verfluchten Fomka mit allen herumgeschimpft und -gestritten! ... Doch

das nenne ich mir mal eine Begegnung! Aber Sie, wissen Sie, Sie müssen

mich schon entschuldigen. Ich bin Stepan Alexeïtsch Bachtschejeff und

erinnere mich Ihrer, als Sie noch so ’n Stöpselchen waren ... Nun, wer

hätte das gedacht! ... Aber so woll’n wir uns doch gleich ...“

Und der Dicke küßte mich ab.

Nach den ersten etwas erregten Minuten der neuen Bekanntschaft benutzte

ich die günstige Gelegenheit, um ihn auszufragen.

„Aber wer ist denn dieser Foma nun eigentlich?“ fragte ich. „Wie hat er

denn dort das ganze Haus erobern können? Warum jagt man ihn denn nicht

mit der Peitsche hinaus? Ich muß gestehen ...“

„_Wen? – ihn?_ hinausjagen? Sie sind wohl ganz ...? Jegor Iljitsch wagt

ja doch kaum auf den Fußspitzen zu gehen, wenn Foma in der Nähe ist! Und

einmal befahl Foma, daß es statt Donnerstag Mittwoch sein solle: und so

haben sie denn dort alle bis auf den Letzten den Donnerstag für Mittwoch

halten müssen. ‚Ich will nicht,‘ sagte er, ‚daß heute Donnerstag ist;

ich will, daß heute Mittwoch ist!‘ Auf diese Weise hatten sie dann in

einer Woche zweimal Mittwoch und keinen Donnerstag. Sie glauben

vielleicht, daß ich aufschneide? Nicht _so viel_ habe ich

aufgeschnitten! Es ist einfach, um Reißaus zu nehmen!“

„Ich habe so manches gehört, aber ich muß gestehen ...“

„Ach Gott! Gestehen und gestehen, etwas anderes hört man von Ihnen

nicht! Was gestehen Sie denn ewig? Fragen Sie mich doch rundweg, was Sie

fragen wollen! ... Und Jegor Iljitschs Mamachen, na ja, Sie wissen

schon, – ist ja sonst eine ganz würdige alte Dame, obendrein auch noch

Generalin – ich aber kann nur sagen, daß ich sie total verrückt finde:

sie wagt ja den Fomka, den Räuber, nicht einmal anzu_hauchen_! Und

schließlich ist sie allein an allem schuld: sie hat ihn doch ins Haus

gebracht! Er scheint sie vollkommen behext zu haben. _Dumm_ geworden ist

sie, wenn sie sich jetzt auch Exzellenz nennt ... Hat sie sich doch mit

nahe fünfzig Jahren dem alten Krachotkin an den Hals geworfen! Von der

Schwester Jegor Iljitschs, der Praskowja Iljinitschna, die schon das

vierzigste Jahr als Mädchen dasitzt, will ich überhaupt nicht reden. Von

der hört man nur ach und weh, wie von einer Henne, die ein Ei legen will

– hab’s satt – na! Das einzige, was noch an ihr ist – ist, daß sie zum

weiblichen Geschlecht gehört, das ist aber auch alles: jetzt acht’ einer

sie dafür! – nur eben, weil sie Dame ist! Pfui! Aber was red’ ich da,

das ist ja doch unanständig von mir: sie ist ja Ihre Tante. Nur die

Alexandra Jegorowna, Ssaschenjka – die Tochter des Obersten, – ist ja

noch ’n kleines Mädel, erst sechzehn Lenze, ist aber klüger als alle die

anderen zusammengenommen: die verachtet den Fomka, wie es sich gehört!

War sogar spaßig zu beobachten. Ein nettes, liebes Fräuleinchen, nja,

nichts zu sagen ... Weswegen, sagen Sie doch selbst, soll man ihn denn

achten? Er hat doch, dieser Fomka, beim verstorbenen General Krachotkin

als Narr das Gnadenbrot gefressen! Er hat ja doch, wenn jener befahl,

alle Tiere nachahmen müssen! Das ist ja – ‚früher hat Wanjka Erde

gegraben, heute will Wanjka den Marschallstab haben!‘ Jetzt behandelt

der Oberst, Ihr Onkel, diesen Narren a. D. wie seinen leiblichen Vater,

setzt ihn unter Glas womöglich, macht noch Bücklinge vor diesem

Schmarotzer, – oh, pfui!“

„Nun ... Armut ist doch keine Schande ... und ... ich muß gestehen ...

Erlauben Sie, daß ich frage: ist er schön, klug?“

„Wer das? – Foma? ... Wie ein Bild! Wunderbar schön!“ antwortete

Bachtschejeff mit einem ganz eigentümlichen Zittern in der Stimme, das

deutlich seine Wut verriet. Meine Fragen reizten ihn offenbar, und er

sah mich etwas mißtrauisch von der Seite an. „Schön? Hört doch, der hat

jetzt einen Schönen entdeckt! Großer Gott, er ähnelt ja allen Tieren,

wenn du nun einmal alles wissen willst! Ich würde ja nichts sagen, wenn

er noch wenigstens geistreich wäre, wenn der Schuft es mit Geist und

Verstand machen würde, – nun, dann würde ich’s noch hinnehmen, den

Schmerz verbeißen, um des Geistes willen, ... Aber er hat ja überhaupt

keinen! Ich kann nur sagen, er hat ihnen allen einen Trank zu trinken

gegeben und ist einfach irgend so ein Schwarzkünstler. Pfui! ... Meine

Zunge ist matt. Man kann nur einfach zur Seite speien und weggehen. Und

schweigen. Sie haben mich mit Ihrem Gespräch nur wieder in Wut gebracht!

He, ihr da! Seid ihr endlich fertig?“

„Der Schwarze muß noch neu beschlagen werden,“ brummte Grigorij

mürrisch.

„Der Schwarze ... Ich werde dir zeigen, was ein Schwarzer ist! ... Ja,

mein Bester, ich kann Ihnen Dinge erzählen, Dinge, sag’ ich Ihnen, daß

Sie nur so den Mund aufsperren und bis zur Wiederkunft des Herrn mit

offenem Munde stehen bleiben. Ich habe ihn doch anfangs gleichfalls

geachtet! Was glauben Sie? Jetzt tue ich Buße und schwöre öffentlich:

ich war ein Esel! Er hatte ja auch mich beschwindelt. Der Kerl wußte

alles! Jedes letzte Tüttelchen wußte er, alle Wissenschaften hatte er im

Kopf! Tropfen gab er mir: ich bin ja doch, Väterchen, ein kranker

Mensch. Sie glauben es mir vielleicht nicht, aber ich bin wirklich

krank, – wovon bin ich denn so dick? Nun, damals aber, von seinen

Tropfen, wäre ich fast kopfüber in die Grube gefahren. Schweigen Sie nur

und hören Sie zu: wenn Sie hinkommen, werden Sie mit eigenen Augen

sehen. Er wird ja dem Obersten noch blutige Tränen herauspressen,

jawohl! – blutige Tränen wird der Oberst weinen, aber dann wird es zu

spät sein! Hat doch schon die ganze Umgegend wegen dieses vermaledeiten

Fomka den Verkehr mit ihm abgebrochen! Beleidigt doch der Kerl

ungestraft einen jeden, der über die Schwelle tritt! Von mir ganz zu

schweigen: selbst die größten Potentaten würde er nicht verschonen.

Einem jeden hält er seine Predigt; denn er hat sich jetzt auf die Moral

gelegt, der Spitzbube! ‚Ich bin ein Weiser, ich bin der Klügste von

allen, auf mich allein hast du zu hören!‘ Das sind so seine Worte. ‚Ich

bin gelehrt,‘ und damit basta! Was geht das mich an, ob er gelehrt ist

oder nicht! Also bloß weil man gelehrt ist, muß man den Ungelehrten

unbedingt auspressen? ... Und wenn er dann einmal loslegt mit seiner

Gelehrsamkeit, dann hat es keinen Anfang und kein Ende, nur ta-ta-ta,

ta-ta-ta, ta-ta-ta schlägt ins Ohr. Das heißt, er hat eine solche Zunge,

sag’ ich Ihnen, daß sie selbst dann, wenn man sie abschneiden und hinaus

auf den Misthaufen werfen würde, – selbst dann würde sie noch endlos

weitertattern wie eine Nähmaschine ... Jetzt nimmt er sich viel heraus,

jetzt ist er wichtig wie eine Maus in der Grütze! Jetzt will er schon

dorthin kriechen, wohin nicht einmal sein Kopf durchkriechen kann. Aber

was soll man da reden! Ist es ihm doch jetzt eingefallen, das ganze

Hofgesinde französische Vokabeln lernen zu lassen! Wenn Sie nicht

wollen, brauchen Sie es mir ja nicht zu glauben. Das bringe ihnen, sagt

er, großen Nutzen! Dem Landbauer also, dem Knecht! Pfui! So ein

verfluchter Schandkerl! – mehr ist er wirklich nicht. Wozu braucht ein

Leibeigener Französisch, was fängt er damit an? – ich bitt’ Sie! Und

selbst wir, wozu braucht denn unsereiner Französisch, frage ich Sie

bloß? Um jungen Damen bei der Mazurka den Kopf zu verdrehen und fremde

Frauen zu verführen! Luxus, Luxus, und nichts weiter!! Meiner Meinung

nach – trink eine Flasche Branntwein aus, und du sprichst von selbst

alle Sprachen. Das ist alles, was ich an Hochachtung für die

französische Sprache übrig habe. Na, auch Sie werden ja wohl gut

französisch plappern, tatata, tatata, patati und patata!“ Bachtschejeff

sah mich mit verachtendem Unwillen von der Seite an. „Sie, mein Lieber,

sind doch auch ein Gelehrter – wie? Haben sich doch auch auf die

Gelehrsamkeit gelegt?“

„Ja ... ich ... zum Teil interessiere ich mich ...“

„Da haben Sie denn vielleicht auch schon alle Wissenschaften in sich

aufgenommen?“

„Ja ... das heißt, nein ... Ich muß gestehen, daß ich jetzt mehr für das

Beobachten bin. Ich habe so lange in Petersburg gesessen und beeile mich

nun, zu meinem Onkel zu kommen ...“

„Wer hat Sie denn darum gebeten? Wären Sie doch dort bei sich sitzen

geblieben, wenn Sie etwas hatten, wo Sie sitzen konnten. Nein, mein

Bester, hier, das sage ich Ihnen, werden Sie mit Gelehrsamkeit wenig

ausrichten, und da wird Ihnen kein Onkel helfen – da haben Sie sogleich

den Fangriemen um den Hals. Ich habe bei ihm an einem einzigen Tage

bedeutend abgenommen. Jawohl! – Werden Sie es mir glauben, daß ich dort

in vierundzwanzig Stunden magerer geworden bin? Nein, ich sehe schon,

Sie glauben es mir nicht. Nun, dann, meinetwegen, Gott mit Ihnen, dann

glauben Sie es eben nicht.“

„Aber wieso, ich glaube es Ihnen durchaus! Nur ist mir einiges noch

etwas unverständlich ...“ beeilte ich mich zu versichern, geriet aber

wieder in Verwirrung.

„Kennt man, dieses Glauben ... aber ich glaube _Ihnen_ nicht! Alle seid

ihr Springer – soviel es nur Gelehrte gibt. Ihr würdet am liebsten jeder

auf einem Bein hopsen und euch bewundern lassen! Nein, mein Bester,

diese Wissenschaften sind nicht mein Fall, ich kann sie nicht verdauen.

Hab’ mich mit euch Petersburgern genug gerieben – unnützes Volk. Alles

Freimaurer. Verbreiten nur Unglauben. Selbst ein Gläschen Branntwein hat

er Angst auszutrinken, so’n Gelehrter, ganz als fürchtete er, daß es ihn

beißen könnte – pfui! Nein, mein Bester, Sie haben mich jetzt geärgert,

will mit Ihnen gar nicht mehr weiter sprechen. Und ich bin doch auch

wirklich nicht dazu da, um hier Geschichten zu erzählen. Meine Zunge ist

ohnehin schon müde. Alle, Väterchen, kann man ja doch nicht

ausschimpfen, und es wäre auch Sünde ... Nun hat er bei Ihrem Onkel den

Diener Widopljässoff buchstäblich um den Verstand gebracht, dein großer

Gelehrter da! Jawohl, nur dank Foma Fomitsch ist Widopljässoff

übergeschnappt ...“

„Ich aber würde den Widopljässoff,“ mischte sich plötzlich Grigorij ein,

der bis dahin würdevoll und stumm unsere Unterhaltung verfolgt hatte,

„ich aber würde diesen Widopljässoff unter den Ruten überhaupt nicht

mehr aufstehen lassen! Käme er mir nur zwischen die Finger, so würde ich

ihm diese deutschen Albernheiten ein für allemal ausbläuen! Würde ihm so

viele aufzählen, daß er mit den Zahlen zu kurz käme!“

„Schweig!“ schrie ihn sein Herr an. „Halt deine Zunge hinter den Zähnen

fest, nicht mit dir wird gesprochen!“

„Widopljässoff ...“ stotterte ich, nun ganz aus der Fassung gebracht –

wenn ich nur gewußt hätte, was ich sagen sollte! „Widopljässoff ...

sagen Sie doch, welch ein sonderbarer Name ...“

„Weshalb denn sonderbar? Da stimmen auch Sie dasselbe Lied an! Ach, Sie!

Gelehrt natürlich, gelehrt!“

Doch jetzt riß meine Geduld.

„Entschuldigen Sie,“ sagte ich, „weshalb ärgern Sie sich denn über mich?

Was habe ich denn mit all dem zu tun? Ich höre Ihnen nun schon seit

einer halben Stunde zu und begreife nicht einmal, um was es sich handelt

...“

„Ja, aber weshalb ärgern Sie sich denn, mein Gutester?“ fragte der Dicke

naiv. „Es ist doch nichts, was Sie kränken könnte! Ich habe doch in

aller Liebe zu dir gesprochen, mein Lieber ... Beachten Sie es weiter

nicht, daß ich ein solcher Schreihals bin und soeben noch meinen Diener

angeschnauzt habe. Wenn er auch eine notorische Kanaille ist, mein

Grischka, so liebe ich ihn ja doch gerade deswegen, den Schuft. Meine

Herzensempfindsamkeit allein hat mich ins Unglück gebracht – ganz offen

und ehrlich gesagt. Aber an dieser ganzen Geschichte ist doch nur Fomka

schuld! Der bringt mich noch ins Grab, darauf kann ich schwören, der

kriegt’s fertig! Dank seiner Gnaden muß ich hier die zweite Stunde in

der Sonne braten. Wollte zuerst beim Oberpopen vorsprechen, solange wie

diese Duselköpfe hier den Schaden wieder ausbessern. Ein guter Mensch,

dieser Oberpope. Aber der Fomka hat mich dermaßen geärgert, daß ich auch

den Oberpopen nicht mehr sehen wollte! Na, und überhaupt! Hier aber gibt

es ja nicht einmal ein anständiges Frühstückslokal ... Alle sind

Schufte, das sage ich Ihnen, alle bis auf den Letzten! ... Ich würde ja

nichts sagen, wenn er ein großes Tier wäre,“ fuhr Herr Bachtschejeff

fort, sich wieder dem Thema Foma Fomitsch zuwendend, von dem er sich

offenbar nicht zu trennen vermochte, „dann würde es noch mit dem Titel,

den er führte, halbwegs zu erklären sein; aber so! Er hat ja überhaupt

keinen Rang, ich weiß es tödlich sicher, daß er nicht den geringsten

Titel hat! Für Recht und Wahrheit, sagt er, soll er dort irgendwo

‚gelitten‘ haben, vor Olims Zeiten vielleicht: und so knie jetzt dafür

gefälligst vor ihm nieder! Der Teufel ist doch nicht unser Bruder! Ist

ihm nur etwas nicht ganz nach der Nase, so springt er auf, schreit: ‚Man

beleidigt mich, patati! – weil ich arm bin, patata! – man hat keine

Ehrfurcht vor mir!‘ Ohne Foma darfst du dich nicht an den Tisch setzen,

er aber sitzt in seinem Zimmer und kommt nicht; denn ‚man hat mich

beleidigt, ich bin ein Gottespilger, kann mich auch von schwarzem Brote

nähren.‘ Kaum aber hat man sich zu Tisch gesetzt, da erscheint er

wieder, und da fängt das Lied von neuem an: ‚Weshalb hat man sich ohne

mich zu Tisch gesetzt? Also so gering achtet man mich!‘ Kurz – dieselbe

Tonart! Ich, wissen Sie, ich habe lange geschwiegen. Er glaubte, daß

auch ich wie ein dressiertes Hündchen auf den Hinterbeinen apportieren

würde. Jawohl ja! Das fehlte noch! Nein, mein Lieber, spring du mal

selbst auf den Kutschersitz, ich werde mich in den Wagen setzen! Ich bin

doch Jegor Iljitschs Regimentskamerad! Ich trat als Junker aus, er aber

kam vor einem Jahr als Oberst a. D. auf mein Stammgut und stattete mir

seinen Besuch ab. Da sagte ich ihm gleich: ‚He, mein Bester, verwöhnen

Sie den Foma nicht so sehr, Sie wissen nicht, was Sie tun, Sie werden es

noch bereuen!‘ Er aber sagte: ‚Nein, er ist ein überaus guter Mensch‘ –

das sagt er von Fomka! – ‚er ist mein Freund, er unterrichtet mich jetzt

in der Moral.‘ Na, dachte ich da bei mir, gegen die Moral ist nichts zu

machen! Wenn er bereits bei dieser angelangt ist, dann gib die letzte

Hoffnung auf! Was glauben Sie wohl, weshalb er es heute zu dem Skandal

gebracht hat? Morgen, an Sankt-Elias-Tag (Herr Bachtschejeff bekreuzte

sich) ist Iljuschas, des kleinen Iljuschas Namensfest. Ich hatte

eigentlich die Absicht, auch diesen Tag bei ihnen zu verbringen, zum

Essen zu bleiben, und verschrieb mir aus der Residenz ein Spielzeug: ein

Deutscher auf Sprungfedern küßt seiner Braut die Hand, und diese wischt

sich mit dem Schnupftuch eine Träne ab – ein großartiges Ding! Jetzt

aber werde ich es nicht mehr schenken, prost Mahlzeit! Sehen Sie, da

liegt das Ding in meinem Wagen, dem Deutschen ist schon die Nase

abgeschlagen. Bring’s zurück. Jegor Iljitsch feiert bei solcher

Gelegenheit ganz gern ein Fest, nun aber kommt der Fomka dazwischen und

verpfuscht ihm das Vergnügen. ‚Weshalb beschäftigt man sich denn jetzt

mit Iljuscha so sehr? Man will wohl mich von nun an überhaupt nicht mehr

beachten?‘ Nun, was sagen Sie dazu? Wie gefällt er Ihnen? Beneidet einen

achtjährigen Knaben wegen dessen Namenstag! ‚Aber nein,‘ sagte er, ‚ich

habe morgen gleichfalls meinen Namenstag!‘ Aber morgen ist doch Ilja und

nicht Foma! ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich feiere morgen gleichfalls meinen

Namenstag!‘ Ich schweige, sage kein Wort, dulde stumm. Und was glauben

Sie? Jetzt schleichen sie dort alle auf den Zehenspitzen umher und

beraten sich tuschelnd, was sie nun tun sollen! Sollen sie ihm nun

morgen, am Eliastage, zum Namensfest gratulieren oder sollen sie ihm

nicht gratulieren? – Unterlassen sie es, so kann er sich wieder

beleidigt fühlen – gratulieren sie ihm aber, so kann er sie alle

verspotten. Pfui! Da setzten wir uns nun zu Tisch ... Aber du, mein

Bester, hörst du mir denn überhaupt zu?“

„Aber gewiß! – sogar mit besonderem Vergnügen; denn durch Sie erst

erfahre ich jetzt ... und ... ich gestehe ...“

„Jawohl, mit besonderem Vergnügen, das kennt man! Dieses Vergnügen ...

Oder soll das etwa Ironie sein?“

„Aber ich bitte Sie, aus welchem Grunde denn Ironie? Ganz im Gegenteil.

Und zudem ... drücken Sie sich so originell aus, daß ich schon bei mir

beschlossen habe, Ihre Worte niederzuschreiben.“

„Was ... was heißt das, Väterchen, wieso niederzuschreiben?“ fragte Herr

Bachtschejeff mit einem gelinden Schrecken im Gesicht und blickte mich

mißtrauisch an.

„Übrigens, ich werde sie vielleicht auch nicht niederschreiben ... ich

sagte es nur so ...“

„Du willst mich doch sicherlich irgendwie ausnutzen?“

„Wie meinen Sie das? Ich verstehe Sie nicht,“ sagte ich verwundert.

„Ja so. Ich erzähle dir jetzt alles wie ein gutmütiger Esel, und du

schilderst mich dann plötzlich in irgendeinem Buch.“

Ich beeilte mich sogleich, Herrn Bachtschejeff zu versichern, daß ich

nicht zu jenen Schriftstellern gehöre – er aber sah mich immer noch

mißtrauisch an.

„Jawohl ja – nicht zu jenen! Wer kennt dich denn! Vielleicht bist du

noch toller als jene. Da hat mir nun auch Fomka gedroht, mich zu

beschreiben und das Geschriebene drucken zu lassen.“

„Gestatten Sie mir eine Frage,“ unterbrach ich ihn, da ich dem Gespräch

eine andere Wendung geben wollte. „Sagen Sie, bitte, ist es wahr, daß

mein Onkel heiraten will?“

„Was wäre denn dabei, wenn er’s will? Das wäre ja weiter noch nicht

schlimm. Mag der Mensch doch heiraten, wenn es ihm so nahe geht! ...

Schlimm aber ist das andere ...“ fügte Herr Bachtschejeff nachdenklich

hinzu. „Hm! Aber hierüber, mein Bester, kann ich Ihnen keine bestimmte

Auskunft geben. Es haben sich dort jetzt viel Weibsbilder versammelt,

wie die Fliegen um den Honig; da wird kein Teufel daraus klug, wer von

ihnen nun heiraten will, und wer nicht. Ich werde Ihnen, mein Lieber, in

aller Freundschaft nur eines sagen: ich mag die ganze Weiberbande nicht!

Das einzige ist noch, daß sie Menschen sind; aber sonst, auf Ehrenwort,

ist es doch nichts als eine Schande mit den Weibern und kommt dem Heil

unserer Seelen nicht zustatten. Daß aber Ihr Onkel verliebt ist wie ein

sibirischer Kater, dessen kann ich Sie versichern. Aber auch darüber

will ich jetzt schweigen, Sie werden es ja selbst sehen ... Dumm ist

nur, daß er die Sache aufschiebt. Willst du heiraten, so heirate! Er

aber fürchtet sich, es Fomka zu sagen, und fürchtet auch die Alte: die

würde sofort für sieben losschreien und würde noch mit den Hinterbeinen

ausschlagen. Die Alte steht natürlich auf Fomkas Seite; denn sieh, es

würde Foma Fomitsch betrüben, wenn eine junge Herrin ins Haus käme,

sintemal er dann keine Stunde mehr daselbst verweilen könnte. Die

Hausfrau würde ihn womöglich eigenhändig am Kragen fassen und

hinauswerfen, und wenn sie klug ist, auf eine solche Weise, daß er

später schwerlich hier irgendwo eine Unterkunft auch nur als

Schreiberlein finden würde. Deshalb intrigiert er ja auch jetzt zusammen

mit der Alten, um ihn zu verkuppeln mit dieser ... Aber du, mein

Gutester, warum hast du mich denn unterbrochen? Ich wollte dir vorhin

gerade das Wichtigste erzählen, du aber unterbrachst mich! Ich bin älter

als du, einen Älteren unterbrechen, das soll man nicht ...“

Ich machte meine Entschuldigung.

„Wozu entschuldigst du dich! Aber ich wollte dir, mein Lieber, als einem

Gelehrten zur Entscheidung unterbreiten, wie er mich heute beleidigt

hat. Nun, denk und sage selbst, wenn du ein guter Mensch bist. Wir

setzten uns also zu Tisch: da hat er mich, sag’ ich dir, fast

aufgefressen, der Verfluchte, während der Mahlzeit. Ich sah es ihm von

vornherein an, was in ihm vorging: er sitzt und ärgert sich, daß seine

ganze Seele knirscht. Würde mich auch in einem Löffel voll Wasser mit

Freuden ersäufen, diese Giftblase! Dieser Mensch hat eine solche

Eigenliebe, daß er sie kaum noch in sich selbst unterbringen kann! Und

da fiel es ihm denn ein, auch mich zu schikanieren, wollte auch mir

Moral beibringen. Weshalb – bitte, antworten Sie ihm darauf! – weshalb

ich so dick sei?! Und das war nun sein Steckenpferd: weshalb bin ich

nicht dünn, sondern dick! Nun, sagen Sie doch selbst, mein Lieber, was

ist denn das für eine Frage? Ist denn das geistreich? Ich antworte ihm

also: ‚Das hat Gott der Herr schon so eingerichtet: der eine ist dünn,

der andere dick; gegen die allweise Vorsehung kann ein Sterblicher sich

nicht auflehnen.‘ Das war doch ganz vernünftig geantwortet – finden Sie

nicht? ‚Nun,‘ sagt er, ‚du hast fünfhundert Seelen, lebst von den

Zinsen, bringst aber dem Vaterlande keinen Nutzen: dienen muß man, du

aber sitzt zu Hause und spielst auf dem Harmonium.‘ Das ist nun wahr,

ich spiele gern, wenn mir mal so traurig zumute ist, auf meinem

Harmonium. Ich also antworte ihm wieder ganz vernünftig: ‚In welchen

Dienst soll ich denn eintreten, Foma Fomitsch? In welch eine Uniform

soll ich mich dicken Menschen denn hineinzwängen? Ziehe ich eine an –

mit genauer Not geht’s vielleicht –, so ist es doch nicht

ausgeschlossen, daß ich plötzlich niese und alle Knöpfe abspringen, was

in Gegenwart der höchsten Vorgesetzten geschehen kann, und wenn man dann

– Gott behüte! – das Unglück nur fürs eine Farce hält, was dann?‘ Nun,

sagen Sie doch, mein Gutester, was habe ich denn damit Lachhaftes

gesagt? Aber nein, er muß lachen, auf meine Kosten, versteht sich, und

das Gekicher hört gar nicht mehr auf, hahaha und hihihi ... Schamgefühl

hat er überhaupt nicht, das sage ich Ihnen, und da fiel es ihm noch ein,

mich auf französisch zu beschimpfen: ‚Cochon,‘ sagte er. Na, was Cochon

heißt, weiß auch ich. Wart, du verfluchter Schwarzkünstler, denke ich,

du glaubst wohl, daß du in mir einen dummen Jungen vor dir hast? Ich

schwieg aber, litt wortlos und schwieg, – dann aber hielt ich es nicht

mehr aus, stand auf und sagte ihm in Gegenwart der ganzen Versammlung

ins Gesicht: ‚Ich habe dir unrecht getan,‘ sage ich, ‚Foma Fomitsch, du

Wohltäter der Menschheit; denn ich glaubte von dir, daß du ein

wohlerzogener Mensch seiest, nun aber stellt es sich heraus, daß du

ebenso ein Schwein bist wie wir alle,‘ – sagte es, stand auf und ging

fort, ließ den Pudding stehen, wo er stand – der Pudding wurde gerade

herumgereicht. Daß euch mitsamt dem ganzen Pudding ...! dachte ich und

ging.“

„Entschuldigen Sie, bitte,“ sagte ich, nachdem ich die ganze Erzählung

Herrn Bachtschejeffs angehört hatte, „ich bin natürlich gern bereit,

Ihnen in allem zuzustimmen, zumal ich ja noch nichts Positives weiß ...

Aber, wie soll ich Ihnen sagen, – es haben sich jetzt in mir gewisse

Ideen bezüglich dieser Person gebildet ...“

„Was sind denn das für Ideen, Väterchen, die sich in dir gebildet

haben?“ fragte Herr Bachtschejeff mißtrauisch.

„Sehen Sie,“ begann ich, ein wenig verwirrt, „es ist vielleicht zu etwas

ungelegener Zeit ... aber, schließlich, ich werde Ihnen meine Gedanken

gern mitteilen. Ich denke mir folgendes: vielleicht täuschen wir uns

beide über Foma Fomitsch. Vielleicht verhüllen alle diese Eigenheiten

eine besondere, vielleicht sogar sehr reiche Natur – wer kann das

wissen? Vielleicht ist er ein verbitterter, durch Leiden vernichteter

Mensch, der sich sozusagen an der ganzen Menschheit dafür rächt? Ich

habe gehört, früher soll er so etwas ... so etwas wie ein Hausnarr

gewesen sein: vielleicht hat ihn das gar zu sehr erniedrigt, beleidigt,

vernichtet? Verstehen Sie mich recht: ein edler Mensch ... mit einem

gewissen Selbstbewußtsein ... und der muß nun plötzlich den Narren

spielen! ... Da ist er denn vielleicht der ganzen Menschheit gegenüber

mißtrauisch geworden und ... und vielleicht, wenn man ihn mit der

Menschheit aussöhnen würde ..., das heißt, mit den Menschen ... so würde

sich in ihm vielleicht eine reichbegabte oder jedenfalls bemerkenswerte

Natur offenbaren, und ... nein, es muß doch etwas Besonderes an ihm

sein! Es muß doch seinen guten Grund haben, warum ihn dort alle

anbeten!“

Ich fühlte, daß ich ganz aus dem Konzept gekommen war. Bei meiner Jugend

war das ja noch verzeihlich, aber Herr Bachtschejeff verzieh es mir

nicht. Ernst und streng blickte er mir in die Augen, und dann wurde er

plötzlich blaurot im Gesicht, wie ein Truthahn.

„Und das alles soll dieser Fomka sein?“ stieß er kurz hervor.

„Entschuldigen Sie, ich glaube ja selbst nicht an das, was ich soeben

gesagt habe ... Ich sagte es nur so ... es wäre doch möglich ...“

„Aber erlauben Sie mal, Sie eines zu fragen: haben Sie Philosophie

studiert?“

„Daß heißt, in welchem Sinne?“ fragte ich verwundert.

„Nein, nicht in welchem Sinne, sondern antworten Sie mir offen und ohne

alle Sinne auf meine Frage: haben Sie Philosophie studiert?“

„Ich muß gestehen, ich habe allerdings die Absicht, aber ...“

„Na ja, wußt’ ich’s doch!“ rief Herr Bachtschejeff aus, indem er seiner

Empörung freien Lauf ließ. „Ich, wissen Sie, ich hatt’s ja schon

erraten, noch bevor Sie den Mund aufgetan, daß Sie Philosophie studiert

haben! Mir wird man kein X für ein U vormachen! Prost Mahlzeit! Auf drei

Werst rieche ich den Philosophen heraus! Fahren Sie nur hin, Sie können

Ihrem Foma in die Arme sinken und sich gegenseitig abküssen! Da hat er

nun einen ‚besonderen‘ Menschen gefunden! Pfui!“ fauchte er wieder.

„Ach, mag die ganze Welt versauern! Mag alles untergehen! Und ich

glaubte schon, daß Sie ein vernünftiger Mensch seien, Sie aber ... Fahr

vor!“ schrie er dem Kutscher zu, der inzwischen auf den Bock der

ausgebesserten Equipage hinaufgeklettert war. „Nach Haus!“

Mit genauer Not komm ich ihm noch einige beruhigende Worte sagen.

Endlich besänftigte er sich; aber es dauerte doch noch ziemlich lange,

bis er sich entschloß, seinen Zorn wieder in Wohlwollen zu verwandeln.

Mit Grigorijs und Archips Hilfe stieg er in seine Kutsche.

„Gestatten Sie, daß ich noch eines frage,“ sagte ich, an den Wagenschlag

tretend, „werden Sie meinen Onkel nicht mehr besuchen?“

„Ihren Onkel? Nicht mehr besuchen? Wer das glaubt, dem geben Sie ... na,

was Sie wollen! Sie denken wohl, daß ich ein Mensch von Charakter bin,

daß ich’s durchhalten werde? Das ist ja doch mein ganzes Herzeleid, daß

ich ein Lappen bin, aber kein Mensch! Es wird keine Woche vergehen, da

kraufe ich wieder hin. Und warum ich’s tue? Sehen Sie, da weiß ich ja

selber nicht, aber ich werde wieder hinfahren und werde mich dort wieder

mit Foma Fomitsch herumschlagen. Diesen Foma hat mir Gott der Herr

sicherlich zur Strafe für meine Sünden auf den Hals geschickt Das ist ja

mein Leid, Väterchen, daß ich von Charakter ein Weib bin: von

Beständigkeit keine Spur! Ein Hasenfuß bin ich, mein Lieber, ein echter

...“

Wir schieden recht freundschaftlich, er lud mich sogar zu sich ein.

„Komm mal, Väterchen, komm, besuch mich, dann wollen wir uns mal gütlich

tun. Ich habe mir ein gewisses Wässerchen aus Kiew bestellt, das ist

jetzt eingetroffen, und mein Koch ist in Paris gewesen, der wird dir

solche Frikandeaus und Fischpasteten zubereiten, daß du dir nur so die

Fingerchen ablecken und ihm, dem Schuft, noch einen Bückling machen

wirst! Ist ein gebildeter Mann! Bloß hab’ ich ihn jetzt lange nicht mehr

geprügelt, hab’ ihn etwas verwöhnt ... es ist gut, daß man mich wieder

daran erinnert hat ... Also komm nur! Ich würde Sie auch heute zu mir

auffordern, aber ich bin jetzt doch zu verstimmt, bin ganz sauer

geworden, ganz und gar aller Hinterbeine beraubt. Ich bin ja doch ein

kranker Mensch. Sie glauben es mir wohl nicht ... Nun, leben Sie wohl,

mein Lieber! Es ist Zeit, daß auch mein Schiff in den Hafen einläuft. Da

ist ja auch Ihr Vehikel repariert. Dem Fomka aber sagen Sie, daß er mir

nicht mehr unter die Augen kommen soll, sonst wird es einen neuen Krach

geben, daß er nur so ...“

Die letzten Worte hörte ich nicht mehr. Seine Equipage, die von vier

starken Pferden mit einem Ruck angezogen wurde, verschwand hinter

Staubwolken. Da fuhr auch meine Postkutsche vor, ich stieg ein, und wir

hatten in wenigen Minuten das Städtchen hinter uns.

„Natürlich übertreibt der gute Mann,“ dachte ich, „er ist gar zu wütend,

um unparteiisch zu urteilen. Aber andererseits ... was er da von meinem

Onkel sagt, ist noch sehr bemerkenswert. Da stimmen nun schon zwei

Aussagen überein. Nun, – aber daß mein Onkel die junge Dame liebt ...

Hm! Werde ich nun heiraten oder werde ich es nicht tun?“

Und diesmal kamen mir denn doch Bedenken.

Sämtliche Werke 16 · 第 10 / 28 题