R. Piper & Co. Verlag, München, 1920

R. Piper & Co. Verlag, München, 1920

6. bis 10. Tausend

Copyright 1920 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,

Verlag in München

Bayer. Hofbuchdruckerei Gebrüder Reichel, Augsburg.

Inhalt.

Seite

Humor in Rußland. Von Moeller van den Bruck V

Vorbemerkung. Von E. K. R. XVI

1. Kapitel. Stepantschikowo 1

2. „ Herr Bachtschejeff 37

3. „ Mein Onkel 65

4. „ Beim Tee 92

5. „ Jeshowikin 111

6. „ Vom weißen Ochsen und der Kamarinskaja 135

7. „ Foma Fomitsch 148

8. „ Die Liebeserklärung 176

9. „ „Ew. Exzellenz“ 186

10. „ Misintschikoff 211

11. „ Äußerste Verwunderungen 236

12. „ Die Katastrophe 259

13. „ Die Verfolgung 270

14. „ Neuigkeiten 296

15. „ Iljuschas Namenstag 303

16. „ Die Vertreibung 319

17. „ Foma Fomitsch als Schöpfer des allgemeinen 338

Glücks

18. „ Schluß 367

Nachbemerkungen 380

Zur Einführung.

Bemerkungen über russischen Humor.

Der Humor ist früher als die Dichtung. Das Humoristische umgibt ein Volk

mit einer zweiten Hautlichkeit, die schon lange an ihm bemerkt wird,

bevor das Volk selbst sie bemerkt. Der Don Quichotte im Spanier war

früher als die Figur, die Cervantes bildete. Das Figaronaturell der

Franzosen saß ihnen schon vor der Revolution im Beaumarchaistemperament.

Mit Eulenspiegeleien und Münchhausiaden, mit Streichen und Abenteuern in

Sagen und Anekdoten, entschädigten die Deutschen sich für ihre verlorene

Wirklichkeit, ehe ihnen Jean Paul mit der Laterne des gravitätischen

Kleinstädters den Nachthimmel einer kosmischen Komik entzündete, in der

Endlichkeit und Unendlichkeit durcheinanderrannen. Ebenso fand der Humor

in der russischen Dichtung seine Probleme bereits im russischen Leben

vor: in jener grotesken Unvereinbarkeit eines asiatischen und eines

europäischen Daseins, die durch die petrinische Kultur von Staats wegen

überwunden werden sollte, während sie gerade von dieser Kultur

geschaffen wurde, und die nun aus dem einzelnen Massen, der von Hause

aus ganz Natur war, durch Dressur eine Karikatur machte, deren

Widersprüche sich nicht auf das Kostüm beschränkten, sondern in der

Seele fortsetzten.

Es war ein Humor, der zunächst in der Wirkung auf uns liegt. Peter der

Große selbst ist als Gestalt der Geschichte von dieser Wirkung nicht

frei. Schon seine große Reise ins Ausland, die Rußland in Europa

berüchtigt machte, hatte die bekannten komischen schahhaften Züge. Und

wenn er dann später seinen Russen die Bärte scheren ließ, wenn er nur

rasierten Adel an seinem europäisierten Hofe duldete, andererseits aber

sich als russischer Selbstherrscher nicht scheute, nach gewonnener

Schlacht aus Freude über den Sieg seinen Soldaten im Lager

höchsteigenbeinig einen Kasatschak vorzutanzen, dann waren dies

Gegensätze, deren Humor in ihrer Naivität lag. Aber schon ein

Menschenalter nach Peter wurde dieser Humor zum Symbol in einem Manne,

der nicht mehr den Ernst Peters besaß, der die Pioniertradition, die

Peter für Rußland hatte schaffen wollen, durch eine Scharlatantradition

unterbrach und den Russen das Beispiel eines Schwindels hinterließ, der

sich in öffentlichen Angelegenheiten an alles Russische heftete und bei

dem Rußland sich immer am wohlsten fühlte. Der Mann war Potemkin.

Auch Potemkin hat eine Reise berühmt gemacht. Aber schon dadurch

unterschied sich die Reise der Katharina von derjenigen Peters, daß

Peter nach Europa ging, um zu lernen, Nützliches zu sehen, Erfahrungen

heimzubringen, Katharina dagegen nach dem Neurußland ihres Potemkin nur

gefahren zu sein scheint, um dem Günstling und Liebhaber die Gelegenheit

zu dem großen Betruge zu geben, der seinen Namen mit allem russischen

und menschlichen Scheinwesen dauernd verbinden sollte. Die Kulissen, mit

denen Potemkin damals seiner Kaiserin ein reichbesiedeltes wohlhabendes

glückliches Land vortäuschte, sind in Rußland nie gefallen. Ganze

Gouvernemente wurden zu den Blendzwecken dieser Reise entvölkert.

Bauern, Herden, Mensch und Vieh wurden an die Fahrstraße getrieben, über

die der Reisezug kommen sollte. Höchste Zufriedenheit der Kaiserin war

der Lohn für Potemkin. Tiefstes Elend der Bevölkerung war die Folge für

seine Provinz. Doch dies war immer gleichgültig in Rußland. Am wohlsten

fühlte Potemkin sich später als Satrap der Krim, in fanariotischen

Launen und bei echtrussischer Unmäßigkeit, im Kreise von Mätressen und

Musikanten, Schauspielern und Ballettänzern, und bei Gelagen, wo man

ihn, den ordengeschmückten Mann, wie ein französischer Bericht der Zeit

über ihn erzählt, nacheinander einen Schinken, eine gesulzte Gans und

drei Hühner, dazu durcheinander Met, Kwas und allerlei Wein vertilgen

sehen konnte. Und doch war auch dieser slawische Gargantua nicht ohne

die grübelnden und unberechenbaren Anwandlungen des echten Russen, war

bei aller fetten Gewöhnlichkeit ein sehr zusammengesetzter Mensch. Wie

ein orientalischer Großkönig konnte er fragen: Wer ist glücklicher als

ich? Aber wie ein dekadenter Bojar erhob er sich gleich darauf, nahm ein

köstliches Porzellan in die Hand, sah es hamletisch an und – warf es in

Scherben, um eilends davonzugehen und für Stunden sich einzuschließen.

Sein Hirn war unzufrieden vor Plänen, die sich nicht verwirklichen

ließen. Er selbst war, ewig genießend zwar, aber auch ewig unternehmend.

Als dann die politische Not herandrängte, wurde er freilich sehr klein.

Im Türkenkriege wollte er die eben eroberte Krim gleich wieder

herausgeben. Und während der Schlacht sah man ihn zagend und jammernd

auf dem Erdboden hocken. König von Dakien ist er nie geworden. Er starb

banal, an einem Schlagflusse.

Potemkins Seele jedoch flog über dieses ganze russische Volk, und als

Gogols Held auf einer dritten russischen Reise, die in der Welt berühmt

geworden ist, durch das weite Land fuhr, um tote Seelen zu kaufen, da

stieß er überall auf Potemkin. Käufer und Verkäufer, Schwindler und

Beschwindelte, Ausbeuter und Ausgebeutete: sie alle waren Potemkin. „Es

gibt Menschen,“ sagt Gogol einmal, „die auf der Welt nicht als eigene

Wesen vorhanden zu sein scheinen, sondern als Pünktchen oder Fleckchen

auf anderen Wesen.“ Alle Russen, denen Gogol auf seiner Reise begegnete,

alle die Büttel und Beamte der Autokratie und Bürokratie, alle die

Verdorbenen durch Korruption, durch Betrügen und Betrogenwerden,

schienen aus dem einen großen Kadaver Potemkins hervorgekrochen zu sein

und sich wie Pünktchen und Fleckchen, die in jedes russische Dorf, in

jede russische Kreisstadt getupft waren, über Rußland zu verstreuen.

Ganz Rußland bekam Potemkincharakter. Und auch die russische Dichtung,

der Humor, mit dem in ihr Rußland sich selbst erkannte, bekam diesen

Potemkincharakter.

Puschkin besang freilich den Helden, den ritterlichen Jüngling. Doch

Gogol meinte, daß es ein Gelächter gebe, welches sich würdig mit den

höheren, den lyrischen Regungen des Menschen vergleichen lasse und weit

entfernt von den Sprüngen eines gewöhnlichen Lustigmachers sei. Er fand

es billig, Freskocharaktere und Romanzeronaturelle zu skizzieren, Heroen

mit flammenden Augen, hängenden Brauen, einer gefurchten Stirn und einem

über die Schulter geworfenen Mantel. Deshalb wählte er das Alltägliche,

an dem ein gleichgültiger Blick vorüberzuschauen pflegt, und suchte es

mit seinen feinen und verborgenen, fast unsichtbaren und doch so

eigentümlichen Zügen zu erfassen. Er tat es gleichwohl mit Drastik, mit

einer Bildkraft, die so sicher wie neu war, mit einer Handschrift, die

das russische Land, in dem alles in größerem Maßstabe erscheint, die

Wälder und Steppen wie die Gesichter, Lippen und Füße, in einem breiten

und weiträumigen und doch wieder dichten und menschenerfüllten

Bilderbogen zusammenfaßte, volklich, holzschnitthaft und handbemalt. Er

sagte einmal: „Es gibt bekanntlich Gesichter, deren Verfertigung der

Natur nicht viel Kopfzerbrechen gekostet und zu denen sie gar keine

feineren Instrumente, als da sind Feilen, Bohrer und Zangen, gebraucht

zu haben scheint, Gesichter vielmehr, die wie mit der Axt gehauen sind,

so daß auf einen Schlag vielleicht die Nase entstand, auf einen anderen

das Auge, der Mund usw.; ohne Hobel anzulegen, schickte die Natur sie

dann in die Welt, indem sie ausrief: Gehet hin und lebt!“ Gogol tat wie

die Natur, solange es den Umriß galt, aber er gebrauchte gar viele

Feilen, Bohrer und Zangen, sobald er das Allzumenschliche hineinkerbte.

Er hatte wohl die Mitleidlosigkeit, russische Bauern wie Klötze

hinzustellen, mit Köpfen wie Brote, mit Bärten wie Holzkeile, oder auch

die Liebenswürdigkeit, einmal ein slawisches Mädchenoval mit einem

frischen Ei zu vergleichen, dessen durchsichtige Weiße die sorgfältige

Wirtschafterin durch das Sonnenlicht betrachtet. Aber sein größerer

Vorwurf war die russische Provinzgesellschaft potemkinischer Herkunft

mit ihren zweifelhaften Zwischengestalten, die in unzähligen Exemplaren

vorkommen und von denen eine jede ein Original ist. Hier verband sich im

Leben die Einfalt mit der Geriebenheit. Und hier gehörte in der Dichtung

zur Kontur die Nuance.

Um die russische Erbsünde am russischen Menschen zu strafen, wählte

Gogol keinen Tugendhelden, sondern einen Spitzbuben. Er umgab ihn mit

seinesgleichen und belebte den patriarchalischen Hintergrund Rußlands

mit den fatalen Gestalten seines Realismus. Gogols Kenntnis des

russischen Menschen wurde zur Erkenntnis des russischen Schicksals. Er

sprach von den Eigenschaften der Rasse, sprach von seinen Landsleuten,

die nie etwas erreichen, weil sie schon gleich, wenn sie anfangen,

völlig befriedigt sind und daher alles getan glauben und sich fürder

gehen lassen. Er sprach auch davon, daß der russische Erfindungsgeist,

mochte innerlich jeder Russe noch so „nach Fortschritt lechzen“, immer

nur durch Druck zur Tätigkeit angetrieben werden könne. Er machte sich

lustig über die Reformer aller Art, zeigte in dem Versuch jeder Ordnung

das Verhängnis ewiger Unordnung auf und gab an einer grimmigen Stelle in

den „Toten Seelen“, an der er ein russisches Landgut schilderte, das nur

aus Büros und Ressorts, Zentralen und Filialen, Plakaten und Avisen

bestand, die Karikatur aller Organisationsversuche in Rußland. Den Grund

dieser Leidigkeit aber fand er dort, wo der Russe die Ordnung und die

Organisation, die das Gegenteil des Chaos sind, das er in sich trägt, in

der Vollendung suchen zu können glaubt: in den Einflüssen des

Westlertums, Europas. Er fragte, ob es nicht ärgerlich sei, so sehen zu

müssen, wie der Charakter des Russen durch Bildung verstümmelt werde:

„denn die sogenannte Humanität erzeugt, wenn sie zur Manie wird, doch

nur Don Quichotte“. Organisiert erschien in Rußland lediglich die

Korruption: sie ist die Gesamtfunktion des Staates, wie sie das

Lebensmotiv des Einzelnen ist. Gogols letzter menschlicher Rat für

Rußland war ein Lob des Landlebens, als der letzten Stätte russischer

und menschlicher Reinheit: dort, auf dem Lande „gibt es im Leben des

Menschen keinen leeren Raum, dort geht der Mensch eins und einig mit der

Natur, mit den Jahreszeiten, und nimmt Anteil an allem, was sich in der

Schöpfung vollzieht“. Sein letztes geistiges Wort an Rußland aber war

ein Gebet zu Gott: „ergreift irgendeine Beschäftigung, ergreift sie so,

als ob ihr das, was ihr tut, für Ihn und nicht für die Menschen tätet!“

Dostojewskis erstes und letztes Wort war dagegen der Mensch, war Gott um

des Menschen willen, Gott und Mensch in Verbundenheit. Das unterscheidet

ihn von Gogol, mit dem er als Russe den Konservativismus, das Leben aus

der Urzelle teilte, und als Dichter das Problem Rußlands, die Korruption

im Russentume, die Korrumpierung des russischen Menschen durch Bildung,

durch Westlertum, durch das petrinische Phantom. Von der tragischen

Schuld, die der Russe damit für Rußland auf sich geladen hatte, befreite

er ihn in seinen großen Romanen, in der apokalyptischen Epik, die sich

in den „Brüdern Karamasoff“ zum Berg der Läuterung türmte. Ein Inferno,

eine Messe des schwarzen Terror, machte er daraus in den „Dämonen“, in

denen der Politiker Dostojewski, der immer gegen das Zeitliche das Ewige

setzte, die revolutionäre Ideologie in ihrer ethischen Untiefe und

metaphysischen Verworrenheit bloßstellte. Und eine Groteske machte er

daraus in einer so bizarren Erzählung wie dem „Gut Stepantschikowo“, in

dem der Ironiker Dostojewski die russische Bildung, Unbildung,

Halbbildung gleich einem Teufel austrieb.

Gogol blieb unversöhnt und unversöhnlich. Sein Lachen war wohl voll

Verliebtheit in den Gegenstand, aber blieb voll Bitterkeit zum Leben,

blieb, wie es boshaft war, böse zu den Menschen. Dostojewski dagegen

legte in seinen Humor seine Liebe zu den Menschen, zu den Russen und

Rußland. Der Humor war für ihn ein Mittler, um diese russischen

Menschen, die im Leben vielleicht hassenswert genug erschienen, wieder

liebenswert in der Dichtung zu machen. Die Komik hängte er ihnen nicht

an, gleich einer Schelle, die immer und überall den Narren verrät, wie

Gogol tat. Die Komik legte er in die Menschen nur hinein, als eine

Versöhnung mit ihnen in jeder Lage, in die das Leben sie bringt. Gogol

war mitleidlos, der unbarmherzige Charakterologe, der die Menschen in

Typen hinstellt, und einem jeden, wie mit einem Zettel, einer Marke,

einer Nummer, die er ihnen anheftet, seinen Steckbrief mitgibt. Der

Psychologe Dostojewski dagegen löste noch eine Hülle mehr von den

Menschen und legte ihre Seele bloß, die den Körper belebt, und selbst

den Kadaver belebte, auch wenn er sie verdeckte.

Sogar der ewige Potemkin im russischen Leben war für ihn nicht nur

Figur, sondern Mensch. Er kannte diesen Menschen mit allen seinen

Schwachheiten, seinen sprunghaften europäischen Anstrengungen, seinen

ewigen russischen Unzulänglichkeiten. Er sagte einmal: „Für mich ist die

höchste Komik – eine Tätigkeit, die niemandem nützt.“ Das war russisch,

das war in Rußland beobachtet, wo die einzige bemerkenswerte Tätigkeit

seit langem die bürokratische des Staates und die dilettantische einer

Bildung waren, die beide diesen russischen Menschen nur verdarben, der

vor allem auf sich selbst beruhen will. Aber die Gestalt, die

Dostojewski dann aus diesen verdorbenen russischen Menschen machte, aus

den schuldigen und den unschuldigen, war die Gestalt der Güte, die er zu

ihnen empfand. Er hetzte dazu die Menschen durch alle ihre

Menschlichkeiten, aber er hetzte sie nur so lange, bis er sie dort

hatte, wo er sie haben wollte, wo er ihre Komik herausbekam, und er sie

durch ihre Menschlichkeit rechtfertigen konnte. Dostojewski kannte

diesen Weg zum Humor, der auch noch immer schmerzlich ist, und dennoch

erlösend für den, der den Humor besitzt, wie für den, den er betrifft:

„Humor,“ sagte er ein anderes Mal, „ist die Spitzfindigkeit eines tiefen

Gefühls.“

Hinter diesem Gefühl lag bei ihm der Glaube an Rußland, an die Kraft,

Jugend und Urgesundheit des russischen Volkes, das unzerstörbar ist und

alle Potemkinaden der Aufklärung, der bürokratischen wie der

literarisch-westlerischen, in innerer Unversehrtheit überdauert. Auch

sein Humor war eine Form seiner russischen Religiosität. Im Humor der

Völker mischen sich immer ein Menschliches und ein Seeliges, ein

Empirisches und ein Transzendentes. Humor ist von jener Welt und äußert

sich doch in dieser. Eine Liebe fällt aus dem Himmel auf die Erde, ein

Lachen auf das Leid. Ja, so tief im Seelischen, in der Herzlichkeit der

Dinge, die sind, und des Menschen, der sie anschaut, ist der Humor der

Russen verwurzelt, daß er selbst dort, wo er zur Satire wird, sich zu

entschuldigen und mit allem, was Anlaß zur Satire gibt, zu versöhnen

sucht. Was dieser Humor gibt, mittelbar bei Gogol, unmittelbar bei

Dostojewski, das ist in der Form einer großen Versöhnung mit Rußland

eine große Entschuldigung Rußlands. Auch Dostojewski, der große Leidende

für den russischen Menschen in jedwedem Menschen, nahm nur die

Überlieferung auf, die sich fast von den Reformen Peters an durch die

Literatur Rußlands gezogen hatte. Damals war zum ersten Male die

Schicksalsfrage des Russentums gestellt worden: Europäertum oder

Asiatentum? Fremdkultur oder Eigenkultur? oder, wie sie später

formuliert wurde, Anschluß an die Partei der Westler? oder an die der

Slawophilen? Und nicht müde war man von da an geworden, von Kantemir bis

Vonwisin und Gribojedoff, den Konflikt in dieser Frage in Satiren

auszutragen. Dann wurde die Korruption das tragikomische Thema Gogols,

des „Revisors“ und der „toten Seelen“. Die Korruption war das moralische

Nebenproblem des geistigen Grundproblems: wie kommt Rußland wieder zu

sich selbst, auf daß es von sich selbst erlöst werde? Diese Frage wurde

das zentrale Lebensproblem, das Dostojewski in Rußland vorfand und das

über die russische Gesellschaft hinaus den russischen Menschen anging.

Um dieses Problemes willen zog Dostojewski aus, um lebende Seelen zu

kaufen. Und niemals wurde es ihm klarer als damals, da er aus Sibirien

heimkehrte, aus der Einsamkeit in die Gesellschaft zurücktrat. Da sah er

seines Volkes große und kleine Laster, sah seine Häßlichkeiten, und in

den Häßlichkeiten seine geheime Schönheit, aber auch seine offenbare

Lächerlichkeit. Er, der ein Dichter war, weil er ein Dulder war,

durchschaute mit einem Male die Halben und Leeren, die wandelnden

Karikaturen der Literatur und der Politik, die Poeten und Nihilisten,

die Emanzipierten und Bildungsphilister. Er wurde nicht wahnsinnig über

dieser verrückten Welt, wie Gogol über seiner verdorbenen geworden war.

Er fand in der Tragik die Schuld, und im Humor immer noch die

Entschuldigung der Menschen: Rußlands.

Sämtliche Werke 16 · 第 6 / 28 题