4. Die Darmstädter Zollkonferenzen.

Sehr wichtig wurde die große Handelskonferenz der süddeutschen und einiger

mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gemäß, am

13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die

Unruhe in der Uhr. Unermüdlich kam er von Frankfurt herübergeritten, immer

zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzöllner List und

dem Freihändler Nebenius; denn aus diesem Handelstage mußte unfehlbar der

politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben

die Darmstädter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Pläne

und Gegenpläne noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel

übereinander drängten. Sie dienten als ein Läuterungsprozeß, der die

unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik

ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden

Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der

Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins

ernstlich zu erwägen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes

Scheitern, daß ein Zollverein ohne Preußen unmöglich war. Von einem

binnenländischen Wirtschaftsgebiete, dem die Küste fehlte, konnte niemals

eine lebensfähige nationale Handelspolitik ausgehen.

Kein Wunder freilich, daß die mißhandelte Nation den ersten Versuch zur

Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen

belohnten den hochherzigen Entschluß der Höfe. Badische Landwirte

bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstädter

Konferenzen sei »der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften

Nationalinstitute«. Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst

unter den deutschen Geschäftsmännern die nationale Bedeutung des

preußischen Zollgesetzes erkannt hatte, ließ sich jetzt durch die

Zeitströmung fortreißen und bat seinen Herzog um Anschließung an die

süddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der überlegenen

preußischen Fabriken nicht ertragen könne. Die Wünsche und Erwartungen des

Publikums gingen freilich hergebrachtermaßen nach allen Himmelsrichtungen

auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten

Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll könne der Zentner Kolonialwaren

schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den üblichen

Ausfällen gegen »jene stolzen Ausländer«. In der bayrischen Kammer

beantragte der Abgeordnete Köster eine deutsche Nationaltracht aus

deutschen Stoffen; schon in der Volksschule müsse den Kindern der

patriotische Abscheu vor ausländischen Waren eingeflößt werden. Die

Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zölle wider den

Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Plätzen die Vorteile

gewähren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebührlich großen Kapitalien

verdanke; den Rheinpreußen müsse er jede Erleichterung versagen, so lange

nicht der preußische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich

unterwerfe.

Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften

Lists und seiner Genossen, die sich allmählich ganz in die Irrtümer des

starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in

einer für die Darmstädter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821):

Verbot aller auswärtigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch

Surrogate ersetzen können; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland,

Hannover, den Hansestädten und Holstein müsse man sich zu verbinden

suchen; der König von Dänemark werde als treuer deutscher Bundesfürst

sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu

decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen

patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen

des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten

vertreten ließ, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmächtigte Nebenius

verbot seinem Sekretär, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins

Gesicht, seine Anwesenheit sei überflüssig, errege schlimme Gerüchte. List

blieb ohne jeden Einfluß auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett

hielt für nötig, seinem Gönner Metternich von vornherein zu beteuern: nur

das Gebot der Selbsterhaltung, »nicht die einseitigen, trügerischen, von

einer kleinen Schar eigensüchtiger Fabrikanten ausgegangenen

Deklamationen« hätten das Darmstädter Unternehmen hervorgerufen.

Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die öffentliche

Meinung, denn die verbündeten Staaten bildeten nur scheinbar eine

geographische Einheit. Sobald man den Geschäften ernsthaft ins Auge sah,

zeigte sich, daß eine natürliche Gemeinschaft süddeutscher

Volkswirtschaft, dem Norden gegenüber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder

einmal jene eigentümliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft

schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt

hat zwischen Nord und Süd. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem

rheinischen Tieflande durch stärkere Interessen verbunden als den

bayrisch-schwäbischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thüringen wurden nur

durch eine politische Schrulle, durch den Haß gegen Preußen, in diese

süddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof

von vornherein unlustig und ablehnend. Die thüringischen Staaten begannen

schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an

den Darmstädter Konferenzen teil und belästigten das Berliner Kabinett mit

nichtssagenden allgemeinen Anfragen — die bare Ratlosigkeit des

Nichtwollens und Nichtkönnens.

Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten!

In Baden verboten sich hohe Zölle von selbst, weil das gesamte Land nur

aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes

Mautwesen besaß. Die Regierung verstand die günstige Handelslage des

Staates geschickt auszubeuten, sie begnügte sich mit sehr niedrigen

Finanzzöllen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden

lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Großindustrie

konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fuß fassen; sie galt im

Finanzministerium für überflüssig. Auch das Volk vermißte sie nicht, da

der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen

Nachbarn aber klagten laut; denn ein großartiger Schmuggelhandel trieb von

Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der

Regierung unziemliche Nachsicht; manche häßliche Skandalfälle, so der

ungeheure Defraudationsprozeß der Firma Renner, erinnerten an Köthensche

Zustände. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches

System, das keine Grenzzölle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand

aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domänen bestritt; der Mainzer

Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte,

beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hüten. In Nassau ging das

herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgärten und Mineralwassern

jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die

Fabriken für staatsgefährlich, Grenzzölle zum mindesten für bedenklich und

führte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein

finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der mächtige Beamtenstand befand

sich wohl bei der unnatürlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen

Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besaß bereits

in Franken und Schwaben die ersten Anfänge einer aufstrebenden

Großindustrie; die bayerischen Zölle standen im Durchschnitt etwas

niedriger als die preußischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der

unverhältnismäßigen Kosten der Grenzbewachung. Der württembergische

Gewerbefleiß blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurück; die

Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem

Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzöllnerischen Wünschen der

bayrischen Fabrikanten.

So abweichende Richtungen zu versöhnen war unmöglich auf dem engen Raume

eines süddeutschen Verbandes. Allein ein großes freies Marktgebiet konnte

die Staaten genugsam entschädigen für die unvermeidlichen Opfer und

Belästigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und

diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschluß an

Preußen, der von sämtlichen Teilnehmern grundsätzlich verworfen wurde.

»Wir alle — so gestand du Thil späterhin selber — strebten ja einzig

darnach Front gegen Preußen zu machen.« Selbst die politische Eintracht

der Verbündeten stand auf schwachen Füßen, wie laut auch die Liberalen den

natürlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. … Es war ein

Unglück für die Konferenz, daß ihr mehrere Bundesgesandte als

Bevollmächtigte angehörten und also auch noch die Ränke und Klatschereien

der Eschenheimer Gasse in das wüste Durcheinander der Beratungen

hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein

greiser Großherzog, mit nüchternem Geschäftsverstande und wollte von

politischen Hintergedanken nichts hören. Marschall und nach einigem

Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg.

Das Münchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Während

Aretin(50), der erste Bevollmächtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt

vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) … den

süddeutschen Handelsverein ehrlich wünschte, betrachtete Graf Rechberg(52)

die Darmstädter Konferenz mit Mißtrauen, und der zweite Bevollmächtigte

Jörres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um

die Verhandlungen zu erschweren. Mit zähem Eigensinn hielt jeder Hof seine

Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete

handelspolitische Überzeugung besaß; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein

Verrat an der eigenen Souveränität. So fehlten alle Vorbedingungen einer

Verständigung.

Ein prunkendes Aushängeschild für den Verein war rasch gefunden. Die

Handelspolitik der Verbündeten sollte auf dem

»staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe« ruhen — ein schönes Wort, dem

leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tüchtigste

Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag

beauftragt, einen Entwurf für die Beratungen auszuarbeiten. Voll

Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der

süddeutschen Bureaukratie, daß die Beseitigung der Binnenmauten den

Partikularismus kräftigen müsse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll:

durch unseren Verein »wird den Einheitspredigern das wichtigste und

schlagendste Argument siegreich entrissen.« Jedoch der Plan, den er am

27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war für

alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger

Finanzzölle vor, für den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., für

Fabrikwaren 5 bis 15 fl. — Sätze, welche Aretin viel zu gering fand. Der

Streit blieb unlösbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Gründe

stützten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die

Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewiß

genügten die badischen Zölle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu

schützen.

Nebenius wollte ferner alle Zölle an den Grenzen erheben, keine Packhöfe

dulden, nur die Rheinhäfen außerhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter

verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim

zu Hauptstapelplätzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern

lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zöllen seien Lagerhäuser

entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt

festhalten und nicht den natürlichen Mittelpunkt des oberrheinischen

Speditionshandels zugunsten kleinerer Plätze benachteiligen. In demselben

Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, daß den

Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei

einlasse, Zölle für ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen

alle rückwärts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen

Zolleinnahmen vergaß Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings

unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkünfte besaß. Er verlangte

als Maßstab: die Kopfzahl und die Länge der Grenzen, welche jeder Staat zu

bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man

müsse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des

Gebiets — weil Bayern dünner bevölkert war als die Nachbarlande.

Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von

Bevollmächtigten anvertrauen, die alljährlich zusammenzutreten und mit

einfacher Mehrheit zu beschließen hätte. Der Münchener Hof aber war nicht

geneigt, sich den kleinen Mitverbündeten also zu unterwerfen; Aretin trug

das Selbstgefühl der Macht rücksichtslos zur Schau und forderte für jede

halbe Million eine Stimme — das wollte sagen: die Stimmenmehrheit für

Bayern allein — was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als »ein

allzu naiver Versuch« zurückgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich

sollte von einem gemeinsamen Beamtentum geführt, durch eine permanente

Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese

Zentralverwaltung zunächst geringen Anstoß. Die schwäbische Bureaukratie

sprach sogar lebhaft dafür. Dem allmächtigen Stande der württembergischen

Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen

aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden ließ, so

erschien die Zentralverwaltung als das geringere Übel; sie mußte doch aus

jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die

Staaten ihre selbständige Zollverwaltung, so hatte Württemberg nur zwei

Grenzmeilen am Bodensee zu überwachen, und die ganze Herrlichkeit der

königlichen Mautverwaltung brach zusammen!

Die Verhandlung über jene Streitfragen ward bald gereizt und gehässig.

Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit über

die Gegner, die doch vielfach wohlbegründeten Einspruch erhoben. Zudem

vertrat noch jeder Staat seine eigentümlichen Wünsche. Reuß und Weimar

wollten das Geleitsgeld für ihre imaginären Harnischreiter nicht ohne

Entschädigung aufgeben. Der Kurfürst von Hessen weigerte sich, seine

Transitzölle dem Vereine zu überlassen, forderte zum mindesten ein

Präzipuum(53) für den starken Konsum französischer Weine, worauf man mit

der kecken Lüge antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in

Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein

Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen würde. Derweil also die

Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette,

einmal selbst der bayrische Hof, auf Preußens Zutritt! Wiederholt besprach

man in Darmstadt die Aufnahme der preußischen Rheinlande; dem kreisenden

Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preußen die schwer erkämpfte

handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreißen! …

Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet,

erklärte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmächtigte, sein Hof

verlange, daß das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur

Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach

anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines

zu erproben. Frankreich erließ am 23.–April 1822 ein neues Douanengesetz,

das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte,

die wichtigsten Gegenstände der Einfuhr aus Süddeutschland, Schlachtvieh

und Wolle mit unerschwinglichen Zöllen belegte. Der Schlag traf fast alle

süddeutschen Lande gleichmäßig; sollte nicht mindestens gegen diesen

Angriff gemeinsame Abwehr möglich sein? Man verhandelte und verhandelte.

Baden verbot (17.–Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Württemberg

schloß sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verständigung zu

erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die

Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten

(12.–August) erwiderte der Österreicher: »es ist kaum zu erwähnen nötig,

wie sehr bereit wir sind«, den deutschen Bundesstaaten jede Gefälligkeit

zu erweisen; aber das französische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen

Meinung und eines »national-ökonomischen Systems, das faktisch das

Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist.« Das war die Hilfe, welche

Deutschlands Volkswirtschaft von Österreich zu erwarten hatte! Zuletzt

riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der süddeutschen Höfe nur

einen neuen gehässigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die

bayrische Pfalz keine Mauten besaß, so mußte Baden, um die französischen

Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen Überrhein

verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlaßte — und so weiter ins

Unendliche.

Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwärts zu

rücken. Bayern, ermutigt durch einen drängenden Beschluß seines Landtags,

legte sich kräftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen

Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschläge. Aber noch

immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herüber und hinüber. Da

verlor die darmstädtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage

baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklärte jetzt (Februar

1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt für sein

eignes Haus sorgen.

Die preußische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen

Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der

Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes überzeugte, und ließ sich in ihrer

kühlen Geringschätzung nicht stören, als die landesüblichen Kraftreden

wider Preußens Zollsystem auch auf der Darmstädter Konferenz erklangen.

Eine Denkschrift des Auswärtigen Amtes bemerkte darüber späterhin trocken:

»Man wählte in Darmstadt Preußen zum Stichblatt, weil man dadurch die

öffentliche Meinung gewann und seine eigenen Pläne leichter durchsetzen

konnte.« Metternich hingegen, der den Darmstädter Plänen keinen

fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wußte, ward der Sorgen nicht ledig.

Schon vor Eröffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den

Einfluß der Subalternen und der Landstände fern zu halten. Zugleich mußte

Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht äußern, ob vielleicht

Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehöre. Der badische Minister

versuchte seinen Gönner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene

Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hüten: »Auch aus dem

Einfachsten wird Gift gesogen. Rücksichten, die mehr gefühlt als

bezeichnet werden können, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung

zu gestatten.« Gleichwohl blieb Metternich argwöhnisch, und sein Marschall

gestand ihm wehmütig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale

leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehöre, so könne die

Handelssache von den Revolutionären allerdings leicht für ihre

Einheitsträume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Mißerfolg der

Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser

Verschwörer Wangenheim war überall, selbst das badische Land sollte er zu

Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu

besprechen. …

Am 3. Juli 1823 erklärte schließlich du Thil den Austritt seines

Großherzogs aus der Darmstädter Konferenz, weil Hessen außerstande sei,

die Ordnung seines Zollwesens noch länger zu verschieben. Nassau folgte

dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu

verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongreß

auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an

der Unmöglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen

zusammenzuhalten.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff.

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50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August

1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter.

51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober

1843, war von 1817–1825 bayrischer Finanzminister.

52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenlöwen, geb. 18. September 1766,

gest. 10. März 1849, war bayrischer Minister des Auswärtigen.

Die Gründung des Deutschen Zollvereins · 第 18 / 34 题