Wilhelm ward in ein Mansardzimmerchen geführt; das Haus war neu und so
klein, als es beinah nur möglich war, äußerst reinlich und ordentlich.
In Theresen, die ihn und Lydien an der Kutsche empfangen hatte, fand
er seine Amazone nicht, es war ein anderes, ein himmelweit von ihr
unterschiedenes Wesen. Wohlgebaut, ohne groß zu sein, bewegte sie
sich mit viel Lebhaftigkeit, und ihren hellen, blauen, offnen Augen
schien nichts verborgen zu bleiben, was vorging.
Sie trat in Wilhelms Stube und fragte, ob er etwas bedürfe.
"Verzeihen Sie", sagte sie, "daß ich Sie in ein Zimmer logiere, das
der ölgeruch noch unangenehm macht; mein kleines Haus ist eben fertig
geworden, und Sie weihen dieses Stübchen ein, das meinen Gästen
bestimmt ist. Wären Sie nur bei einem angenehmern Anlaß hier! Die
arme Lydie wird uns keine guten Tage machen, und überhaupt müssen Sie
vorliebnehmen; meine Köchin ist mir eben zur ganz unrechten Zeit aus
dem Dienste gelaufen, und ein Knecht hat sich die Hand zerquetscht.
Es täte not, ich verrichtete alles selbst, und am Ende, wenn man sich
darauf einrichtete, müßte es auch gehen. Man ist mit niemand mehr
geplagt als mit den Dienstboten; es will niemand dienen, nicht einmal
sich selbst."
Sie sagte noch manches über verschiedene Gegenstände, überhaupt schien
sie gern zu sprechen. Wilhelm fragte nach Lydien, ob er das gute
Mädchen nicht sehen und sich bei ihr entschuldigen könnte.
"Das wird jetzt nicht bei ihr wirken", versetzte Therese; "die Zeit
entschuldigt, wie sie tröstet, Worte sind in beiden Fällen von wenig
Kraft. Lydie will Sie nicht sehen. "Lassen Sie mir ihn ja nicht vor
die Augen kommen", rief sie, als ich sie verließ, "ich möchte an der
Menschheit verzweifeln! So ein ehrlich Gesicht, so ein offnes
Betragen und diese heimliche Tücke!" Lothario ist ganz bei ihr
entschuldigt, auch sagt er in einem Briefe an das gute Mädchen: "Meine
Freunde beredeten mich, meine Freunde nötigten mich!" Zu diesen
rechnet Lydie Sie auch und verdammt Sie mit den übrigen."
"Sie erzeigt mir zuviel Ehre, indem sie mich schilt", versetzte
Wilhelm, "ich darf an die Freundschaft dieses trefflichen Mannes noch
keinen Anspruch machen und bin diesmal nur ein unschuldiges Werkzeug.
Ich will meine Handlung nicht loben; genug, ich konnte sie tun! Es
war von der Gesundheit, es war von dem Leben eines Mannes die Rede,
den ich höher schätzen muß als irgend jemand, den ich vorher kannte.
O welch ein Mann ist das, Fräulein! und welche Menschen umgeben ihn!
In dieser Gesellschaft hab ich, so darf ich wohl sagen, zum erstenmal
ein Gespräch geführt, zum erstenmal kam mir der eigenste Sinn meiner
Worte aus dem Munde eines andern reichhaltiger, voller und in einem
größern Umfang wieder entgegen; was ich ahnete, ward mir klar, und was
ich meinte, lernte ich anschauen. Leider ward dieser Genuß erst durch
allerlei Sorgen und Grillen, dann durch den unangenehmen Auftrag
unterbrochen. Ich übernahm ihn mit Ergebung: denn ich hielt für
Schuldigkeit, selbst mit Aufopferung meines Gefühls diesem trefflichen
Kreise von Menschen meinen Einstand abzutragen."
Therese hatte unter diesen Worten ihren Gast sehr freundlich angesehen.
"O wie süß ist es", rief sie aus, "seine eigne überzeugung aus einem
fremden Munde zu hören! Wie werden wir erst recht wir selbst, wenn
uns ein anderer vollkommen recht gibt. Auch ich denke über Lothario
vollkommen wie Sie; nicht jedermann läßt ihm Gerechtigkeit widerfahren,
dafür schwärmen aber auch alle die für ihn, die ihn näher kennen, und
das schmerzliche Gefühl, das sich in meinem Herzen zu seinem Andenken
mischt, kann mich nicht abhalten, täglich an ihn zu denken." Ein
Seufzer erweiterte ihre Brust, indem sie dieses sagte, und in ihrem
rechten Auge blinkte eine schöne Träne. "Glauben Sie nicht", fuhr sie
fort, "daß ich so weich, so leicht zu rühren bin! Es ist nur das Auge,
das weint. Ich hatte eine kleine Warze am untern Augenlid, man hat
mir sie glücklich abgebunden, aber das Auge ist seit der Zeit immer
schwach geblieben, der geringste Anlaß drängt mir eine Träne hervor.
Hier saß das Wärzchen, Sie sehen keine Spur mehr davon."
Er sah keine Spur, aber er sah ihr ins Auge, es war klar wie Kristall,
er glaubte bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen.
"Wir haben", sagte sie, "nun das Losungswort unserer Verbindung
ausgesprochen; lassen Sie uns so bald als möglich miteinander völlig
bekannt werden. Die Geschichte des Menschen ist sein Charakter. Ich
will Ihnen erzählen, wie es mir ergangen ist; schenken Sie mir ein
gleiches Vertrauen, und lassen Sie uns auch in der Ferne verbunden
bleiben. Die Welt ist so leer, wenn man nur Berge, Flüsse und Städte
darin denkt, aber hie und da jemand zu wissen, der mit uns
übereinstimmt, mit dem wir auch stillschweigend fortleben, das macht
uns dieses Erdenrund erst zu einem bewohnten Garten."
Sie eilte fort und versprach, ihn bald zum Spaziergange abzuholen.
Ihre Gegenwart hatte sehr angenehm auf ihn gewirkt, er wünschte ihr
Verhältnis zu Lothario zu erfahren. Er ward gerufen, sie kam ihm aus
ihrem Zimmer entgegen.
Als sie die enge und beinah steile Treppe einzeln hinuntergehen mußten,
sagte sie: "Das könnte alles weiter und breiter sein, wenn ich auf
das Anerbieten Ihres großmütigen Freundes hätte hören wollen; doch um
seiner wert zu bleiben, muß ich das an mir erhalten, was mich ihm so
wert machte. Wo ist der Verwalter?" fragte sie, indem sie die Treppe
völlig herunterkam. "Sie müssen nicht denken", fuhr sie fort, "daß
ich so reich bin, um einen Verwalter zu brauchen; die wenigen Acker
meines Freigütchens kann ich wohl selbst bestellen. Der Verwalter
gehört meinem neuen Nachbar, der das schöne Gut gekauft hat, das ich
in- und auswendig kenne; der gute alte Mann liegt krank am Podagra,
seine Leute sind in dieser Gegend neu, und ich helfe ihnen gerne sich
einrichten."
Sie machten einen Spaziergang durch äcker, Wiesen und einige
Baumgärten. Therese bedeutete den Verwalter in allem, sie konnte ihm
von jeder Kleinigkeit Rechenschaft geben, und Wilhelm hatte Ursache
genug, sich über ihre Kenntnis, ihre Bestimmtheit und über die
Gewandtheit, wie sie in jedem Falle Mittel anzugeben wußte, zu
verwundern. Sie hielt sich nirgends auf, eilte immer zu den
bedeutenden Punkten, und so war die Sache bald abgetan. "Grüßt Euren
Herrn", sagte sie, als sie den Mann verabschiedete; "ich werde ihn so
bald als möglich besuchen und wünsche vollkommene Besserung. Da
könnte ich nun auch", sagte sie mit Lächeln, als er weg war, "bald
reich und vielhabend werden; denn mein guter Nachbar wäre nicht
abgeneigt, mir seine Hand zu geben."
"Der Alte mit dem Podagra?" rief Wilhelm, "ich wüßte nicht, wie Sie in
Ihren Jahren zu so einem verzweifelten Entschluß kommen könnten.
"--"Ich bin auch gar nicht versucht!" versetzte Therese. "Wohlhabend
ist jeder, der dem, was er besitzt, vorzustehen weiß; vielhabend zu
sein ist eine lästige Sache, wenn man es nicht versteht."
Wilhelm zeigte seine Verwunderung über ihre Wirtschaftskenntnisse.
"Entschiedene Neigung, frühe Gelegenheit, äußerer Antrieb und eine
fortgesetzte Beschäftigung in einer nützlichen Sache machen in der
Welt noch viel mehr möglich", versetzte Therese, "und wenn Sie erst
erfahren werden, was mich dazu belebt hat, so werden Sie sich über das
sonderbar scheinende Talent nicht mehr wundern."
Sie ließ ihn, als sie zu Hause anlangten, in ihrem kleinen Garten, in
welchem er sich kaum herumdrehen konnte; so eng waren die Wege, und so
reichlich war alles bepflanzt. Er mußte lächeln, als er über den Hof
zurückkehrte, denn da lag das Brennholz so akkurat gesägt, gespalten
und geschränkt, als wenn es ein Teil des Gebäudes wäre und immer so
liegenbleiben sollte. Rein standen alle Gefäße an ihren Plätzen, das
Häuschen war weiß und rot angestrichen und lustig anzusehen. Was das
Handwerk hervorbringen kann, das keine schönen Verhältnisse kennt,
aber für Bedürfnis, Dauer und Heiterkeit arbeitet, schien auf dem
Platze vereinigt zu sein. Man brachte ihm das Essen auf sein Zimmer,
und er hatte Zeit genug, Betrachtungen anzustellen. Besonders fiel
ihm auf, daß er nun wieder eine so interessante Person kennenlernte,
die mit Lothario in einem nahen Verhältnisse gestanden hatte. "Billig
ist es", sagte er zu sich selbst, "daß so ein trefflicher Mann auch
treffliche Weiberseelen an sich ziehe! Wie weit verbreitet sich die
Wirkung der Männlichkeit und Würde. Wenn nur andere nicht so sehr
dabei zu kurz kämen! Ja, gestehe dir nur deine Furcht. Wenn du
dereinst deine Amazone wieder antriffst, diese Gestalt aller Gestalten,
du findest sie trotz aller deiner Hoffnungen und Träume zu deiner
Beschämung und Demütigung doch noch am Ende--als seine Braut."