Viertes Kapitel

Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon

kennen und dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts

verdanken. Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten und schien

mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann hatte er mit Jarno

eine lange Unterredung, doch ließen sie nichts merken, als sie abends

zu Tische kamen.

Wilhelm begrüßte ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach

seinem Harfenspieler. "Wir haben noch Hoffnung, den Unglücklichen

zurechtezubringen", versetzte der Arzt. "Dieser Mensch war eine

traurige Zugabe zu Ihrem eingeschränkten und wunderlichen Leben",

sagte Jarno. "Wie ist es ihm weiter ergangen? Lassen Sie mich es

wissen."

Nachdem man Jarnos Neugierde befriedigst hatte, fuhr der Arzt fort:

"Nie habe ich ein Gemüt in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit

vielen Jahren hat er an nichts, was außer ihm war, den mindesten

Anteil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloß in sich gekehrt,

betrachtete er sein hohles, leeres Ich, das ihm als ein unermeßlicher

Abgrund erschien. Wie rührend war es, wenn er von diesem traurigen

Zustande sprach! "Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir", rief

er aus, "als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der

schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein Gefühl bleibt mir als das

Gefühl meiner Schuld, die doch auch nur wie ein entferntes,

unförmliches Gespenst sich rückwärts sehen läßt. Doch da ist keine

Höhe, keine Tiefe, kein Vor noch Zurück, kein Wort drückt diesen immer

gleichen Zustand aus. Manchmal ruf ich in der Not dieser

Gleichgültigkeit: 'Ewig! ewig!' mit Heftigkeit aus, und dieses

seltsame, unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis

meines Zustandes. Kein Strahl einer Gottheit erscheint mir in dieser

Nacht, ich weine meine Tränen alle mir selbst und um mich selbst.

Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe, denn sie allein

locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, die mich umgeben,

wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus

dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen und um mir zuletzt auch

das teure Bewußtsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben."

Sie sollten ihn hören", fuhr der Arzt fort, "wenn er in vertraulichen

Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der größten Rührung

habe ich ihm einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das

ihn nötigt, einen Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so

scheint er wie erstaunt, und dann verwirft er wieder die Veränderung

an den Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines Abends

sang er ein Lied über seine grauen Haare; wir saßen alle um ihn her

und weinten."

"O schaffen Sie es mir!" rief Wilhelm aus.

"Haben Sie denn aber", fragte Jarno, "nichts entdeckt von dem, was er

sein Verbrechen nennt, nicht die Ursache seiner sonderbaren Tracht,

sein Betragen beim Brande, seine Wut gegen das Kind?"

"Nur durch Mutmaßungen können wir seinem Schicksale näherkommen; ihn

unmittelbar zu fragen würde gegen unsere Grundsätze sein. Da wir wohl

merken, daß er katholisch erzogen ist, haben wir geglaubt, ihm durch

eine Beichte Linderung zu verschaffen; aber er entfernt sich auf eine

sonderbare Weise jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen näher zu

bringen suchen. Daß ich aber Ihren Wunsch, etwas von ihm zu wissen,

nicht ganz unbefriedigt lasse, will ich Ihnen wenigstens unsere

Vermutungen entdecken. Er hat seine Jugend in dem geistlichen Stande

zugebracht; daher scheint er sein langes Gewand und seinen Bart

erhalten zu wollen. Die Freuden der Liebe blieben ihm die größte Zeit

seines Lebens unbekannt. Erst spät mag eine Verirrung mit einem sehr

nahe verwandten Frauenzimmer, es mag ihr Tod, der einem unglücklichen

Geschöpfe das Dasein gab, sein Gehirn völlig zerrüttet haben.

Sein größter Wahn ist, daß er überall Unglück bringe und daß ihm der

Tod durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er

sich vor Mignon, eh er wußte, daß es ein Mädchen war; nun ängstigte

ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt,

scheint seine Abneigung gegen das Kind daher entstanden zu sein."

"Was haben Sie denn zu seiner Besserung für Hoffnung?" fragte Wilhelm.

"Es geht langsam vorwärts", versetzte der Arzt, "aber doch nicht

zurück. Seine bestimmten Beschäftigungen treibt er fort, und wir

haben ihn gewöhnt, die Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit

großer Begierde erwartet."

"Ich bin auf seine Lieder neugierig", sagte Jarno.

"Davon werde ich Ihnen verschiedene geben können", sagte der Arzt.

"Der älteste Sohn des Geistlichen, der seinem Vater die Predigten

nachzuschreiben gewohnt ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten

bemerkt zu werden, aufgezeichnet und mehrere Lieder nach und nach

zusammengesetzt."

Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen und sagte ihm: "Sie müssen

uns einen Gefallen tun; Lydie muß einige Zeit entfernt werden; ihre

heftige und, ich darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft

hindert des Barons Genesung. Seine Wunde verlangt Ruhe und

Gelassenheit, ob sie gleich bei seiner guten Natur nicht gefährlich

ist. Sie haben gesehen, wie ihn Lydie mit stürmischer Sorgfalt,

unbezwinglicher Angst und nie versiegenden Tränen quält, und--genug",

setzte er nach einer Pause mit einem Lächeln hinzu, "der Medikus

verlangt ausdrücklich, daß sie das Haus auf einige Zeit verlassen

solle. Wir haben ihr eingebildet, eine sehr gute Freundin halte sich

in der Nähe auf, verlange sie zu sehen und erwarte sie jeden

Augenblick. Sie hat sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter zu

fahren, der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist unterrichtet

und wird herzlich bedauern, daß Fräulein Therese soeben weggefahren

sei; er wird wahrscheinlich machen, daß man sie noch einholen könne,

Lydie wird ihr nacheilen, und wenn das Glück gut ist, wird sie von

einem Orte zum andern geführt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht,

wieder umzukehren, darf man ihr nicht widersprechen; man muß die

Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheiter Kerl, mit dem

man noch Abrede nehmen muß. Sie setzen sich zu ihr in den Wagen,

unterhalten sie und dirigieren das Abenteuer."

"Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen Auftrag", versetzte

Wilhelm, "wie ängstlich ist die Gegenwart einer gekränkten treuen

Liebe! Und ich soll selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erste

Mal in meinem Leben, daß ich jemanden auf diese Weise hintergehe: denn

ich habe immer geglaubt, daß es uns zu weit führen könne, wenn wir

einmal um des Guten und Nützlichen willen zu betriegen anfangen."

"Können wir doch Kinder nicht anders erziehen als auf diese Weise",

versetzte Jarno.

"Bei Kindern möchte es noch hingehen", sagte Wilhelm, "indem wir sie

so zärtlich lieben und offenbar übersehen; aber bei unsersgleichen,

für die uns nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, möchte es

oft gefährlich werden. Doch glauben Sie nicht", fuhr er nach einem

kurzen Nachdenken fort, "daß ich deswegen diesen Auftrag ablehne. Bei

der Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand einflößt, bei der Neigung, die ich

für Ihren trefflichen Freund fühle, bei dem lebhaften Wunsch, seine

Genesung, durch welche Mittel sie auch möglich sei, zu befördern, mag

ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, daß man sein

Leben für einen Freund wagen könne, man muß auch im Notfall seine

überzeugung für ihn verleugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere

besten Wünsche sind wir für ihn aufzuopfern schuldig. Ich übernehme

den Auftrag, ob ich gleich schon die Qual voraussehe, die ich von

Lydiens Tränen, von ihrer Verzweiflung werde zu erdulden haben."

"Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung", versetzte Jarno,

"indem Sie Fräulein Theresen kennenlernen, ein Frauenzimmer, wie es

ihrer wenige gibt; sie beschämt hundert Männer, und ich möchte sie

eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur als artige Hermaphroditen

in dieser zweideutigen Kleidung herumgehen."

Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen seine Amazone

wiederzufinden, um so mehr, als Jarno, von dem er einige Auskunft

verlangte, kurz abbrach und sich entfernte.

Die neue, nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte Gestalt

wiederzusehen, brachte in ihm die sonderbarsten Bewegungen hervor. Er

hielt nunmehr den Auftrag, der ihm gegeben worden war, für ein Werk

einer ausdrücklichen Schickung, und der Gedanke, daß er ein armes

Mädchen von dem Gegenstande ihrer aufrichtigsten und heftigsten Liebe

hinterlistig zu entfernen im Begriff war, erschien ihm nur im

Vorübergehen, wie der Schatten eines Vogels über die erleuchtete Erde

wegfliegt.

Der Wagen stand vor der Türe, Lydie zauderte einen Augenblick

hineinzusteigen. "Grüßt Euren Herrn nochmals", sagte sie zu dem alten

Bedienten, "vor Abend bin ich wieder zurück." Tränen standen ihr im

Auge, als sie im Fortfahren sich nochmals umwendete. Sie kehrte sich

darauf zu Wilhelmen, nahm sich zusammen und sagte: "Sie werden an

Fräulein Theresen eine sehr interessante Person finden. Mich wundert,

wie sie in diese Gegend kommt: denn Sie werden wohl wissen, daß sie

und der Baron sich heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war

Lothario oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob sie nur

füreinander leben würden. Auf einmal aber zerschlug sich's, ohne daß

ein Mensch begreifen konnte, warum. Er hatte mich kennenlernen, und

ich leugne nicht, daß ich Theresen herzlich beneidete, daß ich meine

Neigung zu ihm kaum verbarg und daß ich ihn nicht zurückstieß, als er

auf einmal mich statt Theresen zu wählen schien. Sie betrug sich

gegen mich, wie ich es nicht besser wünschen konnte, ob es gleich

beinahe scheinen mußte, als hätte ich ihr einen so werten Liebhaber

geraubt. Aber auch wieviel tausend Tränen und Schmerzen hat mich

diese Liebe schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am

dritten Orte verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht

ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, ganz glücklich!

Fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen ruhigen Pulsschlag.

Einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich auf

den Weg und überraschte ihn hier. Er nahm mich liebevoll auf, und

wäre nicht dieser unglückselige Handel dazwischengekommen, so hätte

ich ein himmlisches Leben geführt; und was ich ausgestanden habe,

seitdem er in Gefahr ist, seitdem er leidet, sag ich nicht, und noch

in diesem Augenblicke mache ich mir lebhafte Vorwürfe, daß ich mich

nur einen Tag von ihm habe entfernen können."

Wilhelm wollte sich eben näher nach Theresen erkundigen, als sie bei

dem Gerichtshalter vorfuhren, der an den Wagen kam und von Herzen

bedauerte, daß Fräulein Therese schon abgefahren sei. Er bot den

Reisenden ein Frühstück an, sagte aber zugleich, der Wagen würde noch

im nächsten Dorfe einzuholen sein. Man entschloß sich nachzufahren,

und der Kutscher säumte nicht; man hatte schon einige Dörfer

zurückgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand nun darauf, man

solle umkehren; der Kutscher fuhr zu, als verstünde er es nicht.

Endlich verlangte sie es mit größter Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu

und gab ihm das verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: "Wir

haben nicht nötig, denselben Weg zurückzufahren; ich weiß einen nähern,

der zugleich viel bequemer ist." Er fuhr nun seitwärts durch einen

Wald und über lange Triften weg. Endlich, da kein bekannter Gegenstand

zum Vorschein kam, gestand der Kutscher, er sei unglücklicherweise

irregefahren, wolle sich aber bald wieder zurechtefinden, indem er

dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der Kutscher machte

seine Sache so geschickt, daß er überall fragte und nirgends die

Antwort abwartete. So fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloß kein

Auge; bei Mondschein fand sie überall ähnlichkeiten, und immer

verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die Gegenstände bekannt,

aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem kleinen, artig

gebauten Landhause stille; ein Frauenzimmer trat aus der Türe und

öffnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie

wieder an und lag ohnmächtig in Wilhelms Armen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 10 / 24 题