Der Medikus kam; es war der gute, alte, kleine Arzt, den wir schon
kennen und dem wir die Mitteilung des interessanten Manuskripts
verdanken. Er besuchte vor allen Dingen den Verwundeten und schien
mit dessen Befinden keinesweges zufrieden. Dann hatte er mit Jarno
eine lange Unterredung, doch ließen sie nichts merken, als sie abends
zu Tische kamen.
Wilhelm begrüßte ihn aufs freundlichste und erkundigte sich nach
seinem Harfenspieler. "Wir haben noch Hoffnung, den Unglücklichen
zurechtezubringen", versetzte der Arzt. "Dieser Mensch war eine
traurige Zugabe zu Ihrem eingeschränkten und wunderlichen Leben",
sagte Jarno. "Wie ist es ihm weiter ergangen? Lassen Sie mich es
wissen."
Nachdem man Jarnos Neugierde befriedigst hatte, fuhr der Arzt fort:
"Nie habe ich ein Gemüt in einer so sonderbaren Lage gesehen. Seit
vielen Jahren hat er an nichts, was außer ihm war, den mindesten
Anteil genommen, ja fast auf nichts gemerkt; bloß in sich gekehrt,
betrachtete er sein hohles, leeres Ich, das ihm als ein unermeßlicher
Abgrund erschien. Wie rührend war es, wenn er von diesem traurigen
Zustande sprach! "Ich sehe nichts vor mir, nichts hinter mir", rief
er aus, "als eine unendliche Nacht, in der ich mich in der
schrecklichsten Einsamkeit befinde; kein Gefühl bleibt mir als das
Gefühl meiner Schuld, die doch auch nur wie ein entferntes,
unförmliches Gespenst sich rückwärts sehen läßt. Doch da ist keine
Höhe, keine Tiefe, kein Vor noch Zurück, kein Wort drückt diesen immer
gleichen Zustand aus. Manchmal ruf ich in der Not dieser
Gleichgültigkeit: 'Ewig! ewig!' mit Heftigkeit aus, und dieses
seltsame, unbegreifliche Wort ist hell und klar gegen die Finsternis
meines Zustandes. Kein Strahl einer Gottheit erscheint mir in dieser
Nacht, ich weine meine Tränen alle mir selbst und um mich selbst.
Nichts ist mir grausamer als Freundschaft und Liebe, denn sie allein
locken mir den Wunsch ab, daß die Erscheinungen, die mich umgeben,
wirklich sein möchten. Aber auch diese beiden Gespenster sind nur aus
dem Abgrunde gestiegen, um mich zu ängstigen und um mir zuletzt auch
das teure Bewußtsein dieses ungeheuren Daseins zu rauben."
Sie sollten ihn hören", fuhr der Arzt fort, "wenn er in vertraulichen
Stunden auf diese Weise sein Herz erleichtert; mit der größten Rührung
habe ich ihm einigemal zugehört. Wenn sich ihm etwas aufdringt, das
ihn nötigt, einen Augenblick zu gestehen, eine Zeit sei vergangen, so
scheint er wie erstaunt, und dann verwirft er wieder die Veränderung
an den Dingen als eine Erscheinung der Erscheinungen. Eines Abends
sang er ein Lied über seine grauen Haare; wir saßen alle um ihn her
und weinten."
"O schaffen Sie es mir!" rief Wilhelm aus.
"Haben Sie denn aber", fragte Jarno, "nichts entdeckt von dem, was er
sein Verbrechen nennt, nicht die Ursache seiner sonderbaren Tracht,
sein Betragen beim Brande, seine Wut gegen das Kind?"
"Nur durch Mutmaßungen können wir seinem Schicksale näherkommen; ihn
unmittelbar zu fragen würde gegen unsere Grundsätze sein. Da wir wohl
merken, daß er katholisch erzogen ist, haben wir geglaubt, ihm durch
eine Beichte Linderung zu verschaffen; aber er entfernt sich auf eine
sonderbare Weise jedesmal, wenn wir ihn dem Geistlichen näher zu
bringen suchen. Daß ich aber Ihren Wunsch, etwas von ihm zu wissen,
nicht ganz unbefriedigt lasse, will ich Ihnen wenigstens unsere
Vermutungen entdecken. Er hat seine Jugend in dem geistlichen Stande
zugebracht; daher scheint er sein langes Gewand und seinen Bart
erhalten zu wollen. Die Freuden der Liebe blieben ihm die größte Zeit
seines Lebens unbekannt. Erst spät mag eine Verirrung mit einem sehr
nahe verwandten Frauenzimmer, es mag ihr Tod, der einem unglücklichen
Geschöpfe das Dasein gab, sein Gehirn völlig zerrüttet haben.
Sein größter Wahn ist, daß er überall Unglück bringe und daß ihm der
Tod durch einen unschuldigen Knaben bevorstehe. Erst fürchtete er
sich vor Mignon, eh er wußte, daß es ein Mädchen war; nun ängstigte
ihn Felix, und da er das Leben bei alle seinem Elend unendlich liebt,
scheint seine Abneigung gegen das Kind daher entstanden zu sein."
"Was haben Sie denn zu seiner Besserung für Hoffnung?" fragte Wilhelm.
"Es geht langsam vorwärts", versetzte der Arzt, "aber doch nicht
zurück. Seine bestimmten Beschäftigungen treibt er fort, und wir
haben ihn gewöhnt, die Zeitungen zu lesen, die er jetzt immer mit
großer Begierde erwartet."
"Ich bin auf seine Lieder neugierig", sagte Jarno.
"Davon werde ich Ihnen verschiedene geben können", sagte der Arzt.
"Der älteste Sohn des Geistlichen, der seinem Vater die Predigten
nachzuschreiben gewohnt ist, hat manche Strophe, ohne von dem Alten
bemerkt zu werden, aufgezeichnet und mehrere Lieder nach und nach
zusammengesetzt."
Den andern Morgen kam Jarno zu Wilhelmen und sagte ihm: "Sie müssen
uns einen Gefallen tun; Lydie muß einige Zeit entfernt werden; ihre
heftige und, ich darf wohl sagen, unbequeme Liebe und Leidenschaft
hindert des Barons Genesung. Seine Wunde verlangt Ruhe und
Gelassenheit, ob sie gleich bei seiner guten Natur nicht gefährlich
ist. Sie haben gesehen, wie ihn Lydie mit stürmischer Sorgfalt,
unbezwinglicher Angst und nie versiegenden Tränen quält, und--genug",
setzte er nach einer Pause mit einem Lächeln hinzu, "der Medikus
verlangt ausdrücklich, daß sie das Haus auf einige Zeit verlassen
solle. Wir haben ihr eingebildet, eine sehr gute Freundin halte sich
in der Nähe auf, verlange sie zu sehen und erwarte sie jeden
Augenblick. Sie hat sich bereden lassen, zu dem Gerichtshalter zu
fahren, der nur zwei Stunden von hier wohnt. Dieser ist unterrichtet
und wird herzlich bedauern, daß Fräulein Therese soeben weggefahren
sei; er wird wahrscheinlich machen, daß man sie noch einholen könne,
Lydie wird ihr nacheilen, und wenn das Glück gut ist, wird sie von
einem Orte zum andern geführt werden. Zuletzt, wenn sie drauf besteht,
wieder umzukehren, darf man ihr nicht widersprechen; man muß die
Nacht zu Hülfe nehmen, der Kutscher ist ein gescheiter Kerl, mit dem
man noch Abrede nehmen muß. Sie setzen sich zu ihr in den Wagen,
unterhalten sie und dirigieren das Abenteuer."
"Sie geben mir einen sonderbaren und bedenklichen Auftrag", versetzte
Wilhelm, "wie ängstlich ist die Gegenwart einer gekränkten treuen
Liebe! Und ich soll selbst dazu das Werkzeug sein? Es ist das erste
Mal in meinem Leben, daß ich jemanden auf diese Weise hintergehe: denn
ich habe immer geglaubt, daß es uns zu weit führen könne, wenn wir
einmal um des Guten und Nützlichen willen zu betriegen anfangen."
"Können wir doch Kinder nicht anders erziehen als auf diese Weise",
versetzte Jarno.
"Bei Kindern möchte es noch hingehen", sagte Wilhelm, "indem wir sie
so zärtlich lieben und offenbar übersehen; aber bei unsersgleichen,
für die uns nicht immer das Herz so laut um Schonung anruft, möchte es
oft gefährlich werden. Doch glauben Sie nicht", fuhr er nach einem
kurzen Nachdenken fort, "daß ich deswegen diesen Auftrag ablehne. Bei
der Ehrfurcht, die mir Ihr Verstand einflößt, bei der Neigung, die ich
für Ihren trefflichen Freund fühle, bei dem lebhaften Wunsch, seine
Genesung, durch welche Mittel sie auch möglich sei, zu befördern, mag
ich mich gerne selbst vergessen. Es ist nicht genug, daß man sein
Leben für einen Freund wagen könne, man muß auch im Notfall seine
überzeugung für ihn verleugnen. Unsere liebste Leidenschaft, unsere
besten Wünsche sind wir für ihn aufzuopfern schuldig. Ich übernehme
den Auftrag, ob ich gleich schon die Qual voraussehe, die ich von
Lydiens Tränen, von ihrer Verzweiflung werde zu erdulden haben."
"Dagegen erwartet Sie auch keine geringe Belohnung", versetzte Jarno,
"indem Sie Fräulein Theresen kennenlernen, ein Frauenzimmer, wie es
ihrer wenige gibt; sie beschämt hundert Männer, und ich möchte sie
eine wahre Amazone nennen, wenn andere nur als artige Hermaphroditen
in dieser zweideutigen Kleidung herumgehen."
Wilhelm war betroffen, er hoffte in Theresen seine Amazone
wiederzufinden, um so mehr, als Jarno, von dem er einige Auskunft
verlangte, kurz abbrach und sich entfernte.
Die neue, nahe Hoffnung, jene verehrte und geliebte Gestalt
wiederzusehen, brachte in ihm die sonderbarsten Bewegungen hervor. Er
hielt nunmehr den Auftrag, der ihm gegeben worden war, für ein Werk
einer ausdrücklichen Schickung, und der Gedanke, daß er ein armes
Mädchen von dem Gegenstande ihrer aufrichtigsten und heftigsten Liebe
hinterlistig zu entfernen im Begriff war, erschien ihm nur im
Vorübergehen, wie der Schatten eines Vogels über die erleuchtete Erde
wegfliegt.
Der Wagen stand vor der Türe, Lydie zauderte einen Augenblick
hineinzusteigen. "Grüßt Euren Herrn nochmals", sagte sie zu dem alten
Bedienten, "vor Abend bin ich wieder zurück." Tränen standen ihr im
Auge, als sie im Fortfahren sich nochmals umwendete. Sie kehrte sich
darauf zu Wilhelmen, nahm sich zusammen und sagte: "Sie werden an
Fräulein Theresen eine sehr interessante Person finden. Mich wundert,
wie sie in diese Gegend kommt: denn Sie werden wohl wissen, daß sie
und der Baron sich heftig liebten. Ungeachtet der Entfernung war
Lothario oft bei ihr; ich war damals um sie, es schien, als ob sie nur
füreinander leben würden. Auf einmal aber zerschlug sich's, ohne daß
ein Mensch begreifen konnte, warum. Er hatte mich kennenlernen, und
ich leugne nicht, daß ich Theresen herzlich beneidete, daß ich meine
Neigung zu ihm kaum verbarg und daß ich ihn nicht zurückstieß, als er
auf einmal mich statt Theresen zu wählen schien. Sie betrug sich
gegen mich, wie ich es nicht besser wünschen konnte, ob es gleich
beinahe scheinen mußte, als hätte ich ihr einen so werten Liebhaber
geraubt. Aber auch wieviel tausend Tränen und Schmerzen hat mich
diese Liebe schon gekostet! Erst sahen wir uns nur zuweilen am
dritten Orte verstohlen, aber lange konnte ich das Leben nicht
ertragen; nur in seiner Gegenwart war ich glücklich, ganz glücklich!
Fern von ihm hatte ich kein trocknes Auge, keinen ruhigen Pulsschlag.
Einst verzog er mehrere Tage, ich war in Verzweiflung, machte mich auf
den Weg und überraschte ihn hier. Er nahm mich liebevoll auf, und
wäre nicht dieser unglückselige Handel dazwischengekommen, so hätte
ich ein himmlisches Leben geführt; und was ich ausgestanden habe,
seitdem er in Gefahr ist, seitdem er leidet, sag ich nicht, und noch
in diesem Augenblicke mache ich mir lebhafte Vorwürfe, daß ich mich
nur einen Tag von ihm habe entfernen können."
Wilhelm wollte sich eben näher nach Theresen erkundigen, als sie bei
dem Gerichtshalter vorfuhren, der an den Wagen kam und von Herzen
bedauerte, daß Fräulein Therese schon abgefahren sei. Er bot den
Reisenden ein Frühstück an, sagte aber zugleich, der Wagen würde noch
im nächsten Dorfe einzuholen sein. Man entschloß sich nachzufahren,
und der Kutscher säumte nicht; man hatte schon einige Dörfer
zurückgelegt und niemand angetroffen. Lydie bestand nun darauf, man
solle umkehren; der Kutscher fuhr zu, als verstünde er es nicht.
Endlich verlangte sie es mit größter Heftigkeit; Wilhelm rief ihm zu
und gab ihm das verabredete Zeichen. Der Kutscher erwiderte: "Wir
haben nicht nötig, denselben Weg zurückzufahren; ich weiß einen nähern,
der zugleich viel bequemer ist." Er fuhr nun seitwärts durch einen
Wald und über lange Triften weg. Endlich, da kein bekannter Gegenstand
zum Vorschein kam, gestand der Kutscher, er sei unglücklicherweise
irregefahren, wolle sich aber bald wieder zurechtefinden, indem er
dort ein Dorf sehe. Die Nacht kam herbei, und der Kutscher machte
seine Sache so geschickt, daß er überall fragte und nirgends die
Antwort abwartete. So fuhr man die ganze Nacht, Lydie schloß kein
Auge; bei Mondschein fand sie überall ähnlichkeiten, und immer
verschwanden sie wieder. Morgens schienen ihr die Gegenstände bekannt,
aber desto unerwarteter. Der Wagen hielt vor einem kleinen, artig
gebauten Landhause stille; ein Frauenzimmer trat aus der Türe und
öffnete den Schlag. Lydie sah sie starr an, sah sich um, sah sie
wieder an und lag ohnmächtig in Wilhelms Armen.