Man hatte einigemal dem Kranken vorgelesen; Wilhelm leistete diesen
kleinen Dienst mit Freuden. Lydie kam nicht vom Bette hinweg, ihre
Sorgfalt für den Verwundeten verschlang alle ihre übrige
Aufmerksamkeit, aber heute schien auch Lothario zerstreut, ja er bat,
daß man nicht weiterlesen möchte.
"Ich fühle heute so lebhaft", sagte er, "wie töricht der Mensch seine
Zeit verstreichen läßt! Wie manches habe ich mir vorgenommen, wie
manches durchdacht, und wie zaudert man nicht bei seinen besten
Vorsätzen! Ich habe die Vorschläge über die Veränderungen gelesen,
die ich auf meinen Gütern machen will, und ich kann sagen, ich freue
mich vorzüglich dieserwegen, daß die Kugel keinen gefährlichern Weg
genommen hat."
Lydie sah ihn zärtlich, ja mit Tränen in den Augen an, als wollte sie
fragen, ob denn sie, ob seine Freunde nicht auch Anteil an der
Lebensfreude fordern könnten. Jarno dagegen versetzte: "Veränderungen,
wie Sie vorhaben, werden billig erst von allen Seiten überlegt, bis
man sich dazu entschließt."
"Lange überlegungen", versetzte Lothario, "zeigen gewöhnlich, daß man
den Punkt nicht im Auge hat, von dem die Rede ist, übereilte
Handlungen, daß man ihn gar nicht kennt. Ich übersehe sehr deutlich,
daß ich in vielen Stücken bei der Wirtschaft meiner Güter die Dienste
meiner Landleute nicht entbehren kann und daß ich auf gewissen Rechten
strack und streng halten muß; ich sehe aber auch, daß andere
Befugnisse mir zwar vorteilhaft, aber nicht ganz unentbehrlich sind,
so daß ich davon meinen Leuten auch was gönnen kann. Man verliert
nicht immer, wenn man entbehrt. Nutze ich nicht meine Güter weit
besser als mein Vater? Werde ich meine Einkünfte nicht noch höher
treiben? Und soll ich diesen wachsenden Vorteil allein genießen?
Soll ich dem, der mit mir und für mich arbeitet, nicht auch in dem
Seinigen Vorteile gönnen, die uns erweiterte Kenntnisse, die uns eine
vorrückende Zeit darbietet?"
"Der Mensch ist nun einmal so!" rief Jarno, "und ich tadle mich nicht,
wenn ich mich auch in dieser Eigenheit ertappe; der Mensch begehrt,
alles an sich zu reißen, um nur nach Belieben damit schalten und
walten zu können; das Geld, das er nicht selbst ausgibt, scheint ihm
selten wohl angewendet."
"O ja!" versetzte Lothario, "wir könnten manches vom Kapital entbehren,
wenn wir mit den Interessen weniger willkürlich umgingen."
"Das einzige, was ich zu erinnern habe", sagte Jarno, "und warum ich
nicht raten kann, daß Sie eben jetzt diese Veränderungen machen,
wodurch Sie wenigstens im Augenblicke verlieren, ist, daß Sie selbst
noch Schulden haben, deren Abzahlung Sie einengt. Ich würde raten,
Ihren Plan aufzuschieben, bis Sie völlig im reinen wären."
"Und indessen einer Kugel oder einem Dachziegel zu überlassen, ob er
die Resultate meines Lebens und meiner Tätigkeit auf immer vernichten
wollte! Oh, mein Freund!" fuhr Lothario fort, "das ist ein
Hauptfehler gebildeter Menschen, daß sie alles an eine Idee, wenig
oder nichts an einen Gegenstand wenden mögen. Wozu habe ich Schulden
gemacht? Warum habe ich mich mit meinem Oheim entzweit? meine
Geschwister so lange sich selbst überlassen? als um einer Idee willen.
In Amerika glaubte ich zu wirken, über dem Meere glaubte ich nützlich
und notwendig zu sein; war eine Handlung nicht mit tausend Gefahren
umgeben, so schien sie mir nicht bedeutend, nicht würdig. Wie anders
seh ich jetzt die Dinge, und wie ist mir das Nächste so wert, so teuer
geworden."
"Ich erinnere mich wohl des Briefes", versetzte Jarno, "den ich noch
über das Meer erhielt. Sie schrieben mir: Ich werde zurückkehren und
in meinem Hause, in meinem Baumgarten, mitten unter den Meinigen sagen:
"Hier oder nirgend ist Amerika!""
"Ja, mein Freund, und ich wiederhole noch immer dasselbe, und doch
schelte ich mich zugleich, daß ich hier nicht so tätig wie dort bin.
Zu einer gewissen gleichen, fortdauernden Gegenwart brauchen wir nur
Verstand, und wir werden auch nur zu Verstand, so daß wir das
Außerordentliche, was jeder gleichgültige Tag von uns fordert, nicht
mehr sehen und, wenn wir es erkennen, doch tausend Entschuldigungen
finden, es nicht zu tun. Ein verständiger Mensch ist viel für sich,
aber fürs Ganze ist er wenig."
"Wir wollen", sagte Jarno, "dem Verstande nicht zu nahe treten und
bekennen, daß das Außerordentliche, was geschieht, meistens töricht
ist."
"Ja, und zwar eben deswegen, weil die Menschen das Außerordentliche
außer der Ordnung tun. So gibt mein Schwager sein Vermögen, insofern
er es veräußern kann, der Brüdergemeinde und glaubt seiner Seele Heil
dadurch zu befördern; hätte er einen geringen Teil seiner Einkünfte
aufgeopfert, so hätte er viel glückliche Menschen machen und sich und
ihnen einen Himmel auf Erden schaffen können. Selten sind unsere
Aufopferungen tätig, wir tun gleich Verzicht auf das, was wir weggeben.
Nicht entschlossen, sondern verzweifelt entsagen wir dem, was wir
besitzen. Diese Tage, ich gesteh es, schwebt mir der Graf immer vor
Augen, und ich bin fest entschlossen, das aus überzeugung zu tun, wozu
ihn ein ängstlicher Wahn treibt; ich will meine Genesung nicht
abwarten. Hier sind die Papiere, sie dürfen nur ins reine gebracht
werden. Nehmen Sie den Gerichtshalter dazu, unser Gast hilft Ihnen
auch, Sie wissen so gut als ich, worauf es ankommt, und ich will hier
genesend oder sterbend dabei bleiben und ausrufen: "Hier oder nirgend
ist Herrnhut!""
Als Lydie ihren Freund von Sterben reden hörte, stürzte sie vor seinem
Bette nieder, hing an seinen Armen und weinte bitterlich. Der
Wundarzt kam herein, Jarno gab Wilhelmen die Papiere und nötigte
Lydien, sich zu entfernen.
"Um 's Himmels willen!" rief Wilhelm, als sie in dem Saal allein waren,
"was ist das mit dem Grafen? Welch ein Graf ist das, der sich unter
die Brüdergemeinde begibt?"
"Den Sie sehr wohl kennen", versetzte Jarno. "Sie sind das Gespenst,
das ihn in die Arme der Frömmigkeit jagt, Sie sind der Bösewicht, der
sein artiges Weib in einen Zustand versetzt, in dem sie erträglich
findet, ihrem Manne zu folgen."
"Und sie ist Lotharios Schwester?" rief Wilhelm.
"Nicht anders."
"Und Lothario weiß--?"
"Alles."
"O lassen Sie mich fliehen!" rief Wilhelm aus, "wie kann ich vor ihm
stehen? Was kann er sagen?"
"Daß niemand einen Stein gegen den andern aufheben soll und daß
niemand lange Reden komponieren soll, um die Leute zu beschämen, er
müßte sie denn vor dem Spiegel halten wollen."
"Auch das wissen Sie?"
"Wie manches andere", versetzte Jarno lächelnd; "doch diesmal", fuhr
er fort, "werde ich Sie so leicht nicht wie das vorige Mal loslassen,
und vor meinem Werbesold haben Sie sich auch nicht mehr zu fürchten.
Ich bin kein Soldat mehr, und auch als Soldat hätte ich Ihnen diesen
Argwohn nicht einflößen sollen. Seit der Zeit, daß ich Sie nicht
gesehen habe, hat sich vieles geändert. Nach dem Tode meines Fürsten,
meines einzigen Freundes und Wohltäters, habe ich mich aus der Welt
und aus allen weltlichen Verhältnissen herausgerissen. Ich beförderte
gern, was vernünftig war, verschwieg nicht, wenn ich etwas
abgeschmackt fand, und man hatte immer von meinem unruhigen Kopf und
von meinem bösen Maule zu reden. Das Menschenpack fürchtet sich vor
nichts mehr als vor dem Verstande; vor der Dummheit sollten sie sich
fürchten, wenn sie begriffen, was fürchterlich ist; aber jener ist
unbequem, und man muß ihn beiseite schaffen, diese ist nur verderblich,
und das kann man abwarten. Doch es mag hingehen, ich habe zu leben,
und von meinem Plane sollen Sie weiter hören. Sie sollen teil daran
nehmen, wenn Sie mögen; aber sagen Sie mir, wie ist es Ihnen ergangen?
Ich sehe, ich fühle Ihnen an, auch Sie haben sich verändert. Wie
steht's mit Ihrer alten Grille, etwas Schönes und Gutes in
Gesellschaft von Zigeunern hervorzubringen?"
"Ich bin gestraft genug!" rief Wilhelm aus, "erinnern Sie mich nicht,
woher ich komme und wohin ich gehe. Man spricht viel vom Theater,
aber wer nicht selbst darauf war, kann sich keine Vorstellung davon
machen. Wie völlig diese Menschen mit sich selbst unbekannt sind, wie
sie ihr Geschäft ohne Nachdenken treiben, wie ihre Anforderungen ohne
Grenzen sind, davon hat man keinen Begriff. Nicht allein will jeder
der erste, sondern auch der einzige sein, jeder möchte gerne alle
übrigen ausschließen und sieht nicht, daß er mit ihnen zusammen kaum
etwas leistet; jeder dünkt sich wunderoriginal zu sein und ist unfähig,
sich in etwas zu finden, was außer dem Schlendrian ist; dabei eine
immerwährende Unruhe nach etwas Neuem. Mit welcher Heftigkeit wirken
sie gegeneinander! Und nur die kleinlichste Eigenliebe, der
beschränkteste Eigennutz macht, daß sie sich miteinander verbinden.
Vom wechselseitigen Betragen ist gar die Rede nicht; ein ewiges
Mißtrauen wird durch heimliche Tücke und schändliche Reden unterhalten;
wer nicht liederlich lebt, lebt albern. Jeder macht Anspruch auf die
unbedingteste Achtung, jeder ist empfindlich gegen den mindesten Tadel.
Das hat er selbst alles schon besser gewußt! Und warum hat er denn
immer das Gegenteil getan? Immer bedürftig und immer ohne Zutrauen,
scheint es, als wenn sie sich vor nichts so sehr fürchteten als vor
Vernunft und gutem Geschmack und nichts so sehr zu erhalten suchten
als das Majestätsrecht ihrer persönlichen Willkür."
Wilhelm holte Atem, um seine Litanei noch weiter fortzusetzen, als ein
unmäßiges Gelächter Jarnos ihn unterbrach. "Die armen Schauspieler!"
rief er aus, warf sich in einen Sessel und lachte fort: "die armen,
guten Schauspieler! Wissen Sie denn, mein Freund", fuhr er fort,
nachdem er sich einigermaßen wieder erholt hatte, "daß Sie nicht das
Theater, sondern die Welt beschrieben haben und daß ich Ihnen aus
allen Ständen genug Figuren und Handlungen zu Ihren harten
Pinselstrichen finden wollte? Verzeihen Sie mir, ich muß wieder
lachen, daß Sie glaubten, diese schönen Qualitäten seien nur auf die
Bretter gebannt."
Wilhelm faßte sich, denn wirklich hatte ihn das unbändige und
unzeitige Gelächter Jarnos verdrossen. "Sie können", sagte er, "Ihren
Menschenhaß nicht ganz verbergen, wenn Sie behaupten, daß diese Fehler
allgemein seien."
"Und es zeugt von Ihrer Unbekanntschaft mit der Welt, wenn Sie diese
Erscheinungen dem Theater so hoch anrechnen. Wahrhaftig, ich verzeihe
dem Schauspieler jeden Fehler, der aus dem Selbstbetrug und aus der
Begierde zu gefallen entspringt; denn wenn er sich und andern nicht
etwas scheint, so ist er nichts. Zum Schein ist er berufen, er muß
den augenblicklichen Beifall hochschätzen, denn er erhält keinen
andern Lohn; er muß zu glänzen suchen, denn deswegen steht er da."
"Sie erlauben", versetzte Wilhelm, "daß ich von meiner Seite
wenigstens lächele. Nie hätte ich geglaubt, daß Sie so billig, so
nachsichtig sein könnten."
"Nein, bei Gott! dies ist mein völliger, wohlbedachter Ernst. Alle
Fehler des Menschen verzeih ich dem Schauspieler, keine Fehler des
Schauspielers verzeih ich dem Menschen. Lassen Sie mich meine
Klaglieder hierüber nicht anstimmen, sie würden heftiger klingen als
die Ihrigen."
Der Chirurgus kam aus dem Kabinett, und auf Befragen, wie sich der
Kranke befinde, sagte er mit lebhafter Freundlichkeit: "Recht sehr
wohl, ich hoffe, ihn bald völlig wiederhergestellt zu sehen."
Sogleich eilte er zum Saal hinaus und erwartete Wilhelms Frage nicht,
der schon den Mund öffnete, sich nochmals und dringender nach der
Brieftasche zu erkundigen. Das Verlangen, von seiner Amazone etwas zu
erfahren, gab ihm Vertrauen zu Jarno; er entdeckte ihm seinen Fall und
bat ihn um seine Beihülfe. "Sie wissen so viel", sagte er, "sollten
Sie nicht auch das erfahren können?"
Jarno war einen Augenblick nachdenkend, dann sagte er zu seinem jungen
Freunde: "Seien Sie ruhig, und lassen Sie sich weiter nichts merken,
wir wollen der Schönen schon auf die Spur kommen. Jetzt beunruhigt
mich nur Lotharios Zustand, die Sache steht gefährlich, das sagt mir
die Freundlichkeit und der gute Trost des Wundarztes. Ich hätte
Lydien schon gerne weggeschafft, denn sie nutzt hier gar nichts, aber
ich weiß nicht, wie ich es anfangen soll. Heute abend, hoff ich, soll
unser alter Medikus kommen, und dann wollen wir weiter ratschlagen."