Zweites Kapitel

Der Knabe lud Wilhelmen zum Frühstück ein; dieser fand den Abbe schon

im Saale; Lothario, hieß es, sei ausgeritten; der Abbe war nicht sehr

gesprächig und schien eher nachdenklich zu sein; er fragte nach

Aureliens Tode und hörte mit Teilnahme der Erzählung Wilhelms zu.

"Ach!" rief er aus, "wem es lebhaft und gegenwärtig ist, welche

unendliche Operationen Natur und Kunst machen müssen, bis ein

gebildeter Mensch dasteht, wer selbst soviel als möglich an der

Bildung seiner Mitbrüder teilnimmt, der möchte verzweifeln, wenn er

sieht, wie freventlich sich oft der Mensch zerstört und so oft in den

Fall kommt, mit oder ohne Schuld, zerstört zu werden. Wenn ich das

bedenke, so scheint mir das Leben selbst eine so zufällige Gabe, daß

ich jeden loben möchte, der sie nicht höher als billig schätzt."

Er hatte kaum ausgesprochen, als die Türe mit Heftigkeit sich aufriß,

ein junges Frauenzimmer hereinstürzte und den alten Bedienten, der

sich ihr in den Weg stellte, zurückstieß. Sie eilte gerade auf den

Abbe zu und konnte, indem sie ihn beim Arm faßte, vor Weinen und

Schluchzen kaum die wenigen Worte hervorbringen: "Wo ist er? Wo habt

ihr ihn? Es ist eine entsetzliche Verräterei! Gesteht nur! Ich weiß,

was vorgeht! Ich will ihm nach! Ich will wissen, wo er ist."

"Beruhigen Sie sich, mein Kind", sagte der Abbe mit angenommener

Gelassenheit, "kommen Sie auf Ihr Zimmer, Sie sollen alles erfahren,

nur müssen Sie hören können, wenn ich Ihnen erzählen soll." Er bot

ihr die Hand an im Sinne, sie wegzuführen. "Ich werde nicht auf mein

Zimmer gehen", rief sie aus, "ich hasse die Wände, zwischen denen ihr

mich schon so lange gefangenhaltet! Und doch habe ich alles erfahren,

der Obrist hat ihn herausgefordert, er ist hinausgeritten, seinen

Gegner aufzusuchen, und vielleicht jetzt eben in diesem

Augenblicke--es war mir etlichemal, als hörte ich schießen. Lassen

Sie anspannen und fahren Sie mit mir, oder ich fülle das Haus, das

ganze Dorf mit meinem Geschrei."

Sie eilte unter den heftigsten Tränen nach dem Fenster, der Abbe hielt

sie zurück und suchte vergebens, sie zu besänftigen.

Man hörte einen Wagen fahren, sie riß das Fenster auf: "Er ist tot!"

rief sie, "da bringen sie ihn."--"Er steigt aus!" sagte der Abbe.

"Sie sehen, er lebt."--"Er ist verwundet", versetzte sie heftig,

"sonst käm er zu Pferde! Sie führen ihn! Er ist gefährlich verwundet!"

Sie rannte zur Türe hinaus und die Treppe hinunter, der Abbe eilte

ihr nach, und Wilhelm folgte ihnen; er sah, wie die Schöne ihrem

heraufkommenden Geliebten begegnete.

Lothario lehnte sich auf seinen Begleiter, welchen Wilhelm sogleich

für seinen alten Gönner Jarno erkannte, sprach dem trostlosen

Frauenzimmer gar liebreich und freundlich zu, und indem er sich auch

auf sie stützte, kam er die Treppe langsam herauf; er grüßte Wilhelmen

und ward in sein Kabinett geführt.

Nicht lange darauf kam Jarno wieder heraus und trat zu Wilhelmen: "Sie

sind, wie es scheint", sagte er, "prädestiniert, überall Schauspieler

und Theater zu finden; wir sind eben in einem Drama begriffen, das

nicht ganz lustig ist."

"Ich freue mich", versetzte Wilhelm, "Sie in diesem sonderbaren

Augenblicke wiederzufinden; ich bin verwundert, erschrocken, und Ihre

Gegenwart macht mich gleich ruhig und gefaßt. Sagen Sie mir, hat es

Gefahr? Ist der Baron schwer verwundet?"--"Ich glaube nicht",

versetzte Jarno.

Nach einiger Zeit trat der junge Wundarzt aus dem Zimmer. "Nun, was

sagen Sie?" rief ihm Jarno entgegen. "Daß es sehr gefährlich steht",

versetzte dieser und steckte einige Instrumente in seine lederne

Tasche zusammen.

Wilhelm betrachtete das Band, das von der Tasche herunterhing, er

glaubte es zu kennen. Lebhafte, widersprechende Farben, ein seltsames

Muster, Gold und Silber in wunderlichen Figuren zeichneten dieses Band

vor allen Bändern der Welt aus. Wilhelm war überzeugt, die

Instrumententasche des alten Chirurgus vor sich zu sehen, der ihn in

jenem Walde verbunden hatte, und die Hoffnung, nach so langer Zeit

wieder eine Spur seiner Amazone zu finden, schlug wie eine Flamme

durch sein ganzes Wesen.

"Wo haben Sie die Tasche her?" rief er aus. "Wem gehörte sie vor

Ihnen? Ich bitte, sagen Sie mir's."--"Ich habe Sie in einer Auktion

gekauft", versetzte jener; "was kümmert's mich, wem sie angehörte?"

Mit diesen Worten entfernte er sich, und Jarno sagte: "Wenn diesem

jungen Menschen nur ein wahres Wort aus dem Munde ginge."--"So hat er

also diese Tasche nicht erstanden?" versetzte Wilhelm. "Sowenig, als

es Gefahr mit Lothario hat", antwortete Jarno.

Wilhelm stand in ein vielfaches Nachdenken versenkt, als Jarno ihn

fragte, wie es ihm zeither gegangen sei. Wilhelm erzählte seine

Geschichte im allgemeinen, und als er zuletzt von Aureliens Tod und

seiner Botschaft gesprochen hatte, rief jener aus: "Es ist doch

sonderbar, sehr sonderbar!"

Der Abbe trat aus dem Zimmer, winkte Jarno zu, an seiner Statt

hineinzugehen, und sagte zu Wilhelmen: "Der Baron läßt Sie ersuchen,

hierzubleiben, einige Tage die Gesellschaft zu vermehren und zu seiner

Unterhaltung unter diesen Umständen beizutragen. Haben Sie nötig,

etwas an die Ihrigen zu bestellen, so soll Ihr Brief gleich besorgt

werden, und damit Sie diese wunderbare Begebenheit verstehen, von der

Sie Augenzeuge sind, muß ich Ihnen erzählen, was eigentlich kein

Geheimnis ist. Der Baron hatte ein kleines Abenteuer mit einer Dame,

das mehr Aufsehen machte, als billig war, weil sie den Triumph, ihn

einer Nebenbuhlerin entrissen zu haben, allzu lebhaft genießen wollte.

Leider fand er nach einiger Zeit bei ihr nicht die nämliche

Unterhaltung, er vermied sie; allein bei ihrer heftigen Gemütsart war

es ihr unmöglich, ihr Schicksal mit gesetztem Mute zu tragen. Bei

einem Balle gab es einen öffentlichen Bruch, sie glaubte sich äußerst

beleidigt und wünschte gerächt zu werden; kein Ritter fand sich, der

sich ihrer angenommen hätte, bis endlich ihr Mann, von dem sie sich

lange getrennt hatte, die Sache erfuhr und sich ihrer annahm, den

Baron herausforderte und heute verwundete; doch ist der Obrist, wie

ich höre, noch schlimmer dabei gefahren."

Von diesem Augenblicke an ward unser Freund im Hause, als gehöre er

zur Familie, behandelt.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 6 / 24 题