Der Frühling war in seiner völligen Herrlichkeit erschienen; ein
frühzeitiges Gewitter, das den ganzen Tag gedrohet hatte, ging
stürmisch an den Bergen nieder, der Regen zog nach dem Lande, die
Sonne trat wieder in ihrem Glanze hervor, und auf dem grauen Grunde
erschien der herrliche Bogen. Wilhelm ritt ihm entgegen und sah ihn
mit Wehmut an. "Ach!" sagte er zu sich selbst, "erscheinen uns denn
eben die schönsten Farben des Lebens nur auf dunklem Grunde? Und
müssen Tropfen fallen, wenn wir entzückt werden sollen? Ein heiterer
Tag ist wie ein grauer, wenn wir ihn ungerührt ansehen, und was kann
uns rühren als die stille Hoffnung, daß die angeborne Neigung unsers
Herzens nicht ohne Gegenstand bleiben werde? Uns rührt die Erzählung
jeder guten Tat, uns rührt das Anschauen jedes harmonischen
Gegenstandes; wir fühlen dabei, daß wir nicht ganz in der Fremde sind,
wir wähnen einer Heimat näher zu sein, nach der unser Bestes,
Innerstes ungeduldig hinstrebt."
Inzwischen hatte ihn ein Fußgänger eingeholt, der sich zu ihm gesellte,
mit starkem Schritte neben dem Pferde blieb und nach einigen
gleichgültigen Reden zu dem Reiter sagte: "Wenn ich mich nicht irre,
so muß ich Sie irgendwo schon gesehen haben."
"Ich erinnere mich Ihrer auch", versetzte Wilhelm; "haben wir nicht
zusammen eine lustige Wasserfahrt gemacht?"--"Ganz recht!" erwiderte
der andere.
Wilhelm betrachtete ihn genauer und sagte nach einigem Stillschweigen:
"Ich weiß nicht, was für eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen sein
mag; damals hielt ich Sie für einen lutherischen Landgeistlichen, und
jetzt sehen Sie mir eher einem katholischen ähnlich."
"Heute betriegen Sie sich wenigstens nicht", sagte der andere, indem
er den Hut abnahm und die Tonsur sehen ließ. "Wo ist denn Ihre
Gesellschaft hingekommen? Sind Sie noch lange bei ihr geblieben?"
"Länger als billig: denn leider wenn ich an jene Zeit zurückdenke, die
ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu
sehen; es ist mir nichts davon übriggeblieben."
"Darin irren Sie sich; alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück,
alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich,
sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder
stolz und lässig oder niedergeschlagen und kleinmütig, und eins ist
für die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibt
immer, nur das Nächste zu tun, was vor uns liegt, und das ist jetzt",
fuhr er mit einem Lächeln fort, "daß wir eilen, ins Quartier zu kommen."
Wilhelm fragte, wie weit noch der Weg nach Lotharios Gut sei, der
andere versetzte, daß es hinter dem Berge liege. "Vielleicht treffe
ich Sie dort an", fuhr er fort, "ich habe nur in der Nachbarschaft
noch etwas zu besorgen. Leben Sie solange wohl!" Und mit diesen
Worten ging er einen steilen Pfad, der schneller über den Berg
hinüberzuführen schien.
"Ja wohl hat er recht!" sagte Wilhelm vor sich, indem er weiterritt.
"An das Nächste soll man denken, und für mich ist wohl jetzt nichts
Näheres als der traurige Auftrag, den ich ausrichten soll. Laß sehen,
ob ich die Rede noch ganz im Gedächtnis habe, die den grausamen Freund
beschämen soll."
Er fing darauf an, sich dieses Kunstwerk vorzusagen; es fehlte ihm
auch nicht eine Silbe, und je mehr ihm sein Gedächtnis zustatten kam,
desto mehr wuchs seine Leidenschaft und sein Mut. Aureliens Leiden
und Tod waren lebhaft vor seiner Seele gegenwärtig.
"Geist meiner Freundin!" rief er aus, "umschwebe mich! und wenn es dir
möglich ist, so gib mir ein Zeichen, daß du besänftigt, daß du
versöhnt seist!"
Unter diesen Worten und Gedanken war er auf die Höhe des Berges
gekommen und sah an dessen Abhang an der andern Seite ein wunderliches
Gebäude liegen, das er sogleich für Lotharios Wohnung hielt. Ein
altes, unregelmäßiges Schloß mit einigen Türmen und Giebeln schien die
erste Anlage dazu gewesen zu sein; allein noch unregelmäßiger waren
die neuen Angebäude, die, teils nah, teils in einiger Entfernung davon
errichtet, mit dem Hauptgebäude durch Galerien und bedeckte Gänge
zusammenhingen. Alle äußere Symmetrie, jedes architektonische Ansehn
schien dem Bedürfnis der innern Bequemlichkeit aufgeopfert zu sein.
Keine Spur von Wall und Graben war zu sehen, ebensowenig als von
künstlichen Gärten und großen Alleen. Ein Gemüse- und Baumgarten
drang bis an die Häuser hinan, und kleine nutzbare Gärten waren selbst
in den Zwischenräumen angelegt. Ein heiteres Dörfchen lag in einiger
Entfernung; Gärten und Felder schienen durchaus in dem besten Zustande.
In seine eignen leidenschaftlichen Betrachtungen vertieft, ritt
Wilhelm weiter, ohne viel über das, was er sah, nachzudenken, stellte
sein Pferd in einem Gasthofe ein und eilte nicht ohne Bewegung nach
dem Schlosse zu.
Ein alter Bedienter empfing ihn an der Türe und berichtete ihm mit
vieler Gutmütigkeit, daß er heute wohl schwerlich vor den Herren
kommen werde; der Herr habe viel Briefe zu schreiben und schon einige
seiner Geschäftsleute abweisen lassen. Wilhelm ward dringender, und
endlich mußte der Alte nachgeben und ihn melden. Er kam zurück und
führte Wilhelmen in einen großen, alten Saal. Dort ersuchte er ihn,
sich zu gedulden, weil der Herr vielleicht noch eine Zeitlang
ausbleiben werde. Wilhelm ging unruhig auf und ab und warf einige
Blicke auf die Ritter und Frauen, deren alte Abbildungen an der Wand
umher hingen, er wiederholte den Anfang seiner Rede, und sie schien
ihm in Gegenwart dieser Harnische und Kragen erst recht am Platz.
Sooft er etwas rauschen hörte, setzte er sich in Positur, um seinen
Gegner mit Würde zu empfangen, ihm erst den Brief zu überreichen und
ihn dann mit den Waffen des Vorwurfs anzufallen.
Mehrmals war er schon getäuscht worden und fing wirklich an,
verdrießlich und verstimmt zu werden, als endlich aus einer Seitentür
ein wohlgebildeter Mann in Stiefeln und einem schlichten überrocke
heraustrat. "Was bringen Sie mir Gutes?" sagte er mit freundlicher
Stimme zu Wilhelmen, "verzeihen Sie, daß ich Sie habe warten lassen."
Er faltete, indem er dieses sprach, einen Brief, den er in der Hand
hielt. Wilhelm, nicht ohne Verlegenheit, überreichte ihm das Blatt
Aureliens und sagte: "Ich bringe die letzten Worte einer Freundin, die
Sie nicht ohne Rührung lesen werden."
Lothario nahm den Brief und ging sogleich in das Zimmer zurück, wo er,
wie Wilhelm recht gut durch die offne Türe sehen konnte, erst noch
einige Briefe siegelte und überschrieb, dann Aureliens Brief eröffnete
und las. Er schien das Blatt einigemal durchgelesen zu haben, und
Wilhelm, obgleich seinem Gefühl nach die pathetische Rede zu dem
natürlichen Empfang nicht recht passen wollte, nahm sich doch zusammen,
ging auf die Schwelle los und wollte seinen Spruch beginnen, als eine
Tapetentüre des Kabinetts sich öffnete und der Geistliche hereintrat.
"Ich erhalte die wunderlichste Depesche von der Welt", rief Lothario
ihm entgegen; "verzeihn Sie mir", fuhr er fort, indem er sich gegen
Wilhelmen wandte, "wenn ich in diesem Augenblicke nicht gestimmt bin,
mich mit Ihnen weiter zu unterhalten. Sie bleiben heute nacht bei uns!
Und Sie sorgen für unsern Gast, Abbe, daß ihm nichts abgeht."
Mit diesen Worten machte er eine Verbeugung gegen Wilhelmen, der
Geistliche nahm unsern Freund bei der Hand, der nicht ohne
Widerstreben folgte.
Stillschweigend gingen sie durch wunderliche Gänge und kamen in ein
gar artiges Zimmer. Der Geistliche führte ihn ein und verließ ihn
ohne weitere Entschuldigung. Bald darauf erschien ein munterer Knabe,
der sich bei Wilhelmen als seine Bedienung ankündigte und das
Abendessen brachte, bei der Aufwartung von der Ordnung des Hauses, wie
man zu frühstücken, zu speisen, zu arbeiten und sich zu vergnügen
pflegte, manches erzählte und besonders zu Lotharios Ruhm gar vieles
vorbrachte.
So angenehm auch der Knabe war, so suchte ihn Wilhelm doch bald
loszuwerden. Er wünschte allein zu sein, denn er fühlte sich in
seiner Lage äußerst gedrückt und beklommen. Er machte sich Vorwürfe,
seinen Vorsatz so schlecht vollführt, seinen Auftrag nur halb
ausgerichtet zu haben. Bald nahm er sich vor, den andern Morgen das
Versäumte nachzuholen, bald ward er gewahr, daß Lotharios Gegenwart
ihn zu ganz andern Gefühlen stimmte. Das Haus, worin er sich befand,
kam ihm auch so wunderbar vor, er wußte sich in seine Lage nicht zu
finden. Er wollte sich ausziehen und öffnete seinen Mantelsack; mit
seinen Nachtsachen brachte er zugleich den Schleier des Geistes hervor,
den Mignon eingepackt hatte. Der Anblick vermehrte seine traurige
Stimmung. ""Flieh! Jüngling, flieh!"" rief er aus, "was soll das
mystische Wort heißen? was fliehen? wohin fliehen? Weit besser hätte
der Geist mir zugerufen: "Kehre in dich selbst zurück!"" Er
betrachtete die englischen Kupfer, die an der Wand in Rahmen hingen;
gleichgültig sah er über die meisten hinweg, endlich fand er auf dem
einen ein unglücklich strandendes Schiff vorgestellt: ein Vater mit
seinen schönen Töchtern erwartete den Tod von den hereindringenden
Wellen. Das eine Frauenzimmer schien ähnlichkeit mit jener Amazone zu
haben; ein unaussprechliches Mitleiden ergriff unsern Freund, er
fühlte ein unwiderstehliches Bedürfnis, seinem Herzen Luft zu machen,
Tränen drangen aus seinem Auge, und er konnte sich nicht wieder
erholen, bis ihn der Schlaf überwältigte.
Sonderbare Traumbilder erschienen ihm gegen Morgen. Er fand sich in
einem Garten, den er als Knabe öfters besucht hatte, und sah mit
Vergnügen die bekannten Alleen, Hecken und Blumenbeete wieder; Mariane
begegnete ihm, er sprach liebevoll mit ihr und ohne Erinnerung
irgendeines vergangenen Mißverhältnisses. Gleich darauf trat sein
Vater zu ihnen, im Hauskleide; und mit vertraulicher Miene, die ihm
selten war, hieß er den Sohn zwei Stühle aus dem Gartenhause holen,
nahm Marianen bei der Hand und führte sie nach einer Laube.
Wilhelm eilte nach dem Gartensaale, fand ihn aber ganz leer, nur sah
er Aurelien an dem entgegengesetzten Fenster stehen; er ging, sie
anzureden, allein sie blieb unverwandt, und ob er sich gleich neben
sie stellte, konnte er doch ihr Gesicht nicht sehen. Er blickte zum
Fenster hinaus und sah in einem fremden Garten viele Menschen
beisammen, von denen er einige sogleich erkannte. Frau Melina saß
unter einem Baum und spielte mit einer Rose, die sie in der Hand hielt;
Laertes stand neben ihr und zählte Gold aus einer Hand in die andere.
Mignon und Felix lagen im Grase, jene ausgestreckt auf dem Rücken,
dieser auf dem Gesichte. Philine trat hervor und klatschte über den
Kindern in die Hände, Mignon blieb unbeweglich, Felix sprang auf und
floh vor Philinen. Erst lachte er im Laufen, als Philine ihn
verfolgte, dann schrie er ängstlich, als der Harfenspieler mit großen,
langsamen Schritten ihm nachging. Das Kind lief grade auf einen Teich
los; Wilhelm eilte ihm nach, aber zu spät, das Kind lag im Wasser!
Wilhelm stand wie eingewurzelt. Nun sah er die schöne Amazone an der
andern Seite des Teichs, sie streckte ihre rechte Hand gegen das Kind
aus und ging am Ufer hin, das Kind durchstrich das Wasser in gerader
Richtung auf den Finger zu und folgte ihr nach, wie sie ging, endlich
reichte sie ihm ihre Hand und zog es aus dem Teiche. Wilhelm war
indessen näher gekommen, das Kind brannte über und über, und es fielen
feurige Tropfen von ihm herab. Wilhelm war noch besorgter, doch die
Amazone nahm schnell einen weißen Schleier vom Haupte und bedeckte das
Kind damit. Das Feuer war sogleich gelöscht. Als sie den Schleier
aufhob, sprangen zwei Knaben hervor, die zusammen mutwillig hin und
her spielten, als Wilhelm mit der Amazone Hand in Hand durch den
Garten ging und in der Entfernung seinen Vater und Marianen in einer
Allee spazieren sah, die mit hohen Bäumen den ganzen Garten zu umgeben
schien. Er richtete seinen Weg auf beide zu und machte mit seiner
schönen Begleiterin den Durchschnitt des Gartens, als auf einmal der
blonde Friedrich ihnen in den Weg trat und sie mit großem Gelächter
und allerlei Possen aufhielt. Sie wollten demungeachtet ihren Weg
weiter fortsetzen; da eilte er weg und lief auf jenes entfernte Paar
zu; der Vater und Mariane schienen vor ihm zu fliehen, er lief nur
desto schneller, und Wilhelm sah jene fast im Fluge durch die Allee
hinschweben. Natur und Neigung forderten ihn auf, jenen zu Hülfe zu
kommen, aber die Hand der Amazone hielt ihn zurück. Wie gern ließ er
sich halten! Mit dieser gemischten Empfindung wachte er auf und fand
sein Zimmer schon von der hellen Sonne erleuchtet.