Das ewige Brot

_Gisela:_ Gute Nacht, Trostblümlein.

_Engela:_ Gute Nacht, Prinzessin. Da reitet der junge Graf in den

Schloßhof! Ach das wäre die schönste Geschichte, wie mir meine

Großmutter noch keine erzählt hat! Von der Hexe und dem Grafensohn! Und

das Gewölb -- so schauerlich. Und dann kommt das Geisterschloß und daß

die Prinzessin auch noch verwunschen ist.

_Gisela:_ Verwunschen!

_Engela:_ Ja! der Engel Leiden! Vor gar Nichts mehr fürchte ich mich in

dem Spukschloß, seit Ihr mir gesagt habt, das schreckliche Klopfen wäre

eine Rinne und ein Blech. Aber vor dem Engel Leiden fürcht ich mich!

Wenn Ihr mit dem redet ...

_Gisela:_ Das hörst du?

_Engela:_ Jetzt nicht mehr! Aber wie Ihr im Fieber waret! Und Ihr seht

schön aus wie Nichts in der Welt und schauerlich wie Nichts in der Welt.

_Gisela:_ Da würdest du dich am meisten vor mir fürchten! Du Armes ...

_Engela:_ Und hör ich auch gar Nichts, so seh ich es Euch doch am Morgen

an ... Der Engel Leiden war wieder da!

_Gisela:_ Wie siehst du mir das an ...

_Engela:_ So an den Augen, so ein blaues Leuchten!

_Gisela:_ Da brauchst du dich nicht davor zu fürchten! Gib das Fürchten

auf, Engela, kommt nichts dabei heraus, als daß man Kummer hat.

_Engela:_ Die Geschichte wär schön, so zum gruseln und sich daran

freuen, und so recht rührend wär sie auch, wie es sein muß -- aber einen

Fehler hat sie doch!

_Gisela:_ Daß man nicht weiß, wie sie weitergeht! Und du erlebst sie,

die Geschichte! Bis zu Ende erlebst du sie, ich versprech dirs, bis zu

Ende.

_Engela:_ Alle Geschichten müssen so ausgehen: und sie fuhren zur

Hochzeit in goldener Kutsche, und wenn sie nicht gestorben sind, so

leben sie heute noch.

_Gisela:_ Es muß auch einmal eine neue Geschichte geben.

_Engela:_ Es darf kein Grab mit Lilien drin vorkommen.

_Gisela:_ Engela, hast du die schöne Geschichte vergessen vom

Aschenbrödel und dem Baum auf der Mutter Grab?

Bäumlein, schüttel dich,

Bäumlein, rüttel dich,

Wirf Gold und Silber über mich!

Lilien waren auch auf dem Grab.

_Engela:_ Ach ja! Keine Prinzessin hat noch einen verbrannten Fuß

gehabt, mit dem sie hat nicht gehen können -- und hat müssen auf dem

verbrannten Rücken liegen!

_Gisela:_ Die werden ihre Leiden auch nicht erzählt haben! Sie haben

goldene Schuhe über den Fuß gezogen und Niemand sehen lassen, daß er ein

wenig kleiner ist wie der andere, und über den Rücken haben sie die

goldenen Haare gehängt .... Aber schweigen haben ihre Mägdlein müssen,

Nichts verraten, sonst weinen die Prinzessinnen. Gute Nacht, du!

_Engela:_ Ich vergeß mein Gebetlein nie mehr! Seit ichs die eine Nacht

vergessen habe mit dem Glas Wasser! -- Gute Nacht --

(^sie geht hinaus in den Vorraum, in dem eine brennende Laterne

von dem Balkenwerk herunterhängt; über der Treppe ist ein Fenster

mit einer tiefen Nische ... Der Junggraf Heinz von Brauneck

fliegt die Treppen hinauf, die letzten vier Stufen nimmt er auf

einmal^).

Graf _Heinz:_ Engela, wie ist es jetzt, der Förster sagte mir, man wisse

immer noch nicht --

_Engela:_ Wie die Geschichte weitergeht, Herr Graf ...

Graf _Heinz:_ Weil ich nicht wußte, wie es stände, hab ich dies

mitgebracht.

_Engela:_ Rosen und Früchte, Äpfel und ein Pfirsich!

Graf _Heinz:_ Für Leben und Sterben. Wenn es Sterben hieße, die Rosen da

-- ganz naß vom Regen sind sie ... und wenn es Leben wäre ..., die

Früchte. Den Pfirsich, den muß sie essen, es ist eine Schande, daß es

nur einer ist! -- Du Engela hast so viel Kinderlehre jetzt versäumt, so

will ich dir ein wenig nachhelfen.

_Engela:_ O die Prinzessin Gisela sorgt ganz schön für meine

Kinderlehre.

Graf _Heinz:_ Meine Tochter, rede nicht in die Unterweisung hinein!

Sondern erkenne, daß es Jungherren und Jungfräulein immer geziemt, die

Wahrheit zu reden. Vernimm die Geschichte von dem Pfirsich. Das

Kinderlehr halten muß schwerer sein, als ich mir gedacht habe. Muß doch

nicht gut genug aufgepaßt haben. Hochwürden hat mich einmal aus der

Kinderlehre gejagt wegen ungebührlicher Scherze. So etwas tust du nie!

_Engela:_ O nein, nie.

Graf _Heinz:_ Ich wollte Pfirsiche haben für deine Prinzessin, und ganz

recht, daß du sie so nennst: denn es ist Wahres daran, und du kannst dir

etwas darauf einbilden, daß du es zuerst herausgefunden hast.

_Engela:_ Alle Andern haben Hexe gerufen, ich nie. Prinzessin habe ich

gesagt, wie ich mich einmal getraut habe, mit ihr zu reden.

Graf _Heinz:_ Ich vergeß dirs auch nicht, Engela, deshalb hole ich auch

versäumte Kinderlehren mit dir nach! Also Pfirsiche wollte ich, und das

Schönste wäre gewesen, so über die obere Mauer hängen, einen Korb mit

einem Strick ans Geländer binden und hinein mit den Pfirsichen! Aber da

fällt mir gerade noch ein, der Gärtner, der einen Mordsstolz auf die

Pfirsiche hat und sie auf die Tafel bringen will, könnte meinen, ein

Gärtnerbursche habs getan und haut dem den Buckel voll. Und jetzt kommt

die Moral oder Nutzanwendung. Wozu ist es nützlich, wenn man die

Wahrheit redet? Oft, wenn man ein Geheimnis braucht und sagt die

Wahrheit, so glauben es einem die Leute nicht und man hat die Sache erst

recht versteckt. Aber diesmal gehts anders herum. Ich steh an der heißen

Mauer und seh dem Gärtner zu, wie er anfängt die Pfirsiche herunter zu

tun. Immer mit einem Aug auf mich! Mich kennt er schon lang und weiß,

daß ich für die leiblichen Güter des Lebens bin. Dann sag ich -- und

denk, er glaubt mirs doch nicht, er meint, sowie ich ums Eck bin, eß ich

ihn doch selbst: »Gib mir doch einen Pfirsich, ich will ihn einem

schönen Fräulein bringen.« Und der sieht mich an, grinst und langt den

schönsten herunter. Er muß es doch geglaubt haben, denn er hat von

selbst mir den großen Rosenstrauß geschnitten. Mehr konnt ich auch nicht

verlangen, denn seine Freud mit den Pfirsichen auf der Tafel wollte ihm

deine Prinzessin gewiß nicht nehmen. Trags hinein, Engela, laß ein

Ritzchen offen ...

(^Engela trägt das Körbchen hinein.^)

_Gisela:_ Rosen und Früchte! Regennasse Rosen! Wie ist das schön! Ich

liebe den Regen und kann nicht hinausgehen zu ihm! da kommt er zu mir.

Auf Rosen kommt er. Gib sie mir in meinen Arm, die Rosen! Ich dank ihm,

o ich dank ihm. Immer das, was ich am liebsten möchte, bringt er mir.

Immer das!

_Engela:_ Es sei für Leben und Sterben, hat er gesagt!

_Gisela:_ Für Leben und Sterben! Immer das, was mich tröstet, weiß er.

-- Kein Mensch kann so trösten.

_Engela:_ Trösten?

_Gisela:_ Trösten. Sieh mich an! Bin ich nicht -- glückselig?

_Engela:_ Man hört es auch, daß Ihr das seid! an der Stimme.

_Gisela:_ Glückselig, das ist ein schönes Wort. Glückselig! Ein Wort wie

regennasse Rosen, wie Leben und Sterben ... Er hat mich getröstet, das

heißt nun: Schönes Glück, seliges Sterben, das wünsch ich dir, das bring

ich dir! Beides gleich schön. Du weißt nur nicht, was schöner ist: wart

es ab, es wird kommen, wie es kommen muß, immer schön, immer gut! Sage

ihm, daß ich ihm danke. Mach das Ritzchen zu, dort ist ein Ritzchen

offen. Gut Nacht, Engela, du sollst nicht mehr herein kommen, auch nicht

lang mehr bei dem Junggrafen stehen ...

(^Engela geht hinaus.^)

(^Der Junggraf sitzt am Fenster, auf dessen Brüstung er sich

hinaufgeschwungen hat, und schlingt seine Arme um das eiserne

Fensterkreuz. -- Draußen rauscht der Regen.^)

_Engela:_ Habt Ihr das gehört, das von Regen und Rosen ...

Graf _Heinz:_ Nein, Regen auf Rosen.

_Engela:_ Ich darf nicht mehr hereinkommen und soll nicht lang mit Euch

reden.

Graf _Heinz:_ Nicht lang mehr, aber kurz! Sind die Streifen an den

Händen, die jetzt die Rosen halten, heil ...

_Engela:_ Schon lange heil, aber man sieht sie noch, o sehr sieht man

sie noch!

Graf _Heinz:_ Sag ihr, daß es Perlenarmbänder gebe.

_Engela:_ Ich glaube nicht, daß sie die will -- sie sagt, deren schäme

sie sich vor Gott und Menschen nicht.

Von der Hexe die eine Heilige war · 第 9 / 13 题