Frau _Trost:_ Du hast geweint, du zitterst, wird es denn gar nicht
besser?
_Gisela:_ Leiden hat mir eine Geschichte erzählt.
Frau _Trost:_ Ach, Kind, du hast genug -- mußt du dir denn auch noch
Geschichten erzählen lassen ... gehts denn dir nicht schlecht genug ...
_Gisela:_ Mir geht es gut, es ist mir noch immer gut gegangen ...
Frau _Trost:_ O, Kind!
_Gisela:_ Die paar Stunden ...
Frau _Trost:_ Es sind jetzt Wochen ...
_Gisela:_ Immer nur eine Minute auf einmal ... Es fällt immer ein
Tropfen. Es sind ja Tränen, liebe Frau vom Trost, es sind Tränen ... Da
liegt in einer trockenen Bucht ein kleines, leichtes Schifflein ... Nun
rinnt der erste Tropfen hinunter -- der ist noch Nichts. Das Schifflein
liegt fest und ganz fern rauscht ein Meer ... Das Schifflein will sein
Meer ... Nun kommt noch ein Tropfen, jede Minute fällt einer. Nun ists
ein Rinnsal schon -- und Tropfen auf Tropfen, jetzt ists ein kleines
Seechen, das Schifflein hebt sich ... es fängt schon an, sich zu wiegen
-- fallt, fallt, ihr Tropfen ... es sind Wellchen -- große Wellen ...
hinaus fährt das Schifflein in sein Meer --.
Frau _Trost:_ Ist das die Geschichte ...
_Gisela:_ Das ist nicht die Geschichte, die mir Leiden erzählt hat ...
ist die denn traurig? Das Schifflein will doch in sein Meer, und es
rauscht und braust schon mächtig, das Meer. Nein, das ist sie nicht ...
Er hat sie mir auch nicht ganz erzählt. Es ist die furchtbarste
Geschichte der Welt. Auch Leiden weiß sie nicht ganz ... Ich könnte sie
auch nicht hören -- ich hielts nicht aus. Er kann mir nur so Worte ins
Ohr flüstern. Denk doch, die Sonne, die dabei war, als es geschah, hat
es nicht mit ansehen können. Die hat sich doch in allen Blutlachen der
Welt gespiegelt ... Mit den Flammen der Scheiterhaufen hat sie gespielt,
die Sonne, verhungernden Kindlein am Weg hat sie noch in die brechenden
Aeuglein gesehen. -- Aber da -- da hat sie ihr Gesicht verstecken
müssen.
Frau _Trost:_ Leiden soll dir keine Geschichten mehr erzählen ...
_Gisela:_ Ich sag dirs ja, man kann sie nicht erzählen ... Leiden weiß
sie auch nicht, nur Gott weiß sie -- die Erde, die alte, auf der bald
kein Plätzchen mehr ist, wo nicht eine Träne hingefallen ist, hat
gezittert.
Frau _Trost:_ Kind, wie du weinst, o wie du weinst, so hast du noch nie
geweint ...
_Gisela:_ Ich muß dirs sagen, es zersprengt mir das Herz sonst ... ich
kanns nicht allein aushalten. Heut Nacht, wie ich allein war, beugt
Leiden sich über mich und flüstert mir ins Ohr: Siehst du den Herrn
Jesus, wie er am Kreuze hängt? ... sag ich: Das hab ich schon oft
gesehen, Leiden.
Leiden sagt: Du hasts noch nie gesehen. -- Nie! Du hast seine armen
blutenden Hände gesehen, die Pein um einen Tropfen Wasser. Du hast es
gesehen, wie er herunter sieht auf sein armes Mutterherz mit dem treuen
Johannes, du hasts gehört, wie er sagt: Vater, vergib ihnen, denn sie
wissen nicht, was sie tun. -- Aber Eins hast du nicht gesehen ... Er
geht nun zu seinem Vater im Himmel und freut sich nicht. Zu seinem Vater
im Himmel aus der Qual heraus -- zu seinem Vater, durch die letzten
Schleier hindurch, nun bald, und freut sich nicht ... Warum freut er
sich denn nicht! Hat er sich denn nicht sein ganzes Leben darauf
gefreut, wie er zu seinem Vater kommt und die Vielen mit ihm, die große
Sünderin, der weise Nikodemus, der kleine Zachäus, das dünne Weiblein
mit dem Kummergesichtlein und dem Scherflein in der Hand, die
Ehebrecherin, die Maria, die ihm die letzte Liebe getan ... Viele, Viele
ohne Zahl, das Waisenkind am Wege und der Cäsar in Rom, alle, alle die
Mühseligen und Beladenen, die Einsamen, die stolzen Seelen, die lieben
frohen Kinder mit ihren Palmenzweiglein. Ja, wo sind sie denn alle ...
Er sieht sie nicht mehr. Er ist allein. Da unten steht die Mutter, die
hat den großen Mutterschmerz, der treue Johannes, er starrt auf
verlorene Hoffnungen.
Ja, darf er denn so allein kommen ... er sollte sie doch alle mitbringen
... Er ist allein und schon pocht der Tod mit seinem Hammer an sein Herz
... Man kann sie nicht erzählen die Geschichte, Leiden weiß sie auch
nicht, es ist noch ein Geheimnis dabei ... Da hört er Stimmen neben sich
... Häßliche Worte, die fallen nicht mehr hinein in den Becher, der ist
randvoll ... dann die andere Stimme: Gedenke an mich, wenn du in dein
Reich kommst. Sagt der Herr Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradiese
sein ... Jetzt ist er nicht mehr allein ... Einen von den Allen bringt
er mit. Und die Andern, Alle, Alle, die noch an dem Tränenmeer sitzen?
... Da brach ihm das Herz.
Dann ist er hinaufgegangen zu seinem Vater. Aufrecht ging er und hinter
ihm drein tragen die Engel den armen Menschen mit den zerbrochenen
Gliedern. Da rührt ihn ein Engel an -- er dreht sich um und sieht sie
kommen, die Scharen, ein langer Zug ... durch tausend Jahre geht er, und
immer noch ziehen sie hinter ihm drein ...