Vorwort

Am 16. Februar 1906, gerade fünf Jahre vor dem Tode der Dichterin, ist

ein Schauspiel »Die Hexe« von Agnes Günther über eine Liebhaberbühne

gegangen. Darin war ein Ausschnitt aus einem ursprünglich episch

aufgefaßten Stoff dramatisch gestaltet. Aber bald darauf begann die

Rückbildung dieses Stoffes ins Epische; die nachfolgenden Bruchstücke

liegen auf dem Weg zur epischen Form, deren Vollendung der Verfasserin

nicht mehr vergönnt war. Sie sind im Jahr 1906 in der »Christlichen

Welt« erschienen, und obwohl sie keine Szenen aus dem Drama selbst

wiedergeben, stehen sie diesem zeitlich doch so nahe, daß die

dialogische Form in ihnen beibehalten ist.

Das Problem der »Heiligen« hat die Dichterin auch hier beschäftigt, wie

sie in ihrem Werke »Die Heilige und ihr Narr« unter dem Schleier der

Dichtung die Geschichte von der Reinigung der Seele erzählt hat. Die

Freunde jenes Werkes werden auch zu diesem Büchlein greifen wollen; sie

ahnen dann etwas von dem, was die Frühverstorbene noch zu sagen vermocht

hätte. Jene schmerzdurchzitterten und doch so sieghaften Worte vom

Leiden, dem starken Freudenwein der Ewigkeit, sind an ihrem Sarge auf

sie selbst gedeutet worden. Nun gehen sie noch einmal aus und finden

vielleicht da oder dort ein Herz, das sie trösten. Denn »Wie Gisela mit

Leiden stritt« -- das ist ein Stück aus der Herzensgeschichte der

Menschheit.

_Marburg_, den 9. November 1913

_Rudolf Günther_

Von der Hexe die eine Heilige war · 第 3 / 13 题