Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus
der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das
Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer
hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher
für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“
verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze
und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen
aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte
und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit
kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte
Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es
durcheinander.
Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz
besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter
reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit
verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich
draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und
gewichtige Wort.
Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste
Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n
eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma
b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht,
daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“
„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in
jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.
„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An
solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat
Hand und Fuaß!“
„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an
Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a
Königsschloß!“
„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein.
„Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“
Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin.
Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich
geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt
hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos
is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas
entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland,
da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu
insern Kini und sein Haus...“
In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen
zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen
Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt
denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut erstickter Stimme und eilte
mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein
Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.
Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut
ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene
Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen
Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.
Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm
um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.
Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er
leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem
blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.
Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug
gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu
singen:
Oba so zwoa, wia mir zwoa
Dös gibt’s ja net glei.
Duliä, dulio, duliä -- -- --
„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte
zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch
die Zuschauer drängte.
„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in
da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern
vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen,
so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl
mitanand! ... Du Luada!...“
„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst
sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst
net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi
eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net,
Voda!...“
„Wos? Herrgottsakrament!...“
„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl
ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a
Paar starke Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß
s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom
Freihof!“
Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch
lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.
Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten
allein mit seiner Tochter.
„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’
hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a
zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets
Weibsbild!“ -- -- --
[Illustration]
Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht.
Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und
legte sich breit auf die duftenden Wiesen.
Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das
Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.
„Loni, bist a’s Du?“
„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“
„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart
g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O,
mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri
zum Buffalo Bill.“
„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“
„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i
Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des
Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua
r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi
g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa
Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“
„O, mei liaba Bua!...“
„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des
unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i
so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen,
als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles
gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“
„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz
an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech,
Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein,
wia’s zua Lebzeiten...“
„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean
scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“
„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa
net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol
g’setzt vom Himmi als mei Voda...“
„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an
Gedanken hab fassen kinna. Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du
sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au,
au! Herrgottsakrament!...“
„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“
„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“
„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt
hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“
Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen
und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen
Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing.
Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle
diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so
betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.
Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und
körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter
dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.
Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen
Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!...
dann nichts mehr!...
Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das
Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele
gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“
Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der
Stirne sickerte das Blut -- --
[Illustration]
Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann.
Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch
geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm
liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen
auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.
„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim liab’n Himmivoda? Und hot
er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“
„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am
Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und
mi!...“
„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.
„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“
Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe
Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem
verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.
„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat
macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i
Dir, dort, mei Loni!“
„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner
Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“
Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein
fremder Herr gesellt hatten, in schweigender Rührung. Der Freihofbauer
unterbrach die Stille.
„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben
bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“
„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir
wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden
is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen
Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal
ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem
Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt
sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer;
der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des
Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei
Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg
g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i
nix mehr.“
„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen
ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und
lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“
Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen
über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel
aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“
Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er
trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre
Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“
Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten
lange und innig.
[Illustration]
[Illustration: Der Einser]