Lola dachte: »Welch Glück!«

Claudia sprach starr weiter. Er begleitete die Sarrida und hatte acht

Fechter mit, acht Händelsucher wie er selbst, um der Sarrida Erfolg zu

erzwingen. Denn die eintönige Ausstellung ihres Fleisches langweilte vom

dritten Abend ab.

Befremdet fühlte Lola eine Regung von Eifersucht: o, nicht auf Pardis

Liebe, aber vielleicht auf die acht Fechter, mit denen er seine Geliebte

beschützte? Hier ward gehandelt. Man schickte sich nicht in etwas, das

bestimmt schien; man verzichtete nicht: man handelte.

»Woran denkst du?« fragte Claudia.

»Daß wir dann nach Monte Turno könnten: du, Arnold, ich. Da du schon

unterwegs bist: willst du mit Guidacci sprechen?«

Mittags trafen sich alle bei der Trambahn nach Prato. Der kleine Priester

frohlockte; er faßte das schöne Wetter als persönlichen Erfolg auf.

»Jetzt werden Sie mein Landhäuschen sehen!« wiederholte er.

Dem groben, schwermütigen Gesicht Pierinas standen die Veilchen. Lola

steckte sie ihr an; Arnold hatte welche für Claudia. Alle lachten aufgeregt

durcheinander, man wußte nicht warum: weil es in den Frühling hinausging,

weil die Frauen bunte Schleier und Blumen trugen, weil man sich

abenteuerlich frei fühlte, in der schmutzigen, lärmenden kleinen Dampfbahn

durch das weite, sonnig durchwogte Land hin. Es war braun; die Glockentürme

mit dem Umriß alter Zeiten, alten seltsamen Menschensinnes, sanken grau

darin ein; rosig und weiß überspülten es Obstblüten; und der Himmel öffnete

sich immer weiter, immer mächtiger, bereit, einen Hineinstarrenden zu

verschlingen.

Lola stand allein auf der Plattform und sah in den Himmel. Arnold trat

neben sie. Nach einer Weile zeigte sie ihm die Pappeln, die zurückblieben.

»Wie sie fein und durchblaut sind! Hören Sie's nicht, als ob sie sängen?

. . . Auf der Großen Insel, bei meinen Großeltern waren welche. Es ist mein

Lieblingsbaum.«

Guidacci kam heraus. Sie sprachen beide so herzlich zu ihm, daß er sie ganz

beglückt ansah.

Es ward heiß. An den Halteplätzen holten Arnold und Guidacci Erfrischungen

unter den Zeltdächern der Cafés hervor, aus den schwarzgelben Reihen der

Bauern mit kühn zerdrückten Hüten. Die Kutscher burlesker Landwagen spaßten

und knallten. Wild schnaubend riß einen die Lokomotive -- noch warf ein

Mädchen eine Rose nach -- aus dem sonnigen kleinen Haufen Leben.

Und man bestaunte in Prato, wie ein Kind, die Kanzel am Dom, mit dem

geheimen Wunsch, da hinaufzuklettern, zu spielen. Und man atmete, im

Stellwagen, die Luft vom Gebirge, erstieg Hügel, die sich,

weinlaubüberzogen, um helle Häuser schmiegten, verlor sich in Laub,

Quellenfrische, Duft verjüngter Erde . . . Das letzte Stück Weges ging's

steil. Guidacci lief es, die Soutane gerafft, zu Fuß hinauf. Wie sie oben

abstiegen, sprang aus einer Pforte ein gelbes, mageres Männchen in einer

Pumphose, fuchtelnd aus seiner zu weiten Jacke. Man bewunderte den

Priester; Claudia tat es nicht ohne Bedenken. Er wollte ihnen seinen Garten

zeigen; nein, das Haus; nein, vor allem sollten sie seinen Wein kosten: er

wußte selbst nicht, was er am wenigsten erwarten konnte. Und er erklärte,

daß er in zwei Jahren, vielleicht in einem, sich hierher zurückziehen,

seine Rosen pflegen und seinen Wein keltern wolle. Er sagte es stolz, als

vermesse er sich einer Heldentat.

»Das Alleinsein fürchte ich nicht,« -- und er tat, mit gespreizten Fingern,

einen entschlossenen Streich durch die Luft. Ȇbrigens habe ich hier meinen

alten Lehrer. Sie müssen ihn sehen.«

Er führte sie um das Dorf und durch den verwilderten Pfarrgarten in die

Sakristei der Kirche. Ein großer, gebückter Greis empfing sie. Das

Chorhemd, das er eben ablegen wollte, ließ er auf die Schultern

zurückgleiten, lud mit einer weichen Bewegung die Damen in das

altersschwarze Wandgestühl und begann sogleich, als habe er sie erwartet,

mit ihrer Unterhaltung.

»Hier vernehmen Sie mehr, als in Guidaccis Hause, vom Geräusch unseres

Festes.«

Ein Schuß, der Schrei eines Verkäufers drangen über den stillen Garten her.

»Es ist das jährliche Fest unseres Heiligen. Ich will Ihnen seine

Geschichte erzählen.«

Er rief hinaus nach der Magd, die süßen Wein brachte. Guidacci verhieß

eifersüchtig, sein eigener Vino Santo, den er ihnen vorsetzen werde, sei

besser. O, der Alte höre nicht!

Der alte Priester erzählte, auf seine Knie gestützt, Sachlichkeit und Ruhe

im langen, blutleeren Gesicht, seine Wunderlegende. Claudias Augen, sah

Lola, erweiterte leidenschaftliche Sehnsucht. Die kleine Pierina sah mit

schwermütigem Spott von einem zum anderen. Guidacci, unfähig,

stillzuhalten, sagte zu Lola:

»Wie frisch er ist, nicht? Und er wird achtzig. Aber er hat auch seit

fünfzig Jahren dies Dorf nicht verlassen.«

Lola traf die Augen Arnolds. Im Drang, wohlzutun, glücklich zu machen,

antwortete sie Guidacci:

»Sie werden denselben Frieden finden: ich glaube es.«

Und sie betrachtete die dunkeln Möbel: wie viele Hände, die nacheinander

gelebt und daran hingetastet hatten, mochten diese Ecken abgerundet haben!

Die Türfüllung war ausgebuchtet, wie von den hundert Rücken vergangener

Priester, die sich plaudernd hineingelehnt hatten. Der Frühlingswind eilte

nur wie ein fremder junger Gast durch den alten Raum, unvermischt mit

seiner eigenen Luft, dem stillen Greisenatem der Wände, der schwarzen

Bilder, der Stoffe, die mit verjährtem Weihrauch gesättigt, auf den

Schultern des Achtzigjährigen und in den leisen Schränken ruhten.

»Wir aber dürfen hinaus,« dachte Lola: »er und ich! Wie weit und hell es

dahinten ist!«

Schon im Garten, sahen sie drinnen den Alten die kleine Pierina an der Hand

halten. Er berührte ihr Ohr und seins.

»Nicht undankbar sein,« sagte er. »Das ist ein Glück. Wir beide hören

nichts Böses, und fern davon, uns in uns selbst zu verschließen, wollen wir

den Menschen viel Gutes sagen.«

Pierina kam mit betretener Miene heraus. Lola nahm sie zwischen sich und

Arnold, und plötzlich fand sie ihr eine Menge zu sagen, fühlte sich bei

einer Freundin, die Zeugin ihrer glücklichsten Augenblicke gewesen war und

der sie sie dankte, wie Geschenke. Das Mädchen erhellte sich, vergaß zu

beobachten, plauderte . . . Aber Lola bemerkte Claudias gequältes Gesicht.

Sie zog sie fort.

»O, wenn ich jenem alten Priester beichten könnte!« sagte Claudia; und

Lola:

»Beichte mir!«

Claudia erhob große, schuldige Augen zu ihr.

»Dir möchte ich zu Füßen fallen, Lolina,« sagte sie, leise und wild. »Wie!

ich habe dir deinen Mann genommen: ich zuerst, -- und du magst mich noch

ansehen, ohne mir ins Gesicht zu schlagen? Du hörst meine Stimme und

erwürgst mich nicht? Ich begreife dich nicht, aber ich will dich lieben wie

ein Hund!«

»Du hast mir nichts genommen, arme Claudia. Er machte mich nicht glücklich:

er zog mich in Schmutz. Daß ich ihn, der mich mit allen betrügt, einst

geliebt habe, demütigt mich.«

»Demütigen! Schmutz! Weißt du, daß ich im Straßenkot, zwischen den Rädern

aller Familien von Florenz, ihm nachkriechen würde? Er soll mir

zurückkehren von der Sarrida; von der letzten Dirne soll er mir

zurückkehren! Weniger als das, er soll mich zu ihr rufen, an ihr Bett: hier

bin ich! Demütigen? Ich werde um ihn in Schande kommen, ganz tief, und für

ihn sterben: hast du neulich im Palazzo Pozzi die Blicke meines Mannes

gesehen? -- werde für ihn sterben, und das macht mich stolz. O! ich weiß

alles voraus; ich habe meine Zukunft da --«

Mit ihrer kleinen behandschuhten Hand schlug sie sich auf die Spitzen vor

der Brust, auf den Leib . . .

»-- und da und da: überall wo Blut fließt! Weißt du das nicht? Dann weißt

du wenig von Liebe!«

Sie schüttelte den Kopf, daß an ihrem Hut die Straußenfeder aufflog.

Plötzlich lachte sie laut Guidacci entgegen, ergriff Pierina am Arm und

lief mit den Geschwistern die Straße hinab. Arnold und Lola stießen

zueinander und folgten, langsam und allein.

»Was ist Ihnen?« fragte er. »Sie sehen erschreckt aus.«

»Haben Sie nicht gehört, was sie sagte? . . . Lassen wir's! Das ist das

eine Schicksal, -- und das andere gehört dem Alten in seiner Sakristei. Mit

uns aber ist's nun so geworden, daß wir diese schöne Waldstraße dahingehen

und uns haben. Du darfst meine Hand nehmen. Stelle dir vor, daß wir nie

aufhören, zu wandern. Hat dich schon einmal eine Ebene so verlockt, wie die

dort, worin wir Pistoja sehen? Vor dem Tor ist ein Garten: immer, wenn ich

vorbeifuhr, dachte ich an dich.«

»Bei vielen Dingen dachte ich an dich, -- und noch immer glaub' ich's

nicht, daß ich nun dich selbst sehe. Werden wir uns immer lieben?«

»Wenn du zweifeln kannst, liebst du mich nicht.«

»Ich liebe dich so sehr, daß ich für immer auf dich verzichtet habe. Keine

Schwäche soll mich mehr überraschen.«

»Sie war meine Schuld. Ich klage mich an! Als ich gestern zu dir lief,

wollte ich mich rächen; ich nahm, was ich nun erfahren hatte, zum Vorwand,

mich loszureißen. Aber der Vorwand war schlecht, und die Rache war

schlecht. Sie hätte uns beide entwürdigt. Ist unsere Liebe nicht weit fort

von allem?«

Sie standen und sahen, die Finger lose verschränkt, ins Tal.

»Ich glaube,« sagte Arnold langsam, »daß deine Mutter sehr gelitten hat.«

Lola wendete ihm ein verklärtes Lächeln zu.

»O! du mußt mich wohl lieben, -- da du so tief blickst.«

»Sie erscheint mir, wenn ich sie mir zurückrufe, als armes, unwissendes

kleines Wesen, gelockert und nicht befreit, ein ratloses, entflogenes

Vögelchen.«

»War sie nicht eigentlich achtbar, daß sie erst dann unterlag, als sie es

dringlich fand, mich zu verheiraten? Er hätte mich anders nicht genommen:

er wollte uns beide . . . Liebte sie ihn? Aber um meinetwillen gab sie sich

ihm! Um seinet- und um meinetwillen hat sie einem anderen, der es schon

hatte, ihr Wort zurückgenommen und ist allein fortgezogen in Langeweile und

Gefangenschaft. Denn nun ist sie wieder im Käfig; mein Bruder Paolo hält

ihn jetzt so gut verschlossen, wie früher Pai. Und sie sieht sich ungenützt

altern. Was ich für Verrat hielt, war Opfer!«

»Muß man sich dir nicht opfern? Muß nicht deine Mutter gut sein?«

»Wie viele Augenblicke mit ihr kehren mir nun wieder, wie viele ihrer

Worte! Gestern kamen nur die, in denen sie mich haßte. Heute höre ich sie,

wenn ihr Kampf sich zum guten wendete. Ich möchte sie um Verzeihung bitten

für meine Kälte! Das Schicksal der anderen kommt mir so oft nicht nahe

genug. Ich muß besser werden.«

Arnold wiederholte:

»Wir müssen besser werden.«

Sie hörten die andern zurückkommen und sahen sie nicht: geblendet von der

Abendsonne, in die sie so tief ihre Blicke geschickt hatten.

Man ging ins Haus. Das kleine Zimmer, wo sie sich zwischen leeren Mauern an

den gedeckten Tisch setzten, schien Lola das gastlichste, das sie je

aufgenommen hatte. Claudia, Guidacci, Pierina: Jedem hörte sie mit

Entzücken zu. »Im Grunde wußte ich's immer,« dachte sie, »daß jeder Mensch

sein Interessantes und seine Schönheit hat, und daß ich einmal lernen

werde, es zu finden. Jetzt kann ich's. Alle Menschen würde ich verstehen

und lieben.« Dennoch pries sie sich glücklich, grade mit diesen zu sein.

Ihr Wohlwollen strahlte ihr aus aller Augen zurück, ihr Glück machte alle

fröhlich. Manchmal, rasch den Kopf gewendet, ein neckendes Wort zu Arnold;

-- und in jedem Ja und Nein jubelte es und sie fühlte es jubeln:

»Ich bin nicht mehr allein!« Guidacci hatte neben sie Arnold gesetzt: als

er seine Ansichtskarten hervorholte, machte Pierina, daß Arnolds Name

zusammenkam mit Lolas; und beim Fortgehen, dem Wagen entgegen, ließ Claudia

sie allein.

»Wie ich dich liebe!« sagte Arnold und stützte sie. »Jetzt im Dunkeln zieht

sich der ganze Geist zusammen auf den einen Gedanken. Man weiß erst jetzt;

man begreift erst jetzt.«

»Wie ich dich liebe!« sagte Lola. »Ich denke mich in eine Stunde des Elends

und der Einsamkeit zurück und sehe von dort aus uns beide, jetzt im

Dunkeln, und staune.«

* * * * *

Am Morgen kam, durch Vermittelung Claudias, ein Brief von ihm.

»Noch lange war ich auf; es regnete; ich ging unter den tropfenden Bäumen

meines Gartens und war glücklich, zu atmen. Sonst, wenn ich in Regennächten

allein saß, in mich selbst verbannt, ohne Ausweg aus mir, fühlte ich oft

die Welt zu Schatten werden und fürchtete mich, wie vor dem Erlöschen einer

Flamme, die kein Stoff mehr nährt, vor dem Einschlafen meines vereinsamten

Geistes. Wie gut ist's jetzt! Nicht mehr an einem Fleck festzusitzen, wie

eine Spinne immer nur im eigenen Netz. Sich hinwegdenken zu dürfen über

Räume, an einen Ort, wo man liebt und geliebt wird, also wichtiger ist und

höher lebt, als hier am Aufenthalte des Körpers!«

. . . »Ich habe noch keiner geglaubt, die mich halten wollte. Ich traute

meinem Gesicht nicht zu, es könne geliebt werden, und der Frau nicht, sie

durchschaue und verstehe es. Du erst hast das dichterische Auge der

höchsten Frauen, die nach dem Bilde der Seele, die sie geschaut haben, ein

Gesicht erkennen und es lieben können, weil es die Form dieser Seele ist.

Ihr seid wenige, -- aber welcher Mann vermöchte dies? Wer kann von dem, was

seinen Sinnen genehm ist, absehen, einer Seele zuliebe?«

. . . »Haben wir uns aber in jedem Augenblick lieb genug gehabt, gestern,

in jedem? Sobald ich dich nicht mehr sehe, fallen mir versäumte Minuten

aufs Herz, zerstreute, matte. Das Glück müßte fortwährend neu die Augen

aufschlagen. Das Leben ist ungewiß, und es vergeht. Dich lieben!«

Lola hatte ihm vieles zu antworten.

»Ich habe selbst als junges Kind nie ganz im Ernst an einen Gott geglaubt

und später die Frage nach ihm immer nur für zweiten Ranges gehalten. Ich

sah, und ich erlebte in mir, die himmlische Liebe diene allzu sehr als

Entschuldigung dafür, daß wir uns auf Erden nicht lieb genug haben . . .

Auch hatte ich nie ein Vaterland. Du und ich: wir sind allein. Das legt uns

vielleicht die Bestimmung auf, uns der Menschheit zu erinnern, die über den

Vaterländern vergessen wird?«

»Seit gestern verzehrt es mich, die Güte zu äußern, zu der ich nun gekommen

bin. Durch eine Tat, das Opfer seiner selbst alle umarmen zu können! Aber

ich weiß keinen Weg zu ihnen; ich schäme mich, ihnen Dankbarkeit

aufzuerlegen, mich an sie zu drängen. Was soll ich tun? Meine Allliebe

vereinigen auf einen. Dich lieben!«

»Du wirst es mir nicht vergelten können. So viele Wesen hast du zu lieben,

die du schaffst, um die du Sorge trägst, denen du von deiner Seele gibst.

Ich bin eifersüchtig. Du darfst nicht müde sein, weißt du, wenn du zu mir

kommst!«

Und Arnold:

»Du irrst: ich habe geschrieben, um mich leben zu fühlen. Aber lebe ich

jetzt nicht durch dich? Ich habe geschrieben, um groß zu werden: aber

welche Macht hätte ich nicht von dir! Einem Dichter erschließt Liebe alle

Schicksale. Früher trieb starre Herrschsucht die Welt durch meine Visionen.

Jetzt ist, was sie in Bewegung setzt, Liebe. Das große Getriebe meiner

Gesichte hat einen innigeren Gang. Plötzlich steht alles still: steht und

neigt sich vor dir.«

Nach diesen Sätzen öffnete Lola, zum erstenmal seit zwei Jahren, das

Klavier, stellte ihre alten Lieder darauf und sang. Saß die Stimme nicht

mehr am Fleck? War sie schwächer geworden? Fehlte ihr der frühere Glanz?

Lola hörte eins nur sicher: daß ein Klang darin war, der ihm gefallen

mußte, weil er ihr von ihm kam; ein Klang, der ihr betäubend aus der Brust

quoll, daß sie die Augen schloß; ein Klang, mit dem sie nicht allein

bleiben konnte, den sie ihm bringen mußte.

Sie eilte hin; er war nicht zu Hause; aber sie ließ es sich öffnen, setzte

sich in seinen Stuhl, schlug sein Buch an der Stelle auf, wo er es

verlassen hatte, stützte den Kopf, führte ihr entzücktes Lächeln über die

Wände, in den Garten und dachte sich daheim. Dann fand sie das Klavier und

sang. Auf einmal kam ihr Kraft. Woher? wenn nicht er hinter ihr stand. Auf

diesen Tönen stieg sie über sich hinaus . . . Als sie sich wiederfand,

hielt sie ihn in den Armen.

»Wie ist es gekommen? Mir war schwindlich; ich muß mich setzen . . . Aber

du hast geweint?«

»Nie hast du so gesungen. Du bist eine große Künstlerin geworden.«

»Nein; aber ich liebe dich!«

»Weißt du noch deine ehrgeizigen Träume? Jetzt könntest du dich berühmt

machen.«

»Nur einer soll mich hören. Wir lieben uns. Was könnte unsere Kunst anderes

sein als unsere Verklärung.«

»Ich wußte, daß du kommen würdest! Wie lange, lange haben wir uns nicht

gesehen!«

»Endlos lange. Warte: einen Tag erst?«

»Und warum?« fragte er. »Warum haben wir gestern versäumt?«

»Versäumt? Findest du? Hatten wir nicht genug Glück für einen Tag? Ich war

voll davon; es stieg mir jeden Augenblick blendend in Stirn und Augen.

Vielleicht mußte ich allein sein? Du hättest mich getötet.«

Sie schwiegen, hielten sich umschlungen und atmeten kaum. Plötzlich:

»Aber jetzt haben wir uns wieder, haben uns, und die Sonne scheint, und wir

können gehen, wohin wir mögen!«

Sie staunten heimlich, daß Pardi nicht zurückkomme; daß keiner von ihnen

erkranke; daß der Himmel ihnen das Glück noch lasse.

Jeder allein, fuhren sie bis vor die Stadt, trafen zusammen und erstiegen

die alte Straße nach Fiesole.

»Wie leicht sich's steigt! Wie merkwürdig hell der Kopf sich anfühlt! Ich

war lange nicht so.«

»Ich habe lange nicht diese Blütenfarbe gesehen. Sah ich sie je? . . . Die

immergrünen Eichen schieben solche hohen, schimmernden Dächer über unsern

Weg; hinter dem Gitter -- o, wie neu es drinnen duftet! -- geht der

Laubgang so groß gewölbt zu Dornröschens Schloß; Rosen, ja Rosen schlagen

um die Halle: wo sah ich das alles? Vielleicht als Kind? Wenn ich in die

Ferne sann?«

»Vielleicht sind wir wieder sehr jung?«

»Nun sieh hinab! Aus dem Dunst der Stadt hebt sich kaum noch die Kuppel.

Wir sind darüber und allein.«

Sie richteten sich auf und faßten sich bei den Händen. Welt und Sinne

sollten sie nicht hinabziehen; sie gingen hoch durch reine Luft. Stolz

lächelten sie sich zu. Ein Vergnügen trug sie, über die Triebe aller erhöht

zu sein, ein künstlerhafter Genuß ihrer Keuschheit.

Auf der Terrasse des Hotels Aurora mischten sie sich unter die Fremden,

traten, wie jene, in den Dom und besuchten die Ruinen. Unter einem Baum,

vor einem Bauernhause, vergaßen sie die Stunde und brachen erst auf, als

aus dem erbleichten Blau leise ein erster Stern hervorbebte. Sie fuhren

hinab durch Nachtwind, mit Angst in der Kehle, weil dort im Himmel schon

die weite Pinie lag, bei der Arnold aussteigen sollte.

»Bald wieder! Morgen: warum nicht morgen!«

Sie verweilten in Landwirtshäusern und Klostergärten. Sie erfanden, wenn es

regnete, Verstecke in der Stadt: den Hof eines entlegenen Hauses, eine

unbesuchte kleine Kirche. Und sie machten, da es schön ward, den einsamen

Weg von Settignano nach Fiesole, mit dem rauhen Profil jenes Schlosses, den

Tälern ohne Herden und, auf der Lohe des Sonnenunterganges, dem schwarz

verkohlenden Walde. Die Kräuter, in denen sie geruht hatten, dufteten noch

aus ihren Händen. Sie sagten sich, es sei schade, daß dieser Duft

verfliegen solle; und sie hielten dabei einer des andern Schulter umfaßt,

vor der Wendung in die Dorfgasse, in der äußersten Minute ihres

Alleinseins. Lola konnte Arnolds Augen nicht loslassen.

»Daß ich mich jeden Abend von dir trennen muß! Du weißt nicht, welche Angst

ich davor habe, schon stundenlang vorher, und wie ich mich des Nachts nach

dir sehne! Könnten wir immer beisammen sein! Uns nie trennen! Sich trennen

ist furchtbar! Du fühlst es nicht wie ich. O! du liebst mich nicht, wie ich

dich. Sehnst du dich nach mir?«

Sie gingen ein Stück Weges zurück, damit er es ihr beteuern konnte. Sie

überlegten das Wagnis, aufs Land zu fahren, einige Tage sich ganz zu haben,

sich keine Minute zu lassen.

»Keine Minute! Ich werde keine verlieren, ich werde nicht schlafen!«

Sie besprachen es täglich, nannten immer neue Winkel im Lande, die sie

verbergen konnten, berieten über die Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu

werden. Lolas Jungfer mußte wohl an Pardi berichten; er hatte geschrieben

und Andeutungen gemacht, als ob er etwas wisse. Vielleicht drohte er aufs

Geratewohl? Er verhieß auch längst sein Kommen, und kam nicht. Ende Juni

fand sie ihn plötzlich, wie er im Zimmer auf- und abging. Die Dienstboten

hatten sie heimkehren gesehen und geschwiegen; sie erschrak heftig. Er

erklärte auffahrend, einmal Ordnung schaffen zu wollen. Eine Frau, die

nachts ausgehe, sei nicht auf guten Wegen. Lola erwiderte, noch mit

Herzklopfen, sie sei keine dieser Frauen hier; ihre Freiheit, sich zu

bewegen, habe sie seit der Heirat nicht aufgegeben. Er hatte plötzlich die

Fäuste an den Schläfen; er krümmte sich und pfauchte.

»Wenn ich wüßte! Wenn ihr nicht so schlau, so kalt und schlau wäret! Jemand

fassen! Ich weiß wohl, wen. Zweifle nicht! Aber du bist eine Fremde: du

versteckst die Deinen gut. Immer greift man bei ihr in Luft! Immer ist sie

gewappnet!«

Er ließ sie zwei Tage nicht aus den Augen, durchwühlte alles, verhieß ihr

den Tod, wenn er je Beweise finde; und mitten aus wütender Wachsamkeit

heraus, war er wieder verschwunden. Die Sarrida gab ihm wohl noch zu viel

zu tun; seine eheliche Ehre hatte nur nebenbei und in Eile ein wenig

befestigt werden können.

Lola eilte sofort zu Arnold: nun wollten sie reisen! Pardis Dazwischenkunft

hatte ihr erst gezeigt, was sie versäumt haben würden. Er hatte sie empört

und verwegen gemacht.

»Was kommt, ist alles gleich; aber diese Tage in Abetone wollen wir haben!«

Am Morgen folgte sie Arnold, der in Pracchia übernachtet hatte. Sie stieg

aus, bevor er sie sehen konnte, und im Vorbeistreifen flüsterte sie ihm zu:

»Keine Bewegung! Ein Bekannter ist in der Bahn!«

Sie fühlte sich sicher in aller Erregung; erhöht, über alles hinaus, und

dennoch dankbar und ihm hingegeben bis zu Tränen. Im kühlen Saal des

Gasthauses, hinter ihrem gefärbten Eiswasser, bewegte sie leise den Kopf.

»Daß ich dich wiedersehe!«

Lachend mit feuchten Augen:

»Seit gestern abend nicht! Die ganze Stadt ohne dich!«

In den Korbsesseln der Halle fächelten sich feucht beperlte Frauen, und

weißgekleidete junge Leute versahen sie, bei aller Hitze, mit Komplimenten,

als entschlüpfte ihnen das Herz. Draußen auf den Bänken lungerten andere,

in der weißen Sonne, dem Bahnhof gegenüber, am Fuß des grünen Appennins,

den sie unbestiegen ließen.

Lola und Arnold fuhren hinauf. Ihre Straße umschlang weite Täler mit

Dörfern, laubversunken, beschrieb den Rand rauschender Mühltäler, ließ

Täler zurück, die kahl zu Füßen eines Trümmerschlosses schmachteten. Die

leichten Schritte der Esel erstiegen, zum Geschrei derer, die sie trugen,

drüben den Schlangenpfad; Staub fegte auf vor grellen Wirtshäusern; und am

stumpfen Grün der Waldzinnen brach sich die heiße Himmelsflut. »Dort oben

werden wir glücklich sein!« Von der Höhe rieselte manchmal, mitten durch

die Mittagsluft, ein dünner, kalter Hauch. Dann schlossen sich

Fichtenmauern, hoch, still. Von den Hufen klappte ein Echo nach.

»Im Hotel lassen wir nur unsere Sachen; noch sind wenige Leute hier; nun

haben wir den großen Wald: wir wollen ganz bis in die Tiefe . . . O! die

Quelle! Wir wollen uns hinlegen: deinen Kopf in meinen Schoß. Hast du mich

lieb? Nun sind wir hier. Heute abend brauchen wir uns nicht zu trennen.

Dieser Tag hat kein Ende.«

. . . »Ich mag nicht essen: wollen wir weitergehen? Ich habe solche Unruhe;

mir ist immer, keine Minute sei so lang, wie sie sein müßte. Bleib stehen,

sieh mir in die Augen! O! wohin sind wir gelangt? Dies ist der Appennin aus

den Geschichten, dies ist das Räubergebirge. Schleicht es nicht durch die

Schlucht? Farren und Fichten: ein Drunter und Drüber. So war es hier auch

vor tausend Jahren. Laufen wir hinab? Lauf! O, du läufst schlecht! Hol' mir

die rote Blume, willst du? Die einzige kleine rote Blume am Abhang. Nein,

du kannst es nicht. Laß! Verzeih, daß ich so dumm gebeten habe!«

»Kehren wir um? Schon dämmert es . . . Da ist eine Bank: erzählst du mir

etwas? . . . Du quälst dich, glaube ich, recht sehr, um etwas für mich zu

finden. Ich höre nicht zu? Ja, diese Unruhe. Ist es die hohe Luft? Dort bei

den Obelisken steht es geschrieben, wie hoch wir sind. Denke dir den

kleinen Florentiner Tyrannen, der seinen Namen auf die Obelisken gesetzt

hat, der in Perrücke und gesticktem Frack hier auf dem wilden grünen Rücken

gestanden und ihn eingeweiht hat. Da lies! Die Straße führt in die

Lombardei. Es dunkelt, und wir gehen nun in die Lombardei. Wie das klingt!

Nach ganz alten, merkwürdigen Gefahren und Abenteuern. Und wir haben kein

Geld, kein Dach, sind allein auf der Welt und müssen uns durchbetteln.

Möchtest du's? Sag'! für mich?«

»Alles möchte ich für dich tragen: ohne dich zu besitzen. Ich liebe dich zu

sehr, um dich besitzen zu wollen.«

Lola lies seinen Arm los; sie senkte die Stirn. Nach einer Weile:

». . . Nun ist's Nacht. Wohin nun mit uns?«

»Lausche, Lola! Lausche auf das Wogen der Schatten im Tal, und auf das

leise, mondleise Geläut der Gipfel, die fern daraus aufschweben! Wir

hören's, weil wir uns lieben. Und hebe das Gesicht zum Himmel, zu diesem

Becken voll weißen Sternenfeuers, woraus Funken spritzen! Vergehen wir

nicht darin, wir, die vom selben Feuer sind? Fühlst du dich nicht

aufgelöst? Schwinden dir nicht Sinne und Kraft?«

»Mir ist bange. Wie wird's sein, wenn wir uns nicht mehr lieben?«

»Kannst du dir's denken?«

»Dann müssen wir uns doch trennen? Wir wollen aufrichtig sein, hörst du?«

»Lieben wir uns denn nicht? Du weichst zurück? Besinne dich! Lola!«

»Ist das Liebe? Die geschwisterliche Zusammengehörigkeit, die wir fühlen?

Warum liebst du mich? Was willst du? . . . Ach nein, ich quäle dich. Komm

lieber hier hinab, wo das Wasser rauscht. Da hört man seine Gedanken nicht.

Mitten in den Bach: die Steine sind schlüpfrig, wir können stürzen und

fortgerissen werden. Sage: würdest du für mich sterben? Ja? Ganz sicher?

Ach ja, du würdest dich vielleicht fallen lassen, dich vom Wasser ergreifen

lassen. Aber würdest du dich erschießen? Sage auch das! Die Waffen liebst

du nicht, wie? . . . Oder würdest du . . .?«

Sie schüttelte sich; neugierig und böse, überschlichen lauter Bilder seines

Sterbens sie. Hilfesuchend, drängte sie sich an ihn.

»Lieber! Ach, verzeih! Ich will keinen Helden. Du brauchst nicht, wenn

einmal unser Pferd scheut, den Wagen umzuwerfen, damit ich auf dich falle

und gerettet bin. Ich verachte den Helden! Ich verachte den Mann, der an

meinen Körper denkt und an das Kind aus meinem Körper. Wir wollen keins.

Wir haben beide in der Liebe nicht die Einfachheit derer, die eine Rasse

fortzusetzen haben.«

»Lola, ich liebe dich.«

»Mir ist auf einmal das Wort so fremd. Worauf soll ich mich verlassen? Wäre

die Welt nicht so weit und treulos. Was heißt's, daß wir uns lieben? Sieh,

jenen blauen Berg umkränzen weißliche, und steigen wir hinüber, erwartet

uns das Meer. Vorgebirge entschleiern sich, eins ums andre, dem, der

wandert; den Küsten folgen Küsten; die Vogelschwärme ziehen, und die Städte

liegen versammelt unter Wolken, die sich auflösen, wie die Schwärme sich

auflösen werden, wie die Städte sich auflösen werden . . . Warum liebst du

mich, und nicht eine Fremde, dort hinten?«

»Lola, welch kläglich einsames Lächeln! Du tust mir sehr weh. Deine Augen

zucken so voll Angst hin und her, als grüben sie sich, leise und stumm,

durch meine hinab. Dringst du endlich bis zu meinem Herzen vor? Öffnet es

sich dir? Nein? Du seufzest? Es ist unmöglich? . . . Was murmelst du?«

»Ich liebe zu sehr. Wie solltest du so lieben können? Diese Welt, in der

ich keine Heimat habe, kennt solche Liebe nicht. Ich verstehe, daß Frauen

meinesgleichen sich Christus verlobten. Nur ihm durften sie trauen. Ich,

die nicht gläubig bin, sollte ein Bild, eine abwesende Seele lieben . . .

Sieh, gerade unter uns, mitten im Hasten des Baches, schließen große Steine

einen Spiegel ein. Wie still er ist! Das Mondlicht zaudert an seinem Rande.

Unsere aneinander gelehnten Gesichter haben in ihm keine Augen mehr: nur

Schatten, die verfließen. So war neben dem Schiff, das mich vor langer Zeit

herüberfuhr, in den Wellen ein Gesicht: ja, und manchmal schleifte bläulich

ein Mantel heraus. Die Gottesmutter, sagten die Matrosen; sie begleite uns.

Fast wünschte ich, du wärest nur ein Bild, das im Meer neben mir herzieht.«

Sie stiegen zur Straße zurück, wanderten schweigend weiter. Da hielt Lola

an und legte ihm, schweigend, die Arme um den Hals.

»Was ist dir, meine Lola? Weinst du? Lachst du?«

»Alles war nicht wahr. Du hast es doch nicht geglaubt? Wir lieben uns: das

ist immer der Schluß.«

»Der Schluß des Schicksals. Denn in der weiten, weiten Welt hat es mich

planvoll auf dich zugeführt, Lola. Mein Leben war Vorbereitung auf dich;

mit allem, was mein war, hingst du von je zusammen, warst mein Gedanke und

mein Werk. Ich denke daran, daß einmal eine Idee in mir sich klärte

gemeinsam mit dem Bild einer Wiese. Viele Blumen trug die Wiese; keine von

ihnen hatte ich zuvor gesehen; aber ich wußte: diese da, nur diese ist

verbunden mit dem, was jetzt mein Hirn gebiert, kommt aus verwandtem Stoff

und liebt mich. Lola, deinen Mund?«

Die Straße hatte sich gesenkt, sie stiegen sie wieder hinan. Lola ließ sich

von ihm stützen. Sie ließ ihn seinen Mantel auch um sie breiten. Der Mond

war fort, und schon strich der Bergwind her. Sie setzten sich jenem

Ausschnitt im Gebirge gegenüber, worin ein Schein empordämmerte; und unter

dem Mantel, der unbewegt blieb, drängten sie sich fester zusammen.

»Meine Lola.«

»Ja, ganz dein«; -- inbrünstig. Aber seltsam hoch und süß, wie mit

entrücktem Spott:

»Nein: doch nicht ganz.«

Nun sickerte Röte in die tiefsten Wolken. Vogelstimmen versuchten sich.

Lola und Arnold streiften ihre in Glück und Gram ermüdeten Hände durch

betautes Gras. An den Stämmen des Waldes züngelten die ersten roten

Tagesflammen: sie traten ein, betteten sich aufs Moos und sagten einander,

die Augen geschlossen, daß sie daheim seien.

Sie erwachten; und wirklich, sie sahen sich daheim im Walde: in seinen

Verstecken, vor dem Ungewissen seiner langen Schattenlauben, in seiner

grünen Tiefe, zu der hier und da Sonne hereinglitzerte, als flackere sie

auf allen Seiten und verbrenne den Wald und die in ihm sich liebten. Hier

genossen sie etwas wie Ruhe auf der Flucht, blickten bedächtig ihren

seltsamen Gefühlen in die unerforschlichen Augen und hofften fast, zu

vergessen und dahinzuschwinden . . . Sie traten hinaus: und da hatten die

Berge schon sich aufgelöst ins Licht, und beugte schon die Welt sich unter

einem blau brennenden Himmel.

»Ein neuer Tag!«

Sie merkten erst jetzt, daß sie eine Nacht beieinander gewesen waren: die

erste. Und sie lachten, fielen sich in die Arme und küßten sich Tränen von

den Wangen.

»Wir haben uns nicht getrennt, noch lange nicht trennen wir uns, noch lange

nicht. Wir genießen doch viel Gutes!«

Sie suchten das Gasthaus auf; und da, allein im Zimmer und indes sie ihr

Haar kämmte, mußte Lola denken:

»Wie Pardi ihn jetzt verachten würde!«

Die ganze Nacht unter seinem Mantel, und er hatte sie nicht genommen. Sie

hörte Pardis Auflachen und kämmte, die Zähne zusammengebissen. Der Kopf

schmerzte ihr; sie schrak auf; und im Spiegel sah sie sich rot von Scham.

»Wie? Ich habe mich seiner geschämt? Arnolds? Meines Geliebten? Weil ein

Mensch von niedrigerer Gattung ihn nicht verstehen würde? Versteht er denn

mich? O!«

Nicht schnell genug ließ sich das gutmachen. Hinunter, -- er wartete am

Tisch -- und noch ehe sie sich setzte, ihm die Hand geben und unter den

Blicken des Saales ihm leise und stolz in die Augen sprechen:

»Mein Geliebter!«

* * * * *

Nach fünf solcher Tage, schon im Wagen, der sie forttrug:

»Ach! sieh noch einmal das Haus an, -- und die Obelisken! Werden wir je

wieder diese Straße gehen? Zusammen gewiß nicht. Die Straße in die

Lombardei. Das ist nun aus. Was wird kommen? Mir ahnt nur Trübes.«

»Warum, Lola? Da wir uns lieben?«

Sie senkte den Kopf. Verstand er denn nicht? »Wir haben nun doch gesehen,

daß unsere Liebe uns nicht wohltut, mitten im Glück nicht wohltut.« Aber

sie schwieg. Wie er sie drunten in Pracchia zur Bahn brachte, war sie

unaufmerksam und reizbar. Endlich, noch aus dem Fenster:

»Lieber, komme mir nicht nach! Fahre nach Deutschland! Es ist besser, wir

trennen uns.«

Aber da sie ihn fassungslos erschreckt sah, stieß sie die Tür auf und war

bei ihm.

»Nein! nein! Wie könnte ich's ertragen! Du glaubst doch nicht? Ich sagte

das, weil ich hier so glücklich war. Nimm meinen Fächer! Und daß du ihn mir

morgen zurückbringst! Nicht später als morgen!«

Von ganz fern winkte sie nochmals. Er erwartete es nicht mehr, stand

versunken und atmete das Parfüm ihres Fächers. Lola ließ sich auf den Sitz

fallen und schloß die Augen. Die schwere Luft des Tunnels ängstete sie. Ihr

war's, sie führe dem Verfall entgegen: ihrem und seinem.

Aber sie trafen sich, wie früher, in Vorstädten, bei entlegenen

Landwirtshäusern; schlenderten Hand in Hand durch Schafherden, kleine

Abendbäche entlang und lasen im Schatten von Klostermauern, vor gewellten

Olivenfeldern, in Dichtern. Manchmal überschlug Lola eine Seite und

wartete, daß Arnold nach Pardi frage. »Hat er ihn vergessen? Er nimmt

unsere Freiheit hin, als sei sie verdient. Aber wem verdanken wir sie? Wenn

Pardi zurückkäme --. Wenn er mich zu sich riefe --.« Und etwas Zorniges hob

sich auf in ihr gegen diesen Träumer und sein über dem Buch gesammeltes

Gesicht.

Der Herbsthimmel hatte sich weich und trübe um die Stadt geschlossen: da

kam Pardi.

»Wie wir es nun wieder schwer haben,« klagte Arnold. Nach ihrem

unzufriedenen Schweigen sagte Lola:

»Wir wenigstens machen es ihm nicht schwer. Er darf sich trösten, wie er

mag, für die Sarrida.«

Arnold merkte nichts.

»Ich bin ihm begegnet; mir klopft, ich gestehe es, immer ein wenig das

Herz: als ob ich nahe an einen Raubtierkäfig hinträte. Dennoch sehe ich ihm

gern zu, gestatte mir bei seinem Anblick oft auch eine leichte Sehnsucht,

-- wenn er sich so bewegt und spielen läßt, immer ein Ziel vor Augen, immer

gespannt und bereit. Ich erkenne dann in ihm den Mars von der Treppe der

Uffizien.«

»Das ist wohl interessant?« -- ganz leise; und ausbrechend:

»Aber daß er mein Leben zerstört hat, vergessen Sie! Sie sind kalt! Lassen

Sie mich allein!«

»Ich bitte dich!« Er stammelte, und er lief weiter mit durch den Nebel, wie

ein Hündchen. »Wie magst du auf einmal alles verkennen? Haben wir uns

nicht? Sind wir nicht eigentlich besser daran, unser sicherer, als der, der

sich mit einem unverstandenen Schicksal herumschlägt? Ich liebe dich nicht

weniger, weil ich ihn nicht hassen kann.«

»Doch.«

»Weil ich ihn ansehe, wie ein böses Bild.«

»Sagen Sie das ihm! Sie werden erfahren, daß er kein Bild ist. Kann sein,

daß er Sie tötet. Er wäre durchaus nicht zu fein und bedenklich, Sie zu

töten -- und auch mich. Ach! haben Sie denn kein Blut? Ist es denn nicht

möglich, Sie zum Äußersten zu treiben? Nie könnten Sie etwas tun, was Sie

bei kalter Vernunft nicht billigen würden: etwas Abschließendes, etwas

Gewaltsames?«

»Wenn ich es vorauswüßte, würde ich es nicht tun.«

»Sie haben Recht Sie sind immer klar und vernünftig. Wie sollten Sie etwas

Dummes tun. Gewalt ist natürlich dumm.«

»Ich bin so sehr dein, daß ich auch etwas tun würde, das mich Ehre und

Leben kosten würde, und das ich ohne Überzeugung, nur in deinem Namen täte.

Ich verachte die Gewalt; ich glaube, daß sie uns schlecht macht und die

Dinge nicht bessert. Durch das Tragen einer Waffe fühlte ich mich einst

schlechter werden -- und lächerlich. Denn alles Schlechte, Rückständige ist

lächerlich. Der Gewaltmensch, der Krieger ist eine Karikatur . . .«

»Vorhin begeistertest du dich für den Mars.«

Seine Erregung, seine Widersprüche und seine trotzige Übertreibung

versöhnten sie. Nun seine Stirn zornig gerunzelt war, zerging zwischen

ihren Brauen die Falte. Sie atmete ruhiger, fast glücklich, weil sie ihn

hatte reizen können. Nur nicht immer dieses nüchterne Gleichgewicht, diese

künstliche Ruhe des Schwachen!

Da haschte sie nach seinem Arm.

»Um Gottes willen, wir müssen ausweichen. Siehst du ihn nicht kommen?

Drüben, hinter dem Wagen?«

Aber er stieß hervor:

»Nun geschieht, was geschehen will. Mein Weg geht hier.«

»Du bist kindisch;« und zitternd, die Augen gradaus, folgte sie. Der Nebel

zog sich noch dichter zusammen; sie kamen vorbei.

Lange nachher:

»Du wünschtest den Zusammenstoß?«

»Ja.«

»Wünschest du ihn noch?«

»Nein.«

»Das ist gut. Wir müssen vernünftig sein.«

»Du findest?« fragte er mit einem langen, bitteren Blick. Sie senkte die

Stirn. Ja: was er sagen wollte, war wahr; sie schwächte ihn, wie er sie.

Sie glichen sich, konnten einander nicht helfen, und schleppten einander

nach.

Und zu Hause beweinte sie sich und ihn.

»So redlich er seine Liebe meint: wie lange wird's dauern, und alles ist

nur gewesen, damit er ein Werk daraus macht. Er ist nicht, wie ich, dazu

geboren, von der Liebe sein Schicksal hinzunehmen: sondern damit er innere

Spiele aus ihr gestalte. Er kann nichts im Leben ganz und für immer ernst

nehmen. Noch im äußersten Elend der Seele bleibt er ein spielender Knabe.

Vielleicht, daß eine Tat, eine große Schuld ihn reifen und ernst machen

würde? . . . Aber weiß ich, ob ich sie ihm verzeihen würde? . . . Keine

Hilfe. Ich bin noch immer allein.«

Was tun? Dies hatte schon wieder an eine Stelle geführt, wo es nicht

vorwärts noch zurück ging. Wie oft im Leben hatte sie solche

Aussichtslosigkeit erlitten! Überdruß machte einem alles zweifelhaft: jede

Zukunft, die Liebe selbst. Wozu diente das eine? Warum nicht ebensogut das

andere tun? Lola ward krankhaft unentschlossen, versäumte Zusammenkünfte,

weil sie das Kleid nicht fand, das zum Wetter paßte, und grübelte gramvoll

durch den Tag hin:

»Was ist's: er fühlt diesen Dichter nicht, den ich doch fühle? Dies haben

wir also nicht gemein. Was eigentlich haben wir gemein?«

Rastlos durchforschte sie sich: »Kann ich ihm nicht entkommen?« -- »Nein:

denn ich liebe ihn; trotz allem muß ich ihn lieben.«

»Wollte er mich doch betrügen! Ich würde zu stolz sein, ihn noch zu lieben.

Und auch ihm wäre besser, wir wären uns los. Denn auch er fängt an, mich zu

hassen.«

Er sagte ihr jetzt:

»Du hast wenig an mir: ich weiß es. Du bist sinnlich. Wäre auch nicht deine

Vergangenheit, ich spüre doch immer deine Verachtung, weil du mir nicht

gehörst. Die Verachtung des Weibes für jeden, der sie nicht umwirft und

nimmt. Welche Selbstverachtung!«

Seine Härte erleichterte sie; sie haschte demütig nach einem Blick des

Grams und des Zorns; sie antwortete zart:

»Ich quäle dich, Lieber.«

Und sie verziehen einander.

»Daß wir uns zanken müssen! Als ich dich wiederfand, glaubte ich, nun wäre

auf immer Friede. Du Lieber, wir verstehen uns nicht, selbst wir nicht.

Noch lieben wir uns; jetzt sollten wir uns trennen. Noch würden wir

einander nur Gutes hinterlassen.«

Sie hielten einer des andern beide Handgelenke, und sie sahen sich bleich

und bebend in die Gesichter.

»Ich will nicht, daß du noch länger leidest. Ich will, daß du mich lieb

behältst. Wir wollen uns trennen.«

Mit Wildheit sagten sie sich, wie glücklich sie einander wissen würden,

fern voneinander. Und endlich mußte jeder an des Gefährten Schulter seine

Tränen verstecken.

»Ich habe keine Geistesgegenwart,« sagte Arnold, »und mißverstehe dich oft.

Nachher, allein, sehe ich eine deiner Gebärden wieder und weiß, was sie,

trotz deinen Worten, sagten.«

Lola erwiderte:

»Ich bin ein schwieriger Charakter; ich werde dich sehr unglücklich

machen.«

Und er:

»Gleichviel: du brauchst Liebe; und ich will lieber für einen andern

leiden, als durch und für mich selbst.«

Seufzend sahen sie auf. Der Sonnenuntergang türmte sich als geröteter Rauch

wild über den Hügeln. Sie wandten sich und fanden drüben, in

monddurchträumtem Nebel, andere, müde und gütige. Hinter den leisen

Lichtern dort war wohl Friede. »Wir werden Frieden haben. Wir müssen ihn

finden, denn wir werden voneinander nie loskommen.«

Das Schicksal, das sie verband, hatten sie immer neu zu begreifen, mußten

einander durch schlimme Wetter schleppen, vor allen Blicken ihre Liebe

bergen und dabei an ihr zweifeln und am Grunde der Glücksstunde schon die

Tränen rinnen hören.

Manchmal versuchten sie es, einander auszuweichen. Lola betrat tagelang

nicht die Straße. In einer Dämmerstunde vor Weihnacht fand sie ihn neben

ihrer Tür.

»Verzeih' mir, daß ich mich an dein Haus gelehnt habe. Es ist schon dunkel

genug; und ich war so müde. Aber ich wäre bis morgen auf deiner Schwelle

geblieben: bis du gekommen wärest. Warum kommst du nicht mehr?«

Sie vergaß alles; sie zog ihn hinter das Tor und faltete die Hände um

seinen Hals. Geräusch auf der Treppe scheuchte sie von seiner Brust auf;

sie entwichen.

Unter den starken, schwarzen Häuserfesten der hallenden Straße schlichen

sie hin, trennten sich, bevor das Gewimmel der Alten Brücke sie über den

Fluß trug, und führten jenseits einander durch ein Kreuz und Quer von

Gäßchen, die Plätze zu umschreiben, den Hauptwegen auszuweichen. Sie gingen

einsam und mitten auf dem engen Pflaster, das kein Trottoir säumte. Im

Licht armer Läden streifte manchmal einer verlangend und traurig das

Gesicht des andern. Die Tür einer Kneipe flog auf, und sie hielten den

Schirm zwischen sich und jene Augen . . . Unter dem Schwebebogen der Via

della Morte:

»Sollen wir nicht ein wenig ausruhen dürfen? Wir sind durchnäßt.« Sie

wagten sich in ein dürftiges Café. Die Glastür wankte klirrend; drei

Kartenspieler sahen ihnen gespannt entgegen; und sie drückten sich hinter

den Pfeiler.

»Wir haben Ruhe, wir sind geborgen. Draußen ist's schlimm für uns.«

Er trocknete ihr Gesicht und Haar, -- und er erzählte ihr, daß eine andere

Frau vor langen Jahrhunderten eben hier durch solche schlimme Nacht, wie

sie, gegangen sei: Ginevra degli Amieri, die im Dom auf einer Bahre

erwachte, in ihrem Totenhemd zu den Menschen zurückwollte, aber nicht bei

Gatte und Eltern Einlaß fand, nur bei ihrem Geliebten.

»Sie hatte sich ihm immer versagt?« wiederholte Lola. »Auch ihnen also

fehlte der Mut? Aber nach ihrem Tode war er ihre Zuflucht. O! du würdest

mich lieben, wenn ich tot wäre.«

Er sagte zitternd, wie sehr er sie liebe, und sie lächelte trübe an ihm

vorbei.

»Wir haben das Gute gehabt, das uns bestimmt war. Denke an unsern Frühling,

an den Tag in Monte Turno. Mein Gott, daß das Leben einmal so süß und rein

war! Wären wir damals gestorben! Wie nun alles sich unheilvoll anfühlt! Ist

jemand an der Tür? Ach, mein Herz klopft bei jedem Windstoß.«

Und Arnold, tonlos:

»Es ist wohl wahr, wir haben ein gehetztes Dasein.«

Räderrollen ward lauter; sie unterschieden den Hufschlag zweier Pferde. Der

Wagen hielt vor der Tür; Wirt und Kellner sprangen auf der Straße umher.

Aus dem Wagen kam undeutlich eine Stimme, man solle dem Kutscher ein Glas

Punsch bringen. Er bekam ihn; und draußen -- die feuchte Luft strich herein

-- blieb es still, stockende Minuten still. Lola hatte die Hand auf dem

Herzen. Die andere hielt Arnolds Arm gepackt; und Lola beugte sich, hinter

dem Pfeiler hervor, langsam und bebend, bis in die Tür.

»Ich kann nicht mehr, ich muß sehen --«

Da riß sie sich zurück; er fand ihre Augen wie Geister blaß und irr; -- und

dann sah auch er: dort stand der Wagen des Hauses Pardi.

Lola hob sich, zagend, vom Sitz; Arnold legte ein Geldstück hin; und ohne

einander loszulassen, glitten sie hinaus. Das Fenster des Wagens war

verhängt. Der Kutscher schlürfte und sah gradaus. Sie hatten den Wagen

umgangen, sie konnten fliehen . . . Das Fenster war verhängt? Lola stand

und zauderte, halb gewendet. Dann sagte ihrem Genossen ihr krank

herbeischleichender Blick, daß sie sich ergebe. Jener dort solle

zuschlagen, endlich zuschlagen. Die Neugier des Opfers war über sie

gekommen, die Lust nach dem Opfer. Er sah sie an und erbleichte.

Sie setzte den Fuß an; sie erreichten drüben das Fenster: es stand offen;

lautlos neigten ihre beiden Gesichter sich darauf. Und ihre beiden

Gesichter empfingen die Atemstöße derer, die dort innen umkrampft lagen,

sich wanden und zuckten. Lola bewegte die Wimpern nicht. Ohne Eile richtete

sie sich auf; Claudias von Lust gebrochene Augen waren noch immer, ohne zu

verstehen, an ihr; -- und Lola und Arnold gingen ungedämpften Schrittes von

dannen, hinaus in Regen, zeitlose Stille und totes Menschengewühl, durch

Vorstädte mit elendem Lichtflimmern im Pflaster und endlos weiter auf einer

braunen, müden Landstraße ohne Lampe, ohne Stern . . . Arnold tastete nach

Lolas Arm und stützte ihn. Ihre Schultern sanken im Gehen zueinander. Sie

empfingen mit ihren Schläfen den Regen, stießen fremd an Steine und gaben

ihre willenlosen Stimmen der leeren Weite hin, die sie trank.

»Meine arme Geliebte!«

»Mein armer Geliebter!«

V

Lola fieberte, schon die zweite Nacht. Sie fühlte sich als Kind und auf der

Großen Insel. Feenlicht in stiller Runde, über Meer und Garten; und hielt

man ihm nur das Gesicht hin, war's einem, man lächele. Weite Blumenkelche

schwankten bedächtig, und Lola gab ihnen Namen: jedem einen längst

befreundeten Menschennamen. Da tat aber ihr Herz einen Sprung, die schöne

Luft ward schwer; Lola wollte laufen, laufen, und blieb stecken in der

Luft; wollte schreien und hörte sich nicht. Sie atmete auf: dort saßen um

ihren Suppenkessel die Schwarzen. Alles war gut, die Boa war verschwunden,

Lola war ihr entronnen. Ein starker Schwarzer hob sie den Kessel hinan, sie

tauchte ihren Löffel ein und sah stolz umher, wie alle ihre blonden Locken

bewunderten. Und nun schlug eine Stimme an: o, jene Stimme, bei der man vor

Liebe zitterte und sprang; und aus den Bäumen trat die große, ernste

Gestalt. »Pai! Pai!«

Sie erwachte, die Hände hingestreckt und auf den Lippen ein Lächeln. Aber

ein fremdes Gesicht bewegte sich auf ihres zu; sie schrak zurück:

»Claudia!« -- und sie bedeckte die Augen und stöhnte.

»Ich erschrecke dich wohl, Lolina? Ach, sieh mich an, ich flehe darum!

Wirklich? Ich mache dir Grauen. O, du hast recht, ich bin grauenhaft, und

ich will gehen.«

Alles war wieder da; nichts half es, die Lider zuzudrücken. Dahinter

schimmerte dennoch, wie aus dem Dunkel eines Wagens, Claudias Gesicht, mit

den von Lust gebrochenen Augen. Und auch er war zurückgekehrt, der

unfruchtbar Geliebte. Das Schicksal war zurückgekehrt.

»Du bringst mir Nachricht von ihm?«

Claudia blieb scheu dorthinten gegen die Wand gedrängt, als wollte sie

hindurch. Sie stammelte:

»Warum bist du krank geworden? O! ich bin eine Verbrecherin. Wollte doch

Tullio mich umbringen, mich endlich umbringen! Ich habe dich gesehen, Lola,

als eine Erscheinung: ich darf dir nicht sagen, wann. Du erscheinst mir

oft: ich darf dir nicht sagen, wann.«

»Bin ich dir erschienen, Claudia? Ach, laß das! Es wird nicht wahr sein;

denn ich glaube nicht, daß meine Seele von mir fortschweifen kann. Sie

sitzt immer über sich selbst gebeugt. Du verstehst das nicht. Hat er dir

Aufträge gegeben?«

»Nur, daß er sich sehr um dich ängstet. Er hat es nicht gesagt: ich sah es.

Aber nun wirst du genesen, Lolina. Ich will ihm sagen, wie gut du

aussiehst.«

»Tu' es nicht! Sage ihm, ich werde sterben . . .«

Sie sann müde. »Er verdient es. Wenn ich tot bin, wird er bereuen. Dann

wird er mir alles geben wollen, als lebte ich. Jetzt liebt er mich nur so,

wie man eine Tote liebt. Vielleicht gibt es ein Jenseits? Dort sehe ich

seiner Liebe zu und freue mich meines Todes.«

»Ja,« sagte sie, »ich wünsche mir sehr, zu sterben. Niemand weiß, wie gut

das wäre.«

Claudia kauerte am Boden und haschte mit den Lippen nach Lolas Hand.

»Du bist weich und unschuldig, meine Claudia; ich habe dich gern. Aber geh'

nun, ich bitte dich, -- und sei unbesorgt. Ich werde wohl nicht sterben: es

wäre zu viel Glück. Nur träumen darf ich. Vorhin träumte ich, und da war's,

als sei noch nichts geschehen, von allem Schlimmen noch nichts.«

Noch wachte sie, und fühlte sich doch ganz deutlich aus dem Meer steigen:

über große flache Steine und auf den Strand. Er war nun leer; und das

schwarze Laubdach, unter dem sie hinging, blitzte oben weiß vom Mond. Sie

wußte sich allein auf der Großen Insel: die Blumen im Mondlicht sahen aus

wie Seelen, -- und da erinnerte Lola sich, sie sei gestorben. Dies war das

Jenseits; und doch lag es auf Erden, und wer sie sehr liebte, konnte sie

einholen und es ihr sagen. Sie vermochte nicht zu sprechen, aber sie

erriet, was drüben geschah: erriet seine Sehnsucht und lauschte lächelnd

übers Meer hin . . . Nun war er da. Noch fand er sie nicht, sie aber spähte

schon bis in sein Herz und sah es bereit, mit ihrem auch den Tod zu teilen.

Sie dachte: Hier bin ich! Komm! -- und da war er unter ihrer Palme; ihre

Hände streiften sich, seine Wärme rann ihr ins Herz und erweckte sie. Ein

Schrei: sie schrak auf.

Er liebte sie! Das Glück dehnte in ihr seine großen Flügel. Weich ward sie

gehoben, schloß wieder die Augen und ließ sich tragen. »Nun bin ich seiner

gewiß, -- da er mir bis hierher gefolgt ist. Nun liebt er mich mehr als

sein Leben.«

Träume mußten es ihr beweisen; -- und sie erhielt sich im Traum von ihm,

fand es süß, seiner zu denken und ihn nicht zu sehen. Längst ging sie

wieder umher und wollte doch den Brief, den Claudia für ihn verlangte,

nicht schreiben. Ihr Traumgespinst wäre durch Worte zerrissen worden. Er

hätte sie enttäuscht. Als sie ihn wiedersah, war's Zufall, und sie

erschrak. Er begegnete ihr sanft und reuevoll, -- und in ihr wallten Tränen

auf. Warum schalt er sie nicht? Er mußte wissen, daß sie gestern große

Gesellschaft bei sich gehabt hatte. Sie sah alle Welt, nur ihn nicht; er

aber blieb gütig.

»Mein Mann ließ mir keine Ruhe,« sagte sie, und da sah sie ihn aufzucken.

Also brauchte jetzt nur Pardis Name zu fallen, und er war getroffen und

sank in eifersüchtiges Grübeln?

»Er ist ruiniert,« sagte Lola mit Herzklopfen; »um sich zu halten, bleibt

ihm nur, daß er sich wählen läßt. Und da die Kammer aufgelöst ist --. Aber

du hörst nicht zu?«

Er stammelte. Nein: sein Zorn, sein Haß waren wieder ausgewichen. Die

Eifersucht machte ihn nur noch verlegen. Lola sagte gereizt:

»Warum schiltst du nicht? Ich bin schlecht.«

»Du warst krank. Ich habe dich zu lieb . . .«

Immer diese Gerechtigkeit. Hätte er den Herrn gezeigt -- wie der andere! In

ihrem Zimmer träumte sie davon: auch davon. Er befahl ihr, und sie

arbeitete für ihn. Denn sie waren arm, waren entflohen und lebten in einer

Hütte: sie seine Magd. »Wie ich dich liebe! Schlage mich!« Sie saß, in

ihrem Sinn, zu seinen Füßen; und wie sie zu ihm aufsah, schob seinem

Gesicht sich, und sie wußte es kaum, Pardis unter. Als sie es merkte,

vertrieb sie's. Noch oft kehrte es wieder, statt des gerufenen. Und

mehrmals erwachte sie und bebte noch davon, daß sie in Armen gelegen hatte,

die der Geliebte ihr geöffnet und der Gehaßte um sie geschlossen hatte.

»Warum suche ich nach allem Leiden, das jener mir auferlegt hat, in Arnold

doch wieder den anderen? Bin ich denn wirklich unheilbar? Ach, wollte mein

Geliebter mich erlösen! Eine Tat! Ein Zugreifen!« Sie wußte nicht, wie,

wollte es nicht wissen. Es war seine, des Mannes, Sache. Er hätte handeln

sollen trotz ihr, und wenn sie selbst ihm auch die Hände festhielt. Sie

irrte durchs Zimmer. Vielleicht lag alles daran, daß er sie nicht nahm? Er

verstand sie nicht, er war ein schlechter Seelenkenner. Sie sträubte sich,

sie hatte Bedenken: welche Frau hatte sie nicht. »Ich bin eine gewöhnliche

Frau!« Er ließ sich täuschen, er war lächerlich vor Zartgefühl. Wäre er

einen Augenblick ganz Mann gewesen! Es blieb wider die Natur, daß sie, die

sich alles gegeben hatten, einander die Körper versagten. Daraus kam diese

Sucht, einander zu quälen, diese Feindseligkeit im Sehnen, diese Träume,

die ins Irre und Verderbte schweiften. Sie legte Claudia eine zornige

Beichte ab.

»Wir Frauen erfinden Gott weiß was, zu unserer Verteidigung. Du weißt

selbst, daß wir's übel nehmen, wenn man es gelten läßt. Er aber läßt alles

gelten. Ich bin noch immer nicht seine Geliebte. Du hast es mir früher nie

geglaubt und wirst es auch jetzt nicht glauben: wie könntest du. Aber es

ist so.«

Claudia spähte in Lolas Augen, ob dies die Wahrheit sei. Sie war sprachlos.

Dann schob sie den Mund vor; die anstürmenden Worte blähten ihn; und

plötzlich erbrachen sie ihn. Arnold war ein elender Feigling; er sollte

eine Schürze vorbekommen; Lola konnte sich von ihm ihr Schlafzimmer

aufräumen lassen. »Ah! auch dies laß ihn tun, --« und Claudia machte eine

Gebärde. Vor Entrüstung ward sie unanständig. Übrigens beteuerte sie, sie

habe Arnold nie getraut. Er sei kein Mann. Seine Augen mißfielen ihr.

Erschreckt griff Lola ein, erklärte und suchte gutzumachen.

»Ich wußte wohl,« gab Claudia zu, »daß ihr anders seid, als wir: du eine

andere Frau, er ein Mann, nicht wie die unseren. Ich verstehe eure Sachen

nicht, ihr müßt selbst zusehen.«

Aber ihre Phantasie war nun umgelenkt. Claudia bewegte langsam ihren

kleinen Kopf und verdrehte, vor schmerzlicher Bewunderung, die großen

bräunlichweißen Tieraugen.

»Ihr seid Engel. Wir gewöhnlichen Menschen können euch nicht nachahmen, ihr

aber seid Engel. Tröste dich, Lola: deine Leiden werden dir mit himmlischen

Freuden vergolten werden, für meine aber bin ich verdammt. Ach! weine

nicht, Lolina. Was soll dann ich tun?«

Lola wandte sich ab. Sie erkannte das Leiden anderer nicht mehr: ihr

eigenes hatte alles verdunkelt. »Und wenn es ein Jenseits gäbe,« dachte

sie, »es wäre dennoch leichter, sich mit allen anderen verdammen zu lassen,

als ganz einsam selig zu werden.«

* * * * *

Sie forderte von Arnold:

»Sei ein einziges Mal leichtsinnig! Bist du mir nie untreu gewesen? Hast du

dich je geschlagen? Ach nein, -- aber so verschwende doch irgend etwas!«

Er war gar zu sparsam: mit dem Seinen und mit sich. Sie warf ihm, wenn sie

grübelte, vor, daß er ihr nie ein Geschenk gemacht habe. Pardi hatte für

die Sarrida Hunderttausende fortgeworfen, -- »aber auch für mich war er

immer bereit: ich brauchte nur Launen zu zeigen. Ein Gericht zu viel machte

ihn wütend; aber er hätte mir eine Yacht gekauft. Wem eine Frau nicht das

Geld wert ist, dem ist sie schwerlich das Leben wert. Arnold ist mäßig und

vernünftig; seine Tugenden sind sehr bürgerlich . . .«

Und hingen nicht ebenso bürgerliche Untugenden mit ihnen zusammen? »Seine

Kälte und seine Art, Menschen anzusehen! Ach! er wird niemandem unrecht

tun: nicht durch blindes Lob und nicht durch Verleumdung. Er zerlegt und

begreift. Er kennt nicht Freund noch Feind: nur das kleine selbstsüchtige

Vergnügen des Durchschauens. In dem Gerechtigkeitssinn dieser Schwachen,

wie viel kleinliche Bosheit! Pardi: o, dem wird's heiß, der liebt und haßt;

und wen er nicht ersticht, den hält er gradaus für einen Ehrenmann. Bei dem

würde man selbst wissen, wer man ist, würde seiner selbst sicher und

geborgen sein . . .«

Und sie dachte der Zeit, da sie's war. »Das einzige Gute war doch das

Sinnenglück: damals, wie ich jung war.« Das schien Jahrzehnte her. Sie saß

in wehmütigen Erinnerungen, wie eine Greisin. Plötzlich eine Wallung, daß

die Luft zu flimmern schien, -- und sie bebte vom Gefühl abenteuernder

Jugend, vom Gefühl des Lebens von damals. Noch immer war's da, ging aus und

ein mit dem Mann, und war toller als je. Ein Schritt nur! Das andere

vergessen können! Pardis Untergang mitmachen! Sein ganz und für immer

verwirrtes Schicksal teilen, dies von jeder Verantwortung, allem Denken

befreite; lieben und betrügen, sich durchschlagen, Hunger haben wie ein

Tier und tafeln wie die Götter, gehetzt werden und atemlos lachen. »War ich

nicht schon früher etwas wie eine Abenteurerin? Ich gehöre zu ihm. Was er

mir zu bieten hat, kommt mir zu.«

Dann fing sie einen Männerblick ab, der sich auf eine Frau niederließ, und

ihr ward kalt. Die unkeusche Wirkung dieser Frau, die Unkeuschheit unter

ihren Kleidern, hinter ihren Augen, die Unkeuschheit, die ihr Gedanke, ihr

Zweck, ihre Funktion war, machte Lola erstarren vor Ekel und Grauen. Sie

selbst war, in ihrem Bewußtsein und Willen, diese Frau gewesen! Sie fühlte

sich nackt unter allen Menschen und verlor den Kopf.

Der Spalt, der von jeher durch ihr Leben schnitt, war weit aufgerissen, und

Flammen schlugen heraus. Ihr verstörtes Innere warf, durcheinander, alle

Triebe empor, brachte alle Bilder zurück. Sie hätte auf einem kalten Meer

mit Arnold Schiffbruch erleiden mögen. Aber das Polster eines Wagens

erschien ihr und zwei Gestalten, die sich umkrampft hielten und zuckten.

Sie töten! Ach! dies erlösende Wort. Wie kam es denn, daß diese Claudia

noch lebte, daß Lola ihr die Hand reichte, ihr ihren Namen gab -- »Claudia«

-- als dürfe sie leben? Beide töten! Gereinigt war dann alles und still.

Wie sie sich im Qualm ihres blutigen Traumes betraf, fielen ihre Züge

zusammen, und sie schloß, sich zu fliehen, die Augen. Sie verachtete ihr

Wüten, das Wüten der Ohnmacht, und verachtete die Stunden der Sehnsucht,

rein zu sein; denn immer schlugen tierische Dämpfe hinein. Sie litt Abscheu

vor jeder ihrer Regungen; alle deuchten ihr uralt, verbraucht und

vorauszusehen; die Gedanken abgespielt, die Empfindungen schal und

verderbt. Sich los sein! »Da ich nie wissen werde, wozu ich geboren bin:

lieber nichts mehr wissen!«

Ein Ausweg: sich beschränken, Ansprüche und Gedanken abwerfen, ihre Kraft

nur mehr gebrauchen, um zu erhalten, was im Zusammensturz aller Dinge,

ihrer Liebe und ihres bürgerlichen Daseins, noch stand. Sie machte sich an

eine genaue Beaufsichtigung des Haushaltes, wollte sparen, kleinlich

sparen. Was half's, da Pardi die letzte Habe zu Geld machte und es

verstreute. Ein Fremder kam ins Haus und verhandelte über den Preis der

Verkündigung, draußen an der Fassade. Lola sprach lachend davon zur Tochter

des Präfekten und fühlte sich gerettet, als am Abend drunten eine Wache

stand. Pardi deklamierte vor den Freunden, die hereinströmten. Ob die

Verkündigung sein sei, oder der Nation. Warum die Nation, anstatt nur den

Verkauf zu verbieten, ihm das Kunstwerk nicht lieber gleich wegnehme. Lola

mischte sich heiter ein.

»Was er für Einfälle hat, wie, meine Herren? Wenn du das Bild nicht sehen

magst -- auch ich habe es satt --: warum muß dieser Amerikaner es haben?

Warum nicht das Museum?«

»Einfalt! Weil es nur die Hälfte dafür gibt. Und meinst du, eine Wahl sei

umsonst? Zehntausend Wähler wollen bezahlt sein, jeder mit fünf Lire, und

die großen kosten mehr. Aber ich mache es; wir haben gewettet: wie, Marco,

Carlino? Ihr sollt sehen, ob ich noch der Alte bin.«

Er verbreitete sich, lockeren Herzens, nach allen Seiten, feuerte

Sympathien an, zauberte einen ganzen Garten von Leichtsinn und guter Laune

aus all diesen Gesichtern. Musik näherte sich, und eine Schar Volkes, vom

Fürsten Valdomini geführt, schrie zu den Fenstern herauf, daß Pardi leben

solle, und daß seine Feinde sterben sollten. Und sie machten sich über die

beiden Carabinieri her, die die Verkündigung bewachten. Pardi war schon

unten und fiel den Angreifern in den Arm. Er sprang auf die Stufen zum Tor

und redete: etwas wesenlos Begeisterndes, wovon die Augen ringsum zu

blitzen begannen. Dann, die Hand nach der Hausecke gestreckt:

»Dort in meinem Keller wird euch mein Wein für fünf Soldi verkauft. Ihr

wißt, daß das wenig ist. Von heute ab aber sollt ihr ihn für drei haben.«

Er war auf einmal in einem Sturm von Händedrücken, ward auf Schultern

gehoben und zum Weinkeller getragen. Das Gelage dauerte lange; Lola sah,

allein zurückgeblieben, daß auch die Wächter sich hinziehen ließen. Und am

Morgen gafften Bürger die nackte Hauswand hinan. Die Verkündigung war fort.

Pardi stand inmitten aller Diener und lachte, daß es ihn bis auf die Knie

beugte.

»Ah! Geld wollt ihr?« rief er den aufgeregten Eindringlingen zu. »Ich habe

keins: weniger als gestern. Denn meine Madonna hat man mir gestohlen.«

Er hatte keins. Längst waren die Summen, die er noch erraffte, nutzlos

dahin, bevor sie eingingen. Pardi focht nur noch, um zu fechten und mit dem

Bewußtsein, auch den Fußbreit Boden, worauf er sein Florett führte, werde

er aufgeben müssen. Er scheute nicht mehr Ungesetzlichkeiten noch

Unzartheiten: blieb ihm nur die furchterregende Gebärde, die große Maske,

der alles erschütternde Abgang. Er war dabei, seinen Rest bürgerlicher Ehre

abzustreifen, und behauptete um so wuchtiger die des Helden. Wegen eines

Hemdes, das er einem Freunde aus der Kommode genommen und sich angezogen

hatte, kämpfte er ein Duell. Und am Abend vorher war er bei erhöhter Laune,

versprach Lola eine Reise nach Paris und lobte sein Leben. »Wie viel

Tätigkeit! Wie viel Bewegung!« Indes er in Versammlungen auftrat, mit dem

Waffenkasten vors Tor fuhr und täglich Frauen kraft seines ganzen Feuers,

als brenne es nur dafür, in allen Winkeln der Stadt Frauen im Dahinstürzen

mit sich riß, hatte er durch Laufen, Lungern, Kartenspiel und Drohungen den

Sturz seines Hauses hinzufristen, zwölf Stunden noch, und noch zwölf.

Lola kam, wie sie ihm zusah, in zitternde Bewegung. Sie konnte nicht

schlafen, dachte sie an das feurige Leben, das er Tag und Nacht unterhielt.

In welchem trüben Grau schlich man mit Arnold dahin! Pardi war

bewundernswert. Mit einer todverachtenden Freude sah sie ihn alles, was er

war, wie ein Feuerwerk in die Luft schicken. Gleich war das letzte

abgebrannt; der Rest war Pulverdampf und Nacht. Inzwischen aber genoß man

einen berauschenden Jubel, einen glänzenden Leichtsinn. Und man empfand

sich vergrößert und stärker beleuchtet, wie auf einer Bühne. Aus Lola

lösten sich, indes sie dies miterlebte, Akzente und Gebärden, die sie in

sich nicht gekannt hatte.

»Sie, Botta, unser alter Freund, unterstützen die Kandidatur meines Mannes.

Ich habe es nicht anders erwartet, aber werden Sie ihn durchbringen?«

Botta schmatzte; und die Tischnachbarn wandten sich her nach Lolas lauten

Worten.

»Contessa, wir haben viel für uns, vor allem seine Gläubiger. Jawohl, das

Konsortium seiner Gläubiger, denen wir klargemacht haben, daß nur seine

Wahl ihnen zu ihrem Gelde helfen kann. Sie sind von Eifer erfüllt.«

»Warum nicht,« sagte Lola. »Auch niedrige Interessen müssen dienen, damit

Hohes erreicht wird.«

Gegenüber begann Nutini:

»Jeder tut das Seine, damit die gute Sache siegt. Wissen Sie schon das von

der Linda Vitali? Also, der Vitali hatte, vom Klub her, eine Forderung an

Ihren Gatten, Contessa, und bekommt sie durch Scheck vom Juwelier

Spontelli. Er geht der Sache nach und entdeckt -- niemals raten Sie, was er

entdeckt: daß er mit den Juwelen der Linda bezahlt ist, mit den Colliers

seiner eigenen Frau.«

Links und rechts lachte es diskret. Nutini schielte auf seine Nase.

»Und der Vitali schweigt. Was opfert man, als Gatte der Linda, nicht alles,

um einen Kandidaten in die Kammer zu bringen, der die Ehescheidung

verhindert. Auch Sie, Contessa, werden schwerlich einen größeren Wunsch

haben.«

Die anderen wiederholten:

»Jeder tut das Seine, um Pardi durchzubringen.«

Lola hob die Tafel auf; und im Aufstehen, mit großartiger Handbewegung:

»Ich mache kein Hehl daraus, daß ich Geldopfer gering anschlage und das

Geld verachte. Die Geschichte hat erhabene Bettler gekannt. Niemand kann

dem Conte Pardi ein Opfer bringen, das er ihm nicht im voraus hundertfach

bezahlt hätte: als er sich für Italien in Afrika schlug.«

Sie stand aufgerichtet und den Kopf im Nacken, im glitzernden Fluß ihrer

Schleppe. Die Gestalten um sie her bückten sich unbewußt ein wenig, die

Blicke wurden verehrend. Lola sah, daß es alle antreibe, ihr »Brava!«

zuzurufen. Sie biß sich auf die Lippe, und sie fürchtete, zu erröten.

Gleich darauf war sie um so glücklicher: ganz Heldin, diesem allen

gewachsen und verbündet mit Pardi. Er kam herbei. Von drüben hatte er

bemerkt, daß sie Wirkung übte: noch eine Wirkung, die sich mitnehmen ließ.

Lola sagte »Mein Freund --«, und sie gaben sich die Hand, beide stolz und

bewundert.

Sie wußten kaum noch, wie sie es miteinander meinten. Was sie der

Öffentlichkeit vorführten, spielten sie nun auch unter vier Augen. Erst

wenn er fort war, erschrak Lola. »Habe ich denn keine eigenen Gefühle mehr?

Was soll diese Komödie: zwei Schritte vom Abgrund? Ich wollte uns doch

aufhalten, ihn aufhalten; -- und jetzt treibe ich ihn vorwärts. Mein Gott,

welche Angst! Ich muß etwas tun, ich muß ihn warnen.«

Sein Schritt war, als er heimkam, schwerer als sonst; sie hörte ihn auf den

Sitz fallen. Sie legte die Hand ans Herz, das klopfte; dann trat sie ein.

»Guten Abend, mein Lieber. Stehen unsere Sachen nicht gut?«

»Unsere Sachen?«

»Nicht die Stirn falten!«

Sie berührte sie mit dem Finger.

»Wir haben doch, trotz allem, dieselben Interessen. Laß mich ein wenig für

dich denken. Der Trubel, in dem du lebst, erlaubt es dir nicht. Aber wie

soll dies alles enden. Magst du gewählt werden oder nicht, -- ein Spiel ist

auch dies dir nur: nicht wahr, ich kenne dich? Und was bleibt dir vom

Gewinn? Vielleicht ist alles Geld, das in den Spielsälen von Florenz

umläuft, schon durch deine Hände geflossen; was aber hast du nun? Und wenn

die letzte Frau dir gehört hat, was wirst du noch haben? Werde ruhiger,

Freund, widerstehe deinen Wünschen!« Und leiser, mit Zittern: »Wir sind

nicht geboren, um glücklich zu sein: gewöhne auch du dich an den Gedanken.«

Er schüttelte ihre Hand von seiner Schulter; er sah sie knirschend an.

Erschreckt murmelte sie noch:

»Ich sage es aus Sorge um dich, um mich selbst. Wir haben doch dieselben

Interessen.«

Und er brach aus.

»Die Erkenntnis kommt dir also? Sie kommt nicht zu früh! Andern Frauen

kommt sie vielleicht ein wenig früher. Ich habe gehört, daß der Untergang

eines Hauses durch die Frau verhindert worden ist. Aber wahrscheinlich sah

sie etwas anders aus als du. Die Cupola hat ihrem Mann das Trinken und die

Weiber abgewöhnt: alles beides. Sie hat ihn sich zurückgeholt, sie hat ihn

mit ihren Umschlingungen erweicht, sie hat sich, für ihn, so lasterhaft

gemacht, daß sie ihm zwei Laster ersetzte. Vernunft brauchte sie ihm nicht

zu predigen: ihre Vernunft war in ihrer Liebe. Aber die hast du nicht. Das

ist es: du hast keine Liebe!«

Sie wendete ihm die Flächen ihrer gesenkten Hände zu und hielt seinen von

Verachtung schweren Blick aus.

»Ah! jetzt findet sie Tränen: jetzt, da es auch ihr an den Hals geht. Und

doch schien dir an diesem Hause nie viel gelegen. Ich sah dich in diesen

Zimmern immer sitzen, wie eine Gefangene; wie eine Reisende, die in einem

Hafenhotel warten muß, weil der Dampfer beschädigt ist. Als ob du auf

deinem Koffer saßest. Wir alle waren dir unheimlich -- und du uns. Nie hast

du aufgehört, in einer fremden Sprache zu denken; und was du dachtest, war

uns fremd: fremd und nicht befreundet. Du warst unsere Feindin: ja, ich

hatte eine Feindin im Haus. Was Wunder, wenn ich nicht darin blieb?«

Lolas Brust ging rascher, ihr Blick ward hart; sie stieß hervor:

»Du warst mit allen verbündet gegen mich. Ich war allein -- und wäre es

überall. Was ich gelitten habe, gibt mir am Ende mehr Recht, darauf stolz

zu sein.«

»Ach ja -- und selbstgerecht. Du warst immer die Überlegene, weil du die

Kalte warst. Ich bin so unbesonnen gewesen, hier eine Fremde einzuführen,

die uns in aller Ruhe ausspionieren durfte.«

»Wir waren beide unbesonnen. Aber ich habe nicht spioniert; ich habe vor

manchem, was ihr mich sehen ließt, die Augen geschlossen.«

»Mit jenem andern Fremden, deinem Freunde, mußt du sehr geistreich über uns

philosophiert haben. Du hast einen Freund, einen Liebhaber gehabt. Du hast

ihn vielleicht noch. Ich sehe ihn nicht, aber was beweist das bei euch.

Sieht man euch und eure Taten? Ihr treibt gewiß aus der Ferne mit eurem

Gedanken mehr Unzucht, als wir, wenn wir zusammen im Bett liegen. Ich mußte

es zulassen. In deinen Kopf hineingreifen zu können, dafür hätte ich

manchmal mein Leben gegeben. Man greift nicht in einen Kopf wie den deinen,

man kommt dir nicht bei. Da: wenn ich so um dich kreise, gibt es immer

einen Strich, über den ich nicht hinweg kann: nicht hinein zu dir und dich

totschlagen. Ach! hätte ich dich damals aus dem Fenster fallen lassen! Du

wagtest mir ins Gesicht zu sagen, daß du den andern liebtest; du drohtest

mir, wenn ich dich anrührte, und du hingst halb hinaus: wie kam's, daß ich

dich nicht ganz hinabwarf? Ich begreife es nicht.«

»Ja: warum nicht. Du hättest es tun sollen!«

Sie nickten beide wild. Sie standen einander entgegengeworfen und hielten

sich keuchend ihre Wunden vor. Pardi schrie auf, als seien alle seine

Verbände fortgerissen.

»Denke ich an dein geheimes Leben mit dem andern, dann entschuldige ich

jeden Verrat, den je eine Frau beging: sehne mich nach jedem. Es gibt

Frauen, die im Verrat groß waren. Die Cupola hat, um ihren Mann zu retten,

auch das getan; sie hat sich verkauft. Ah! dir hätte deine hohe

Selbstachtung das verboten: ich weiß. Wie solltest du dienen? Bist du eine

Frau wie die unseren? Ich aber schwöre dir: du hättest, wie die unseren,

zehn Liebhaber haben können und mein Weib sein; ich hätte dich gejagt und

erlegt; dann aber hätte ich geweint auf deinem Sarg vor Liebe. Und jetzt

werde ich darauf speien.«

»Töte mich!«

Sie warf die Hände empor.

»So töte mich doch!«

»Damit ich Mörder bin und durch dich vollends verderbe? Hoffe das nicht!

Wir werden zusammen weiterleben. Mein Haus scheint mir nicht mehr meins.

Kein Kind ist darin. Du hast mein Geschlecht getötet; wo ist Giovannino?

Nun am Haus die Verkündigung fehlt, kommt er nie mehr hinein. Ich fühle

mich daraus vertrieben, ich bin wie in Reisehast. Du, eine Heimatlose, hast

mich heimatlos gemacht! Und jetzt möchtest du mich allein lassen? Das

Schiff räumen, da es sinkt? Hoffe das nicht! Wir sind untrennbar. Weißt du

nicht, warum ich gewählt werden will? Aus Haß auf dich! Damit ich das

Gesetz der Scheidung verhindern kann! Damit unsere Hölle ewig ist!«

Lola stand, Kopf und Schultern gebeugt. Er wütete.

»Vielleicht wirst du mit mir in einem Ministerpalast wohnen, wirst zusehen,

wie ich mir die Banken dienstbar mache, Gold in Barren verdiene, gefürchtet

und gefeiert, von den Frauen begehrt werde, und wirst von meiner Übermacht

erdrückt, dahinleben. Vielleicht auch werde ich mich, ausgepfiffen und als

Bettler, in meine letzte schmutzige Kate werfen, nach scharfem Käse

stinken, ein Schwein züchten, das ich am nächsten Markt verhandele, und mit

der Magd schlafen. Du wirst niedriger sein als sie! Denn du bist dabei:

zweifle nicht. Das Gesetz zwingt dich zu mir, wohin ich auch gehe; und ich

denke es auszunützen. Nur darauf noch werde ich aus sein, dich, meine

Verderberin, zu erniedrigen und mit Schande zu beladen . . .«

Stimme und Atem blieben ihm aus; er stand, verzerrt, und würgte. Lola

flüsterte:

»Tu's! Ich nehme es hin.«

Er fuchtelte haltlos; er krümmte sich.

»Die Heuchlerin! Die schmutzige Heuchlerin! Wie soll man sie fassen? Könnte

ich dich nackt durch die Straßen jagen! Eine solche Schande erfinden, daß

du endlich einen Seufzer tätest, der nicht lügt: und wäre es dein letzter!«

Die Faust an der Stirn, taumelte er hinaus. Lola ließ sich mit dem Arm, der

die Augen bedeckte, gegen die Wand fallen. Sie dachte, von Schrecken dumpf:

»Es ist, wie er sagt: ich bin schuld. Ich wollte nur mein eigenes Elend

fühlen, aber auch seins fällt mir zur Last, -- und unter ihrer Wucht werde

ich nicht mehr aufstehen. Liegen bleiben und abbüßen! Er sah fahl und alt

aus: zum erstenmal; und ich habe das gemacht, ich selbst. O räche dich! Daß

du mich leben läßt, ist zu wenig!«

Am Morgen erfuhr sie, daß eine Geliebte ihres Mannes im Hause sei. Die

Kammerfrau wußte von Cesco, daß der Herr Graf sie nachts in seinem Zimmer

gehabt habe. Jetzt war sie fort; -- aber am Nachmittag flog Clotilde, von

Neuigkeiten außer Atem, ins Boudoir. Ob die Frau Gräfin nichts höre: das

Haus sei in Aufruhr, die Treppe verstellt mit Möbeln. Man schaffe Möbel ins

untere Stockwerk; der Herr Graf und jene Frau seien drunten; es scheine,

sie solle dort wohnen . . . Die Kammerfrau war hinaus und wieder zurück.

Cesco hole Stühle aus dem Speisezimmer. Ob das nicht eine Schande sei, der

Frau Gräfin ihre Sachen wegzunehmen und sie einer solchen Person zu geben.

»Die Möbel gehören dem Herrn,« sagte Lola.

»Aber wenn die gnädige Frau hinunterginge und jene davonjagte: es wäre nur

Ihr Recht; der Herr Graf könnte es nicht hindern. Das Gesetz ist für die

Frau Gräfin: der Koch weiß es bestimmt.«

Lola dachte daran, daß einst Claudia sie belehrt hatte, die Konkubine im

Hause sei ein Trennungsgrund. Vielleicht war's der einzige. Er brachte

sogar die Dienstboten auf ihre Seite, sie, die Pardis Spione gewesen waren.

Sie sagte:

»Laß! Der Herr bleibt der Herr.«

Clotilde behielt den Mund offen.

»Die Frau Gräfin ist eine Heilige,« schloß sie dann. Lola fuhr auf.

»Daß du das nie wieder sagst! Mir geschieht recht. An dem, was der Herr

jetzt tut, bin ich schuld. Sage das den andern: ich will, daß sie es

wissen.«

Die Kammerfrau antwortete nicht; rückwärts und ohne ihre starren,

ängstlichen Augen von denen der Herrin zu trennen, ging sie durch die Tür.

Am Abend, wie sie Lola das Haar löste, hatte sie die Lippen fest

aufeinander, eine streng behutsame Miene und die Art, als bediene sie eine

Kranke. Im Spiegel warf sie nach Lola manchmal den traurig überlegenen

Blick der Wärterin. Lola hielt die Augen gesenkt und zog unter den

Kammstrichen des Mädchens den Kopf in die Schultern. Endlich, leise

bittend:

»Sprich doch!«

Clotilde zauderte; dann begann sie im Ton eines schonenden Vorwurfs. Der

Herr Graf hatte eine seltsame Frau ins Haus gebracht, eine, die seiner

augenscheinlich nicht würdig war. Es sollte eine Französin sein, nun ja.

Aber Carlotta hatte ihre Kleider gesehen: und wenn sie seidenes Futter

hatten, war doch keins heil und keins recht sauber. Und die Wäsche! Es gab

Dinge, die man der Frau Gräfin nicht sagen konnte . . . Den Morgen darauf

fing Clotilde von selbst an. Inzwischen hatte Leopoldo, der Kutscher, die

Frau zu Gesicht bekommen, und alles war erklärt. Sie war eine von jenen,

die des Abends auf den Straßen umhergehen. Leopoldo kannte sie; erst vor

vierzehn Tagen war er selbst bei ihr gewesen. Cesco, der ihm übelwollte,

hatte dies sofort dem Herrn Grafen berichtet, während er ihn rasierte; aber

der Herr Graf -- es war unbegreiflich -- hatte nur gelacht.

»Es ist eine rechte Schande, in ein Haus wie dieses, eine solche Frau

einzuquartieren. Wer will ihr das Bett machen? Noch ist es nicht gemacht,

und es ist in einem schönen Zustand. Der Herr Graf sollte bedenken, daß

auch Dienstboten anständige Leute sind, -- wenn er schon nicht an die Frau

Gräfin denkt. Wir haben in der Küche beraten, ob wir alle sofort kündigen

wollten. Cesco wollte es: aber mehr, weil er den Kutscher haßt. Wir anderen

haben ihn beredet, dazubleiben, aus Liebe zur Frau Gräfin.«

»Wer gehen will, soll gehen,« sagte Lola.

Und am Abend ließ sie die Fenster offen, um besser den Lärm des Festes zu

hören, das Pardi drunten seinen Freunden gab. Sie waren gekommen; sie

hatten sich eine Treppe erspart und waren zu der Dirne gekommen, anstatt zu

der Hausherrin. Lola unterschied Stimmen. Sie lehnte sich hinaus, horchte,

und ihr rauschendes Blut formte aus dem Gelächter der Männer schmutzige

Worte, die ihr galten. Schon einmal, in dem Sommer vor ihrer Verlobung, war

sie von oben Zeuge gewesen, wie jene sie mit Worten auszogen. Pardi hatte

ihnen damals nicht ins Gesicht geschlagen, und jetzt überbot er sie: er

war's, der die Dirne zu diesem gellenden Lachen brachte. Er gab seine Frau

einer Dirne preis. Zwischen dieser Schändung und jener lag Lolas Ehe. »Und

es ist gut so. Nur weiter! Ganz mit ihm zugrunde gehen und im Elend seine

Magd sein! Ich wäre Arnolds Magd gewesen, wenn er gewollt hätte. Aber er

läßt mich allein. Dieser hält die Hand auf mir, ihm entrinne ich nicht. So

sei es! Ich kenne nun mein Schicksal; und so schlimm es immer werden mag,

ich lobe es, darum daß ich's kenne.«

Sie hatte die Furcht, die Dirne möchte sich von ihr verachtet glauben. Jene

hätte erfahren sollen, daß Lola ihre Anwesenheit guthieß, sich ihr

unterwarf und nicht Dame noch Märtyrerin sein wollte. Immer, wenn Clotilde

um sie war, drängten sich Lola Worte auf die Lippen, die das Mädchen der

andern hätte bestellen sollen; und immer riß Lola, im Schrecken, das

Geständnis zurück. Zehnmal am Tage trieb es sie, auszugehen, nur um drunten

die offene Tür zu streifen und hineinzuspähen. Schon zitterte auf ihrem

Gesicht das Lächeln, mit dem sie vor der Dirne den Kopf geneigt hätte

. . . Da sprang eine Tür auf; Lola drängte sich in den Winkel beim Schrank;

und eine Frau mit gelben Haaren lief im Halbdunkel vorbei, drehte sich

plötzlich um und fing Nutini auf, der sie küßte. Lola dachte zornig: »Er

hätte mich ihm wegnehmen wollen, und jetzt nimmt er ihm diese!« Sie

schlich, wie die beiden fort waren, zurück, voll Reue, daß sie gesehen

hatte, was Pardi vor ihr demütigte.

Ein einziges Opfer brachte sie zaudernd: das Bild drunten im Saal, das Bild

jenes Knaben in alter Tracht, mit dem weichen, traurigen Goldgeriesel des

Haars; aus dessen weißem Gesicht der Mund feuchtrot hervorstand und

fleischig. Aber dies Fleisch, das vom Blute Pardis war, schien zu seufzen

über sich selbst. Die braunen, gewölbten Augen betrauerten es, untröstlich.

Und die Stirn, die sanfte Wange neigten sich dem Schatten zu, als wollten

sie sich ganz von ihm überziehen lassen. Die Augen Pardis in ihn selbst

zurückschauend, in eine Seele, die nicht seine, sondern Arnolds war; seine

Stirn durch Arnolds Güte und Sehnsucht gereinigt: Das war jener Tote, der

Lola ihre mildesten Träume geschenkt hatte. »In ihm konnte ich beide

lieben. Nur bei ihm war ich gestillt. Es ist sehr schwer, zu denken, auf

welche Dinge jetzt seine Augen blicken, die zuletzt mich sahen. Pardi weiß

nicht, wie gut er sich rächt. Er zerreißt in meinem Herzen den letzten

Wohllaut.«

Oft fuhr sie auf und wollte das Bild fordern. Andere Stunden weinte sie

darum. Und jedesmal neu hatte sie sich der darzubringen, die ihr als

Henkerin bestimmt war. Sie stellte sich die Dirne kalt und frech vor, voll

der Sucht, die Frau, deren Mann sie besaß, mit Füßen zu treten, ihre

Erinnerungen zu schänden. Auf der einsamen Folter ihrer Gedanken fühlte

Lola dort unter sich einen schmutzentstiegenen Dämon, der erst aus den

Trümmern dieses Hauses, gell auflachend, entflattern würde. Und eines Tages

traf dies Lachen sie so nahe, daß sie sich verloren glaubte. Sie wollte

ihren Wagen besteigen; hinter ihr im Hause rief es, herbeilaufend: »Schön!

Der Wagen für mich;« -- und plötzlich standen sie voreinander. Lola hatte

im Schrecken nur grelle Flecken vor Augen: die gelben Haare, das kreidige

Gesicht. Da hörte sie stammeln:

»Ich habe mich wohl geirrt, der Wagen ist wohl nicht für mich?«

Lola brachte hervor:

»Ich bitte, bedienen Sie sich!«

Aber die andere tat einen tastenden Schritt rückwärts.

»Ich möchte doch nicht die gnädige Frau --«

Lolas Blick klärte sich; sie entdeckte große blaue Augen, die vor ihr

erschrocken waren.

»Ich werde zu Fuß gehen,« -- und das Mädchen verneigte sich scheu.

»Nein!« sagte Lola. »Fahren Sie mit mir!«

Jene zögerte, senkte die Stirn und gehorchte. Der Kutscher sah sich empört

nach ihr um. Lola fiel es ein, daß die beiden sich kannten. Sobald sie das

Mädchen neben sich hatte, sagte sie dringend:

»Glauben Sie nicht, ich wolle Sie demütigen! . . .«

Sie fürchtete, zu schluchzen, und schwieg. Leopoldo peitschte aus Zorn; sie

jagten über die Brücke. Männer starrten zu ihnen herein; die Dirne sah

willenlos hin; und dann zuckte sie zurück und tat, mit geducktem Blick, bei

Lola Abbitte. Lola roch das unelegante Parfüm, bemerkte unter dem

Spitzensaum einen rauhen Schuh und fühlte sich nüchtern und übel werden.

Diese Arme hätte nichts verstanden von allem, was vorging; empfand nichts

und wollte nichts. Lola hatte den dürftigen Dingen Geist und Phantasie

geliehen, hatte Schicksalsgötter gegen sich am Werk geglaubt. »Das

Schwerste ist immer wieder, durch das Unglück nicht hochmütig zu werden.

Kein Schicksal, auch meins nicht, darf uns glauben machen, wir seien einzig

und erlitten Ungeheures. Sich bücken unters Gewöhnliche!« Sie grüßte die

alte Marchesa Triborghi, und der Gruß blieb unerwidert. »Was tue ich auch?

Ich weiß nicht mehr, in welcher Welt ich lebe. Nur mir, scheint es,

geschehen solche Vergeßlichkeiten.« Sie fragte das Mädchen, wo es

abzusteigen wünsche. Es hatte, in der Fassungslosigkeit, all sein

Italienisch vergessen.

* * * * *

Den selben Abend mußte sie im Palazzo Valdomini sein und Anspielungen

hören.

»Sie haben Ihr unteres Stockwerk vermietet, meine Liebe?«

»Es werden Verwandte sein?«

»Denn Sie verbringen dort, scheint es, Ihre Abende. Ich fuhr vorbei; und

dort war's hell; bei Ihnen droben sah man kein Licht.«

»Ach! die Belfatti will Sie mit einer noch unbekannten Cousine im Wagen

gesehen haben . . .«

Die Männer lächelten und sahen weg. Claudia entfernte sich.

»Du weichst mir aus, Claudia?«

»Wozu brauchst du noch mich? Hast du nicht eine neue Freundin? Ich muß dir

sagen, Lola, daß du entsetzlich taktlos bist. Es scheint, ihr Fremden seid

es nun einmal. Aber ein Kind kann wissen, daß uns die Maitressen unserer

Männer nichts angehen.«

Noch beim Sprechen fiel ihr ein, was sie selbst sei; und sie ward rot.

Immer zorniger, stieß sie hervor:

»Aber du bist schlecht und willst ihm schaden. Vielleicht hast du jetzt

erreicht, daß er nicht gewählt wird.«

Lola murmelte, erblaßt:

»Ich hatte nur den Kopf verloren.«

Aber Claudia ließ sie stehen. Lola sah sich nach Hilfe um; sie ertrug diese

Vereinsamung nicht. Unvermittelt zeigte sie sich gegen die Männer

liebenswürdig, ließ sich umringen, erweckte Hoffnungen. Dabei dachte sie

krampfhaft: »Ich bin feige: er darf nicht wissen, was geschehen ist.«

Das letzte fühlte sie dahingehen: ihre Selbstachtung. Nichts blieb, als ein

Tumult von Stimmungen und Gedanken, ganz unnütz, ganz machtlos im Wirrwarr

der Ereignisse, der Gesichter, der offenen Türen. Der Wahltag war da; das

Haus gehörte jedem, der eine Stimme hatte. Sie standen, kauend und mit

schaukelnden Weingläsern, bis in Lolas Zimmer hinein. Pardi drückte alle

Hände. Seine Augen, seine Gesten beherrschten die Menschenflut, schienen

sie zu beherrschen bis ans Ende der Stadt. Lola sah ihn bleich -- aber jung

und gefährlich, wie einst. Sie zeigte sich zuvorkommend, schmeichelte

denen, die er bevorzugt hatte, erriet demütig seinen Willen. Gegen Mittag

lichteten sich die Haufen. Mit dem letzten entfernte Pardi selbst sich.

Lola stand einen Augenblick und atmete schwer. Plötzlich schmeckte sie den

Dunst und den Qualm, die von der Menge übriggeblieben waren; sah den

Schmutz und das Drunterunddrüber. Sie fürchtete, zur Besinnung zu kommen.

Nur nicht denken, nicht voraussehen! Heute war ein guter Tag, ein leichter

Tag: man trieb so fort in Gedränge und Lärm; man trug nicht mehr an sich,

fühlte sich nicht mehr. Zurück in die Menge! Hinaus: gleichviel, wohin!

An den Mauern klebten riesige Zettel, weiße, rote und gelbe; dahinten auf

dem Platz vor der Brücke drängte es sich, unter Fahnen, bei einer Schenke;

und wie vor Lola die Gasse sich öffnete, deuchten Brücke und Ufer ihr

munterer, weiter und heller als sonst: als sei der erste Frühlingstag

aufgegangen.

Die bei der Schenke fuchtelten vor roten Plakaten und schrien jedem, der

kam, den Namen des Sozialisten Ricchetti ins Gesicht. Zwei Arbeiter sahen

Lola entgegen, und wie sie vorbeiging, seufzte der eine:

»Ah! die Frauen.«

Sie war erkannt; Rufe stiegen aus dem Haufen:

»Nieder mit Pardi!«

»Aber es lebe die Contessa!« schrie der Arbeiter.

Die Brücke entlang dufteten Veilchenkörbe in der Sonne. Drüben am Fluß hin,

zwischen den Wagen und den Plakaten, über den Köpfen derer, die,

Zeitungsblätter in den Händen, aufeinander einredeten, schwankten die

Veilchen. Mädchen mit Veilchen am Hals störten im Vorbeigehen mit ihrem

Duft aus Frau und Blume ganze Rotten Politisierender auseinander, und der

Eifer der Gesichter zerteilte sich zum Lächeln.

Die lange offene Säulenhalle der Uffizien toste von Volk. Es spritzte seine

Wellen die Säulen hinan: auf den Sockeln, den Schranken wiegten sich

stürmisch junge Leute, streckten die Arme über die heraufgewendeten

Gesichter aus und redeten. Andere Studenten, Kokarden an den Hüten und die

Taschen voll Zeitungen, legten Hand an die Wähler, hängten sich in den Arm

ländlicher Bürger, die noch abwarteten, setzten mit dem Feuer ihrer Mienen

endlich auch die der Männer in Bewegung, -- und die weißen Hände lagen in

den braunen. Plötzlich flogen alle auf, um zu klatschen. Von da vorn

stürmte Händeklatschen beflügelt herbei. Hinten klatschte man im Galopp und

strebte hervor: was es sei, das man beklatschte. Der Alte Palast der

Republik schob seinen Turm ins Blaue hinaus, als reckte sich der Hals eines

großen alten Wächters voll drohender Ruhe; und auf seinem greisen Profil

erblaßte die Sonne. Gegenüber, unter dem Bogen der Bilderhalle, sah Judith,

klein und furchtbar, auf den Kopf dessen, an dem sie ihr Volk gerächt

hatte. Und zwischen dem Wächter und der Heldin leuchteten auf einmal drei

rote Mützen auf. »Garibaldiner!« Die Menge schlug ihnen entgegen eine

einzige Woge. Man führte die drei Alten ihr zu, ihren tausend Armen zu,

ihren tausend zum Jubeln offenen Gesichtern. An allen Festtagen begegnete

man ihnen: heute aber wollte jeder das rote Wollhemd dieser armen Leute

berühren, als gäbe es Kraft; und ihre altersbleichen, altersernsten Mienen

waren umsprüht von Liebesblicken. Eine Frau küßte den einen. Das Volk

klatschte. Es klatschte, als die drei vor ihm ihre Köpfe entblößten. Man

sah sich an, man sah einander weinen.

Lola spürte Tränen; -- und da traf sie die Augen eines berußten Menschen

und fand sie voll Stolz. Welche Feier! Ein Volk rief sich, irgendwie dazu

eingeladen, die Größe seiner Väter zurück, besann sich, beim Anblick der

Größe von Niederen, auf sich selbst. Bis in die ältesten Tage erkannte es

an den Wahrzeichen sich selbst, und seine eigene Unendlichkeit erschütterte

es. Lola atmete tiefer in dieser bewegten Luft: bewegt von der ungeheuren

Güte der Demokratie, ihrer Kraft, Würde zu wecken, Menschlichkeit zu

reifen, Frieden zu verbreiten. Sie fühlte es wie eine Hand, die sie

befreien wollte: auch sie. Allem Volk sollte sie gleich werden, sollte

erlöst sein. Ringsum sahen alle sie frei und derb an, ohne Vorbehalt, ohne

jede höfliche Fremdheit. Sie war keine Fremde; sie war eine Frau wie die

anderen; wie die Mädchen mit den Veilchen unter der Wange, konnte jeder sie

begehren.

Da erinnerte sie sich, wie einst, vor Jahren, Arnold in seiner Einsamkeit

und auszehrenden Geistigkeit ihr von Menschennähe, vom warmen und tätigen

Bündnis mit Menschen vorgeschwärmt hatte; -- und ihr innerer Flug brach ab,

und sie fühlte sich zu Boden geschlagen. Was er erlebt hatte, erlebte auch

sie. Nur ihm glich sie, und sie konnten einander nicht helfen, und sie

schleppten einander nach. Stand er nicht dort im Hintergrunde der Halle?

Eine Sekunde hatte sich der Wald von Köpfen vor seinem Gesicht geöffnet.

Dort schwärmte er nun wohl, wie sie geschwärmt hatte. Aber er ließ sie des

anderen willenlose Sache sein und mit dem anderen untergehen. Sie sah

bitter fort. Er konnte nichts für sie tun; denn er sah zu tief -- gleich

ihr selbst. Sie kannten einander: so sehr, daß sie sich fast schon verloren

hatten. »Habe ich diese ganze letzte Zeit je an ihn gedacht? Wir lebten

zusammen immer nur wie auf einem anderen Stern, und ich stecke jetzt so

angstvoll tief im Irdischen. Habe ich neulich seinen Brief gelesen?

Vielleicht; aber ich weiß nicht mehr, was er schrieb. Es war keine Zeit

dafür . . .«

Der volle Platz machte ihr Widerwillen; sie schob sich bis in die Gasse

nach dem Neuen Markt. Ein Wagen hielt festgerannt im Gedränge.

»Lola!«

Claudia stieg aus.

»Ich gehe mit dir. Bist du mir noch böse, Lolina? Ich war so unglücklich,

als ich dich wegen der Französin schalt. Es war Eifersucht. Vergiß es! Nimm

diese Veilchen und vergiß es! Willst du?«

Sie drängte sich kindlich an Lolas Arm.

»Du verzeihst mir? Auch das noch? Ach, du bist unbegreiflich gut, Lolina.

Ich zweifle nicht, daß uns drüben die Madonna erwartet; denn von dir bis zu

zu ihr ist's nicht mehr weit.«

»Wohin gehst du, Claudia?«

»Ich weiß nicht.«

Ihre Tränen blinkten noch, und schon lachte sie.

»Es ist gleich. Welch schöner, schöner Tag! Nun ist's Frühling: darum

steigen alle auf die Straße hinab. Sieh, die Nase dort! Sieh, jene Frau:

sie hat einen Liebhaber, man sieht es ihr an . . . Aber hier sind

schrecklich viel Leute: was haben sie?«

»Sie wählen!«

»Ach ja! Ich dachte nicht daran. Er läßt sich wählen: gerade heute. Und

doch, und doch --«

Sie jauchzte leise; -- und plötzlich nachdenklich und spöttisch:

»Da sieh, wie sie diese Papiere anstarren, die Männer! Es scheint, daß sie

das interessiert, was daraufsteht. Sind diese beiden aufgeregt! Ach nein,

man darf sie nicht beachten: gleich fangen sie an, sich mit uns zu

beschäftigen.«

Und sie sah unbeteiligt gradaus. Auf dem Domplatz trieben Gruppen umher.

Die beiden Frauen steuerten hindurch. Manchmal folgte ihnen ein Blick.

Wohin gingen sie? An was dachten sie, -- da alles Feuer, das die Welt der

Männer hervorwarf, ihnen nicht wärmer machte, an der ruhigen Blässe ihrer

Gesichter nichts änderte?

»Dort hinein müssen wir,« sagte Claudia, und sie nickte hinüber nach der

engsten der Straßen. Plötzlich zuckte sie zurück.

»Was hast du?« -- aber Lola hatte schon den fiebrig Lauernden bemerkt, dort

an der Hausecke. Er war bleich; die eine Hälfte seines Gesichts verzerrte

sich jede Sekunde. Er fingerte am Kragen, am Bart, tat zwei Schritte

vorwärts und zwei zurück. Eine Hand hielt er in der Tasche; und sein Blick

brannte unauslöschlich auf Claudia.

»Dein Mann,« murmelte Lola.

»Ja, er,« -- und Claudia sah ihn unverwandt an. »Er ist schlimm heute, er

hat, glaube ich, einen Brief bekommen.«

»Laß uns in ein Café treten, Claudia?«

Claudia atmete auf.

»Siehst du? Er ist weg, zurück in die Gasse, verschwunden in der Menge. Ich

wußte es.«

Sie lachte erregt.

»Er wird nichts tun. Warum heute? Da er noch nie etwas getan hat . . .«

Sie mußte stehen bleiben, um ihre Lustigkeit zu dämpfen.

»Ah! der kleine Konditor. Er macht die süßesten Kuchen von allen. Ich

möchte wieder von seinen Kuchen essen.«

Und drinnen:

»Du bist so ernst, Lolina. Bist du besorgt um mich? Dann liebst du mich

also wirklich? Ja, du liebst mich.«

Claudia seufzte schwer auf. Sie kaute; dann, mit Flüstern, tief feierlich:

»Dich hätte ich gehaßt, wärst du eine der unseren gewesen. Ich weiß es

gewiß, ich hätte dich getötet. Nun aber sind wir Freundinnen gewesen. Denn

du bist so edel, daß man dich nicht fürchtet. Ach! und dennoch liebt er nur

dich. Er hat mir's gesagt: nicht länger als acht Tage ist's her, und ich

war in Wut gegen ihn wegen der Französin. Er hob nur die Schultern; und

dann sagte er, dich allein liebe er. Mich aber verachtet er so sehr, daß er

mir das sagt.«

»Aber du bist durch ihn glücklich gewesen, und ich unglücklich.«

»Er sagte auch, nur du könntest ihn retten.«

»Mit ihm zugrunde gehen kann ich: sonst nichts.«

Draußen strich Claudia sich mit dem Finger über die Stirn.

»Was reden wir da? Was gestehe ich dir alles? O, ich schäme mich! Aber mir

ist es, als sei es das letzte, das ich zu dir spreche. Warum? Ich bin

abergläubisch; und mir scheint irgend etwas Großes bevorzustehen. Ich werde

ihn verlieren! Er hat mir gesagt, wenn er nicht gewählt werde, wolle er

sich mit dir auf dem Lande vergraben. Lolina, sei gut mit ihm! Du, die du

so gut bist! . . . Gott! da ist wieder jener.«

»Laß uns umkehren!«

»Nein, nein! Er würde uns nachlaufen.«

Sie mußte die Augen, die sich vergrößerten, auf ihm haben, mußte ihm

entgegengehen. Er stand jetzt vor dem Café Bottegone, war noch bleicher,

noch fratzenhafter, öffnete und schloß unaufhörlich über der Brust die

Knöpfe und schien zu keuchen, als sei er gelaufen.

»Ich habe Angst, ich habe furchtbare Angst,« jammerte Claudia. »Warum hält

er die Hand in der Tasche? . . . Und nun wir näher kommen, sieht er weg. Er

müßte uns doch begrüßen . . .«

»Kein Wagen hier: es ist Wahltag. Fürchte dich nicht, arme Claudia! Ich bin

bei dir. Er wendet sich zur Ecke; er ist nicht mehr zu sehen. Machen wir,

daß wir fortkommen!«

Sie hasteten die breite Straße hinauf: fast liefen sie. Junge Leute zogen

daher und wechselten, angeregt lächelnd, ihre Meinung über diese beiden

eleganten und hübschen Frauen, die inmitten des Männergetriebes auf ihren

klappenden hohen Absätzen irgend einem süßen Ziel zustrebten.

»Die Kleine ist die Schönste,« sagte einer, und lächelte dringlicher in

Claudias Augen. Sie streiften ihn, mit ihren schweren, feuchten Pupillen im

bräunlichen Weiß, -- und glitten weiter. »Du kannst mir nicht helfen.« Er

wendete sich noch, um die von ihr durchschrittene Luft einzuatmen, die nach

Veilchen roch.

»Soll ich sie ansprechen?« fragte Lola, ratlos, und blieb stehen.

Da erhob sich Geschrei und Singen; aus der Seitengasse vor ihnen brachen

Laufende; geballt wälzte sich's hinterher; und die Pferde der Gendarmen

stiegen und sanken über der Menge, wie Schiffe im Sturm. Er brauste gegen

die beiden Frauen heran; sie sahen in schwarz geöffnete Münder, in

Gesichter, die von nichts wußten, als von dem Schrei, den sie ausstießen.

Sie schrien:

»Es lebe Ricchetti!«

Und Claudia, in ein Tor gedrückt, mit ihrer kleinen gellen Vogelstimme:

»Nein! Es lebe Pardi!«

Vorüber. Betäubt kehrten die Frauen auf die Straße zurück: sie lag breit

und leer, mit dem Dreimaster eines Carabiniere mitten auf dem Pflaster.

»Ich höre einen Wagen,« sagte Lola. »Komm rasch!«

Aber Claudia entgegnete starr:

»Es ist unnötig. Dort steht er.«

Und Lola stammelte:

»Wie ist er dort hingekommen? Ich begreife nicht . . .«

»Es soll sein,« sagte Claudia. »Heute früh sind sechs Haarnadeln von meinem

Tisch gefallen, und alle lagen kreuzweise. Also hier.«

»Halte doch an, Claudia! Wer weiß, was er vorhat.«

»Ich weiß es. Sein Gesicht hat nie so gezuckt; es ist schrecklich, wie das

Zucken ihm die Zähne entblößt, auf der einen Seite nur . . .«

»Du sprichst, als schliefst du. Empöre dich doch! Was wir immer getan

haben, wir sind Menschen. Darf man uns jagen, wie ein Tier? O! ich hasse

sie alle, ich will nicht dabei sein. Du kommst mit mir, Claudia: oder ich

lasse dich allein.«

»Adieu, Lola. Und sage ihm -- du weißt wem --, ich wäre so gern, so gern

noch --. O! der dort zieht die Hand aus der Tasche.«

»Er sieht aus wie ein Verrückter. Warum sind wir ihm so nahe gekommen?

Hilfe! Kutscher! Hilfe!«

Da krachte schon der Schuß, und Claudia taumelte gegen das Haus.

»Ich bin getroffen. Noch lebe ich. Aber er ist nicht zufrieden; er kommt,

er will's fertig machen. Seine Zähne!«

Aufschreiend:

»Nein! ich will nicht sterben. Rette mich, Lola! Ich muß zu ihm: du weißt,

zu wem. Er hat mich bestellt, er wartet schon. Wenn ich zurückkomme, will

ich sterben: nicht jetzt . . . Gib mir doch Zeit!«

Sie krümmte sich, und sie spreizte die Hand gegen den, der mit

ausgestrecktem Arm und schwankend herbeikam. Lola stürzte vor, sie packte

die Waffe. Er drückte wild zu; Lola sah ihre Hand voll Blut und sah Claudia

sinken. Claudia wand sich empor und lief, ohne einen Laut, davon. Sie lief

mitten auf der Straße, mit ungleichmäßigen Schritten und mit Händen, die

durch die Luft tasteten: als liefe sie über Wurzeln und Steine, in einem

halbdunkeln Wald. Drei Schüsse noch folgten ihr. Aus den Seitengassen links

und rechts rannten gleichzeitig vier Sicherheitswächter, versperrten die

Straße und griffen Claudia auf. Sie wies hinter sich; darauf ließen alle

sie los, daß sie hinfiel, und warfen sich auf den Mann. Er lehnte an der

Mauer; neben seinem Fuß lag der Revolver; und er hatte die Augen

geschlossen.

Lola kniete, über Claudia gebeugt.

»Sage etwas, Claudia, nur ein Wort: ich bitte dich, ich bitte dich!«

Claudias kleine weiß bekleidete Hand regte sich leise in dem Kot, um den

sie gegriffen hatte.

»Ach! du weinst. Nicht wahr, du weinst noch?« -- und Lola haschte mit den

Lippen nach der Träne an Claudias Lid. Aber die Träne war kühl, und

Claudias Augen erstarrten schon.

»Contessa! Was ist geschehen? Atmet sie noch? . . . Lassen Sie doch mich,

Contessa!«

Lola erkannte Guidaccis kellerigen Atem und richtete sich auf. Der kleine

Priester war aufs äußerste belebt. Seine Hundeaugen fieberten von dem

Hochgefühl, an einem Ereignis teilzunehmen.

»Eine furchtbare Sache! Ich trete aus San Lorenzo und höre schießen. Ich

laufe; nur durch jene Straße brauche ich zu laufen, und da bin ich. Laßt

mich machen!« -- er wehrte den Polizisten mit seinem erregten gelben

Händchen, -- »ich kenne die Dame.«

Und er raffte die Soutane, kniete hin und legte das Ohr an Claudias Herz.

Alle bückten sich; die Herbeigelaufenen ringsum hielten den Atem an.

»Tot,« entschied der Priester, mit einer abschneidenden Geste. Lola

bedeckte mit der Linken die Augen. Die Rechte stieß sie unsicher ins Leere.

»Ich will fort. Den Wagen!«

Man hatte darin den Mörder fortgeschafft. Guidacci schickte nach einem

andern. Inzwischen nahten Eilschritte; und wie Lola die Hand von den Augen

nahm, schrak sie zusammen vor den Vermummten der Misericordia. Sie hoben

die Tote geräuschlos auf ihren federnden Karren, und schon machten die

beiden hohen gelben Räder die erste Drehung. Lola wollte sich nachstürzen,

aber Guidacci hielt sie nervig zurück.

»Nur einmal unter das Verdeck sehen! Waren denn ihre Augen geschlossen?

Sicher?«

Sie hatte vor sich immer Claudias erstarrtes Auge und an seinem Rande die

letzte Träne, die es hatte weinen dürfen.

Ein Wagen war da. Guidacci setzte sich zu ihr. Er zappelte noch und sah und

hörte nur sich.

»Wäre ich bei Ihnen gewesen: ah! Contessa, Ihre unglückliche Freundin lebte

noch. Mein Freund hier,« -- und er griff in die Tasche -- »hätte sie

beschützt. Und zu denken, daß es hätte sein können. Denn ich ging ernstlich

mit der Absicht um, heute die Kirche schon um halb ein Uhr zu verlassen!

Fragen Sie Bussoletti, unsern dicken Erzpriester!«

»Lassen Sie sehen!« sagte Lola, und nahm den Revolver in die Hand. Sie

spielte mit der Sicherung, sah nach den Patronen.

»Den also muß man gebrauchen, -- damit nicht der andere ihn gebraucht.«

Erst kurz vor der Ankunft gab sie, aufschreckend, die Waffe zurück.

»Bleiben Sie hier! Danke: ich brauche keine Hilfe. Das Blut an meiner Hand?

Es ist nicht der Rede wert. Aber ich möchte ruhen.«

Sie verband sich selbst; nur niemand sehen! -- und fand nun, ausgestreckt,

hinter ihren Lidern alles wieder, und ihre Adern pochten unaufhörlich die

Worte: »Den also muß man gebrauchen, damit nicht der andere ihn gebraucht.«

Sie warf sich auf dem Polster umher.

»Claudia hat ihm gehört, wie seine Sache; und weil sie sich widersetzte,

hat er sie zerbrochen. Er durfte es; er geht dafür mit ihr unter. Und so

werde auch ich mit dem untergehen, dessen Sache ich bin . . . Ich will

nicht! Wer hat auf mich ein Recht? Alles ist Lüge. Ich bin als mein eigen

geboren, und kein Mensch konnte je auf mich ein Recht erwerben. Ich bin in

seiner Schuld? Ich habe gewußt, was mir mit ihm bevorstand? Ich habe ihn

unglücklich gemacht? Ach! das alles zählt nicht, wenn es um mich selbst

geht. Ich will nicht so gerecht sein! Mag er zusehen! Er hat mir schlimme

Jahre gemacht, wir sind quitt. Ich will nicht in die Tiefe denken, wo seine

Schuld aufhört und alles Schicksal wird, das man stumm weiterschleppt. Ich

will leben! Ich habe Claudias Tod gesehen: er war schimpflich. Ich will

leben!«

Ihr war schwindlich von dem ungeheuren Flügelrauschen in ihr. Plötzlich

fuhr sie empor; und aufgestützt, die Lippen geöffnet, mit einem irren

Lächeln lauschte sie.

Nein. Schwer seufzend sank sie zurück. Es war Pardi.

Er trat ein; sein Schritt war lastend; und er ging, ohne sie anzusehen, zum

Fenster. Mit dem Rücken nach dem Zimmer:

»Es steht schlecht: ich fühle, daß ich heute kein Glück habe. Bereite dich

auf das Landleben vor.«

Er wanderte umher und murmelte zwischen den Zähnen. Anhaltend, mit einem

scharfen Blick:

»War Claudia nicht hier?«

Lola schwieg. Er kam unruhig näher. Sie richtete sich auf; sie sagte ihm in

die Augen, langsam und stark:

»Claudia ist tot. Um deinetwillen ist sie umgekommen, und auf dem Wege zu

dir.«

Er schwankte, er griff sich ins Haar.

»Es ist nicht wahr!«

Da ihre Wimpern sich nicht bewegten, schlug er die Augen nieder. Er sah

plötzlich kleiner aus, und alt, zerzaust, übernächtig: fahl von zahllosen

Nächten.

Und er wanderte weiter: den Kopf auf der Brust, mit stammelnden Bewegungen

der Lippen und, von Zeit zu Zeit, einem unfreiwilligen Stöhnen. Lola

wendete das Gesicht, wohin immer er ging. Sie fühlte ihren Mund gekrampft

vom Haß. Sie haßte ihn! Er hatte Claudia dorthinten in irgend ein

Rendezvouszimmer bestellt. Claudia war durch die Stadt gegangen, in der an

jeder Ecke der Tod lauerte: durch eine Hecke von Mördern. Er hatte sie

kommen lassen: denn die Umarmung einer Frau konnte ihm Glück bringen zur

Wahl. Ganz Florenz schrie seinen Namen, kämpfte um ihn: und er pfiff darauf

und umarmte, abseits vom Lärm, eine Frau. Das war reizvoll; es war eine

starke, verachtende Geste. Für sie war Claudia gestorben. Und ihr Tod traf

ihn peinlich, denn er brachte vielleicht Unglück. »O! ich hasse ihn, ich

hasse ihn! Da schleicht er hin, weiß sich verloren und wird nie mehr

aufkommen. Ich freue mich. Ich will es nie bereuen, mich jetzt gefreut zu

haben. Zu allem wäre ich in diesem Augenblick stark genug: zu allem.« Sie

suchte seufzend. »Eine Waffe! In diesem Augenblick eine Waffe!«

Aber der Augenblick verstrich! Das leblose Schweigen des Hauses machte ihr

Fieber. Pardi richtete sich auf. Er sprach rauh.

»Also retten, was zu retten ist. Auf die Quästur.

Den Zeitungen muß gedroht werden, falls sie in den Bericht meinen Namen

mischen.«

Er nahm seinen Hut.

»Wie lange ist's her? Ist ihr Mann verhaftet?«

Nach einer Stille:

»Wirst du antworten, Hündin?«

Lola lag da, und die Wange in der Hand, sah sie ihn an, mit Augen, die,

leise hin und her rückend, im Haß grübelten. Sein Blick irrte ab; er

zerdrückte den Hut, er machte kehrt . . . Ein stürmender Schritt kam über

die Treppe und durch den Vorsaal; die Tür flog auf; Lola verhielt ihren

Schrei: da stand Arnold. Er atmete rasch; sein Blick traf sicher, erst

Pardi, dann sie; und mit wachem, festem Schritt trat er vor ihr Lager.

»Sie sind verwundet?«

Er bemerkte ihre Hand und zuckte auf. Halb gewendet:

»Sie haben sie töten wollen: ich verlange Ihr Leben.«

Pardi setzte die Fäuste an die Brust.

»Sie sind verrückt; aber da Sie sich endlich zeigen, da Sie endlich aus dem

Nebel tauchen, sollen Sie haben, was Sie sich wünschen.«

Er lachte auf. Arnold machte zwei schlanke, kühne Schritte. Lola sah ihn

jung und gespannt, wie einen Knaben, der zum erstenmal aus dem Jugendgehege

und vor den ersten Feind hintritt; der die Spiele hinter sich gelassen hat

und vor Ernst bebt. Er sagte hell:

»Sie haben die Waffe zu wählen; aber wählen Sie nicht die Pistole, sind Sie

ein Feigling. Und bestehen Sie nicht mit mir darauf, daß einer von uns am

Platze bleibt, sind Sie ein Feigling.«

»Sie hoffen, mich dazu zu machen?« sagte Pardi, die Zähne entblößend.

Arnold verbeugte sich vor Lola und ging.

»Erwarten Sie mich!« sagte sie laut, und sie stand auf. Ihr Hut, ihr

Jackett lagen noch da; sie machte sich fertig. Arnold öffnete ihr die Tür.

»Träume ich?« sagte Pardi. Lola kam zurück. Dicht vor ihm:

»Claudia hat dir Sieg gewünscht: es war ihr letzter Ausruf. Aber sie ist

nicht die Tote, die dir Glück bringt.«

Und sie wandte sich langsam.

* * * * *

»Soll ich dem Kutscher winken?« fragte Arnold.

»Nein.«

»Wozu auch: da wir nicht fliehen, sondern frei dahingehen.«

Lola sah vor sich nieder.

»Nicht er hat mich verwundet. Claudias Mann tat es, als er sie tötete.«

Da er schwieg:

»Ändert das deinen Sinn?«

»Nein.«

Sie hob die Stirn; beglückt sah sie ihn an.

»O nein!« wiederholte er. »Hat er's nicht getan? So hätte er's doch tun

können. Ich habe dein Blut gesehen. Man sprach mir von deiner Verwundung;

Guidacci sprach -- ich weiß nicht was. Kaum hörte ich, dein Blut sei

geflossen, da betäubte meins mich mit seiner Wallung. Ich fühlte, daß der,

der dich anrühren könne, nicht länger leben dürfe. Du bist mein. Ich habe

genug um dich gelitten.«

»Wir haben genug umeinander gelitten;« und sie nahm seinen Arm.

»Laß uns langsam gehen: jetzt, da wir immer, immer denselben Weg gehen

werden.«

Diese armen Straßen links vom Fluß waren voll Volks, das wimmelnd, zur

Harmonika, Guitarre und dem Fettgeruch aus den Pfannen der Gassenköche, das

Fest der Wahl beging. Ihr Kandidat war so gut wie gewählt; in den engen

Schaufenstern stand sein Bild; sie stellten Kerzen davor; die Schenkwirte

hängten Lampions hinaus. Die Glocken läuteten das Ave, als feierten sie den

Sieg der Armen.

»Wie?« sagte Arnold. »Längst ist mein ganzes Leben auf dich

zusammengezogen. Alles hab' ich an dich gewendet, alles Denken, alles

Leiden, dessen ich fähig bin. Das soll irgend einer mir wegtragen, es aus

dem Leben schaffen dürfen? Wozu habe ich gelebt, wenn du verschwunden bist?

Alles konnten Geschick und Menschen uns auferlegen, jeden Verzicht, das

ganze gehetzte Dasein, das wir gehabt haben: aber wir müssen leben.

Zusammen leben oder zusammen sterben.«

»Zusammen leben,« sagte Lola, mit rascher Zuversicht.

»Durch mein Herz fließt längst nur noch dein Blut. Mit deinen Stimmungen,

die mich unbewußt mitergreifen, deiner Unruhe, die auch mich verzehrt, und

deiner süßen Liebe, an der ich trage, fließt mir stündlich dein Blut zum

Herzen. Wer dich trifft, trifft mich: und ich will leben. Heute hab' ich

erfahren, daß ich's will.«

»Auch ich. Wärst du nicht gekommen, ich hätte ihn getötet! . . . Aber du

bist gekommen. Zum zweitenmal hast du mich aus der Ferne gehört, als ich

dich beschwor. Und diesmal brachtest du die Tat mit!«

Sie sann: »Die Tat, an die ich nicht glaubte, die ich von mir wies, und

nach der mich im Grunde immer verlangt hat. Die verachtete Tat, die alles

löst.«

Da sagte er:

»Mir ist es nun, als hätte ich mich längst nach dieser Tat gesehnt.«

. . . Sie langten an. Der leere Platz mit seinen kleinen alten Häusern, um

den riesigen, bröckelnden Kirchengiebel geschart, stand fahlblau in

Dämmerung. Sie gingen die geschweifte Mauer zu Ende; schon neigten sich

über Lola die stillen Bäume ihres Geliebten. Arnold schob die Pforte

zurück: -- da entstürzte der Gasse drüben eine schreiende Fratze.

»Gewählt ist Pardi!«

Der Schreier wütete an den schläfrigen Häuschen hin, zwang ihnen, mit

Läuten und Stampfen, seine Zeitungsblätter auf, zog aus den letzten Winkeln

alles was lebte, an sich, um sich her, und teilte seine Kunde aus.

»Gewählt ist Pardi!«

Sie schlossen hinter sich die Pforte. Zwischen den Steinbildern in ihren

schwarzen Laubnischen gingen sie auf das Haus zu. Es lag am Ende dieses

Schattenganges rosig in Abendluft und umstanden von seiner Wache steiler

blauer Schwertlilien. Lola brach das Schweigen.

»Er wird das Parlament nicht betreten. O! ich habe den Mut, es zu wollen

und auszusprechen. Er soll sterben, damit wir leben können. Wir wollen

nicht länger schlecht, als seine Knechte leben. Denn das waren wir. Denken

und Zweifeln hatten uns rechtlos gemacht. Durch Verstehen waren wir unfähig

geworden, eine Hand zu erheben, sei es nur, um uns vor Schmutz zu behüten.

Wir glaubten uns edel kraft unserer Reinheit: und wurden doch von ihr durch

Verwirrung in Niedrigkeit geführt. Allzu gerecht, wird man Sklave. Ein Volk

von Würde und Menschlichkeit ist ungerecht gegen seine Herren und befreit

sich.«

Der Blick jenes berußten Menschen erschien ihr, der in der Säulenhalle der

Uffizien, stolz auf sein Volk, ihr in die Augen gesehen hatte. In ihr

zitterte sein Stolz. Sie sah ein Aufleuchten von tausend Gesichtern, die

Geste der Denkmäler, die klatschenden Hände, den Ruhm eines Volkes. Und

plötzlich ein anderes Auge: bräunlich weiß, schon starr, und an seinem

Rande die tote Träne.

»Was erschreckt dich, Lola? Du bist bleich. Dir wird schwach?«

»Claudia ist tot. Ich hatte sie lieb: warum mußte sie schimpflich sterben?«

»Lehne dich an mich! Nimm einen tiefen Atemzug aus dieser Luft; der Abend

hat so viel Ruhe und Kraft. Sieh, wie stark um uns her die Schwertlilien

stehen!«

»Du bist stark! Ich breche nachträglich zusammen. Ja, stütze mich! Ich weiß

nicht, was mich mehr ängstigt von allem Erlebten: der Freiheitsstolz so

vieler, oder der Tod einer armen kleinen Sklavin.«

»Laß dich über die Stufen heben, meine Lola. Wir sind frei und ruhig.

Bleibe in Ruhe auf dieser Terrasse, die uns lieb ist, stütze deinen schönen

Kopf an das Haus, das uns kennt, und warte, bis ich zurück bin.«

»Du gehst?«

Da er schwieg:

»Nun weiß ich's wieder.«

Tränen entstürzten ihr.

»Das Schwerste steht noch bevor, und ich versage schon.«

Er sah zu Boden.

»Wenn ich ausbleibe --«

Da sprang sie auf.

»Du kannst zweifeln? Nein! Du weißt: in derselben Stunde stürbe auch ich.«

Sie sanken, die Augen geschlossen, gegen einander.

Lola schob ihn sanft zurück.

»Laß, ich habe meine Kraft wieder. Du wirst siegen!«

»Deine Augen entzünden so meinen Geist und mein Blut, daß ich alles glaube,

allem vertraue.«

»Du wirst siegen, weil er gerichtet ist. Er hat es gefühlt: hätte er mich

sonst gehen lassen?«

»Welch Leben, Lola! Wir sind gemeinsam wiedergeboren.«

Sie reckte sich, breitete die Arme aus. Den Kopf im Nacken:

»Nimm mich! Ich bin frei . . . Nein: warte! Du bist zu stürmisch: ganz

Held. Ich bewundere dich; auch das habe ich von dir gewollt. Aber ich will

auch das andere nicht verlieren, das du warst.«

Er kniete hin. Sie lehnte auf seinem Kopf ihre Hände aneinander und beugte

sich sanft, bis ihr Mund seine Stirn traf. Mit kleiner, süßer Traumstimme

redete sie.

»So bleibe noch! Ich sehe über dich hinweg in das Dunkel, das

heranschwillt. Die Steige waren blau und sind nun schwarz. Das Leuchten der

Gartengötter ist vergangen, zugleich mit den Vogelstimmen. Das Leben ist

tief, fühlst du's? Ich höre Schattenfüße auf dem Rasen. Ein letzter Strahl

biegt sich um deinen Kopf. Du gehst nun und kämpfst um mich. So brauche ich

dich; denn ich bin nur eine Frau. Dann kehrt mein Held heim zu mir, legt

seine Stirn in meine Hände und ist sanft und mein Gefährte. So brauche ich

dich; denn ich bin nur eine Frau . . . Wirst du Geduld mit mir haben,

Lieber?«

Er flüsterte:

»Die Prüfung liegt hinter uns. Jeder von uns weiß, was er sagt, wenn er

sagt: Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich,« sagte Lola.

Zwischen den Rassen: Roman · 第 19 / 25 题