Lola wandte den Bogen; oben trug er: »Mein Geliebter!«

Alles in ihr stand still. Sie war vor sich selbst erschrocken, vor der,

deren Geist die beiden Worte wiederholt hatte. Zögernd weiter: -- sie warf

den Brief hin und sagte laut:

»Er war ihr Geliebter.«

Sie fiel auf einen Stuhl und hielt sich die Ohren zu.

»Ich will es nicht glauben! Es ist nicht wahr; ich bin krankhaft

mißtrauisch!«

Aber da lag der Brief. Mai schwur ihrem Geliebten, daß von diesem einzigen,

so kurzen Glück den ganzen Rest ihres Lebens ihr Herz sich nähren sollte.

Und plötzlich warf Lola die Arme in die Luft, haltlos, zwischen Abgründen,

mit einem Schauder vor dem Schicksal, das stumm gewesen war und auf einmal

mit verfaultem Atem ein scheußliches Wort ausstieß.

»Sie hat mich verkauft: schlimmer, sie hat mich mit in den Kauf gegeben,

bei dem sie ihn bekam! Er wollte uns beide! Ich wußte das und war so blind?

Immer noch gibt es Schleier wegzuziehen? Mein Gott! was wird noch kommen

. . . Bin ich denn ganz anders als alle? Auf den Gedanken, der der erste

jeder Frau wäre, verfalle ich nie . . . Und sie hat mir, nun sehe ich's,

den Verdacht fast aufgedrängt: gleich vor meiner Hochzeit, als sie ein

letztes Mal um ihn kämpfte. Wie hat sie mich gehaßt! Als sie verlangte, ich

solle ihn lassen! Natürlich: ihren Geliebten! Eine Mutter ist das, eine

Mutter!«

Neuaufwallend:

»Und ich hätte ihn ihr lassen können! Ein Wort von ihr, und alles war

unnötig, alles seither Erlittene! Das Glück wäre möglich gewesen. Ja, ganz

frei lag es da!«

Sie drückte die Fäuste vor die Augen und schluchzte aus Zorn.

»Ich wäre entronnen. Ein kurzer, verächtlicher Schmerz, und es war hinter

mir. Alles Elend umsonst, eine gräßliche Posse. Da: sie dankt ihm auch

dafür, daß er sie auf ihrer Bootfahrt geliebt hat, obwohl sie so krank war.

Man liebt und erbricht sich, durcheinander. Um solches Lebens willen sitze

ich hier.«

Wild sprang sie auf.

»Nein! Nicht länger. Zu lange war ich schwach. Auch ich will endlich

rücksichtslos glücklich sein. Dahinten ist Arnold, den ich liebe. Ich weiß

das Haus und den Weg, kenne sein Herz und meins, -- und was dazwischen

stand, ist alles gesprengt. Ich erkenne nichts mehr an, will nichts mehr

wissen. Ich gehöre wieder mir und gebe mich ihm. Ich will zu ihm!«

* * * * *

Der Weg war weit; sie schwankte vor Erschöpfung und dachte doch nicht

daran, in einen der vorüberfahrenden Wagen zu steigen. Die Häuserreihen

ringelten sich fahl dahin im erlöschenden Blau. Alles hastete bestürzt

durcheinander, und man kam nicht weiter, wie in einem Traum. Die Welt war

in Verwirrung und suchte einen Retter. »Zu ihm, der handeln wird, handeln

und mich retten wird!« Sie erkannte die Straßen nicht wieder, fragte einen

Menschen -- sein Gesicht deuchte ihr unheilvoll -- und hörte sich sprechen,

wie eine andere. »Ich bin krank,« dachte sie deutlich; »ich weiß es wohl.

Aber was kommt darauf an. Vorwärts!«

Über der Mauer schwebten Baumkronen: die Kronen seiner Bäume. Das Tor

erwartete sie, unverschlossen. Er saß dorthinten, vor der Schwelle seines

niedrigen Hauses, die Schläfe in der Hand, zu Boden sinnend. Dies alles gab

es nicht nur in ihren Gesichten? Die Sonne schmolz hinter jenen Zypressen,

wie in alten, süßen Erinnerungen. In Lolas Kopf klopfte es wirr und heiß.

Bemooste Gartengötter streiften sie, den Gang entlang, mit schiefen Blicken

»Seht nur zu!« -- und sie schlug den Mantel zurück, als würfe sie alles von

sich und böte sich ihm. Der Kies spritzte von ihren gehetzten Füßen. Arnold

sah auf, bewegte eine ungläubige Hand und erstarrte. Sie lag vor ihm.

»Es ist aus. Wir sind frei. Ich bin dein. O ja, nimm mich nur in deine

Arme, frage mich nur! Du sollst alles wissen, du bist der, den ich habe.

Einen Menschen muß man doch haben, einen. Ich war immer allein. Ich weiß

noch, wie mein Vater mich in dem fremden Garten zurückließ. Keinen verstand

ich. Nie habe ich eine Sprache ganz erlernt. Die Mädchen dort beschimpften

mich einst, weil ich nirgends hingehörte. Als ich groß war, hielt man mich

für eine Abenteurerin. Und behandelte mich wie eine.

Fremde in allen Ländern, Feinde. Weißt du, daß sie hier mich kaufen wollen,

mich zu ihrer Dirne machen wollen? Kein Volk, dem ich zugehöre, keine

Sprache, die mich ganz ausdrückt, -- und kein Mensch, an dessen Herzen ich

daheim bin? Du! O, du!«

»Meine Lola. Meine liebe kleine Lola.«

»Sag mir das! Sag es mir oft. Ich habe es so lange entbehrt. Ich bin

schlimm daran. Du weißt nicht: hier ist's so still, aber draußen geht alles

drunter und drüber. Du mußt mich retten.«

»Meine arme Lola, du fieberst.«

»Es ist möglich, ich verliere den Kopf. Aber bedenke, was sie mir getan

haben, und daß meine Mutter seine Geliebte war. Ja: seine, meines Mannes.

Ist das nicht mehr, als alles was ich zu tragen verpflichtet war. Soll ich

so viel Buße zahlen? O! ich ersticke. Es soll endlich aus sein. Hörst du?

ich will, daß es aus sei!«

»Gib mir deine Hände, lege den Kopf hierher, an meine Schulter. Halte

still, höre zu. Ich habe dich so lieb, daß ich wollte, an deinem Leid

stürben wir augenblicklich, alle beide. Wir sind arm, und ich denke schon

längst an den Tod mit dir, als an das Beste. Vielleicht, daß wir nachher

uns haben würden?«

»Sterben? Ja, mag sein, daß es das war, was ich wollte. Ich wußte nicht

. . . Gib vorher deinen Mund!«

. . . da schrak sie aus der Umarmung.

»Nein! Nicht das. Ich kann es nicht.«

»Wenn du mich liebst? Ich weiß nicht, wie es kam, -- aber liebst du mich

dafür denn nicht genug?«

»Sei nicht traurig! Ich schwöre dir --«

»Du liebst mich also nicht genug. Ich wußte es.«

Ganz voneinander gelöst, standen sie da. Lola führte die Hand zwischen die

Augen. »Warum kann ich es nicht? Warum bereue ich fast, daß ich ihn liebe?

Was erwartete ich denn anderes von ihm! Sollte er mich fortreißen aus den

Feinden und um sich schlagen? Heldentaten? -- ich bin kindisch. Ein Held

ist der andere, ich kenne den Helden. Dieser ist ein Mensch -- und zu fein,

zu sehr mir gleich, um es mit dem Leben aufzunehmen, das lügt und

vergewaltigt. Bei ihm ruhen. Nur ruhen. Den Hals nicht wenden; nicht

zurückdenken.«

»Kannst du mich nicht so lieben? So? Ohne das andere?«

Und sie lehnte sich an ihn, ohne die Arme zu erheben.

»Ich werde trotzdem nur dir gehören. Wir werden uns immer sehen, ich

verspreche es dir. Gern will ich mein Leben wagen, für wenige Minuten mit

dir! Aber das andere -- siehst du, wir könnens nicht. Auch dir wäre gleich

wieder eingefallen, daß wir's nicht können. Lügen und betrügen: wir! Lieber

das Schlimmste erleiden. Im Grunde, was ist geschehen. Er und meine Mutter

sind wie alle. Auch das hab' ich verschuldet und muß es tragen. Warum

verlor ich mich? . . . Siehst du, nun senkst du die Stirn und siehst wieder

alles ein. Du bist gut, du bist mein Trost. Alle Not will ich vergessen,

wenn ich bei dir bin. Versprichst du, daß dir das genügen wird?«

Er hob ihre Hand an seine Lippen. Sie standen lange im Dunkeln. Mehrmals,

nach verträumten Pausen, fragte Lola:

»Wirst du mich immer lieben?«

Und er hob ihre Hand an seine Lippen.

Ganz erwachend, unter einem Seufzer, sagte sie:

»Ja, es ist schön. Aber --«

Mit einer kleinen gefrorenen Stimme, an deren Decke ein leiser Spott

pochte:

»-- wir werden uns nie gehören!«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 17 / 25 题