Zweiter Teil

I

Mit glänzend glatten Bandeaus und einem rohseidenen Schlafrock, creme und

pfauenblau, kam Frau Gabriel ins Zimmer und fragte:

»Sind die Sachen da?«

Lola las, hing dabei aus dem Fenster und hörte nicht. Ermattet seufzend

lehnte Frau Gabriel sich in einen Sessel.

Lolas schlanker, kräftiger Nacken dahinten lag pflaumig blond im Licht. Um

ihr Haar her war ein goldiges Geflimmer. Die ungeheure blaue und

durchgoldete Weite trug Lolas Schattenriß in sich, bereit ihn

dahinzuraffen, aufzuzehren. Drei Palmenblätter nickten mit ihren Spitzen

über den Fensterrahmen hinweg. Die Hotelglocke ging. Nun schnaubte ein

Dampfer. Von Gesprächen, Musik und Gelächter flatterten Bruchstücke durch

Wind und Sonne herbei.

Frau Gabriel saß und polierte mit dem Taschentuch ihre Nägel. Lola sah sich

plötzlich um und fuhr zusammen.

»Sind die Sachen da?« fragte Mai geduldig.

»Da stehen sie doch!«

Nicht einmal den Kopf konnte Mai wenden: lieber saß sie eine halbe Stunde

und wartete. Wenn jemand aber auch gar keine Nerven hatte! Lola stellte die

geöffneten Schachteln dicht neben Mai hin.

»Grade habe ich sie noch bezahlen können. Aber es war fast das Letzte.«

»Schreibe doch an Nene.«

»Das sagst du immer. O! Wäre ich erst ausgebildet und selbständig! . . .

Weißt du, wieviel wir schon voraus haben? Die Zinsen eines halben Jahres.«

»Nene verdient aber auch; er wird mit uns teilen.«

»Er hat schon mit uns geteilt. Mir ist's sonderbar genug, daß dort drüben

ein junger Mann für mich arbeitet, den ich kaum kenne.«

»Versündige dich nicht, er ist dein Bruder.«

»Erinnerst du dich, wie ich anfangs, nachdem du herübergekommen warst,

nicht wußte, wer Paolo war? Als Kind hatte ich nie gehört, daß er Paolo

hieß und daß Nene nur Baby bedeutet.«

»Der gute Nene.«

»Wir lassen ihn also für uns verdienen; nur dürfen wir ihn nicht zugrunde

richten. Hörst du?«

»Ihr werdet das schon zusammen ausmachen: ihr seid klüger als ich. Ach,

unsere jetzigen Verlegenheiten hat Paolo mir vorausgesagt. Er wollte mich

durchaus nicht reisen lassen.«

»Zum Glück scheint er energisch; sonst könnte es schlimm enden. Ich selbst

vergesse mich manchmal. Zum Beispiel war's sehr unnötig, daß wir hierher

kamen. Wir sind genug hinter der Branzilla hergereist. Da sie nun in der

Nervenheilanstalt sitzt und für meine Stimmbildung nichts mehr tun kann,

hätten wir in Paris bleiben sollen.«

»Paris war schön!«

»Unser Leben in Paris kostete schließlich weniger: wir saßen doch manchen

Abend zu Hause. Hier läßt man uns nicht.«

»Du hast recht, es ist schrecklich; nun, Gott wird helfen. Kann ich jetzt

die Sachen sehen?«

»Aber -- sie liegen dir doch vor der Nase!«

»Muß ich sie selbst herausnehmen?«

Frau Gabriel lächelte zaghaft; die Lippe mit dem Leberfleck im Winkel

kräuselte sich und zerstörte die reine Linie der graden Nase; die Augen

baten; in das gelassene Madonnengesicht kamen Furcht und Unbeholfenheit

eines Schulmädchens. Um ihren guten Willen zu beweisen, tauchte sie eine

ihrer kleinen weichen, ungeübten Hände in die Schachtel. Gerührt hob Lola

die Kostüme heraus; sah ein wenig von oben herab zu, wie Mai sie

bewunderte; faßte selbst Teilnahme; -- und bald waren sie im Verein ganz

hingegeben an diese Stoffe, an die neuen Erfindungen dieser Töne, dieser

Schnitte, die ihnen versprachen, ihre Schönheit umzutauschen und ihnen eine

noch nicht gekostete Form von Leben und von Glück zu vermitteln. Zum Schluß

verriet Frau Gabriel, welche Züge ihr Glück heute trug; denn sie fragte:

»Meinst du, daß der Herzog von Fingado mich liebt?«

Ihre Stimme und ihr Blick waren voll kindlicher Erwartung. Lola sagte

tröstend:

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er neulich auf der Garden-Party sich fast nur um mich

kümmerte. Die Bricheau versicherte mir, seine Verlobung sei ins Wanken

gekommen. Das wäre mir wahrhaft unangenehm.«

Aber es klang stolz. Dann, behutsam:

»Sage mir eins, mein liebes Kind: gibt dir der Herzog kein Gefühl ein?

. . . Du brauchst es nur zu sagen.«

»Nicht das geringste . . . obwohl ich ihn sympathisch finde,« setzte Lola

höflich hinzu. Und Mai, zitternd:

»Ich würde seine Liebe nicht wollen, wenn du sie wolltest. Gott ist mein

Zeuge, daß dein Glück mir höher steht als meins.«

»Gute Mai, mache dir keine Sorgen!«

Lola wollte sich entfernen; Mai hielt sie, tränenden Auges, am Rock fest.

»Ich würde mich dir opfern, weißt du . . . Also du liebst ihn nicht?

Schwöre es mir!«

»Ich schwöre es;« und Lola lächelte nachsichtig. Man mußte ein Kind sein

wie Mai, um sich in den Titel dieses kümmerlichen Jünglings zu verlieben.

»Aber auf dem Heimwege,« bemerkte Mai, »ist er mit dir gegangen. Ihr habt

euch sogar abgesondert.«

»Er wollte mir aus der Ferne seine Yacht zeigen, -- auf der er nicht fahren

kann, weil er seekrank wird.«

»Wovon spracht ihr noch?«

»Von Karl dem Zweiten.«

»Wer ist das?«

»Ein König von Spanien -- es ist lange her, es würde dich nicht

interessieren. Mich interessiert's auch nur manchmal. Aber mit Fingado weiß

ich nichts anderes zu reden.«

»Wirklich nicht?«

»Tatsächlich.«

Mai nickte beruhigt. Mit einem unaufhaltsamen Lächeln des Triumphes:

»Mit mir redet er anderes!«

»Würdest du ihn heiraten, Mai?« fragte Lola, kniete neben ihrer Mutter hin

und strich ihr schmeichelnd über Hals und Arm.

»Ich sehe meine Mai schon als Herzogin, in ihrem Schloß in der Sierra; sie

geht auf die Jagd nach Wölfen, Adlern und ähnlichen Wappentieren.«

Mai hatte ernsthaft nachgedacht.

»Alles wohl überlegt,« sagte sie, »hat auch Herr Aguirre seine Vorzüge. Er

ist Abgeordneter, sehr einflußreich, und Spanien wird vielleicht Republik

werden.«

»Wie weit du denkst, Mai! Aguirre, dies ungesund rosige Baby, denkt nur an

das Nächste: er will unser Geld, das Geld, das er uns zutraut. Zu viel

Ehre!«

»Du siehst zu trübe, Lola. Und ferner ist er in gesetztem Alter, und ich

bin, ach, nicht mehr ganz jung.«

»Im Gegenteil«; dabei herzte Lola ihre Mutter eifriger; »du bist so jung,

daß ich mich neben dir meines Alters schäme. Schon als du mich aus der

Pension abholtest, war ich, glaub' ich, weiter im Leben als du. Die zwei

Jahre aber, die wir in der Welt umhergereist sind, haben meinem Alter zehn

hinzugefügt. Ich fange sogar an, häßlich zu werden.«

»Das ist nicht wahr! Du bist die Frische selbst. Dein Alter bildest du dir

ein, weil du zu viel denkst. Das könnte deine Stirn falten: gib acht. Du

bist zerstreut bei der Toilette und gerade sie verlangt unsere ganze

Geisteskraft. Dann hättest du dir nicht die Stirnhaare abgebrannt und

wärest jetzt nicht so schwer zu frisieren.«

Lola griff seufzend nach den krausen Härchen.

»Ich habe schließlich doch meinen Beruf verfehlt. Oft komme ich mir vor wie

ein verkleideter Mann.«

»Das wird vergehen, wenn du heiratest. Findest du es noch nicht an der

Zeit? Welche schönen Gelegenheiten hast du vorübergehen lassen! Ich weiß

nicht: du bist doch so klug; aber eine Schwarze hat mehr Geschick, sich

einen Mann einzufangen. Halt, gefällt dir etwa Herr Aguirre? Er scheint

mich zu lieben. Meinst du nicht?«

»Gewiß, Mai.«

»Tatsache ist, daß er während der Regatta nicht von meiner Seite wich. Wenn

du ihm aber irgend ein Gefühl entgegenbringst . . .«

Mais Stimme bebte schon wieder; Mai war schon wieder zu einem Opfer bereit

und ängstigte sich davor. Lola wehrte ab; sie lachte befangen, tat ein paar

Schritte; dann, ernsthaft, mit verhaltenem Zorn:

»Du sprachst von meiner Verheiratung, und doch verlierst du sie zu oft aus

dem Auge. Die Tochter einer Mutter, die sich zu gut unterhält, wird nicht

leicht einen Mann finden.«

Mai sah tief erschrocken aus; Lola schloß verzeihend:

»Ich weiß, du verdienst keinen ernsten Tadel. Erinnere dich nur, bitte, wie

leicht man sich unschuldig kompromittiert, und verspäte dich abends mit

keinem der Herren mehr!«

»Du bist streng wie dein Vater,« sagte Mai und erschauerte. »Weißt du wohl,

daß ich ihn wieder gesehen habe? Ja, gerade in der Nacht, von der du

sprichst, erschien er mir.«

Demütig bittend:

»Willst du nicht sein Bild in dein Zimmer nehmen?«

»Das geht nicht, Mai: es würde ihn noch mehr erzürnen.«

Lola ging ans Fenster und sah hinaus. Frau Gabriel murmelte vor sich hin

und seufzte. Eine junge Männerstimme kam von unten:

»Fräulein Lola, ich habe alles, was Sie wünschten.«

»Gut,« antwortete Lola.

»Sie bestehen im Ernst darauf?«

»Ohne Zweifel. Wann kommen Sie?«

»Sehr bald. In einer Stunde werden die beiden Kavaliere Ihrer Mama da sein.

Empfehlen Sie mich ihr!«

»Auf Wiedersehen!«

»In einer Stunde: und ich bin nicht angezogen!« rief Frau Gabriel und

sprang auf. »Lola beeile dich! Welch Glück, daß wir frisiert sind.«

Bei der Tür kehrte sie um.

»Was denkst du über unsern Landsmann?«

»Da Silva Dolenha?« -- und Lola fühlte sich unfrei.

»Ja. Hältst du es für unmöglich, daß er eine von uns liebt? Er kommt

täglich.«

Da Lola schwieg:

»Anzeichen gäbe es wohl, daß ich es bin, die er liebt.«

Lola kam plötzlich in Bewegung.

»Nein, Mai, diesmal irrst du. Sei versichert, der denkt nicht an dich!«

»Ach;« Mai war gekränkt; »wie kannst du das beurteilen. Du bist in solchen

Dingen ein Kind.«

»Mag sein. In diesem Fall aber weiß ich, wen Da Silva liebt. Wir sind

Freunde, und er hat es mir gesagt.«

»Wen denn? Mein Gott!«

Mai stammelte, heftig enttäuscht. Lola, überlegen:

»Das verrät man nicht unter Freunden.«

»Freunde: was ist denn das?«

»Du wirst es sehen. Geh, Mai, zieh dich an! Du wirst es sehen.«

Dann rief sie nochmals:

»Mai! . . Glaubst du wohl, daß ich leidenschaftlich bin?«

»Du? Warum, Kind?«

»Ich meine, weil wir von solchen Dingen sprechen . . . Nein, ich weiß

gewiß, ich bin es nicht.«

»Wie sonderbar du bist!«

Lolas bewegte Miene blieb noch auf die Tür gerichtet, die sich geschlossen

hatte. Allmählich ward ihr Blick sinnend, und sie setzte sich auf einen

Koffer. Mais Mädchen trat ein und holte die Sachen ihrer Herrin. Lolas

eigene lagen auf Bett und Stühlen verstreut, mit Büchern und Notenblättern

dazwischen. Ein Glas mit Rosen war umgefallen; Lola erhob sich unbewußt und

richtete es auf. Dann sah sie sich nach einem freien Sitz um, fand keinen

und kehrte auf den Koffer zurück.

»Mai hat's gut,« sann Lola. »Täglich andere Kleider: und merkt nicht, daß

es eigentlich alles eins ist. So hat sie auch alle Tage eine neue Liebe;

und wem immer sie gelten mag: daß es Liebe, richtige Liebe ist, daran

zweifelt sie nie. Wenn ich wüßte, ob ich Da Silva liebe! Manchmal ist's nur

zu klar. Kurz darauf komme ich nach Haus und denke an etwas anderes. Aber

das Manchmal ist schlimm genug: es ist beschämend. Ich werde dann

melancholisch, wie in der Pensionszeit, als die dicke Jenny mir gewisse

Aufschlüsse gegeben hatte . . . Ich glaube, nur äußerlich halte ich mich

fester; innerlich bin ich viel lockerer als Mai. Ich glaube jetzt, sie ist

die bei weitem Unschuldigere. Anfangs habe ich sie ungerecht beurteilt: es

war verzeihlich. Aus der anständigen Welt Ernestes plötzlich heraus -- an

diese südlichen Allerweltsplätze, in ein erhitzendes Durcheinander

flüchtiger Begierden: jeden Tag, den ich mich nicht amüsierte, sah ich als

verloren an; nur der Ehrgeiz, durch meine so plötzlich entdeckte Stimme

groß zu werden, erhob mich noch; (und auch er schwindet schon, und ich will

mit dem Singen heute fast nichts mehr erreichen als meine Unabhängigkeit

. . .) Und nun die Frau neben mir, die ebensolch taumelndes Instinktwesen

war wie die andern, ohne die Würde eines Geistes, das war meine

Beschützerin, meine Freundin, meine ganze Familie, das war Mai, die schöne

Mai, die ich in allen meinen Kindheitserinnerungen so poetisch in ihrer

Hängematte liegen sah! Der einzige Mensch, an den ich geglaubt hatte! Ich

weiß noch, wie empört ich war. Davon also hatte sie geträumt in ihrer

Hängematte! Kaum ist Pai tot, stürzt sie sich, ihrer Freiheit froh, in die

dümmste Unenthaltsamkeit! Um Pais willen war ich empört und bereit, sie zu

hassen. Wie argwöhnisch solch ganz junges, unerfahrenes Mädchen das Leben

einer Frau durchspürt: das Leben der Mutter! Als ich damals in Trouville

meiner Sache endlich ganz sicher zu sein glaubte: welche Katastrophe! Mai

hat einen Geliebten! In dem Gedanken saß ich wie in einem betäubenden

Getöse, wie in einem Weltuntergang. Das Furchtbare, sagte ich mir, ist, daß

auch ich das in mir habe und so werden muß! Was wußte ich damals? Heute

habe ich fast einen Geliebten, könnte ihn jeden Augenblick haben, und

wundere mich alle Morgen beim Erwachen, daß es noch nicht eingetreten ist.«

»Seitdem muß ich Mai wohl milder beurteilen. Sie ist ein Kind und wird über

die gefährlichen Stellen immer nur spielend hinhuschen. Geht sie einen

Schritt zu weit, erscheint ihr alsbald der tote Pai; und ich bestärke sie

in ihren Gesichten. Warum eigentlich? Doch nicht mehr um Pais willen. Auch

nicht, weil Mais Aufführung mich hindern könnte, einen Mann zu finden. Das

ist mir gleich. Aber ich weiß wohl warum: ich selbst bin in Gefahr und

brauche Reinheit um mich her . . . Bin ich in Gefahr? Sobald ich's

ausdenke, glaube ich's nicht mehr. Ich! Ich bin doch eine ganz andere! Auf

Wesen wie die arme Mai blicke ich doch, deucht mir, ein gutes Stück hinab!«

»Jedenfalls hab' ich sie gern. Wir sind grade im richtigen Verhältnis: dem

von einem Paar Schwestern, die einander eifersüchtig schmeicheln. Ob wir

uns schwer entbehren würden, ist nicht sicher. Wie schwärmte Mai die erste

Zeit von Nene! Jetzt erwähnt sie ihn gemächlich und fast nur, wenn von Geld

die Rede ist. Jetzt bin ich daran, die Mutterliebe zu genießen. Es tut doch

wohl, wenn spät abends, nachdem man sich gekämmt hat und die Decke über

sich gezogen hat, eine Mutter hereinkommt und einem küßt. Sie herzt mich

lange; mir wird ganz kindlich und weich zu Sinn; dann spricht sie mir mit

kleiner süßer, entzückter Stimme von ihren Erfolgen, fragt mich nach

meinen: und wir sind wie zwei Kleine unterm Weihnachtsbaum.«

»Nein: für Pai nehme ich nicht mehr Partei. Ich stehe, wenn ich's bedenke,

sogar entschlossen auf Mais Seite. Erstens wohl, weil ich fühle, daß auch

mit mir, wie ich geworden bin, Pai nicht sehr einverstanden wäre.

Hauptsächlich aber, weil er ein Mann war und Mai unterdrückt hat. Und

schließlich, mein Gott, haben die Lebenden recht. Wenn einer stirbt,

versäumt er das weitere und darf nicht mehr dreinreden. Käme Pai wieder, er

fände gar keine Anknüpfung mehr mit uns, glaube ich. Mai ließe sich nicht

mehr so leicht in die Hängematte legen; und ich -- ach, ich bin wohl auch

nicht sein rechtes Kind: wie hätten wir sonst, kaum daß er tot war, den

ganzen bürgerlichen Boden unter den Füßen verlieren können? Denn das taten

wir doch . . .«

Lola sah sich im Zimmer um.

»So sieht's überall aus, wo wir kampieren. Und ich sitze auf einem Koffer.

Nie kommen die Koffer aus den Zimmern, und sind immer nur halb ausgepackt.

Die Jahreszeit wird staubig, der Liebhaber fade: fort von hier! Wohin am

Ende? Dort stehen die Ansichten von zu Hause, die Mai mitgebracht hat. Zu

Hause! Wenn wir Lust bekämen, einen Ausflug dorthin zu machen, würde ich

vor dem Blick auf Rio denken, daß er tatsächlich unvergleichlich schöner

ist als der auf Neapel; würde von einem Hotel, wo alles wäre wie in diesem

hier, auf Sehenswürdigkeiten ausgehen, die Hitze unerträglich finden und

gelassenen Abschied nehmen. Etwas anderes wäre es vielleicht mit der Großen

Insel; aber die Pflanzung ist verkauft . . . Wohin also am Ende? Danach

frage ich, scheint mir, zum erstenmal. Fange ich etwa an, zu ermüden? Mais

Kindernerven hab' ich nicht grade. Aber das Ende bekommt wohl nur Interesse

für mich, weil ich wissen möchte, wo das enden soll, was ich jetzt erlebe.«

»Sehen wir doch nach: geht mich der Mensch wirklich so viel an? Wäre er in

Venedig noch so unentbehrlich, wie er's hier in Barcelona ist? Die Grimani

hat uns für Juli eingeladen. Oder was meine ich zu Paris? Das ist noch

immer das Amüsanteste . . . Ich glaube, es ginge.«

Eine junge Männerstimme ward hörbar. Lola erhob sich hastig.

»Nein, es geht nicht.«

Leicht vorgeneigt, mit fiebrigem Spiel der Finger an der langen Halskette,

blickte sie auf die Tür. Es klopfte.

»Gehen Sie in den Salon, bitte. Ich komme gleich.«

Sie machte einige zornige Schritte.

»Warum muß ich auch grübeln! Jedesmal, wenn ich gegrübelt habe, bin ich

schwach und gebe ihm dann Anlaß, sich einzubilden, was doch nicht wahr ist

. . . O, heute abend soll er keinen Vorteil davontragen!«

* * * * *

Sie hatte sich beruhigt und ging hinüber. Mit offenem Lächeln begrüßte sie

den Besucher.

»Gnädiges Fräulein -- da ist alles;« und er zeigte nach dem Paket auf dem

Klavier. »Der Bote ist gleich mit mir gekommen.«

»Ist alles darin . . . und wird es mir passen?«

Anstatt nach dem Paket zu sehen, betrachtete sie, und ihr Lächeln ward

wider ihren Willen noch glücklicher, sein schönes, groß gemeißeltes, fast

bartloses Gesicht, in dem die Brauen sich berührten. Auch er gebrauchte

seine Worte nur als einen Vorwand, sie anzusehen.

»Ich bin überzeugt . . . Es sind genau die Maße, die Sie mir genannt

haben.«

Sie bewegte leise, wie verwundert, ihren lächelnden Kopf. Endlich, sich

losreißend:

»Es ist gut.«

Rasch ergriff sie das Paket. Er stürzte sich darauf.

»Ich trage es Ihnen hinüber.«

»Doch nicht;« ihr Lächeln ward schlau. »Sie bleiben hier . . . und . . .«

Sie legte, unter der Tür, den Finger auf die Lippen.

* * * * *

In ihrem Zimmer zog sie die Männerkleider an, die Da Silva mitgebracht

hatte. Sie verbarg die Brust in den Falten des weichen Piquéhemdes, das

Haar unter der halblangen Jünglingsperücke, setzte den runden Hut auf,

hängte das Stöckchen über den Arm und trat vom Spiegel zurück, um sich zu

mustern. Da stand im gutsitzenden Abendanzug etwas wie ein eleganter

Student, mit duftigen Gesichtsfarben und glänzenden braunen Augen, ein

sanft verwegenes Lächeln auf den roten Lippen, und die jugendlich raschen

Wendungen einer schiken Müdigkeit zuliebe ein wenig verhalten: ein Wesen

von beunruhigendem Reiz.

»Aber wie bin ich schön!« sagte Lola einmal übers andere. »Ich bin keine

Frau mehr! Jetzt erst sehe ich, wozu meine große Nase gut ist. Die hohe

Stirn kommt mir jetzt auch zustatten. Ach! ich kann mir Pais Falte zwischen

den Brauen machen. Ob Pai jemals so ausgesehen hat? Nicht ganz so, glaube

ich. Der dort im Spiegel erinnert mich an eine Frau; aber nicht sehr

lebhaft. Man wird denken: »Er muß eine hübsche Schwester haben.« Für ein

verkleidetes Mädchen hält so leicht keiner ihn.«

Sie räusperte sich, führte zwei Finger an den Hutrand und sprach mit tiefer

Stimme:

»Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht keinen Heller mehr.

Nachdem ich alles verspielt hatte, bin ich noch in die Schuld der Gelida

gekommen . . .«

Dies gefiel ihr. Sie lief hinüber, und in der Tür des Salons begann sie

sofort dasselbe:

»Sie gehen in den Klub? Ich habe seit gestern nacht . . .«

Da Silva hörte sie, ans Klavier gelehnt und die Stirn in Falten, bis zu

Ende an. Er ließ sie näherkommen und sich wenden.

»Es ist ziemlich in Ordnung.«

Er warf noch die von Verachtung schweren Worte hin:

»Bis auf die Krawatte natürlich.«

»Also binden Sie sie mir!«

Er machte sich daran.

»Halten Sie's so für besser gelungen?«

»Nein, von vorn kann ich's nicht. Ich kann's nur, wenn ich die Krawatte

grade so halte wie bei mir selbst. So also, wenn Sie gestatten.«

Er trat hinter sie und schob die Arme über ihre Schultern. Seine Arme

berührten sie kaum, und doch war sie darin eingeschlossen und spürte einen

angstvollen Kitzel. Sie mußte auf seine weißen, starken Hände hinabsehen,

die gleich unter ihrem Kinn sich bewegten. Wie er den Knoten anzog,

streifte seine Wange ihre Schläfe.

»Rascher!« verlangte sie, zwischen den Zähnen.

Er ließ los, ging um sie herum und sah ihr in die Augen. Die seinen hatten

wieder das Düstere, Besinnungslose, das sie kannte, und das ihr so

gefährlich war. Seine Zähne waren in die Unterlippe gedrückt. Da begann er

unvermutet weich:

»Ihr Anblick tut mir weh! Nicht zwanzig Stunden sind's, daß wir in diesem

selben Raum beieinander waren, allein wie jetzt, und der Mond schien

herein. Wir hatten musiziert, Ihre märchenhaften Alttöne waren verhallt,

ich hatte mich in großer Bewegung vom Klavier erhoben, und den Kopf in der

Hand betrachtete ich Sie, die Sie, ein Knie auf den Stuhlrand gestützt, das

Gesicht nach dem offenen Fenster gewendet hielten. Ich war im Schatten,

Ihre Gestalt entlang floß Mondlicht; es rann Ihnen über die Lippen, die

sich, Ihnen unbewußt, voneinander lösten; es füllte Ihre Augen; -- und mit

der beglänzten Hand, die Sie mir überließen, zog ich zu mir hin, in mein

Dunkel und an mein Herz, die ganze tiefe nächtliche Süßigkeit, die durch

Sie atmete, o Lola!«

Der junge Brasilianer hatte beim Sprechen den Hals hin und her gerückt, wie

ein vom eigenen Gesang berauschter Vogel. Nun stand er noch und hörte die

Tenorarie seiner Sinnlichkeit ausklingen. Lola machte sich von seinem

Gesicht los. Sie sah an ihrem Dreß hinab -- und erleichtert auflachend,

warf sie sich ins Sofa.

»Nicht übel, mein Lieber. Etwas kitschig zwar, und auf ein modernes Mädchen

werden Sie, fürchte ich, damit nicht wirken . . . Sehen Sie, die Krawatte

muß ich mir nun doch selbst binden!«

In der Tür zeigten sich der Herzog von Fingado und Herr Aguirre. Beim

Anblick des Eindringlings blieben sie mit zurückhaltenden Mienen stehen.

Lola versuchte ihre feindselig abwartende Haltung nachzuahmen: da platzte

sie aus. Die beiden starrten sie an; dann wandte ihr der massige Vierziger

mit angewiderter Miene den Rücken. Der unjunge Zwanziger überwand seinen

Schrecken und machte, den spitzen, gelblich gefiederten Schädel

herausfordernd im Nacken, zwei Schritte gegen den Feind. Lola lachte

heftiger, und Da Silva klärte die Herren auf, die in Ratlosigkeit

umschlugen und dann in Bewunderung. Aber hinter ihnen rauschte es, und Frau

Gabriel brach, kaum daß sie ein wenig gestutzt hatte, in Jammern aus.

»Wie siehst du aus! Wer hat mir mein Kind so verunstaltet? Sie, Herr Da

Silva? Ihnen habe ich auch sonst Vorwürfe zu machen! Dazu hat man nun eine

hübsche Tochter!«

Die Herren erklärten sich im Gegenteil ganz einverstanden mit Lolas

Verwandlung. Fingado hatte einen Gedanken.

»Wenn der künftige Gatte des gnädigen Fräuleins Sie so sähe . . .«

»Was dann?« forschte Da Silva drohend.

Hinter den leeren blauen Augen des Herzogs geschah eine müde, vergebliche

Arbeit.

»Ich weiß wirklich nicht,« schloß er, mit einem Lächeln des Verzichtes.

Indes Frau Gabriel ihren jungen Landsmann mit den Vorwürfen bekannt machte,

die er verdiente, widmete der Abgeordnete sich Lola. Er türmte seine fein

bekleidete Fettmasse vor sie hin und plauderte, wie er allein es konnte:

nur ohne seine gewohnte Unerschütterlichkeit. Seine rosigen Wangen zuckten;

die Wulstfinger betasteten unruhig die Hüften; die launigen Augen vergaßen

sich bis zu einem verdächtigen Gefunkel, -- das Aguirre fühlte und durch

Unterwürfigkeit gut zu machen suchte. »Ganz wie ein ungesundes Baby!«

dachte Lola. Sie hörte Mai sagen:

»Ich beklage mich über Ihren Mangel an Offenheit gegen mich . . .«

»Das ist wahr, Herr Da Silva: warum sagen Sie Mai nicht, wen Sie lieben?«

rief sie hinüber, gekitzelt durch ihre Wirkung, durch das neue Wesen das

sie vorstellte, und die Erwartungen, die man ihm sichtlich entgegenbrachte.

»Sie gehen in den Klub?« begann sie gegen Aguirre. »Ich habe seit gestern

nacht keinen Heller mehr . . .«

Sie brach ab, drehte sich einmal um sich selbst und sagte in einem Atemzug:

»Pumpen Sie mir was! Wer so viel gestohlen hat wie Sie!«

Der Politiker kroch noch tiefer. Lola lächelte plötzlich zaghaft.

»Gehen wir? Bitte, gehen wir!« verlangte sie hastig. Und man ging.

»Zu Fuß, Mai! Mir zu Gefallen! Wohin? Ganz gleich: eine Irrfahrt.«

Sie atmete tief die matte Luft der Dämmerungsstunde. Zu Da Silva, der mit

ihr hinter den anderen zurückblieb, sagte sie:

»Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich mich nach -- fast hätte ich gesagt:

nach Hause sehne, ich meine nach dem reichlich kalten Ort, wo ich erzogen

wurde, und dem feuchten Nordostwind, der den Geruch eines nordischen Meeres

mitbrachte.«

Und unvermittelt:

»Wie ich die Männer verachte!«

»Sie haben doch noch soeben einen großen Erfolg bei ihnen gehabt,« bemerkte

Da Silva, mit beißender Stimme; »und ich beglückwünsche Sie. Den Aguirre

überläßt man Ihnen; dem Herzog allerdings hat Mistreß Job bereits einen

Teil seiner Schulden bezahlt, und Sie würden sich mit der Dame

auseinanderzusetzen haben.«

»Ich verbiete Ihnen, verstehen Sie, über Frauen schlecht zu reden! Solche

Geschichten erfinden die Männer, um für sich Reklame zu machen.«

»Wie Sie gleich aufgebracht sind! Ich spreche doch zu einer Frau, die

weniger abhängig von ihrem Geschlecht ist als die anderen -- und es heute

abend zeigt.«

»Merken Sie sich: wer, um mir zu schmeicheln, eine andere Frau herabsetzt,

mit dem bin ich schon fertig. Nichts kann kränkender für mich selbst sein.«

»Böse im Ernst?«

»Nein; denn ich will mir den Spaß nicht verderben . . . Mai! Nicht wahr,

wir treffen uns zum Essen bei Durieu? Ich gehe mit Herrn Da Silva einen

andern Weg.«

»Allein mit Herrn --?«

Lola erklärte, in Gesellschaft Mais erkenne man sie. Auch habe sie als

Amerikanerin das anerkannte Recht, zu gehen mit wem und wohin sie wolle.

»Und dann siehst du doch, daß ich ein Freund des Herrn Da Silva bin. Ja,

Mai, Herr Da Silva und ich, wir sind richtige Freunde.«

»Sind wir Freunde,« sagte Da Silva im Weitergehen, »so müssen Sie mir eine

Warnung erlauben. Gestern sind Sie wieder allein ausgegangen. Ich achte Sie

zu hoch, um --«

»Ja: früher haben Sie mir wegen solcher Dinge Szenen gemacht. Sie bessern

sich;« und sie wußte: »Er achtet mich höher, seit er mich für seine Braut

hält. Ist das echt männlich!«

Er schwieg unzufrieden. Sie richteten sich nach der Musik, die herscholl.

Wie sie auf den Platz einbogen, über dessen Palmenhain der Kirchengiebel

mächtig ausgriff und der Bronzereiter dahinsprengte, war das Stück zu Ende.

Viele fächelnde, die Hüften wiegende junge Frauen mit ihren Mägden und

Anbetern, viele prall gekleidete, rauchende junge Männer begannen langsam

zu kreisen.

»Sie kennen wohl die Frau gar nicht, die eine Dueña und eine Magd bei sich

hat und die Ihnen zulächelt? Das ist die, in deren Schuld sie vorgeblich

seit gestern nacht sind.«

»La Gelida? Aber die habe ich schon oft gesehen und wußte nicht . . . Wie

gut ihr die Dämmerung steht! Ihr grau und unsicher gebogenes Profil scheint

von dem Auge, das ein großes schwarzes Loch ist, ganz aufgezehrt zu werden.

Ihr Lächeln -- sehen Sie, ich möchte es erwidern, aber es schüchtert mich

ein.«

»So?« machte Da Silva zornig. »Ich aber rate Ihnen zu der Gelida nicht,

denn ich war zugegen, als sie operiert ward. Das nimmt einem manche Lust.«

»Wirklich?«

Aus tiefem Herzen:

»Dann möchte ich Ihren Beruf haben!«

Der junge Mann hieb seinen Stock durch die Luft. Gereizt:

»O, andere entbrennen nur noch heftiger. Einer von uns sezierte seine

eigene Geliebte, und als er in ihrem Magen eine unverdaute Speise fand, aß

er sie.«

Lola schwieg. Entsetzen, Scham und Vergnügen stritten sich um ihr Herz, und

es klopfte. Mit Frohlocken in der Stimme sagte sie dann:

»Würden Sie mir das auch erzählt haben, wenn ich Röcke an hätte?«

»Wenn wir erst verheiratet sind,« verhieß er, herablassend aus Ärger,

»erfahren Sie mehr.«

Sie lachte auf.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich für die freie Liebe eingenommen bin?«

Er schob gequält die Schultern hin und her.

»Ich verstehe Sie nicht. Sind Sie raffiniert, oder was sind Sie?«

»Ach was: ich bin ein junger Mann, wie Sie sehen können, dem alle Frauen

zulächeln. Sehen Sie, welch Erfolg? Warum stehe ich, die doch alle hübsch

nennen, sonst immer hinter Mai zurück, heute aber errege ich Aufsehen? Ich

bin eigentlich ein verkleideter Mann, und jetzt habe ich mich demaskiert.

Man hat kaum Zeit, jeder dieser Schönen mit den Wimpern zu winken.«

Da Silva sah rundum.

»Wer ist schön? Wenn ich Schönheit noch sehen könnte!« -- und seine Stimme

fuhr auf. Nun, mit schmerzlich erbittertem Tonfall:

»Aber Sie halten mich so besessen mit Ihrem Gesicht, mit Ihrer Gestalt, daß

ich für die anderen Maß und Sinn verloren habe. Sind sie schön, sind sie

häßlich? Ich verstehe nichts, ich sehe nur dies eine kleine unerbittliche

Geschöpf, und es erstickt in mir alles, was nicht sein eigen ist.«

Lola bückte sich ein wenig, mit einem Schauer im Nacken, als werde gleich

eine Hand hineingreifen. »Immer das Gesicht, immer die Gestalt: immer der

Körper,« dachte sie, auf einmal matt von Widerwillen und Traurigkeit. Er

sagte stürmisch:

»Sie sind über alle Vergleiche schön!«

»Ach, wie reizend wär's,« meinte sie und ermunterte sich, »wenn alle so

dächten! Tatsache ist, daß jeder sich zuerst um mich bemüht; dann erst

besinnt er sich und geht zu Mai.«

»Gut für ihn.«

»Danke. Warum blicken Sie mit solcher Wut auf dies arme hübsche Mädchen?«

»Kommen Sie auf die andere Seite: Sie werden sehen.«

Das Mädchen, das ohne Begleitung war, trat in das weitoffene, erhellte

Gewölbe eines Tabakladens. Alle Männer wandten den Kopf nach ihr; die

Stutzer, die am Ladentisch lehnten, wichen keinen Schritt breit. Das

Mädchen verlangte etwas; aber so oft sie den Mund öffnete, ward gepfiffen.

»Sie will Räucherkerzen, man sieht es,« sagte Lola. »Was hat sie denn

begangen, mein Gott?«

Das Mädchen errötete plötzlich tief; die Männer lachten schadenfroh; der,

der den Witz gemacht hatte, blähte sich. Das Mädchen stürzte, die Augen

verwirrt und naß, ins Freie. Wie sie nahe kam, stieß Da Silva einen Pfiff

aus. Sie floh weiter. Lola rief:

»Das ist abscheulich! Ich will Sie nicht mehr kennen! Wenn die Ärmste

niemand hat, schließe ich mich ihr an: ich!«

»Vergessen Sie, daß Sie ein Mann sind? Reden Sie sie an, ists grade solche

Beleidigung, wie wenn Sie pfeifen.«

Lola blieb ratlos stehen. Zwei blonde Damen mit Spazierstöcken stelzten

über das Pflaster und betraten gelassen denselben Laden, -- wo alles ihnen

Platz machte. Lola sagte sich, daß jeder sie auf die Stufe dieser beiden

stellen, ihr die gleichen Rechte einräumen werde; und doch war sie der

Mißhandlung jener anderen mit einer Angst gefolgt, als sei's eine Drohung,

die auch ihr gelte.

»Es ist furchtbar,« sagte sie, »unter euch eine Frau zu sein. Bei uns ist

der Mann unser Kamerad.«

»Bei euch? Sie sind keine Nordländerin. Sie haben etwas von jenem uns so

erbitternden Reiz, gewiß. Wir Männer des Südens folgen allzu gern der

zweideutigen Herausforderung, die von der befreiten Frau ausgeht. Wozu

kommt ihr her? Ihr verderbt unsere Frauen, daß sie sich ohne unseren Schutz

auf die Straße wagen und, wenn wir sie ließen, sich im Café mitten unter

uns setzen würden. Ihr verderbt auch uns, daß wir den schlaffen Kitzel der

Kameradschaft mit euch fühlen möchten, wie eure heruntergekommenen Männer.

Ich will's nicht. Ich will Ihr Herr werden.«

»Manchmal reden Sie wie das Alter, das Sie wirklich haben;« und Lola lachte

gezwungen.

»Nicht nur meine Worte, auch meine Muskeln sind die eines

Fünfundzwanzigjährigen. Sie werden es fühlen.«

Lola hob schweigend die Schultern. Nach einer Weile:

»Jetzt gehen wir drüben in das Café: ich will mich mitten unter euch

setzen.«

»Ich bin Ihr Begleiter, aber ich verlasse mich darauf, daß Sie selbst

wissen, wie weit Sie gehen dürfen.«

»Sie werden mich als einen jungen Polen vorstellen, der in Paris studiert.«

»Ich werde mich Ihnen empfehlen und es Ihnen überlassen, sich zu

kompromittieren.«

Aber er trat mit ein.

»Welch Glück: da sitzt die Gelida. Machen Sie mich sofort mit ihr bekannt!«

»Und der Kreis um sie her? Dabei sind Leute, die Sie kennen.«

»Sie werden keinen Skandal erleben. Mut, armer Freund!«

Sie wurden aufgenommen und setzten sich. Die Unterhaltung ward zu Ehren der

schönen Kurtisane geführt, die, hinter sich ihre Dueña und ihre Magd,

denen, die gut sprachen, ein wenig von ihrem Lächeln zuteilte. Lola begann

darum zu werben. Man wendete die Stühle, um diesen jungen Menschen sprechen

zu sehen. Wenn sie seine kleine kokette Hand weich durch die Luft streichen

und bei einer seiner leichten, raschen Bewegungen seine Taille sich biegen

sahen, schien den Männern ringsum sein Geist frischer, belebender. Er gab

stürmische, junge Meinungen zum besten: »Die Liebe ist etwas sehr

Einseitiges und eigentlich ein Mangel an Selbstzucht;« -- wobei alle die

zuhörten, sich, sie wußten nicht warum, beglückt fühlten. Lola sah die

Mienen, die sie bewegte, das schöne Gesicht der Gelida, aus dem ihr

freundliche, wohlklingende Zustimmungen kamen; und sie hatte eine

Empfindung von Leichtigkeit und Freiheit wie nie im Leben. Nie hatte sie Da

Silva so ruhig ansehen können. Was kümmerten sie nun seine gefalteten

Brauen. Bei allem was sie sagte, fühlte sie ihn neben sich als Besiegten;

der Genuß, den sie von ihren Worten hatte, kam daher, daß sie gut waren,

und daß er es hätte leugnen wollen; und diese Schauer des Sicherhebens, des

Fliegens und Besonntseins daher, daß er so tief unten blieb.

Das Diner war hergerichtet. Da Silva behauptete, er und sein Freund hätten

eine dringende Verabredung. Warum er heute so mürrisch sei, ward er

gefragt. Lola forderte ihn auf, zu gehen und sie zu entschuldigen. Sie saß

bei Tisch neben der Gelida. Ein Dichter rezitierte. Da Silva versuchte

ungeschickt, ihn zu kritisieren. Lola lächelte und sprach der Gelida von

dem Jüngling, dem in seinen arbeitsamen Nächten manchmal die Phantome von

Frauen über die aufgeschlagenen Seiten tänzelten, und der solchen

beklommenen Stolz genieße, wenn er die Augen wegwende. Sie sah Da Silva

seine Lippe kauen und in sich versinken. Wie alle durcheinander redeten,

der Nachtwind an der Tür lauter mit dem Perlenvorhang klimperte und eine

Glocke elfmal dröhnte, sprang Lola auf, ließ die Freiheit leben; und mit

dem letzten Ruf war sie entschlüpft.

Sie befand sich in einem Gäßchen und sah am Ende der schmalen Häuserflucht,

wie durch ein Rohr, die große Gestalt des Kolumbus von Sternen umwogt. In

trunkener Wallung erhob sie beide Arme. Wie aber hinter ihr der Schritt,

den sie kannte, vernehmlich ward, verwirrte es sie panisch, als breche auf

einmal ein künstlicher Turmbau in ihr zusammen. Ernüchtert, kalt vor

Furcht, versteckte sie sich in einem Portal; aber Da Silva fand sie. Wie

unvorsichtig sie sei. Ob sie glaube, daß es den Helden der Nacht auf einen

Mord ankomme. Lola, die an Da Silvas Seite weiterging, wünschte sich

inständig, daß aus dem nächsten Schatten ein Befreier springe und sie töte.

Denn sie hatte erkannt: Alles war umsonst. Begeistert meinte sie zu sein,

und war nur berauscht gewesen. Den Geist, der sie von ihm erlösen sollte:

eben der Drang nach ihm hatte ihn ihr eingegeben; und nie hatte er fester

seine Hand auf ihr gehalten, als da sie ihn tief unter sich glaubte.

Dabei durchmaßen sie den Quai.

»Wohin geht's?« dachte Lola verstört; und: »Wenn ich den nächsten

Straßenrand mit dem rechten Fuß erreiche, entkomme ich ihm heute noch.

Sonst nicht. Sonst nicht.«

Aber noch vor dem Ziel, das sie meinte, rückten ihre beiden Schatten nach

vorn, und beim Heraufkommen seiner breiten Schultern schloß Lola die Augen.

Das Schweigen folterte sie. Wie entsetzlich nervenstark und seiner sicher

er war! »Ich zähle bis zwanzig, und hat er dann noch nichts gesagt, rufe

ich um Hilfe.«

Gleichwohl rauschte der Brunnen auf der Plaza del Palacio inmitten seines

und ihres Schweigens. Hier, unter der grellsten Helle, folgten sie beide

auf einmal dem Zwang, einander anzusehen. Lola sah etwas düster

Schmachtendes, tierisch Leidendes, das sie schrecklicher erschütterte als

die Siegerhärte, die sie sich vorgestellt hatte. Langsam von ihm wegsehend:

»Ja, das ist er. Er ist ein beschränkter Gewaltmensch, und ich liebe ihn

mit Widerwillen: aber er ist der Typus, dem ich unterliegen soll. Die

vorigen, in Paris und in Rom, waren vom selben. Dieselben

zusammentreffenden Brauen, die harte Marmorfarbe wie hier, woraus jede

Wimper, jeder Blutstropfen der Lippen drohend hervorstarrt. Wozu sich

quälen? Er liebt mich, so gut er's versteht. Mit dem, was zu ihm gehört,

liebe auch ich ihn. Ich habe noch mehr, -- wovon er nicht weiß: aber wer

wird je davon wissen. Wozu auf dem Unmöglichen bestehen, wozu so viel

kämpfen; warum nicht ein einziges Mal ganz unvernünftig glücklich sein.«

Sie nahm tiefere Züge Meerwindes; und inzwischen stiegen sie kaum

beleuchtete Gassen hinan, erreichten einen Gartenplatz und tasteten sich

durch das Dunkel eines bitter duftenden Gebüsches. »Wo ist denn der Weg?«

Und statt des Weges suchten sie einer des andern Hand. Lola zuckte

zusammen, als sie die ihre gefangen fühlte; aber sie fühlte auch, daß er in

diesem Augenblick mit Zartheit an sie denke; und während des Lächelns, das

langsam über ihr Gesicht hinging, war ihr's, als lächele das ganze Dunkel.

Sie dachte unbestimmt an weit Vergangenes: an ihre Kindheit. Wie sie eine

Balustrade trafen, stützten sich beide darauf; ihre Unterarme lagen, ohne

sich zu berühren, einander so nahe, daß jeder des andern Wärme spürte; und

drunten über dem nächtlichen Gitter aus Masten und Schlöten suchten sie das

Meer: lange und beklommen von Sehnsucht. »Der Mond muß bald aufgehen.«

Lola sagte:

»Daheim auf der Großen Insel war's das Schönste, wenn das Meer leuchtete.

Ach nun weiß ich wieder: mein Großvater zündete viele Papierröllchen an und

schoß sie in weiten, leuchtenden und zischenden Bogen über das Meer.«

Der junge Mann lachte kindlich und sprach von seiner Meerfahrt, derselben,

die einst auch Lola gemacht hatte. Ob sie sich nicht jenes Inselkönigs

erinnere, den man für zwei Franken sehen konnte. Abwechselnd riefen sie

zurück, was ihnen beiden begegnet war; und bei jedem Zusammentreffen ihrer

Erlebnisse durchrann Lola der Schauer des Vorherbestimmten.

»Gleich wird der Mond aufgehen,« murmelte sie, mit süßer Angst. Jenes

Kinderglück auf der Großen Insel bewegte sich leise unter allen ihren

Einfällen; und die heimliche Gewißheit, nie werde es wieder so gut werden,

ließ sie, sie wußte nicht warum, von erlittenen Schmerzen sprechen, von

ihrer Einsamkeit, von der Müdigkeit, die in ihr zunehme. Schweres Drängen

nach Gemeinschaft, nach Menschennähe zitterte in ihrer Stimme und machte

ihre Arme flugbereit: bereit um einen Nacken zu fliegen.

Er sah sie mehrmals unruhig von der Seite an.

Plötzlich: »Woran denken wir?« -- mit einer Bewegung, die er sofort

zurücknahm. Aber sie war nun wieder erinnert, daß er sie haben wolle und

nichts weiter; daß sie nicht seine Gefährtin sei, nur eine Geliebte; daß

irgend eine der flüchtigen Begierden, in deren Wirbeln sie dahinlebte, sie

an diese Stelle geweht habe und die nächste sie weitertreiben werde; und

daß alles dies nicht mehr sei als ein heißer Windstoß über die nackte Haut.

Das Entsetzen des Verirrtseins packte sie, und sie wagte sich nicht zu

rühren.

Er sagte:

»Ich habe über Sie nachgedacht: ich durchschaue Sie vollkommen. Nehmen Sie

gegen Ihre Zustände dies: nie mehr als einen Tropfen und nur wenn sie in

Gesellschaft gehen wollen.«

Seine Stimme war ihr nun verdächtig. Unter einem eisigen Mißtrauen zog sie

sich innerlich zusammen. Was hatte dieser Mensch mit ihr vor? »Noch niemand

hat Gutes mit mir vorgehabt!« Er war ein Feind. »Mein Gott, in wessen

Gewalt bin ich geraten!« Sie stieß zurück, was er ihr hinhielt. Er bemerkte

plötzlich ihre Veränderung, bereute ungestüm, an Schwärmerei und Regungen

der Güte eine gelegene Zeit vergeudet zu haben, und tat einen harten Griff

nach ihr. Sie wich aus, bückte sich und entkam in die Finsternis der

Steige. Der Mond war nicht aufgegangen.

Sie stieß auf die Treppe, stürzte vorwärts, durch das Netz der leeren

Gassen, immer darauf gefaßt, die Schultern unter seiner zufassenden Hand zu

ducken. Drunten auf dem weiten, grellen Platz schien ihr der Anblick

einiger Bummler unbegreiflich, ein rettendes Wunder. Alles hatte sich doch

schon aufgelöst, alles war doch schon verloren gewesen. Sie sprang, noch

fliegenden Atems, in einen vorüberfahrenden Wagen. Während der Fahrt

erlebte sie immer aufs neue den Augenblick, als er nach ihr griff. Sie wand

sich vor Angst und Haß.

Wie sie in ihrem Zimmer das Licht aufdrehte, stand vor ihr im Spiegel der

elegante, selbstsichere junge Mann, den sie, schien es, hier zurückgelassen

hatte. »Was ist seither aus mir geworden! Mein Gott!« Sie ließ sich in den

Sessel fallen und weinte.

Sie wachte auf und saß noch immer in ihren Männerkleidern da. Im offnen

Fenster lag grauer Halbtag; drunten knirschten die ersten Karren. Lola fror

es; sie fühlte sich müde und verlassen. »Wenn ich's nun getan hätte?«

dachte sie, starren Blicke. »Ich hätte jetzt einen Herrn. Vielleicht wäre

ich glücklich.« Dann: »Wenn er jetzt käme? Wenn er jetzt drunten stände?«

Sie sah hinab: nein; und sie seufzte.

Beim Auskleiden fand sie in der Westentasche das Fläschchen, das sie

zurückgestoßen hatte. Also war's ihm gelungen, es ihr aufzudrängen! Sie

stellte es weit weg, wanderte ein paarmal ratlos in die Runde, zog

schließlich ein Morgenkleid an und ging hinüber in den Salon. Vor der Tür

zu Mais Schlafzimmer kehrte sie um, machte den Weg noch einmal und holte

das Fläschchen. Es ließ sich in der hohlen Hand verstecken, ohne daß sie

die Finger schloß. Dann trat sie bei Mai ein.

Mai schlief; Lola sah ihr zu, wie sie kindlich atmete, wie ihr schönes,

faltenloses Gesicht sich glücklich ausruhte. Einmal lächelte sie, wie bei

einem Siege. Was träumte ihr? Gewiß, daß man sie anbete. Lola stand und

sann sich fest in Mai. »Wie seltsam, daß ich zu ihr gehöre! Ich habe doch

Welten für mich, von denen die arme Mai nichts ahnt; aber dann falle ich,

ob ich will oder nicht, wieder auf die ihre zurück und spüre in meinem Blut

diesen schönen, dummen Männertypus, den ich verachte. Ist es nicht, als ob

ich manchmal das Bewußtsein verlöre, in Mai zurückkehrte, aus der ich einst

hervorgegangen bin, und sie für mich fühlen und handeln ließe? Da geht man

dahin und ist nicht man selbst. Was kann alles auch in dem Namen stecken,

den einem andere gegeben haben. Lola: . . . Lo--la . . . Ich höre etwas

unheimlich Schmelzendes, Willenloses darin. Lola: nein, es kann auch sehr

frisch und mutig klingen . . .«

Da erwachte Mai, und beide erschraken.

»Du bist also doch gekommen?« stammelte Mai. »Ich habe dich nicht gehört.

Du hast mir schreckliche Sorge gemacht. Ich konnte doch niemand nach dir

fragen: was hätte man gedacht!«

Lola erkannte, nun Mai zu Sorgen erwacht war, plötzlich Spuren des Alterns

an ihr. Sie erinnerte sich: auch dies Kinderwesen mußte kämpfen und leiden.

Zärtliche Reue hob Lolas Herz auf; sie warf sich vor dem Bett auf die Knie,

schob die Arme unter Mais Nacken.

»Ich habe dich lieb, Mai. Wir wollen fort von hier!«

»Fort? Warum?« fragte Mai erschrocken.

»Weil . . . Siehst du: man hat mich erkannt. Was ich getan habe, war dumm.

Nun ist's besser, wir gehen. Ja, so: der Herzog und Aguirre. Denen tragen

wir auf, zu erzählen, wir seien schon gestern abgereist. Sie werden diskret

sein, niemand wird beweisen können, daß er mich heute nacht gesehen hat.«

»Und Da Silva?«

Lola fuhr zurück, mit plötzlich verschlossener Miene.

»Wie ist's mit Da Silva?« wiederholte Mai unsicher. Lola näherte sich ihr

wieder.

»Er ist ein guter Freund,« sagte sie sanft. »Gegen meine Schmerzen und

Müdigkeiten hat er mir dies gegeben. Meinst du, daß ich's versuchen soll?«

Sie nahm Mais goldenen Arzneilöffel und ließ einen Tropfen hineinfallen.

»Soll ich?«

Zögernd:

»Soll ich?«

Und dann:

»So; nun werden wir sehen.«

Wenn es nun ein Gift war, das sie wahnsinnig machte und ihm in die Arme

trieb: sie hatte es genommen, es war geschehen. Ihre Züge waren besänftigt;

sie neigte sich tief auf Mai, deren Gesicht dem Weinen nahe war.

»Arme Mai, ich bin schlecht: ich bedachte nicht, daß du dich schwer

trennst. Immer lege ich dir Opfer auf. Aber dort, wohin wir gehen, sollst

du dich anbeten lassen . . .«

Sie streichelte und tröstete. Mai schluchzte und schlief ein. Lola schloß

sich in ihr Zimmer, setzte sich vor ein Buch und verstopfte, wie als Kind,

mit den Fingern die Ohren. Sie genoß, was sie las, mit immer hellerem

Geist. Eine Stunde später bemerkte sie, daß Teppich und Tisch voll Sonne

waren. Sie lehnte sich zurück, atmete tief auf und fühlte, wie weit nun die

Nacht zurückliege. »Von hier --« sie sah das Buch an -- »bis zu ihm ist's

endlos weit. Was geht er mich an? Ganz leicht werde ich ihn entbehren.«

Als sie fertig angezogen den Salon betrat, kniete Mais Mädchen vor einem

Koffer.

»Hast du auch schon angefangen?« fragte Mai.

»Ach, packen . . .« Und ein Angstschauer überraschte sie.

»Willst du denn nicht mehr reisen?«

»Ich . . . will . . . reisen;« dabei ließ sie den Kopf sinken. Dann:

»Das heißt . . .«

»Ja,« dachte sie, »ich will's darauf ankommen lassen.«

»Das heißt, selbst zu packen habe ich heute keine Lust. Wenn Germaine Zeit

hat . . .«

Ja: Mai gab Germaine frei; Lola war gerettet.

Zwischen den Rassen: Roman · 第 5 / 25 题