Draußen in den Gräben von La Bassée und Violaines hörte ich plötzlich
seinen Namen wieder. Von einer berühmten Batterie war die Rede. Als die
Engländer einen Überfall ohne Artillerievorbereitung ausführen wollten,
legte die Batterie innerhalb von dreißig Sekunden ein Höllenfeuer vor
unsere Drähte, der Überfall brach kläglich zusammen. Dreißig Sekunden
nach dem telephonischen Anruf krachte der erste Schuß! Ich verstehe
nichts von Artillerie, aber ich begreife, daß es etwas ganz Unerhörtes
ist. Laden, richten, Schuß! Und darauf Wirbelfeuer. Überhaupt diese
Batterie! Man brauchte nur anzuklingeln und hatte die Granaten gerade
da, wo man sie haben wollte, Tag und Nacht, es war ganz einerlei. Die
Offiziere priesen die Batterie, ein Kanonengenie, Hauptmann H. heißt er.
Ich kenne ihn. Plötzlich erinnerte ich mich auch, daß er, der mich durch
sein ganzes Wesen bestach, so daß ich ihn nicht mehr vergessen werde,
daß er mir sagte, er stehe gegenwärtig bei Violaines. Seht an, er war es
also!
Ich fuhr mit ihm im Zuge, und er erzählte. Er fuhr in Urlaub, seit
Kriegsbeginn zum erstenmal. Er hatte Glück, es gab viel Arbeit, und
eigentlich war es gerade jetzt unmöglich abzukommen, aber er hatte, wie
gesagt, Glück. Er hatte keine Batterie mehr, und aus diesem Grunde
konnte er nach Hause fahren. Auf ein paar Tage.
Keine Batterie mehr?
Ja, sie hatten ihm ein paar Geschütze kaputt geschossen in den letzten
Tagen, schweres Kaliber, englische Schiffsgeschütze, und das übrige
Zeug, das er hatte, war total ausgeschossen. Das Dreifache, Vierfache
hatte er gefeuert, was man normalerweise einem Rohr zumuten dürfe, in
Friedenszeiten, aber schließlich sei es eben doch mit den Rohren zu Ende
gegangen. Nun also müsse er neue Geschütze haben, denn es ginge einfach
nicht mehr, und diesem Umstand verdanke er seinen Urlaub.
Er trauerte seinen Geschützen nicht nach! Er war in bester Laune.
Mein lieber Hauptmann, denke ich mir, Sie haben Ihre Batterie verloren
und sind nicht im geringsten niedergeschlagen? Am Ende verstehen Sie
Ihre Sache doch nicht recht?
Aber es war ihm ganz einerlei, was ich dachte. Er war seiner Sache
sicher und guter Dinge.
Übrigens sah ich außen an der Front nie einen Offizier, der so viele
Auszeichnungen trug. Alle Knopflöcher hatte er voll und das Eiserne
Erster auf der Brust. Das machte mich immerhin stutzig. Denn er war sehr
jung, kaum fünfunddreißig. Er sah gut aus und war von jener seltenen
Männlichkeit, die es sich leisten kann, anmutig und liebenswürdig zu
sein, ohne feminin zu wirken. Er glich Theodor Körner, er war schön.
Einmal nahm er die Mütze ab, und da sah ich, daß er hellblondes Haar
hatte, das sich in Locken legte wie bei Knaben. Seine Augen waren
hellblau und heiter.
Und doch war er (wie ich später erfuhr!) der berühmte Batteriechef H. –
Trommelfeuer in dreißig Sekunden, auf telephonischen Anruf, usw.
Er sprach sehr laut, er schrie, wie Leute, die immer in freier Luft
leben und ein lärmendes Handwerk betreiben.
Er erzählte hundert Dinge im Gespräch durcheinander, aber was ihn als
Batteriechef beleuchtet, das will ich hier wiedergeben.
Er war an vielen Stellen der Front während des Krieges. Wo es besonders
heiß herging, da war er dabei. Zeitweise war er eine reisende Batterie,
die Gastspiele gab. In den schweren Tagen von Ypern wurde er hinauf in
die Gegend von Langemark geworfen. Es ging toll zu, und er mußte
augenblicklich eingreifen. Er fuhr auf und feuerte los! Ja, seine
Kanoniere, was sind das für Burschen! Ehe man sich umdreht, versinken
die Geschütze in der Erde, eins, zwei und weg sind sie! Sie werden
eingebaut, daß sie sich nach dem Schuß kaum regen, und das neue
Einstellen geht blitzschnell. Das alles machen sie, ohne daß er ein Wort
zu sagen hätte, sie verstehen es viel besser, als er es je verstehen
könnte, es ist gar nicht zu sagen, was sie im Laufe des Krieges gelernt
haben. Es sind Kerle! Richten also ist kaum mehr nötig nach dem Schuß.
Ja, Donnerwetter, was für Richtkanoniere er aber auch hat. Und dann geht
es los, wie gesagt. Granate eingeschoben, Verschlußstück zugeschraubt,
ausgerichtet und Schuß! Sie haben die Sache nun heraus. Die Granaten
wandern blitzschnell über Arme und Hände, es ist richtiges Schnellfeuer,
und niemand hielt es früher für möglich, so rasch zu feuern, dreimal
rascher als zu Anfang des Krieges; einfach unglaublich. Rasch, immer
rasch! Sie kümmern sich Tod und Teufel um die Granaten, die
herüberkommen, sie feuern.
Ja, bei Langemark, alle Achtung, da wurden sie schon nach einer halben
Stunde zugedeckt. Es wimmelte von Fliegern in der Luft. Abrücken! Im
Feuer! Ein Geschütz geht zum Teufel, ein paar Leute bekommen etwas ab
und zwei Pferde bleiben liegen. Weiter!
An anderer Stelle haben sie mehr Glück. Sie feuern, bis sie umfallen.
Befehl, abends: da- und dorthin. Verladen in der Nacht, am nächsten
Morgen sind sie schon wieder in Stellung. Hier steht Rad an Rad, die
guten Plätze sind besetzt, Flieger oben, schon sind sie entdeckt.
Abrücken. Strahlenförmig spritzen die Geschütze mitten im Feuer übers
Feld. Doch nichts geschieht. Haha, ja es war wirklich eine tolle
Geschichte.
Nun haben sie es aber gut getroffen. Sie liegen ein paar Wochen
unentdeckt. Hundert Meter von der Batterie steht ein zerschossenes
Gehöft, und so oft ein Flieger erscheint, machen sie Rauch in dem
Gehöft, und die Engländer feuern wütend in die Ruine. Am Abend und in
der Nacht lassen sie einen Feuerstrahl aus dem Gehöft fahren, bei jedem
Schuß, den sie abgeben, und der Engländer schießt das Gemäuer in Grund
und Boden. Und die Kanoniere lachen, es macht ihnen heidenmäßigen Spaß.
Wochenlang denselben Scherz, sie lachen bei jeder Granate, die in das
Gehöft fährt, denn sie haben Sinn für Komik. Überhaupt, was für Leute!
Der Hauptmann rückt begeistert die Mütze über das blonde Haar.
Dann kamen sie zur Lorettoschlacht in eine ganz windige Ecke. Später
nach La Bassée hinauf. Im Herbst waren sie in Lothringen. Vom ersten
Tage waren sie dabei. Er, der Hauptmann, fast täglich vorn in den Gräben
zur Beobachtung. Fesselballon, Flugzeug. In Lothringen, seinerzeit,
gelang ihm eine glänzende Sache. Es kamen da plötzlich ganz schwere
Dinger auf die Gräben geflogen. Alle Welt staunte, was war das? Flieger
gingen hoch. Nichts zu finden. Der Franzose mußte ein außergewöhnlich
weittragendes Geschütz aufgestellt haben. Aus den Gräben kam die
Meldung, daß man die Granaten kurz vor dem Aufschlag ankommen sehe.
Sofort ist der Hauptmann draußen. Es gehören Nerven dazu, den Kopf
gerade in dem Augenblick aus dem Graben zu stecken, da so ein „alter
Herr“ ankommt und einschlägt. Erst zuckt der Hauptmann zurück, aber es
muß sein. Jawohl, man sieht sie kommen. Er schneidet die Kurve an,
berechnet und findet auf diese Weise ungefähr Richtung und Standort.
Flugzeug! Immer höher und weiter. Nichts regt sich, aber in der Nähe des
berechneten Standortes kommt dem Hauptmann ein Wäldchen verdächtig vor.
Dahin dirigiert er das Feuer seiner Haubitzen. Am andern Morgen fliegt
er wieder darüber: das Wäldchen ist zerschossen. Das weittragende
Geschütz ist seither verstummt.
Und so geht es weiter. Haubitzen, Granaten, Beobachtungsstände,
Sprengstoffe, Flugzeuge, Trommelfeuer. Die helle Stimme des frischen,
jungen Hauptmanns mit den vielen Bändern klingt und schmettert. Die
Batterie, ja, er liebt seine Batterie, er liebt es, darauf loszufeuern,
er liebt seine Leute. In acht Tagen wird er ganz neue Geschütze haben,
dann kann es wieder losgehen. Zwölf Monate lang macht er die Sache schon
mit, zwölf Monate ohne Unterbrechung lacht er dem Tod ins Gesicht. Seine
Kanoniere fielen, seine Kameraden sanken in die Erde, Tausende von
Feinden hat er vernichtet, er, der Herr der Haubitzen. Ich suche in
seinem jungen Gesicht nach irgendeinem kleinen Zug von Ermüdung,
Nervosität, Leid – nicht eine Spur ist zu finden. Hut ab vor dem
Hauptmann!
Neulich aber wäre es ihm bald übel gegangen. Er hatte sich da seinen
Beobachtungsstand in ein zerschossenes Haus aufs Dach gebaut, plötzlich
kam eine Granate und schlug ausgerechnet in das Haus. Im nächsten
Augenblick stürzten sie, sein Unteroffizier und er, mit Balken und
Brettern vom Dachfirst in das Erdgeschoß hinab. Sie fielen durch eine
rote qualmende Wolke und waren ein paar Minuten betäubt. Nichts
geschehen, ein paar Schrammen, das war alles. Der Unteroffizier aber
sagt: „Ich muß hinauf, Herr Hauptmann und den Batterieplan holen!“ –
Der Hauptmann lacht. Ein kerniges und gewinnendes Lachen.
„Hat er ihn geholt?“
„Natürlich! Das ist ja ein prachtvoller Kerl, dieser Unteroffizier, den
sollten Sie kennen – haha!“
Ich steige aus. Der Hauptmann fährt weiter. Morgen nachmittag um sieben
Uhr wird er in Starnberg sein, bei seiner Frau. Sie weiß nicht, daß er
kommt. Er will sie überraschen.
Wie eine Granate kommt er aus La Bassée in das stille Haus am
Starnberger See geflogen.