Im August

Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der

Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein

erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein

Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm,

schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine

Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein

paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und

Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.

Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört

es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es

pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen,

dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu

knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein

paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es

prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich

kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt

rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt.

Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in

der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten

sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich

betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr.

Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt

erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen,

auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das

Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.

Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!

Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das

Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf

die Reise.

Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie

schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet

zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln

Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist

tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere

Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus

der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache

tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!

Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos

leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen

Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen,

Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die

Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang

und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte

Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im

Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken

stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen

und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein

Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im

Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis

zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten.

Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist

die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des

Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.

Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien,

Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige,

Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten.

Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen

seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das

Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An

der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der

Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles

sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der

Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft.

Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der

Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die

Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen

nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund,

weshalb sie nicht mehr singen.

Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir

sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch

nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der

Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde

schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie

faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die

Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über

Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar

Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch

grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt,

Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem

Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße

gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate

schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine

Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und

wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe,

hinüber.

Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die

Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres

Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in

das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den

Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie

ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre

lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt

erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts,

zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend.

Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und

gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.

Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den

Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht

des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.

Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse

einer Stadt: _La Bassée_. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in

der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée

im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von

ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner

mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig

unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser

sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus

wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann

übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La

Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.

Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.

Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller

Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt.

Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen

lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und

sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte

Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete

mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels

funkeln. Hier lebten einst Menschen.

Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir

fahren weiter, hinaus zu den Gräben.

Der Krieg im Westen · 第 55 / 82 题