Um sechs Uhr nachmittags verschwinden die Leute von Lille von der
Straße. Um neun Uhr wird es Nacht und Lille ist tot. Nur vereinzelt ein
erleuchtetes Fenster und Stimmen dahinter. Die Schritte hallen. Ein
Polizeisoldat, ein Feldgrauer mit der schwarzweißroten Binde am Arm,
schlürft an den verschlossenen, finsteren Häusern entlang. Eine
Radfahrerpatrouille gleitet schweigend durch die nächtige Straße. Ein
paar verspätete Offiziere. Man kann stundenlang durch Straßen und
Boulevards wandern, keine Katze regt sich. Lille schläft.
Von draußen, aus der Nacht, dringt der Lärm des Gewehrfeuers. Man hört
es ganz deutlich, jeden einzelnen Schuß. So nahe sind die Gräben! Es
pocht, dumpf und hart, wie eine Negertrommel. Eine Reihe von Schlägen,
dazwischen ein rollender Wirbel. Dann beginnt es zu prasseln und zu
knattern, metallen. Die Maschinengewehre hämmern. Ein Nachtgefecht, ein
paar Gräben sind lebendig geworden. Das Feuer wird lebhafter, es
prasselt minutenlang ohne jede Pause. Aber Lille schläft. Es öffnet sich
kein Fenster, kein Kopf lauscht hinaus in die Nacht. Kein Herz schlägt
rascher, erregt von einer leisen Hoffnung. Nein! Sie wissen es jetzt.
Seit Monaten, seit dem Herbst hören sie das Rollen des Gewehrfeuers in
der Nacht, sie wissen, es bedeutet – nichts. Sie schlafen, sie halten
sich die Ohren zu, um es nicht zu hören, lange genug haben sie sich
betrogen mit Hoffnungen, Ahnungen, Gerüchten, sie glauben es nicht mehr.
Morgen um fünf Uhr wird der Flieger, klein wie ein Punkt, über der Stadt
erscheinen, und die Abwehrgeschütze werden krachen, aber sie wissen,
auch das bedeutet – nichts. Das Quälendste für den Menschen ist das
Warten, es tötet alle Kraft zu hoffen.
Nein, Lille schläft, es will nicht aufwachen!
Niemals war eine Stadt so still und so dunkel. Punkt drei Uhr kommt das
Auto, das mich hinausbringen soll zu den Gräben, und wir machen uns auf
die Reise.
Das Feuer hat aufgehört, die Stadt ist noch stiller geworden. Sie
schläft nicht, sie liegt in einer Art von Totenstarre. Das Auto gleitet
zwischen schwarzen Häusern dahin. Kein Schnarchen hinter den dunkeln
Fenstern, kein Kinderweinen, stumm, alles stumm. Die große Stadt ist
tot. Wir rollen durch finstere Straßen, über öde Plätze und leere
Boulevards. Eine rote Lampe schwingt am Ende der Straße hin und her. Aus
der Finsternis taucht ein massiges schwarzes Festungstor. Die Wache
tritt vor und blendet mit der Lampe über Wagen und Insassen. Weiter!
Nun ist es plötzlich noch finsterer geworden. Die Lampe des Autos
leuchtet wie ein Scheinwerfer in die Nacht hinein. Wir jagen an fahlen
Baumstämmen vorüber, durch Grotten von bleichgrünem Laub. Alleen,
Straßen. Der Wagen nimmt Erhöhungen der Straße wie ein Segelboot die
Woge, er tanzt, in den Kurven fegt er haarscharf an den Bäumen entlang
und die Zweige peitschen unsere Gesichter. Es ist kalt und die satte
Luft der Nacht stürzt uns entgegen. Die Bäume rauschen und brausen im
Wind. Aufgescheuchte Tiere, kalkbleich, huschen über den Weg und Funken
stieben blitzschnell vorüber. Das sind Motten, vom Lichtkegel getroffen
und vom Luftdruck zur Seite geschleudert. Tote, schlafende Dörfer. Kein
Laut, kein Mensch. Der Motor donnert. Rote Backsteinhäuser flammen im
Lichtschein auf und sinken augenblicklich wieder in die Finsternis
zurück. Die erschrockenen Augen einer schneeweißen Katze. Ein Posten.
Ein paar laute Rufe wehen vorbei. Weiter! Der Wagen fliegt. Herrlich ist
die Fahrt. Über uns stehen glitzernd und klar die Sterne des
Sommerhimmels. Wir schweigen. Jeder ist in seine Gedanken versunken.
Hier auf dieser Straße marschierten sie, die Kolonnen, Kompanien,
Regimenter, im Herbst. In die Schlacht von La Bassée. Freiwillige,
Studenten. Sie stürmten dahin, sie sangen, ihre Augen sprühten.
Vorwärts! Viele kehrten diese Straße nicht zurück! An der Straße stehen
seltsam geformte Büsche; wie Frauengestalten, die die Hände vor das
Gesicht breiten, erscheinen sie in der Nacht. Hier, dort, überall. An
der Straße stehen Steine, die aufleuchten, sich gespensterhaft neben der
Straße emporrichten, wie Geister, die uns betrachten wollen, die alles
sehen wollen, was diese Straße kommt. Kleine weiße Kreuze stehen an der
Straße, man sieht sie weithin leuchten, wenn der Lichtkegel sie trifft.
Und fliegen wir vorüber, so drehen sie sich mit einem Ruck uns zu. Der
Herbst ist nahe und immer noch marschieren hier die Kolonnen, die
Kompanien und Regimenter. In der Nacht wandern sie dahin. Sie singen
nicht mehr. Wenn sie sängen, so kämen die Granaten. Dies ist der Grund,
weshalb sie nicht mehr singen.
Von den Gräben her hallen Schüsse. Sie klingen näher und näher, denn wir
sind rasch. Dann und wann schlägt dumpf ein Geschütz, irgendwo. Auch
nachts kann es hier außen keine Ruhe geben. Seit Monaten lärmt hier der
Mensch. Ein paar Furagewagen knarren die Straße entlang. Die Pferde
schlafen im Gehen und fahren unruhig auf, sobald der Lichtkegel sie
faßt. Die Kutscher reißen sich zusammen. Neben der Straße werden die
Granattrichter häufiger. Viele sind ganz frisch. Der Wagen humpelt über
Erde und Steine. Die Granate schlug mitten in den Weg. Vor ein paar
Stunden war es hier keineswegs gemütlich. Zweige und Äste, das Laub noch
grün und saftig, liegen auf der Chaussee. Baumkronen sind zerfetzt,
Splitter hängen von den Stämmen. Plötzlich zieht der Fahrer mit einem
Ruck die Handbremse an und hält. Ein Baum ist quer über die Straße
gestürzt. Er ist gefallen wie ein Soldat und hingeschlagen. Die Granate
schnitt ihn über der Wurzel glatt durch und warf ihn aufs Gesicht. Seine
Zweige sind noch grün und rauschen im Wind, wälzen sich hin und her und
wissen noch nichts. Der Motor brummt, die Räder springen in die Höhe,
hinüber.
Ein Dorf. Der Posten winkt. Wir müssen die Lampe löschen. Durch die
Dunkelheit tasten wir uns weiter. Die Gewehre knallen. Ein schweres
Geschütz in der Nähe reißt laut krachend ab und die Granate rauscht in
das Dunkel hinein. Kein Zweifel, die Nacht geht zu Ende. Draußen bei den
Gräben steigt zuweilen eine Leuchtkugel empor. Bleich und sprühend, wie
ein gleißender Mond steht sie über der nächtigen Erde. Die Gewehre
lärmen aufgescheucht, dann wird es wieder still. Die Leuchtkugel sinkt
erblassend, ganz langsam, zur dunklen Erde herab. Nun aber steht rechts,
zwischen den Pappeln, ein funkelndes Leuchtfeuer, grellweiß und drohend.
Wiederum kracht das schwere Geschütz, und die Granate nimmt fauchend und
gurgelnd ihre Bahn über unsere Köpfe hinweg.
Die Sterne erblassen, die Landschaft wird fahl. Nebel steigt aus den
Feldern. Das Auto fliegt. Wir haben Eile, denn die Straße liegt in Sicht
des Feindes. Bevor es tagt, müssen wir an Ort und Stelle sein.
Aus dem grauenden Morgen heben sich die fahlen, verschwimmenden Umrisse
einer Stadt: _La Bassée_. Ein paar Soldaten in Hemdsärmeln, fröstelnd in
der Morgenkühle, stehen an der Straße. Leichenhaft erscheint La Bassée
im frühen Licht. Kein Mensch, kein Tier ist hier zurückgeblieben. Von
ein paar Wachen abgesehen, haust hier kein Soldat. Die letzten Einwohner
mußten schon vor Wochen den Ort verlassen, denn La Bassée liegt ständig
unter schwerem Feuer. Die Kirche ist ein Trümmerhaufen, ganze Häuser
sind in die Luft geflogen. Granateinschläge überall. Die Stadt sieht aus
wie von einem Erdbeben zerrissen. Erst schossen wir hinein, dann
übernahm es der Engländer. Hunderte, Tausende von Granaten fielen auf La
Bassée. Es gibt nur wenig Häuser, die unversehrt sind.
Der Musikpavillon aber steht noch auf dem Marktplatz wie im Frieden.
Das Auto biegt in eine schmale Gasse ein. Sie ist düster und voller
Qualm. Ein Haus brennt, von einer Granate in der Nacht in Brand gesetzt.
Niemand löscht, niemand kümmert sich darum. Laß es brennen! Die Flammen
lecken aus den Fenstern, sie sind ganz allein, niemand stört sie, und
sie arbeiten ruhig und langsam weiter. Qualm wirbelt durch das verkohlte
Gebälk. Im Hause drinnen klettert das Feuer über eine purpurrote Tapete
mit zarten Empiregirlanden. Die Scherben des geplatzten Spiegels
funkeln. Hier lebten einst Menschen.
Wir tasten uns durch den ätzenden Rauch, der Chauffeur flucht. Wir
fahren weiter, hinaus zu den Gräben.