Im Juli

In die Erde sind die Gräben eingewühlt, tiefe, krumme Rinnen. Sie laufen

quer durch Felder und Wälder, Dörfer und Friedhöfe, sie nehmen keine

Rücksicht. Vor den Gräben sind die Drahtverhaue, niedrige, kriechende

Gestrüppe mit eisernen Dornen. Diese Dornengestrüppe sind Geschöpfe des

Menschen von heute. Sie tragen keine Früchte, der Mensch stirbt in ihnen

wie die Fliege in den Haarborsten der fleischfressenden Pflanze.

Zwischen den Drahtverhauen, hinüber und herüber, schwirren die

Gewehrkugeln. Aus dem wassergekühlten Lauf des Maschinengewehres stürzen

sich die zischenden Schwärme. Die Granate kommt aus weiter Ferne herüber

und tastet nach allem, was lebt. Mehr, noch mehr. Die zentnerschweren

Wurfminen stürzen aus den Gräben heraus, in die feindlichen Gräben

hinüber. Die Handgranaten fliegen. Das ist noch lange nicht alles! Wir,

die wir in der Luft, im Wasser, unter dem Wasser, auf den Schneefeldern

und in der Wüste kämpfen, wir kämpfen heute auch unter der Erde. Wo die

Gräben sich einander nähern, kommt zum Grabenkrieg noch der Minenkrieg.

Weiter geht es nicht.

Es ist der Krieg der Pioniere!

Erst waren sie hinten, Stege und Brücken, dann kamen sie vor,

Unterstände, Gräben und Drahtverhaue. Und schließlich begannen sie ihren

eigenen Krieg, auf ihre Weise. Heute sind sie vorn bei den Vordersten,

und wo der Mann fällt, fällt der Pionier mit ihm.

Sie sind Teufelskerle und ohne sie geht es nicht mehr. Sie sind

unentbehrlich, geliebt und bewundert.

Also sie kommen, Offizier und Mann, und betrachten sich die Sache. Sie

zögern nicht lange, es ist nicht ihre Art, lange zu fackeln. Sie fangen

an. Hinein in die Erde! Es ist ein Loch, ein Brunnen, ein Schacht. Ganze

Stockwerke tief. Knüppelleitern und Leitern von Stricken führen hinab.

Dann geht es vorwärts, unter den Gräben und Drahtverhauen hindurch. Von

da aus geht es nach rechts und nach links. Der Stollen wächst. Eine

Anzahl von Schächten wird in die Erde getrieben, und die Stollen

strahlen von ihnen aus. Galerien und Korridore verbinden die Stollen

unter der Erde. Da unten in der Dunkelheit sind neue Laufgräben

entstanden. Spitzhacke und Spaten und Druckluftbohrer fressen sich durch

Erde und Stein und es entsteht ein richtiges Bergwerk.

„Wir haben da und dort eine Mine gesprengt.“ Wer denkt sich etwas dabei?

Niemand. Wer kennt die furchtbare Arbeit?

Sie suchen hier unter der Erde nicht nach Erzen, sie suchen nach dem

Menschen, sie wollen ihn von unten fassen, da es von oben nicht genügt.

Schwer und hart ist die Arbeit des Pioniers. Acht Stunden lang schleppt

er ununterbrochen Erde und Gestein durch die düsteren Stollen. Oben, im

Licht der Sonne, schüttet er die Erde aus, und wenn der Feind sieht, daß

neue Erdwälle entstehen, so schießt er augenblicklich mit Granaten

hinein. Aber der Pionier? Nun, der Pionier tut seine Pflicht.

Mit Kompaß und Meßband wird hier unten gearbeitet. Es handelt sich um

geringste Winkel, Gefälle und Steigung, um Meter und halbe Meter. Züge

mit Grubenhölzern rollen heran, die Pioniere schleppen Tag und Nacht

Holz und Balken durch die Stollen, um sie auszubauen, damit sie ihnen

nicht über dem Kopf zusammenbrechen eines Tages. Das wäre eine hübsche

Geschichte! Kilometerlang sind oft Gänge und Galerien unter der Erde.

Aber niemand sieht sie, niemand kennt die Arbeit der Pioniere.

Es ist eine Arbeit von Wochen und Monaten, eine Arbeit von Schweiß,

Überlegung und Mut.

Wie steht es? Baut auch _er_? Der Pionier lauscht drunten in seiner

Nacht. Der Pionier lugt aus, ob nicht drüben bei ihm auffallend viel

Erde aufgeworfen wird. Es regnet in Strömen, tagelang, und der Pionier

horcht: Ja, seine Pumpen spielen! Er hat Wasser in die Stollen bekommen.

Natürlich baut er, der Franzose. Er hat den Anfang damit gemacht und ist

Meister in diesen Dingen.

Mit List und größter Vorsicht wird dieser Krieg unter der Erde, in der

Finsternis, geführt, viele Meter unter dem Boden. Eines Tages, in einer

Stunde der Nacht, während draußen die Gewehre peitschen und die

Leuchtkugeln alles taghell beleuchten, in einer glücklichen Minute hört

man ihn schaben und scharren, ihn, der von drüben herübergekommen ist,

in den Wochen, in den Monaten, und der, wie wir, versucht, den Feind von

unten zu packen, weil es von oben nicht genügt. Der Pionier, der ein

ganzer Kerl ist und seine Sache versteht, weiß genau, was er zu tun hat.

Mit seinen feinen Ohren horcht er und sagt sich, es sind vier Meter, es

sind sechs Meter. Ist er rechts, links, oben, unten, feine Ohren gehören

dazu. Der Offizier liegt in seinem Unterstand auf seiner Pritsche und

schläft, da tutet das Telephon: Es sind vier Meter, ich glaube, er ist

über uns. Nun schön, sagt der Offizier, ich komme morgen in aller Frühe.

Nun heißt es handeln! Man muß arbeiten und schaben, damit er drüben

nicht merkt, daß man ihn gehört hat. Es ist ja wahrscheinlich, daß auch

er es gehört hat mit seinen feinen Ohren. Der große Augenblick ist

gekommen. Es handelt sich um Minuten. Die Sprengladung wird

herbeigeschafft. Sandsäcke, ganze Berge von Sandsäcken werden durch den

Brunnenschacht hinunter in den Stollen getragen. Die Pioniere wimmeln

wie Ratten in der Dunkelheit, aber die Leute vorn arbeiten weiter. Sie

markieren die Arbeit, aber es muß verdammt geschickt gemacht werden. Die

Art des Schlagens und Schabens, obwohl nur markiert wird, darf sich um

nichts von der wirklichen Arbeit unterscheiden, denn er drüben in den

Stollen ist listig wie ein Fuchs. Er wird sich in den Bart lachen und

sagen: Sie markieren jetzt, aber fünf Minuten früher werde _ich_

sprengen. Dann lebt wohl, Pioniere, Offizier und Mann!

Peinlich genau werden die Kisten mit der Sprengladung aufgebaut, mit

Sprengkapseln versehen, aber währenddessen wird ohne Pause das Wühlen

und Graben fortgesetzt, und er, der die Sache macht, muß ein Künstler

sein, soll das Werk gelingen. Rasch, rasch!

Die Pioniere hocken im düsteren Stollen. Die Sandsäcke wandern in

fieberhafter Hast von Arm zu Arm. Die Sprengladung muß eingebaut und ein

meterdicker fester Wall davor gerammt werden. Sonst würde die Ladung

unsre Stollen zerreißen und nicht hoch gehen. Die Säcke wandern rascher

und rascher, und der Schweiß stürzt in Strömen über das Gesicht der

Pioniere. Mann für Mann gibt sein Letztes her! Der vorderste arbeitet

wie ein Besessener, stark und geschickt muß er sein, und baut die Mauer.

Rasch, immer rascher muß es gehen. Er spürt seine Arme nicht mehr, wenn

die Arbeit getan ist. Zurück! Die Leitungsdrähte werden sorgfältig

durchgezogen, die Pioniere stieben rückwärts, rasch, rasch! Und der

Offizier, der Offizier der Pioniere, sagt zu den Grauen in den Gräben:

Also jetzt geht es los, Achtung! In drei Minuten wird gesprengt. Die

Grauen verschwinden in den Unterständen und ziehen die Köpfe ein.

Der Boden wankt, die Mine fliegt hoch! Sie zerreißt die Erde, der Boden

öffnet sich und Steine und Erde jagen Hunderte von Metern hoch. Ein

Vulkan speit. Schwarz und grau steht turmhoch die Rauch- und Staubsäule.

In dem Rauch jagen Sandsäcke und Menschenleiber in die Höhe und flattern

Kleidungsstücke, die der Luftdruck von den Körpern riß. Achtung! Nun

kommen sie herunter. Die Steine prasseln auf die Gräben herab.

Aber noch regnet es Steine und Trümmer und der Rauch steht noch

undurchdringlich: da sind die Grauen schon aus den Gräben, schon vorn!

Und ehe der Rauch sich verzogen hat, sitzen sie schon in dem

Sprengtrichter, der groß ist wie eine Zirkusmanege. Alles war

vorbereitet, sie hatten nur gelauert. Alles war bereit, Gewehre,

Munition, Handgranaten, Maschinengewehre. Und mit den Grauen sind auch

schon die Pioniere da, mit Sandsäcken, und beginnen wie die Ameisen zu

bauen. Wälle, Schutzschilde, provisorische Unterstände: Nun mag er

kommen! Und schon sind die Pioniere _hinten_ an der Arbeit, um eine

Sappe zu der neuen Festung vorzutreiben. Wir haben zwanzig Meter,

dreißig Meter gewonnen, wir haben unsere Stellung verbessert, wir haben

seine unterirdischen Stollen zerstört.

In den Zeitungen steht die Notiz: Da und dort haben wir eine Mine

gesprengt. Aber niemand weiß, welche Arbeit, wieviel List und Kühnheit

dazu gehört. Die Pioniere sind Leute, die nicht viel reden.

Das ist der Krieg unter der Erde, der neueste, der furchtbarste. Tag und

Nacht wird gegraben und gewühlt. Eine Mine fliegt hoch, an dieser und

jener Stelle der Front. Man treibt die Stollen bis unter die Gräben der

Feinde, und ein Grabenstück mit allem, was da drinnen ist, geht in die

Luft, Menschen, Munition, Kochgeschirre und Waffen.

Für den Sturm werden Stollen vorbereitet und fliegen auf in der Sekunde,

in der es sein muß.

Wehe aber, wenn er zuerst sprengt, eine Minute früher: Offizier und

Pionier, sie gruben ihr eigenes Grab. Aber sie wissen, was sie tun, sie

wissen, wofür sie es tun.

Der Krieg im Westen · 第 53 / 82 题