Früher war sie grün. Das Unterholz war so dicht, daß man sich wie durch
einen Urwald vorwärtsarbeiten mußte. Dazwischen standen mannsdicke
Eichen und sonstige Bäume, vielleicht alle zehn Schritte ein hoher Baum.
Wir lagen ihnen auf vierzig bis fünfzig Schritt gegenüber. Zu sehen war
nichts. Sie hatten ein Labyrinth von Gräben angelegt, Blockhäuser und
große Unterstände. Aber man sah nichts! Regte man sich, so pfiffen die
Kugeln. Woher, das wußte man nicht, sie saßen irgendwo in den Bäumen.
Sie waren oben, wir unten, also sehr im Nachteil.
Seit Ende September pfiffen hier die Kugeln. Die Bäume und die Stämme
des Unterholzes wurden hundertfach durchlöchert, bis sie abstarben. Die
Granaten knickten die Eichen, das Laub wirbelte. Es wurde allmählich,
ganz langsam, lichter.
Man trieb Sappen vor und kam einander näher. Die Wurfminen flogen von
Graben zu Graben. Man trieb Stollen vor, unter der Erde, wir und er. Die
Sprengungen rissen die Bäume in die Luft. Es wurde immer lichter.
Als ich die Höhe 285 sah, war sie _ganz kahl_. Sie ist so groß, daß eine
kleine Stadt darauf Platz hätte. Kein grüner Fleck. Zerschmetterte und
zerfetzte Bäume, das ist alles, was geblieben ist. Ein Schutthaufe, auf
den ein Wolkenbruch niederprasselte und Rinnen, Furchen, Gräben und
krumme Schluchten wühlte. So sah sie aus.
Sie bot große Vorteile. Sie beherrschte einen Teil der Höhenzüge
ringsum, das Tal gegen Boureuille; er konnte unsre Straßen einsehen,
unsre Zufuhr unter Feuer nehmen. Das war keineswegs angenehm. Die Höhe
285 mit La Fille morte dahinter war, klar ausgedrückt, ein Dorn, der uns
im Fleisch saß. Der Dorn mußte weg! Der Franzose mußte hinter die Höhe
geworfen werden, weil er dann nichts mehr sehen konnte.
Es mußte sein und wurde vollbracht! Am 13. Juli.
Es war eine Höllenarbeit, denn er hatte sich eine vollkommene
unterirdische Festung gebaut, in der er bombensicher eingedeckt lag. Nur
bei gewissenhaftester Vorbereitung konnte der Sturm gelingen.
Tagelang vorher schleppten die Pioniere die zentnerschweren Wurfminen
durch die engen Gräben in die Depots. Tausende von Handgranaten wurden
herangeschafft, Munition aller Art. Die unterirdischen Gänge wurden
ausgebaut, so daß man nur die Decke einzustoßen brauchte, und man war im
Freien. Jeder Mann kannte seinen Platz und wußte, wohin er den Fuß zu
setzen hatte, sobald er den Graben verließ. Im Kopfe hatte jeder Mann
den Sturm schon vollendet, bevor die erste Granate krepierte. Er wußte,
in welchen Graben er zu gehen hatte, wenn er verwundet wurde. Er wußte,
durch welchen Graben die Gefangenen geführt werden sollten. Alles war
vorher festgesetzt und besprochen. Die Reserven genau instruiert. Die
Gräben sind ein Labyrinth, und nichts ist leichter, als sich darin zu
verlaufen.
Noch eines: die vorderste Sturmkolonne muß formiert werden. Freiwillige
vor! Da melden sich alle. Man verstehe recht: nach einem Jahr Krieg,
nach Monaten von Argonnenkrieg, Monaten von Mühen, Entbehrungen und
Gefahren! Woher schöpfen sie, die Grauen, diese Kraft? frage ich. Es
mußte _gelost_ werden.
Nun also gut, so war es, als der 13. tagte.
Die erste Granate kommt über den morgengrauen Wald und schlägt krachend
auf der Höhe ein. Das ist das Signal. Die Geschütze, da hinten, stehen
schon bereit, ausgerichtet, fertig zum Schuß. Hauptleute und Kanoniere
sind auf dem Posten. Los! Der Wald ist ein einziges Donnern. Die Kanonen
geben Schnellfeuer, ein Maschinengewehrfeuer von Granaten wirbelt auf
die Stellungen des Feindes nieder. Die schweren Minenhunde rauschen
durch den Morgen. Die Höhe ist eine einzige Staub- und Rauchwolke. Die
Grauen stecken die Köpfe aus den Gräben, um die rauchende Hölle drüben
zu sehen. Die Geschütze rasen.
Der Feind bleibt nicht müßig und antwortet mit wütendem Feuer.
Kaltblütig stehen unsre Artilleriebeobachter in den vordersten Gräben
und dirigieren das Feuer, unbekümmert um Granaten und Minen, die ringsum
krachen. Die Sturmkolonnen kauern dicht gedrängt in den Unterständen und
warten auf ihr Kommando. Sie liegen in den Sappen bereit, mit
Handgranaten am Gürtel und im Arm, soviel sie schleppen können. Sie
kauern in den unterirdischen Stollen, die unter unsren Drahtverhauen
hindurchführen.
Plötzlich schweigt das Feuer.
In der nächsten Minute stürzen die schlesischen Jäger vor. Aus Sappen,
Stollen, Gräben. Der Feind legt einen Feuerriegel vor unsre Gräben.
Hindurch! Ein Leutnant setzt mit einem Sprung über einen vier Meter
breiten feindlichen Drahtverhau. In sieben Minuten sind die vordersten
Gräben überrannt.
Ungeheuer sind die französischen Verluste! Seine Gräben wimmelten von
Truppen, denn er hatte selbst einen Angriff geplant, und wir waren ihm
um einen Tag zuvorgekommen. Eine Mine war in ein Lager von Handgranaten
eingeschlagen und hatte furchtbare Verwüstungen angerichtet. In einem
einzigen Unterstand fand man einhundertundfünf Tote. Seine Verbände
waren zersprengt, aber noch keineswegs geschlagen.
Sie kämpfen wie Rasende.
Gräben, Sappen, Verbindungsgänge, Sprengtrichter und Granatlöcher,
überall sitzen sie wie festgeschraubt und zerren so viel Feinde mit in
den Tod, wie sie können. In einem Verbindungsgraben hat sich, mit zwei
Gewehren, ein französischer Offizier eingenistet, der unaufhörlich
feuert. Ein Soldat hockt neben ihm und ladet ihm die Gewehre. Es ist ein
Einzelgefecht im großen Kampfe, bis es gelingt, den kühnen Gegner zu
vernichten. Ein Hauptmann bedient einen verborgenen Minenwerfer, obschon
seine Leute ringsum gefallen sind. Er kämpft mit äußerster
Todesverachtung, bis ihn ein Schlesier niederschlägt.
Schon beginnt wieder das Dickicht. Tausendfach schwirrt der Tod durch
den Wald. Ein Fort, ein eingegrabenes Blockhaus. Ein paar Pioniere
heran, Sprengladung angebracht, fort! Das Blockhaus fliegt in die Luft.
Der Feind läßt eine Mine hochgehen, Steine und Erde hagelt es aus der
Luft. Im nächsten Augenblick sitzen unsre Grauen im Sprengtrichter und
verteidigen ihn nach allen Seiten. Es sind rasche Teufel, man muß es
zugeben!
Der Feind ist zersprengt, gefangen, geschlagen.
Die Argonnenleute sind nicht zum Stehen zu bringen. Sie jagen weiter,
die Höhe hinunter. Sie stürmen ein französisches Lager, vernichten, was
sie vernichten können. Für all diese Fälle sind sie schon vorbereitet.
Sie haben Beile bei sich! Sie stürmen bis zu den feindlichen Geschützen
vor und ringen mit den grauen Untieren, um sie wegzuschleppen, um sie
auf die Höhe zu schaffen. Mit, alles mit, was mitgehen kann! Aber die
Geschütze sind zu schwer, zu fest eingebaut – es ist menschenunmöglich,
sie gefangenzunehmen und schon nahen französische Reserven. Kurzer
Prozeß! Sie schlagen kaputt, was sich kaputt schlagen läßt, die
Richtvorrichtungen, die Verschlüsse. Sie schieben den grauen Untieren
noch rasch ein paar Handgranaten ins Maul, um sie zu zerstören.
Es ist höchste Zeit! Einer wirft noch rasch eine Handgranate in das
Munitionslager und es fliegt in die Luft.
Zurück! In stehender Schützenlinie feuern sie auf die anrückenden
Reserven ...
Der einzelne zählt hier, der einzelne Mann, er muß rasch, kühn, verwegen
handeln.