„_Moi, je suis tombé dans un sale
coin, je suis aux Argonnes._“
Aus dem Briefe eines Gefangenen.
Es regnet in Strömen. Das Wasser wird in Fässern aus den bleigrauen
Wolken geschüttet, die niedrig über die Wälder ziehen. Die Bäume brausen
im Wind und schütteln Wasserfälle aus ihren Kronen. Die Wege sind Lehm,
Bäche stürzen über die Abhänge. In den Unterständen sind die Öfen
geheizt.
Es ist der Argonnerwald, wie er leibt und lebt. Er verstellt sich nicht
und zeigt sein wahres Gesicht. Es ist ein Wald wie der Spessart und die
böhmischen Wälder, ein Wald für Köhler, Räuberbanden und Wildschweine.
Der Wald hat seine Gegenwart, das ist nicht zu leugnen, der Wald hatte
seine Vergangenheit, das ist sicher. Man ging hinein und verschwand, man
schlug das Kreuz und war tot. Im Dickicht lauerte der Mörder. Es gibt
hier Stellen, die sonderbare Namen tragen: _la fille morte, l’homme
mort_. Es wird wohl seine Bewandtnis damit haben! Aber diese ganze
düstere Räubervergangenheit des Waldes ist ein Idyll gegen heute, eine
Schäferszene, das sage ich gleich! Welche Zeit könnte sich in diesen
Dingen überhaupt mit der unsrigen messen? Wir haben alles glatt
geschlagen ...
Wir steigen in einen Rollwagen, ein total zerweichtes Pferd mit einem
total zerweichten Reiter darauf wird vorgespannt und wir rollen los,
höher und tiefer in den Wald hinein. Der Regen strömt, Roß und Reiter
verschwinden zuweilen in einer Wasserblase. Ich bin durchnäßt bis auf
die Haut, dieser verfluchte Argonnenregen geht durch den Gummimantel,
und friere wie ein Hund.
Dieser Wald ist kein Wald für Menschen! Er ist dreistöckig. Hohe Bäume,
zumeist Eichen, vereinzelt, dann das Unterholz, junge Eichen, Buchen,
Birken, Erlen, dicht beisammen, und unter ihnen Gestrüpp: Brombeeren,
Dornen, Farnkräuter, Ginster, Schlingpflanzen, ein natürlicher
Drahtverhau, wie er heimtückischer nicht angelegt werden könnte. Es ist
ein Wald für einen haarigen, gorillaartigen Waldteufel, der mit einem
Prügel in der Faust durchs Dickicht kriecht und Lehm frißt. Der Mensch
betritt ihn mit Grauen im Herzen.
Das zerweichte Pferd streckt die glänzenden Schenkel, tastet durch Lehm
und Wasser. Zuweilen wird es abgehängt, dann rollen wir mit eigner Kraft
über wacklige Schienen hinunter. Dann geht es wieder bergan. Ist es
möglich, daß es noch stärker regnet? Ja, bei Gott, es ist möglich! Wir
fahren in einer Wasserhose. Vor uns kriecht eine Batterie von
Gulaschkanonen, von Pferden gezogen wie wir. Kommt ein Taleinschnitt, so
rollen alle vier Gulaschkanonen mit eigner Kraft hinab und wir
hinterher. Wir begegnen einem Transport von leeren Minenkörben,
meterhohen Zuckerhüten aus Ruten geflochten. Der Transport muß
rangieren, damit wir vorüber können. Auf die Feldküchen klatscht der
Regen. Die Leute haben Zeltbahnen um die Schultern gehängt, aber es
hilft nicht viel. Station. Ein durchnäßter Grauer tritt an unsern
Rollwagen und meldet: „Station Rixdorf, belegt mit zwei Telephonisten!“
Ordnung muß sein. Ein Transport kommt zu Tal. Sie stehen aufrecht im
Wagen. Sie sind müde und erschöpft. Ihre Arme und Köpfe sind verbunden.
Es sind Verwundete aus den Gräben da oben. Der Wald frißt, der Wald
frißt, der Wald frißt täglich Menschen! Einer liegt, mit einer
Pferdedecke zugedeckt. Man unterscheidet nur die Formen des Mannes. Der
Regen fegt auf die Verwundeten herab, aber sie kümmern sich nicht darum.
Und er, der unter der Decke, der liegt und sich nicht regt, ihm kann der
Regen, alle Mächte der Hölle können ihm nichts mehr anhaben ...
Unser Pferd streckt die Schenkel. Es geht bergan. Nasse Zweige gießen
ihr Wasser über uns aus. Der Wald poltert. Die einschlagenden Granaten
krachen wie Donnerschläge.
Eine halbe Stunde währt die Rollwagenfahrt, eine Stunde. Wir steigen aus
und schütteln uns wie Hunde, die aus dem Wasser kommen.
Wir gehen quer durch den Wald. Die Wege sind hier mit Knüppeln
gepflastert, ein Knüppel hübsch neben dem andern, peinlich genaue
Arbeit, anders wäre es nicht möglich, hier einen Schritt zu machen.
Granattrichter. Zerschossene Bäume. Mannsdicke Eichen, die Granate traf
sie in der Mitte, zerriß sie und warf sie aufs Gesicht. So liegen sie
nun da und sterben. Hier gibt es sonderbare Hünengräber, mitten im
Walde, Stein- und Erdhügel. Blickt man aber näher hin, so sind es
Batterien. Die grauen Kanonen stehen darin, anständige Kaliber! Sie
feuern glatt durch Laub und Zweige hindurch. Wir steuern ein Hünengrab
an und steigen in die Erde hinein. Wir klopfen und treten ein. Hier
brennt die Hängelampe, obschon es elf Uhr vormittags ist. Ein Mann in
einer Wollweste empfängt uns. Hier hausen Pionieroffiziere, Leute von
Welt. Sie haben gute Laune, Kognak und einen herrlichen heißen eisernen
Ofen, der sofort zischt, wenn man ihm nahe kommt. Sie hausen hier schon
– tuh, tuh, das Telephon tutet: ein Stollen im Graben so und so, wird
gemacht – sie hausen hier schon seit Ende September! Unter der
Balkendecke, zwei Meter Schotter darüber, ein paar Schlafkojen. Urlaub,
nein, Urlaub nahmen sie noch nicht. Sie haben keine Lust, sie sind hier
nötig. In den Gräben arbeiten sie, ganz vorn, in den Minenstollen. Was
sie tun, davon will ich später einmal berichten. Ihre Gedanken, ihre
Pläne, ihre Frauen – alles haben sie hingegeben, mag es kommen, wie es
will, sie werden auf ihrem Posten stehen. Unvergeßlich sind sie, jung
und stark und kühn.
Es gießt noch immer. Düster und unheimlich rauscht der Wald. Es ist ein
Wald der Unterwelt, erfüllt von einem schauerlichen und nie gehörten
Lärm. Er hustet, das furchtbare Husten eines Unholds, der in den
Schluchten haust. Er lacht heiser und keuchend wie ein Teufel, dem etwas
schrecklichen Spaß macht. Riesenspechte klopfen. Es kracht wie ein
schwerer Schmiedehammer, den nicht Menschen, sondern Zyklopen bedienen.
Sie fluchen zur Arbeit, rufen und poltern. Zuweilen nehmen sie die Axt
und schlagen, eins, zwei in den eisenharten Stamm der Eiche, daß die
Berge hallen. Die Eiche schlägt krachend hin. Man hört, wie die Zyklopen
die Eiche zerknacken zwischen ihren Fäusten und ins Feuer werfen, daß es
prasselt. Das alles hört man ganz genau, aber man sieht die Einäugigen
nicht. Dann und wann streicht ein Gespenstervogel unsichtbar und klagend
über die brausenden Wälder. (Eine Granate.) Ja, Gott stehe mir bei,
dieser Wald ist keineswegs gemütlich.
Aus dem Dickicht tritt ein Mensch. Seine Stiefel sind voller Lehm, seine
Kleider naß und schmutzig. Am Gürtel hängen Flaschen und Säcke und
Ledertaschen, auf dem Rücken das Gewehr. Sein Gesicht ist schwarzbraun,
schmutzig und verwittert. Die Augen stehen wie _Lampen_ darin. Es ist
ein Feldgrauer, der aus den Gräben da oben kommt. Die „Argonnentype“,
wie sie leibt und lebt. Die Argonnentype grüßt, so nebenher, grinst beim
Anruf und verschwindet im Regen. Sie sind es, die diesen höllischen
Spektakel machen, keine Zyklopen, sondern kleine Menschen.
Plötzlich hört es auf zu regnen. Die Sonne bricht heiß durch die Wolken.
Wir treffen, bei seiner Batterie, einen Oberleutnant, Jurist, auch er
lebt seit dem Herbst im Walde. Aber der Wald konnte ihm nichts anhaben,
elegant sieht er aus und seine schmalen Hände sind gepflegt. Zusammen
mit ihm klettern wir in den Wipfel einer Eiche empor. Die Eiche braust,
und wir schwanken, oben angelangt, wie Äste hin und her. Wir blicken
über den Wald!
Drüben liegt die Kuppe von Vauquois. Bis zum Kamm gehört sie uns. Dicht
dahinter liegt der Franzose. Im Tal das Dorf Boureuilles. Mit bloßem
Auge sieht man die Drahtverhaue der Franzosen, sie liegen im Tal hinter
dem Dorf. Nach rechts aber, über dem Walde, liegt die berühmte _Höhe
285_, die unsre Tapfern vor acht Tagen stürmten.
Die Höhe ist braun und kahl! Es ist dem Menschen hier gelungen, den Wald
weithin auszuroden, das muß man sagen. Die Bäume sind zerschmettert,
liegen durcheinander, verkohlt und zerschossen, das Unterholz ist
gänzlich verschwunden. Die Erde ist aufgewühlt. Gräben, Sappen,
Sprengtrichter. Die Kuppe ist in hundert Risse geborsten. Ein
Maschinengewehr bellt, die Gewehre husten. Ohne Pause wird da oben
gekämpft. Ein schweres Geschütz feuert. Es kracht wie ein Donnerschlag,
und das Echo poltert in den Schluchten.
Ziehe die Luft ein, riechst du es nicht? Es riecht wie in den Gängen
eines Hospitals. Es riecht nach _Chlor_ und allen möglichen Dingen.
Diesen Geruch habe ich schon heute morgen verspürt, als wir uns dem
Argonnerwald _näherten_. Dieser ganze Wald, trächtig von Feuchtigkeit,
Erde und Wurzeln, hat diesen sonderbaren Geruch angenommen. Er stammt
von den Gasbomben der Franzosen, von den Gasen der stündlich
einschlagenden Granaten, von den Massengräbern, die mit Chlorkalk
zugeschüttet sind.
Fürchterlich, dreimal fürchterlich muß es hier zugegangen sein! Der Wald
hat seine Geschichte, und sie ist schrecklich wie die Geschichte wilder
Meere. Heute noch findet man im Dickicht verstreut Leichen und Skelette.
Man sieht in den Gebüschen einen Soldaten, das Gewehr im Anschlag, man
ruft ihn an, er antwortet nicht. Er ist tot und in seiner letzten
Stellung von den Dornen festgehalten worden. Man mußte sich den Weg
bahnen wie in einem Urwald. Man bekam Feuer aus nächster Nähe. Man sah
keinen Feind. Der Franzose saß auf den Bäumen, mit Maschinengewehren saß
er oben. Man hörte den Gegner sprechen, die Offiziere Befehle erteilen,
aber man sah nichts, rein nichts. Man grub sich gegenüber ein, schoß das
Dickicht mit Maschinengewehren ab, um Luft zu bekommen, drang vor – der
Feind zog sich zehn Schritt zurück, und es war die alte Sache. Es war
ein Indianerkrieg und die Argonnen bilden ein Kapitel für sich in der
Geschichte dieses Feldzuges. Hier gab es keine Pausen, keine Ruhe, hier
wurde erbittert gekämpft, Tag und Nacht, viele Monate hindurch, und das
Wasser in den Gräben stand häufig bis zur Hüfte. Man lag sich und liegt
sich an manchen Stellen zehn Schritt gegenüber, ein lautes Wort bedeutet
den Tod. Handgranaten, Minenstollen und Wurfminen.
In den letzten Wochen fanden hier wütende Gefechte und Schlachten statt,
am 2. Juli, am 14. Juli – doch davon später. –
Ein Knüppelweg führt ins Tal hinab. An einer verborgenen Stelle wartet
unser Auto. „Hat er hergeschossen?“ Nein – na, also los!
Wir fahren eine Strecke in Sicht des Feindes, wir jagen in eine
zerschossene und zerstörte Stadt hinein. Sie erinnert an eine zerfallene
italienische Ortschaft. Es ist Varennes. Jene Stadt, in der Ludwig XVI.
mit seiner Gemahlin auf der Flucht erkannt und festgenommen wurde.
Varennes ist ständig unter Feuer. Das Auto beginnt wie toll zu jagen. Es
fegt eine schnurgerade Chaussee hinab in einem Höllentempo. Eile tut
hier not, denn wir fahren in etwa 1000 Meter Entfernung an den
feindlichen Stellungen vorüber, und es ist eine Anfängeraufgabe, uns
hier abzuschießen. Die Höhe von Vauquois, die Kirche von Montfaucon,
oben auf einem Berge in der Abendsonne. Ein paar Granatfahnen rauchen
aus Apremont, während wir vorüberfliegen. Neben der Chaussee sind Serien
von Granattrichtern. Sie sind ganz frisch, die Erde liegt noch locker
und feucht. Der Abendsegen. –