Der Oberst ist ein großer, breitschulteriger Mann mit ernsten,
nachdenklichen Zügen. Er trägt die Verantwortung für viele tausend
Männer, und das Gewicht auf seinen Schultern ist nicht leicht. Es könnte
ja sein, daß einer, einer seiner Feldgrauen des Nachts im Schlafe zu ihm
käme und fragte: Oberst, warum hast du nicht an mich gedacht? – Für
jeden einzelnen der Grauen, die aus allen Teilen des Reiches stammen,
muß er Sorge tragen wie ein Vater. Es ist fast zu viel für einen Mann,
der sich der Größe seiner Pflicht klar bewußt ist.
Liebenswürdig begrüßt er mich in der Halle seines Quartiers, aber der
Ernst weicht nicht aus seinem starken, wetterbraunen Gesicht. Er sagt:
„Wir haben heute nacht angegriffen. Der Ausgang des Gefechts ist noch
nicht bekannt.“
Es ist der Angriff auf den Kirchhof von Souchez. Es ist neun Uhr. Noch
nichts bekannt? Wird noch gekämpft, wie fielen die Würfel? Nur wer weiß,
wie es dort zugeht, was es mit diesen Grabenkämpfen bei Souchez auf sich
hat, kann begreifen, daß noch keine Nachricht eingelaufen ist. Dort gibt
es keine Gräben mit elektrischem Licht und einer Telephonleitung, durch
die man ohne jede Mühe glatt mit Berlin sprechen kann. Die Drähte werden
in jeder Nacht ein paarmal entzweigeschossen. Die Gräben sind
zusammengetrommelt. Es kann sein, daß zehn Leute einen Granattrichter
halten, mit einem Maschinengewehr, oder nur mit Gewehren, oder nur mit
Handgranaten, daß sie, sage ich, dieses Erdloch halten, vierundzwanzig,
achtundvierzig Stunden, bis Verstärkung kommt oder eine Sappe zum
Trichter vorgetrieben werden konnte. So sieht es dort aus. Es ist
unmöglich, den Kopf herauszustrecken, geschweige denn den Graben zu
verlassen, um Nachricht zu geben.
Souchez ist eine böse Ecke. Unsere Stellungen umklammern es in weitem
Bogen, und die Regimenter sind entschlossen, diesen Bogen, diesen
Riegel, zu halten. Keinen Meter Boden soll der Franzose haben! Zudem
böte der Besitz von Souchez den Franzosen noch größere Vorteile der
Beobachtung, als sie sie jetzt schon mit der Lorettohöhe besitzen. Ich
war oben im Fesselballon und habe es mit eigenen Augen gesehen: flach
wie eine Pfanne läge die Ebene dann vor ihnen. Um jede kleine Bodenwelle
wird dort gekämpft, um jedes Gebüsch, um jeden Straßengraben. Der
Franzose weiß recht wohl, was er will, und macht einen Vorstoß nach dem
andern. Es war ihm auf Tage gelungen, sich da und dort in unserm Bogen
festzusetzen. Südlich von Souchez, gegen Givenchy zu, hatte er seine
Stellungen vorgeschoben (das sogenannte große Franzosennest), im
Kirchhof hatte er sich festgebissen und westlich von Souchez, gegen die
Zuckerfabrik und Lorettohöhe, hatte er sich vorgewühlt (das kleine
Franzosennest).
Hin und her geht der Kampf um zerstampfte Gräben und Granattrichter.
Dieser Kirchhof von Souchez, wohlverstanden, ist über seine Ufer
getreten, genau wie der Carency-Bach, seine Mauern sind gefallen und er
wächst und wächst.
Zwischen dem 21. und 24. Juni wurde das „große Franzosennest“
ausgehoben. Es waren wütende Nachtkämpfe! Der Angriff wurde von allen
Seiten durch Sappen vorgeführt und das tiefeinschneidende Franzosennest
abgeschnürt. Damit war das große „Franzosennest“ erledigt. Ein großer
Erfolg! Ein paar Tage später – ich spreche hier nur von größeren
Kämpfen, gekämpft wird hier Tag und Nacht! – griffen die Franzosen
wütend unsere Gräben bei der Zuckerfabrik an. Aber unsere Grauen warfen
sie zurück, so oft sie kamen. Die Kämpfe wurden rasender und rasender.
Am siebenten verschwanden unsere Grauen unter einem Hagel von Stahl. Es
half nichts, sie mußten zurück und die Franzosen besetzten 800 Meter
zusammengetrommelte Gräben. Am achten warfen unsere Grauen sie wieder
hinaus, räumten Gräben und Sappen und Trichter bis auf ein Grabenstück
von 150 Metern, das der Franzose halten konnte. Die Gräben waren Ketten
von Granattrichtern geworden, man wußte oft nicht, saßen Franzosen im
Trichter drüben oder die Unsrigen. Um die 150 Meter wird seitdem
erbittert gekämpft, hin und her, Vorstoß auf Vorstoß. Zäh und toll
schlägt sich der Gegner. Die Handgranaten fliegen hinüber, herüber ...
In der Nacht vom 11. auf den 12. kam der Kirchhof an die Reihe.
Ich habe im Tagebuch eines Gefangenen geblättert. Der letzte Eintrag
lautet: „Heute ist mein Geburtstag. Wir liegen im Kirchhof von Souchez,
die Granaten schlagen ein und die Kreuze und Marmorblöcke und Gerippe
fliegen nur so in der Luft herum. Diesen Geburtstag werde ich nie
vergessen, solange ich lebe.“ Ein hübscher Geburtstag, alle Wetter! Es
ist ja immerhin schon merkwürdig, seinen Geburtstag auf einem Kirchhof
zu verbringen, aber auf einem Kirchhof unter Granatfeuer, das ist eine
Sache, die nicht oft vorkommt.
Es sind unsere Granaten, die, wie man aus dem zerweichten, verblaßten
Tagebuch des _piou-piou_ ersehen kann, den Tanz eröffnen. Sie kommen in
ganzen Schwärmen an, in Schwärmen heulender und zischender Geister, die
aus der Luft stürzen, auf die feindlichen Gräben. Sie krachen, der
Kirchhof erbebt bis hinab zu den Särgen. Schwarze und rostbraune Wolken
wälzen sich zwischen den Grabsteinen. Die Steine fliegen in die Luft,
die Blechkränze und Holzkreuze. Es wird Ernst, kein Zweifel! Bis hinab
zu den Särgen fressen sich die Granaten. Nun kommen die Bretter. Die
Toten da unten hören nichts, sie liegen in tiefem, tiefem Schlaf. Aber
dann kommen sie doch herauf, selbst die Toten erweckt dieser Lärm. Sie
kommen herauf, um nachzusehen, was es gibt. Das Jüngste Gericht, ist das
Jüngste Gericht gekommen? Konnten die Lebenden, diese Toren, die das
Geheimnis und die Weisheit da unten unter der Erde nicht ahnen, konnten
sie sich nicht einen andern Ort aussuchen, wenn sie etwas unter sich
auszumachen hatten? Schrecklich, dreimal schrecklich eine Welt, in der
man selbst im Sarge nicht zur Ruhe kommt! Die Gerippe, die sich zwischen
den Grabhügeln und Blechkränzen aufrichten, zerstieben. Weg damit! Der
Granate ist der Tote im Weg, sie sucht den Lebendigen und sie wiehert
über die anmaßende Philosophie der Skelette. Weg, fort! Sie hat nur
einen schrecklichen Willen: zu töten!
Gespenster aus der Erde, Geister aus der Luft, es ist kein Wunder, daß
das Herz des tapferen Franzosen schlägt.
Seine Leuchtraketen steigen. Hilfe! Seine Granaten tasten nach unsern
Gräben. Unsicher. Er kann das Feuer nicht mehr dirigieren. Es ist Nacht.
Der Sturm bläst und die Bäume rauschen, bis die Granate sie
zerschmettert. Seine Leuchtkugeln steigen verzweifelt. Hilfe, Hilfe! O,
jawohl, seine tapferen Kameraden, glaubt es mir, sie würden nicht zögern
zu kommen, wenn sie könnten. Aber sie können nicht! Der ernste und
nachdenkliche Oberst hat alles mit schrecklicher Genauigkeit
vorbereitet, denn er denkt für seine Söhne. Es liegt Sperrfeuer auf den
Verbindungswegen der Franzosen, furchtbares Feuer, nicht einmal ein
Engel, ein unverwundbarer Engel käme durch den Feuerriegel! Sie sind
verloren. Hier gibt es keine Wunder. Hier herrscht die Granate, Stahl,
Sprengstoffe, nichts sonst. Sie sind umzingelt.
Das Feuer schweigt. Hurra! Vier Kompanien gehen vor zum Sturm. Wie
Furien kommen sie daher. Tod oder Sieg! Es gibt nichts anderes.
Der Franzose aber ist nicht tot. Es wimmelt zwischen den Sandsäcken, es
wühlt in den Gräben. Maschinengewehre, ein Schwarm zischender
Spitzkugeln. Der schwere Fall von Männern, Handgranaten. Geschrei und
Taumeln. Pardon! Pardon! Hände strecken sich aus den Gräben und Gräbern.
Wir ergeben uns!
Der Kirchhof ist genommen!
Die Gefangenen werden abgeführt. Die Verwundeten schleppen sich davon.
Die Krankenträger tragen die Schwerverletzten. Der Tag graut. Nebel. Der
ernste und nachdenkliche Oberst geht in seinem Zimmer hin und her und
wartet auf Botschaft.
Der Kirchhof hat neue Gäste bekommen. Was sind dagegen die paar Toten,
die in ihrer Ruhe gestört wurden!
Hier liegen tausend Franzosen, hier liegen Feldgraue, alle Söhne von
Müttern – –
„Der Kirchhof von Souchez ist erobert.“ Eine Zeile. Die Leute sagen: Nun
ist der Kirchhof von Souchez wieder genommen worden, Gott sei Dank! Sie
denken sich nicht viel dabei, sie ahnen es nicht –!
Es ist möglich, daß die Franzosen wieder ein Regiment opfern, um den
Kirchhof zurückzugewinnen, es ist sicher, daß wir ihn dann wieder
stürmen werden. So ist es hier.
Wir haben den Riegel um Souchez vorgeschoben, wir haben ihn fester
geschweißt, die Feldgrauen schweißten ihn fester mit ihrem roten Blut.
Die Gefangenen marschieren durch Souchez. Die Überlebenden aus dem
Kirchhof! Auch das Geburtstagskind ist darunter, er hat Glück gehabt,
diesen Geburtstag zu überleben. Schwerverletzt liegt der französische
Kapitän auf der Bahre. Noch sind sie keineswegs in Sicherheit, denn die
französischen Granaten fegen in das Dorf. Aber sie hoffen wieder. Die
Sonne geht auf.
Ich treffe den ernsten Oberst wieder. Die Gefangenen stehen in Reih und
Glied. Er mustert sie schweigend. Er spricht kein Wort. Wozu? Ich trete
an ihn heran, grüße und beglückwünsche ihn zu seinem Erfolg.
Er nickt. Ein höfliches Lächeln. Aber sofort ist sein starkes Gesicht
wieder ernst und voll schwerer Gedanken. Viele seiner Söhne, für die er
sorgte wie ein Vater, sind nicht wiedergekommen, zwei seiner tapferen
Kompaniechefs sind gefallen!