Ich habe sie gesehen und gesprochen, sie, die sich da draußen schlagen,
in den Gräben von Souchez. Sie sind in Ruhe. Heute nacht müssen sie
wieder hin. Die Straßen und Wege liegen nachts unter Feuer. Die Granaten
krachen und flammen wie Höllengeister. Da müssen sie hindurch. Dann sind
sie in Souchez. Was ist Souchez? Es ist ein Nest, ein Dorf, das niemand
kannte und das nun viele nie mehr vergessen können. Es ist gezeichnet
für immer, wie Gravelotte und Wörth. Wenn die Hölle Buch führt, so wird
sie auch den Namen Souchez eingetragen haben, denn er kann sich sehen
lassen neben den andern.
Souchez ist heute zusammengeschossen. Die Häuser verließen ihren Platz
und sprangen auf die Straße. Man räumt die Trümmer zur Seite, aber es
sind immer wieder neue Trümmer da. Durch Souchez fließt ein Bach, der
Carencybach. Die Granaten haben sein Bett zerwühlt, durch das er hundert
Jahre lang und länger friedlich rieselte und gluckste, sie haben die
Ufer zerstampft, so daß er verzweifelt sein Bett verließ und sich einen
neuen Weg durch die Granattrichter suchte. Trüb und lehmig ist er
geworden. Er verbirgt seine Geheimnisse.
Sind die Grauen durch den Schlamm gewatet, so sind sie noch lange nicht
da. Die Gräben liegen ein paar hundert Meter ab vom Dorf. Hier liegt ein
Feuerriegel. Die Erde öffnet sich und speit haushoch Feuer und Qualm. Da
müssen sie hindurch! Hier gibt es keine Annäherungsgräben, er da droben
auf der Lorettohöhe läßt es nicht zu. Übers freie Feld heißt es hier und
hinein in den Graben. Nun erst sind sie da!
Aber vorläufig haben sie noch ein paar Stunden Zeit und machen sich
keine Gedanken. Sie sind alle sauber gewaschen und gebürstet, braun wie
Nüsse, und die Hitze schält ihnen die Haut von Nase und Ohren. Ihre
Uniformen sind eine Geschichte für sich. Sie waren alle einmal grau, nun
aber sind sie verschossen, ausgewaschen und ausgeschwefelt. Bei Gott,
man sieht es ihnen an, daß sie nicht in der Etappe saßen! Der rote
Streifen der runden Mützen ist mit grauem Tuch vernäht, die Mützen
sitzen alle tief in der Stirn, so gehört es sich. Es sind Grabenleute.
Der Feldwebel aber sieht aus, als käme er gerade vom Schneider. Kein
Flecken. Seine Hände sind gepflegt, und mit dem spitzen Nagel des
kleinen Fingers zeigt er mir auf der Karte ihre Stellung. Vielleicht war
er in seinem früheren Leben Lehrer oder Kaufmann, ich weiß es nicht. Er
ist jetzt Soldat, und er ist so sehr Soldat, daß ich ihn zu fragen
vergaß.
„Hier also ist unsere Stellung. Dieser Graben.“ Es ist ein rechter
Winkel, und sein Fingernagel deutet auf den der Lorettohöhe zugewandten
Schenkel. „Wir bekamen schweres Artilleriefeuer, Wirbelfeuer, den ganzen
Tag über lag es auf dem Graben. Von sieben Uhr morgens bis neun Uhr
abends. Achtundzwanziger! Der Graben sah aus, als wenn ein Dampfpflug
ihn eingeebnet hätte. Wir sahen nichts mehr und wir hörten nichts mehr.
Wir hatten natürlich Verluste. Anders geht es nicht. Zurück gibt es
nicht! Eine 28er schlägt neben mir ein, jagt in die Höhe. Es ist nicht
so schlimm. Der Graben ist zugeschüttet. Auch ich bin verschüttet. (Er
war also verschüttet, aber keinem seiner Fingernägel hat es etwas
getan!) Niemand glaubt, daß noch ein menschliches Wesen im Graben
existieren kann. Um neun Uhr springt das Feuer zurück, hinter den
Graben, damit keine Reserven herankommen können. Aha! Es geht los! Unser
Leutnant, noch keine neunzehn Jahre alt, schreit. Es ist wie in einem
Ameisenhaufen. Überall krabbelt es. Sie kommen alle heraus. Die meisten
Gewehre sind unbrauchbar geworden. Also Handgranaten. Die Franzosen
kommen heran. Es fällt hier ziemlich ab, und sie kommen rasch herunter.
Die Handgranaten fliegen. Wir stehen hier, in den Granatlöchern, und der
Rauch ist so dick, daß keiner den andern mehr sieht. Eine neue Kolonne
stürmt. Sie denken, wir sind erledigt, aber wir, wir schreien Hurra! Wir
brüllen und johlen, ja wir jodeln und lachen. Da stutzen sie doch. Nun
aber sehe ich, daß sie von da her kommen, sehen Sie!“ Er deutet auf den
Scheitelpunkt des Winkels. Hier stoßen die beiden deutschen Gräben
zusammen, rechtwinklig, der Schenkel zur Lorettohöhe und der Schenkel
gegen die Zuckerfabrik. Man darf aber nicht glauben, daß es mit dem
Scheitelpunkt zu Ende ist! Dort ist eine Barriere, und dahinter setzt
sich der Graben fort. Dieser Abschnitt gehört den Franzosen. So ist es
hier! Aber, wie gesagt, aus diesem Abschnitt klettern die Franzosen
heraus. Er sieht sie, im Rauch, wie sie herausquellen ...
‚Ein Mann vor mit Handgranaten!‘
Nun, ein Mann geht vor, zum Scheitelpunkt, und wirft Granate um Granate
in die herausquellenden Franzosen.
„Wer war es doch gleich? Ist er nicht hier?“
„Ich war es.“
„Na, dann erzähle du!“
Es ist ein schlesischer Landwirt, ein Bauer, und seine Uniform ist
olivengrün geworden da draußen.
„Ja, also, ich nehme den Arm voll Handgranaten und pfeffere hinein, wie
es eben trifft. Sobald sie wiederkommen, schmeiße ich. Dann bin ich
fertig mit den Handgranaten, und nun heißt es: fort! Ich laufe quer über
das Feld, ohne jede Deckung. Sie schießen hinter mir her, sie treffen
mich aber nicht. Ich springe hinten in den Graben.“
Gut hat er seine Sache gemacht, man muß es ihm lassen! Hoffentlich
bekommt er das Kreuz! Er erzählt schlecht, er stottert, er schämt sich,
zu berichten, was er tat, weil alle ihn ansehen und grinsen.
„Na, nun war nichts mehr zu machen. Nun kamen sie.“ Der Feldwebel mit
den gepflegten Fingernägeln und blanken Augen blickt sich im Kreise um.
„Wer hat übrigens das Grabenstück besetzt gehabt? War das nicht die –?“
„Wir!“ Ein junger Bursche mit runden Augen, knapp zwanzig, die Mütze bis
zur Nasenwurzel, Flaum auf den braunen Backen, tritt vor.
„Warum habt ihr das Grabenstück geräumt? Ihr habt ja das Loch
aufgemacht!“ Die Augen des jungen Feldwebels blicken vorwurfsvoll auf
den Bauernjungen.
Der Bauernjunge bekommt einen roten Kopf. Er ist Soldat und hat seine
Ehre. „Wir waren zusammengeschossen, Herr Feldwebel. Der Graben war – es
war überhaupt nichts mehr da.“
Der Feldwebel wird spöttisch. „Aber das ist doch kein Grund
zurückzugehen?“
„Wir waren nur noch zwölf. Wenn wir so viel waren.“
„Zwölf? Ja, wieviel glaubt ihr denn, daß wir waren? Wenn ihr natürlich
gleich das Loch aufmacht –?“
„Wir hatten Befehl –“
„Na, schön. Bei uns gibt es das nicht. Also nun kamen sie, durch das
Loch, das die da (!) aufmachten – nun kamen sie also. Sie kamen ganz
langsam daher. Sie dachten, die Sache ist in Ordnung und es ist weiter
nichts zu tun. Aber unser Leutnant sagt sich, na, wartet mal, ihr Kerle!
Acht Mann mit Gewehr hinaus aus dem Graben! Hinaus aufs Feld. Sie
klettern und rutschen also raus und schwärmen aus und setzen sich in
Granatlöcher und fangen an zu feuern. Die Franzosen kommen in so dichten
Reihen daher, daß jeder Schuß treffen muß. Eine Schwarmlinie und eine
Sturmkolonne. Sie haben furchtbare Verluste, denken Gott weiß, wieviel
da feuern, und gehen zurück. Ja, so wurde das gemacht. Bei uns verliert
man nicht gleich den Kopf. Es waren also, wie gesagt, nur sechs oder
acht Mann. Dann kamen ein paar mehr aus dem Graben. Unterdessen hielten
wir aber den Angriff von vorn ab. Sie wären uns in den Rücken gekommen,
ja, sie waren schon im Rücken ... Maschinengewehre bauten sie schon
auf.“
„Na, also jetzt, weiter unten. Wie war es denn da weiter unten? Wer war
da weiter unten?“
Er meint in dem Graben gegen die Zuckerfabrik, der sich weiter entfernt
von dem durchbrochenen Grabenstück befand.
„Ich!“ Ein Polacke, Unteroffizier, mit grünen Augen tritt auf.
„Ihr habt den Graben gehalten?“
„Haben wir gehalten, Herr Feldwebel, jawohl. Haben wir bis zuletzt
gehalten.
Haben wir Feuer gehabt, den ganzen Tag. Haben wir gesessen und gewartet.
Graben ganz kaputt. Sind die Franzosen gekommen. Haben wir sie gesehen
kommen durch den Rauch. Haben wir geschossen, bis Gewehr heiß war. Haben
wir in Flanke geschossen. Haben wir Barrikade gebaut, daß Franzose nicht
hereinkam zu uns. Haben wir Handgranaten geworfen. Hin und her. So sind
sie geflogen, immerzu, daß Stiele in der Luft tanzen, so. Alles Rauch.
Ist Morgen gekommen. Hat Franzose einen Graben gebaut, so, hier hat er
gebaut, quer.“
Die Franzosen, heißt das, haben einen Graben vorgetrieben, der senkrecht
stand zu dem Graben des Polacken, von dem eroberten Grabenstück aus, und
im Rücken des Grabens lief, den der junge Feldwebel mit den blanken
Augen hielt.
Der Polacke fährt fort: „Haben wir gesagt, Franzose hat Graben gebaut.
Haben wir Handgranaten geworfen, immerfort. Wenn wir was sehen, daß Sand
aufgeschüttet wird, warfen wir gleich. Plötzlich bekommen wir Feuer von
Granaten. Ein paar Stunden lang, gleich furchtbares Feuer. Die Sandsäcke
fliegen. Ich war gar nicht mehr zu sehen! (Grinsen ringsum!) Plötzlich
bekommt auch er Feuer. Artillerie schießt in seinen Graben, wo er gebaut
hat in der Nacht. Jeder Schuß mitten im Graben! Jeder! Habe ich gesehen!
Französische Artillerie schießt auf unseren Graben, unsere Artillerie
schießt auf französischen Graben. Wie weit? Nicht hundert Meter! Der
Fähnrich wird verwundet. Sagt: Unteroffizier, übernehmen Sie den Zug!
Wie komm ich dazu, den Zug zu übernehmen? (Grinsen ringsum!) Nu, gut,
ich übernehme Zug. Ein Volltreffer nach dem anderen in französischen
Graben. Die Franzosen kommen näher her zu uns. Wollen Schutz suchen. Ich
steh ganz vorn. Jeden einzelnen seh ich. Peng! Weg! Sie flüchten vor
deutschen Granaten, kommen näher. Peng! Seh ich einen, trägt Verwundeten
auf dem Rücken. Peng! Beide fallen sie. Sandsäcke fliegen. Peng!
Handgranaten. Franzosen kriechen aus dem Graben. Wir schießen. Kommt die
Nacht. Schweres Artilleriefeuer auf uns. Seh ich in der Nacht Franzosen
schleichen. Ganz deutlich. Leuchtrakete geht hoch, sehe ich sie kommen.
Sie kommen nicht diesen Weg, diesen Weg kommen sie –“
Er deutet auf die Karte.
„Welchen Weg?“
„Diesen Weg!“
„Das ist ja Blödsinn!“ Man hört sofort, daß der nüchterne Feldwebel
spricht!
Der Polacke wird unsicher, gibt nach. „Diesen Weg, ja. Wir schießen. Ich
höre sie röcheln und schreien. Einer ruft. Ganz nahe. Ich verstehe
nicht, was er will. Was soll ich tun? Soll ich hinaus, ihn holen? Ich
denke, vielleicht macht er uns Schwierigkeiten (!) und werfe
Handgranate. Am Tag sehe ich ihn, es war ein Schwarzer. Er war tot. Am
Morgen wieder Granaten. Eine neben die andere. Wir müssen zurück –.“
„Was müßt ihr –?!“ Der Feldwebel, der das Zurückgehen nicht schmecken
kann!
„Wir waren nur noch _vier_, Herr Feldwebel –.“
Wem gehörte nun der Graben? Den Franzosen oder den tapferen Grauen? Das
ist die Frage. Die Wahrheit aber ist die: er gehörte niemand.
Ein anderer Grauer tritt vor, der zuweilen blinzelt und einen
eigentümlichen scharfen Blick hat. „Ich bin heute nacht draußen
gewesen,“ sagt er, „ich sollte nachsehen – Befehl. Ich kam durch den
Bach und kroch über das Feld. Es ist nichts zu sehen und nichts zu
hören. Ich steige in den zerschossenen Graben. Niemand ist hier. Tote.
Sandsäcke und zerschlagene Gewehre. Aber kein Mensch. Ich gehe bis
hinauf in die französische Sappe und hier liegt alles voller Leichen,
kein lebendes Wesen. Der Franzose hat den Graben geräumt. Daraufhin
haben wir ihn wieder besetzt.“ –
So geht es also dort zu, in den Gräben bei Souchez, wohin sie heute
nacht wieder gehen müssen. Ich habe die tapferen Grauen selbst sprechen
lassen, denn sie erzählen zehnmal besser, als ich es je könnte.