Im Juni

Ich frage, was hat die Granate dort links mitten im Feld zu suchen? Sie

kam heran, ohne besondern Lärm zu machen, und klang wie der Abschuß

irgendeines der Geschütze, die hier in der Umgebung stehen und zuweilen

in den heißen Morgen hineinfeuern. Unsern Ohren muß der Krach

anscheinend aber doch nicht geheuer vorgekommen sein, denn instinktiv

drehten wir alle den Kopf. Nun raucht sie in der grellen Sonne wie der

Qualm eines Kartoffelkrautfeuers. Ein Reiter trabt auf seinem Pferd

feldein. Er reitet in einer Mulde und ist vom Feind nicht einzusehen.

Plötzlich stutzt er, hält das Pferd an und betrachtet den grauweißen

Rauchklumpen im Felde, der sich langsam in die Höhe zieht. Er reitet

weiter, hält wieder an, blickt auf den Rauch, den Himmel, das Feld

ringsum und auf unser Auto. Er dreht bei, siehst du wohl, und macht sich

langsam und in aller Ruhe davon.

Auf dem Felde ist nichts zu sehen, es ist unberührt, hier war nie etwas,

weder ein Graben noch eine Batterie. Ohne Zweifel, die Granate galt uns,

aber sie fiel zu kurz. Wir halten auf der weißen, sonnigen Landstraße,

über das Feld ragen Höhenzüge empor, und dort sitzt der Franzose mit

seinen Fernrohren. Der Hauptmann, der mich fährt, mager und geschmeidig

wie ein Panther, spitzt die Ohren, horcht auf die Abschüsse und äugt

durch das Monokel auf das öde heiße Feld, um den nächsten Einschlag zu

beobachten. Nichts mehr. Sie wollten uns nur andeuten, daß sie immerhin

noch da seien und alles sähen.

Wir fahren weiter. Es ist das Prinzip meines Hauptmanns „lieber etwas zu

riskieren, als zuviel zu laufen“. So sagt er. Gestern schleppte er mich

bei einer Höllenhitze quer über die Abhänge bei Vailly, und hier gab es

Striche, die nackt vor den Franzosen dalagen. Mit dem bloßen Auge

konnten sie uns sehen. Da hieß es dann trab, trab, eins, zwei, drei,

hundert Schritte Abstand und hinüber. Zuletzt kamen wir auf eine

kalkweiße Landstraße auf der leeren Höhe, von der wir uns wie

Tintenflecke abhoben. Wir mußten schließlich in ein Rübenfeld hinein und

durch die hochgeschossenen Samenstauden hindurch. Gelb, wie von

Insektenpulver zugedeckt, tauchten wir wieder auf. Selbst das Monokel

des Hauptmanns war gelb. Der Schweiß lief uns übers Gesicht. Das nannte

mein Hauptmann „abschneiden“.

„Lieber ein bißchen riskieren, aber nur keine Umwege.“ So ist er also

und nicht zu ändern.

Diese Felder ringsum, die in der mörderischen Sonne zittern, sind das

Schlachtfeld von Soissons. Soissons? Es klingt schon, als wäre es in

einem andern Krieg gewesen. So lange ist dieser Krieg! Hier gingen sie

vor, im Januar ... Die Felder sind verlassen und öde. Die Rüben sind ins

Kraut geschossen, der Weizen ist von selbst gewachsen und steht

dazwischen in langen Halmen. Ein grellrotes Feld von Mohn. Verwildert

und verwahrlost sehen diese Felder aus, kein Mensch, kein Tier. Wie ein

verfluchtes Land, das kein Fuß mehr betritt. Die Hitze kocht darüber,

und die Halme stehen regungslos, wie tot. Die Felder haben einmal den

wilden Lärm gehört: Keuchen und Schreien, Röcheln, Kommando, Granaten

und den lauten Fall von vielen Männern. Nun aber schweigen sie. Die

Toten ruhen unter der Erde. Hier! Sie ruhen unter der Erde, ja, aber sie

sind nicht vergessen! In der Sonne kann ich sie ja stehen sehen, im

grellen, lichten Tage, die Mütter, Bräute und Schwestern, die

hierhergekommen sind auf diese heißen Felder, ohne Regung stehen sie und

weinen leise und können es noch immer nicht fassen, daß ihre Lieben

unter dieser Erde ruhen. So stehen sie, die Frauen, ich sehe sie

deutlich, und so werden sie noch viele Jahre stehen und leise weinen,

bis sie selbst in die Erde sinken. Aber noch nach fünfzig Jahren werden

einzelne hier stehen, bis es nach sechzig, siebzig nur noch eine einzige

ist, und auch sie wird in diese Erde hineinsinken. Und auch dann sind

sie noch nicht vergessen, die Toten von Soissons. Verflucht und verrucht

wäre Deutschland, vergäße es sie je! Einer, nach tausend Jahren, schlägt

ein Buch auf, und was schreit ihm entgegen? Schlacht bei Soissons, 11.

bis 15. Januar 1915, Regimenter, Bataillone, Divisionen, Kommandeure und

Generale, der Steinbruch, La Perrière, Crony, das Zuavenwäldchen – und

er, der in einer glücklicheren Zeit lebt, der Kriege so fern sind wie

uns Hexenverbrennungen, er wird der Toten von Soissons gedenken.

Die Gräben und Sappen sind überwuchert von Kräutern und blühenden

Wicken. Sie sind heiß wie Backöfen. Hier ist der Steinbruch, Sandsäcke,

Barrikaden, alles ist noch da. Selbst die Sturmleitern, acht Meter hoch

und sechs Meter breit, stehen noch an Ort und Stelle. Hier mußten sie

hinauf und vor! Hinein in das zischende Feuer. Hier ist der Verhau des

sächsischen Scharfschützen, der vom grauenden Morgen bis in die sinkende

Nacht hier hockte und gar keine Zeit für etwas andres hatte, selbst das

Essen ließ er sich bringen. Zerschmetterte Bäume. Ein Haus, durch das

ein „großer Minenhund“ ging und es glatt zerlegte. La Perrière.

Zerschossen und ausgestorben.

„Sehen Sie her, hier unten liegen die Schwarzen!“

Eine Schlucht wie ein tiefer, runder Brunnen. Ein breiter Erdhügel hebt

sich daraus, nahezu hoch bis zur Straße, Sand, Erde, Schmutz, Moder.

Darunter liegen sie. Man mußte sie aus dem Wege räumen und warf sie

hinein, die Schwarzen, es waren viele. Chlorkalk und Erde darauf, und

fertig war die Sache. Unten bei Berry-au-Bac sah ich an zweitausend

Schwarze vor unsern Stellungen liegen. Sie waren noch unbeerdigt. So ist

der Krieg. Eine Fliege kommt aus dem Brunnen und brummt mich an. Sie

wohnt da unten bei ihnen. Ich fahre zurück. Grauen und Entsetzen trägt

die schmutzige Fliege auf ihren kleinen Flügeln mit herauf. Sie ist die

Seele der Schwarzen und kommt herauf, um Protest zu erheben dagegen, daß

ich hinuntersehe. Fort mit dir! An meinem Schritt schon hat sie erkannt,

daß hier ein Weißer kommt. Sie ist zornig und hartnäckig und treibt mich

in die Flucht. Ich lasse die Schwarzen allein mit ihrer Fliege. Sie ist

alles, was sie haben.

Gräber. Eine ganze Reihe. Es sind die Unsrigen. Die Granaten haben in

letzter Zeit die Kreuze etwas zerzaust und schief geschlagen. Das ist

den Toten einerlei. Die Höllenmaschinen dieser Erde können ihnen nichts

mehr anhaben.

Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die

Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten

Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel,

Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: _Salut aux blessés_.

Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp

deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große,

blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist

ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns

keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein

Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein

Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der

Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert.

Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er

kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan.

Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y,

Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir

ans Ziel.

Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des

Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein

Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in

der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen

gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause.

Hier ist es kühl und schattig.

Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt

das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein

eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern.

Und da unten, zum Greifen nahe, liegt _Soissons_!

Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel,

schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an

den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und

Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und

Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe.

St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der

andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint

einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben

rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine

Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm.

Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim

Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit

dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt

beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln

raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von

Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht,

wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte

strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen,

Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden

Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß.

Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne

blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel,

grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles

schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts.

Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind

Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus

Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr

die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich

einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei

und hinüber. Nichts.

„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier.

„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld.

Heute morgen hoch oben ein Reiter.“

Wo der Fluß blinkt, im Feld, sind die Gräben. Man sieht die gelben

Striche mit dem bloßen Auge. Aber selbst mit dem ausgezeichneten Glas

kann man keine Spur von Leben in den Gräben entdecken. Bei der

Baumschule dort, an einer Telegraphenstange, hängt eine französische

Flagge. Sie wurde heute nacht angebracht.

Plötzlich aber entdecke ich doch etwas! Aus einem grauen Dorf, gerade

gegenüber, einem Vorort, steigt eine runde Wolke wie von Wasserdampf.

Aber nichts regt sich, keine Seele. Das Dorf scheint verlassen. Die

Wolke verdichtet sich, reckt sich höher, es kommt Leben in sie, Nahrung,

die Granate hat gezündet. Fünf Minuten und sie wächst und wächst.

Plötzlich aber wird sie rasch kleiner und kleiner: es sind also doch

Menschen dort in dem toten Dorf! Französische Reserven liegen dort.

Es kracht in der Nähe. Abschuß! Eine Granate rauscht und gurgelt über

unsre Köpfe hinweg, hinüber nach Soissons. Die Sekunden vergehen. Wo

wird sie aufschlagen? Eine weiße Wolke, dort bei den roten, neuen

Schuppen. Dann erst der scharfe Knall des Aufschlags. Die Schuppen sind

die letzten Häuser des Vororts St. Paul. Nichts regt sich, kein Mensch

erscheint, um nachzusehen, was die Granate hier bei den Schuppen will.

Die weiße Wolke zerstiebt.

Abschuß! Mächtig schleift die Granate durch die Luft. Sie schlägt vor

den Schuppen in eine Baumgruppe ein. Die Bäume rauchen. Plötzlich röhrt

und rauscht es näher über dem Unterstand. Bekommen wir Antwort? Nein.

Der Abschuß fiel mit dem Krach der einschlagenden Granate zusammen. Eine

graue Wolke hängt über der Baumgruppe, ein gespenstischer, grauer

Oktopus, der seine Fangarme langsam nach den Bäumen ausstreckt. Ein

Schrapnell.

Soissons aber liegt und regt sich nicht. Wie die Gazelle vor den Augen

des Tigers liegt es da.

Der Krieg im Westen · 第 31 / 82 题