Ich frage, was hat die Granate dort links mitten im Feld zu suchen? Sie
kam heran, ohne besondern Lärm zu machen, und klang wie der Abschuß
irgendeines der Geschütze, die hier in der Umgebung stehen und zuweilen
in den heißen Morgen hineinfeuern. Unsern Ohren muß der Krach
anscheinend aber doch nicht geheuer vorgekommen sein, denn instinktiv
drehten wir alle den Kopf. Nun raucht sie in der grellen Sonne wie der
Qualm eines Kartoffelkrautfeuers. Ein Reiter trabt auf seinem Pferd
feldein. Er reitet in einer Mulde und ist vom Feind nicht einzusehen.
Plötzlich stutzt er, hält das Pferd an und betrachtet den grauweißen
Rauchklumpen im Felde, der sich langsam in die Höhe zieht. Er reitet
weiter, hält wieder an, blickt auf den Rauch, den Himmel, das Feld
ringsum und auf unser Auto. Er dreht bei, siehst du wohl, und macht sich
langsam und in aller Ruhe davon.
Auf dem Felde ist nichts zu sehen, es ist unberührt, hier war nie etwas,
weder ein Graben noch eine Batterie. Ohne Zweifel, die Granate galt uns,
aber sie fiel zu kurz. Wir halten auf der weißen, sonnigen Landstraße,
über das Feld ragen Höhenzüge empor, und dort sitzt der Franzose mit
seinen Fernrohren. Der Hauptmann, der mich fährt, mager und geschmeidig
wie ein Panther, spitzt die Ohren, horcht auf die Abschüsse und äugt
durch das Monokel auf das öde heiße Feld, um den nächsten Einschlag zu
beobachten. Nichts mehr. Sie wollten uns nur andeuten, daß sie immerhin
noch da seien und alles sähen.
Wir fahren weiter. Es ist das Prinzip meines Hauptmanns „lieber etwas zu
riskieren, als zuviel zu laufen“. So sagt er. Gestern schleppte er mich
bei einer Höllenhitze quer über die Abhänge bei Vailly, und hier gab es
Striche, die nackt vor den Franzosen dalagen. Mit dem bloßen Auge
konnten sie uns sehen. Da hieß es dann trab, trab, eins, zwei, drei,
hundert Schritte Abstand und hinüber. Zuletzt kamen wir auf eine
kalkweiße Landstraße auf der leeren Höhe, von der wir uns wie
Tintenflecke abhoben. Wir mußten schließlich in ein Rübenfeld hinein und
durch die hochgeschossenen Samenstauden hindurch. Gelb, wie von
Insektenpulver zugedeckt, tauchten wir wieder auf. Selbst das Monokel
des Hauptmanns war gelb. Der Schweiß lief uns übers Gesicht. Das nannte
mein Hauptmann „abschneiden“.
„Lieber ein bißchen riskieren, aber nur keine Umwege.“ So ist er also
und nicht zu ändern.
Diese Felder ringsum, die in der mörderischen Sonne zittern, sind das
Schlachtfeld von Soissons. Soissons? Es klingt schon, als wäre es in
einem andern Krieg gewesen. So lange ist dieser Krieg! Hier gingen sie
vor, im Januar ... Die Felder sind verlassen und öde. Die Rüben sind ins
Kraut geschossen, der Weizen ist von selbst gewachsen und steht
dazwischen in langen Halmen. Ein grellrotes Feld von Mohn. Verwildert
und verwahrlost sehen diese Felder aus, kein Mensch, kein Tier. Wie ein
verfluchtes Land, das kein Fuß mehr betritt. Die Hitze kocht darüber,
und die Halme stehen regungslos, wie tot. Die Felder haben einmal den
wilden Lärm gehört: Keuchen und Schreien, Röcheln, Kommando, Granaten
und den lauten Fall von vielen Männern. Nun aber schweigen sie. Die
Toten ruhen unter der Erde. Hier! Sie ruhen unter der Erde, ja, aber sie
sind nicht vergessen! In der Sonne kann ich sie ja stehen sehen, im
grellen, lichten Tage, die Mütter, Bräute und Schwestern, die
hierhergekommen sind auf diese heißen Felder, ohne Regung stehen sie und
weinen leise und können es noch immer nicht fassen, daß ihre Lieben
unter dieser Erde ruhen. So stehen sie, die Frauen, ich sehe sie
deutlich, und so werden sie noch viele Jahre stehen und leise weinen,
bis sie selbst in die Erde sinken. Aber noch nach fünfzig Jahren werden
einzelne hier stehen, bis es nach sechzig, siebzig nur noch eine einzige
ist, und auch sie wird in diese Erde hineinsinken. Und auch dann sind
sie noch nicht vergessen, die Toten von Soissons. Verflucht und verrucht
wäre Deutschland, vergäße es sie je! Einer, nach tausend Jahren, schlägt
ein Buch auf, und was schreit ihm entgegen? Schlacht bei Soissons, 11.
bis 15. Januar 1915, Regimenter, Bataillone, Divisionen, Kommandeure und
Generale, der Steinbruch, La Perrière, Crony, das Zuavenwäldchen – und
er, der in einer glücklicheren Zeit lebt, der Kriege so fern sind wie
uns Hexenverbrennungen, er wird der Toten von Soissons gedenken.
Die Gräben und Sappen sind überwuchert von Kräutern und blühenden
Wicken. Sie sind heiß wie Backöfen. Hier ist der Steinbruch, Sandsäcke,
Barrikaden, alles ist noch da. Selbst die Sturmleitern, acht Meter hoch
und sechs Meter breit, stehen noch an Ort und Stelle. Hier mußten sie
hinauf und vor! Hinein in das zischende Feuer. Hier ist der Verhau des
sächsischen Scharfschützen, der vom grauenden Morgen bis in die sinkende
Nacht hier hockte und gar keine Zeit für etwas andres hatte, selbst das
Essen ließ er sich bringen. Zerschmetterte Bäume. Ein Haus, durch das
ein „großer Minenhund“ ging und es glatt zerlegte. La Perrière.
Zerschossen und ausgestorben.
„Sehen Sie her, hier unten liegen die Schwarzen!“
Eine Schlucht wie ein tiefer, runder Brunnen. Ein breiter Erdhügel hebt
sich daraus, nahezu hoch bis zur Straße, Sand, Erde, Schmutz, Moder.
Darunter liegen sie. Man mußte sie aus dem Wege räumen und warf sie
hinein, die Schwarzen, es waren viele. Chlorkalk und Erde darauf, und
fertig war die Sache. Unten bei Berry-au-Bac sah ich an zweitausend
Schwarze vor unsern Stellungen liegen. Sie waren noch unbeerdigt. So ist
der Krieg. Eine Fliege kommt aus dem Brunnen und brummt mich an. Sie
wohnt da unten bei ihnen. Ich fahre zurück. Grauen und Entsetzen trägt
die schmutzige Fliege auf ihren kleinen Flügeln mit herauf. Sie ist die
Seele der Schwarzen und kommt herauf, um Protest zu erheben dagegen, daß
ich hinuntersehe. Fort mit dir! An meinem Schritt schon hat sie erkannt,
daß hier ein Weißer kommt. Sie ist zornig und hartnäckig und treibt mich
in die Flucht. Ich lasse die Schwarzen allein mit ihrer Fliege. Sie ist
alles, was sie haben.
Gräber. Eine ganze Reihe. Es sind die Unsrigen. Die Granaten haben in
letzter Zeit die Kreuze etwas zerzaust und schief geschlagen. Das ist
den Toten einerlei. Die Höllenmaschinen dieser Erde können ihnen nichts
mehr anhaben.
Dicht neben dem Friedhof hat sich ein Major eine Baude gezimmert. Die
Decke, der Plafond besser gesagt, besteht aus zwei gehäkelten
Bettdecken, die eine Art Baldachin bilden. Ein vergoldeter Sessel,
Empire, sehr nobel. An der Wand ein Öldruck: _Salut aux blessés_.
Französische Offiziere, hoch zu Roß, an einer Landstraße. Ein Trupp
deutscher Gefangener wird vorbeigeführt. Die Gefangenen sind große,
blonde Männer, verwundet, die Offiziere lüften das Käppi. Der Major ist
ein Mann von Welt und zieht sofort eine Flasche auf. Leider kann er uns
keine Zigarren anbieten. Sitzt er da gestern hier in seinem Sessel, sein
Wachtmeister dort, auf dem Tisch stehen die Zigarren, kommt ein
Granatsplitter angefegt und zerschlägt ausgerechnet die Zigarren. An der
Wand sind Bretter und Stäbe zersplittert.
Mein Hauptmann entschließt sich nun doch, das Auto stehen zu lassen. Er
kann schließlich nicht bis in die Gräben fahren. Es geht bergan.
Wegweiser, Holzbrettchen mit Aufschriften: Batterie X, Geschütz Y,
Beobachtungsstand Z. Dahin wollen wir. Auf Schleichwegen gelangen wir
ans Ziel.
Der Beobachtungsstand Z. ist keineswegs so nobel wie die Baude des
Majors unten. Er ist ein dunkles Erdloch. Eine Ruhebank, ein Stuhl, ein
Telephonapparat, das ist die ganze Einrichtung. Zwei Schatten hausen in
der dunklen Höhle. Ein Offizier und ein Soldat. Verbeugungen
gegenseitig, ein Händedruck, wir sind zu Hause.
Hier ist es kühl und schattig.
Durch einen Spalt, einen knappen Meter lang und eine Spanne hoch, fällt
das Licht des Tages. Vor dem Schlitz steht das Scherenfernrohr. Wie ein
eleganter Teufel auf dünnen Spinnenbeinen, mit grauen, dicken Hörnern.
Und da unten, zum Greifen nahe, liegt _Soissons_!
Eine Stadt! Dicht aneinandergedrängt stehen Häuser und Giebel,
schiefergrau und staubig rostgelb. Man blickt in Straßen hinein, kann an
den Krümmungen der Giebelreihen das Gewimmel von Straßen, Gassen und
Plätzen haarscharf erkennen. Aus der Stadt erheben sich Kirchen und
Türme, auffallend hoch, denn selten sieht man eine Stadt aus der Höhe.
St. Jean des Vignes, zwei spitze Türme, einer etwas niedriger als der
andre, Gotik, alles ganz genau. Rechts davon die Kathedrale. Sie scheint
einfacher gehalten zu sein. Der stumpfe Turm leuchtet in der Sonne. Oben
rechts ein weißer Fleck. Ein Loch? Durch das Glas sieht man, daß eine
Granate in den Kantenpfeiler gefahren ist. Es ist weiter nicht schlimm.
Regierungsgebäude, langgestreckt und ehrwürdig grau, Schuppendächer beim
Bahnhof, Fabriken. Mit bloßem Auge sieht man die einzelnen Fenster, mit
dem Glas die Fensterkreuze. Die Stadt aber ist tot. Kein Fenster blinkt
beim Schließen oder Öffnen, kein einziger der Kamine auf den Giebeln
raucht. Auch nicht eine Spur von Leben, und doch hausen Tausende von
Menschen in der stillen Stadt. Sie stellt sich tot, nur in der Nacht,
wenn es ganz finster ist, kann sie ein wenig Atem holen. Die Vororte
strahlen von ihr aus in das grüne Tal der Aisne. Neue Häusergruppen,
Schuppen, Fabriken. Eine leuchtend gelbe Fabrik auf dem ansteigenden
Hang hinter der Stadt, blendend in der Sonne wie ein Schloß.
Breit und sonnig liegt das Flußtal. Ein paar Krümmungen der Aisne
blitzen in der Sonne. Erlengebüsche, Baumgruppen, Dörfer und die Hügel,
grün, zum Teil bewaldet. Hoch oben und fern ein paar Häuser. Alles
schweigt. Ein paar Geschütze feuern zuweilen, sonst regt sich nichts.
Unten, in Deckung, hantieren Leute, so groß wie Fliegen. Es sind
Feldgraue. Einer sägt Holz. Straßen, staubige Landstraßen, die sich aus
Soissons emporwinden, ohne Leben. Ich streiche mit dem Scherenfernrohr
die Hügel ab, die Landstraße, Hänge und Wäldchen, vielleicht sehe ich
einen Menschen von Baum zu Baum huschen, oder einige – eins, zwei, drei
und hinüber. Nichts.
„Sehen Sie denn nichts?“ frage ich den Offizier.
„Nein, gar nichts. Vor einer Viertelstunde sah ich einen Mann im Feld.
Heute morgen hoch oben ein Reiter.“
Wo der Fluß blinkt, im Feld, sind die Gräben. Man sieht die gelben
Striche mit dem bloßen Auge. Aber selbst mit dem ausgezeichneten Glas
kann man keine Spur von Leben in den Gräben entdecken. Bei der
Baumschule dort, an einer Telegraphenstange, hängt eine französische
Flagge. Sie wurde heute nacht angebracht.
Plötzlich aber entdecke ich doch etwas! Aus einem grauen Dorf, gerade
gegenüber, einem Vorort, steigt eine runde Wolke wie von Wasserdampf.
Aber nichts regt sich, keine Seele. Das Dorf scheint verlassen. Die
Wolke verdichtet sich, reckt sich höher, es kommt Leben in sie, Nahrung,
die Granate hat gezündet. Fünf Minuten und sie wächst und wächst.
Plötzlich aber wird sie rasch kleiner und kleiner: es sind also doch
Menschen dort in dem toten Dorf! Französische Reserven liegen dort.
Es kracht in der Nähe. Abschuß! Eine Granate rauscht und gurgelt über
unsre Köpfe hinweg, hinüber nach Soissons. Die Sekunden vergehen. Wo
wird sie aufschlagen? Eine weiße Wolke, dort bei den roten, neuen
Schuppen. Dann erst der scharfe Knall des Aufschlags. Die Schuppen sind
die letzten Häuser des Vororts St. Paul. Nichts regt sich, kein Mensch
erscheint, um nachzusehen, was die Granate hier bei den Schuppen will.
Die weiße Wolke zerstiebt.
Abschuß! Mächtig schleift die Granate durch die Luft. Sie schlägt vor
den Schuppen in eine Baumgruppe ein. Die Bäume rauchen. Plötzlich röhrt
und rauscht es näher über dem Unterstand. Bekommen wir Antwort? Nein.
Der Abschuß fiel mit dem Krach der einschlagenden Granate zusammen. Eine
graue Wolke hängt über der Baumgruppe, ein gespenstischer, grauer
Oktopus, der seine Fangarme langsam nach den Bäumen ausstreckt. Ein
Schrapnell.
Soissons aber liegt und regt sich nicht. Wie die Gazelle vor den Augen
des Tigers liegt es da.