Der Franzmann – so nennen die Frontsoldaten den Franzosen – der
Franzmann versucht sein Heil an verschiedenen Stellen, die ihm einige
Aussicht auf Erfolg zu bieten scheinen. Seit sechs Wochen trommelt er
oben bei Arras, und am 16. und 17. Juni sah es dort aus, als wolle er
Frankreich in Grund und Boden schießen. Er hat keine Zeit mehr zu
versäumen, das weiß er recht wohl. Vorwärts, Regiment um Regiment wirft
er gegen die Gewehre, jeder Schritt kostet ihm Tausende. Bei Arras
verbiß er sich, er kam nicht weiter, und so versuchte er es an andrer
Stelle. Bei Moulin-sous-Touvent, etwa zwanzig Kilometer nordwestlich von
Soissons. Er wollte durch, er wollte zum mindesten Truppen und Geschütze
fesseln, abziehen von da oben, und er ging mit großartiger Energie zu
Werke. Es war umsonst. Er gewann einen Graben, aber er bezahlte ihn zu
teuer, viel zu teuer. Man legt sich hundert Meter dahinter, und nun
liegt man wieder mit geschliffenen Zähnen, die Maschinengewehre stehen
an ihrem Platz, Gräben, Drahtverhaue, alles wie früher.
Die Kämpfe aber waren furchtbarer, als die paar Zeilen in den
Wolff-Telegrammen es ahnen lassen. Sie waren ein kleines Arras, ein
Stück Arras, es ging hier zu ganz wie da oben bei Souchez und Neuville.
Aber die gleichen Leute wie bei Souchez und Neuville standen auch hier,
und sie stehen überall an der Front, wo Joffre anklopft. Je näher man
unsre Leute kennenlernt, desto mehr überraschen sie. Sie waren niemals
weich, o nein, aber der Krieg hat sie stahlhart geschweißt. Sie sind
braun und hart wie Erz. Sie waren tapfer, nun aber, nach langen Monaten,
sind sie unüberwindlich. Jeder einzelne ist ein Panzerturm für sich, ein
Graben mit Drahtverhauen ringsum, und jeden einzelnen Mann muß Joffre
einzeln mit Granaten zusammentrommeln, anders geht es nun nicht mehr.
Sieht man einen Kanonier in seinen schweren Stiefeln, so scheint er
selbst wie ein Mörser zu sein, ein Mörser, mit dem nicht zu spaßen ist.
Ein Schrapnell zerspritzt vor der Batterie, der Hauptmann schreit: „Weg
da!“ Der Kanonier rührt sich nicht: „Wegen mir, Herr Hauptmann, da muß
schon ne Lage kommen.“ Ja, Kerle sind sie, das muß man sagen!
Wären sie anders, dann wäre es bei Arras und Moulin-sous-Touvent nicht
so gegangen! Hundert Meter zurück und alles wie früher, nein ... denn
er, der Franzmann, ist ein Gegner, vor dem man den Degen senken muß. Im
Friedhof zu Anizy-le-Château ruht ein französischer Batteriechef, der
Kapitän Lerroy Beaulieu. Seine Batterie war zerschossen, die Mannschaft
tot, ganz allein bediente er noch das letzte Geschütz, und dann feuerte
er mit dem Revolver auf unsre stürmenden Grauen. Ein Hurra unsern
Grauen, ein Hurra dem Kapitän Lerroy Beaulieu! Solche tapferen Leute
haben sie viele da drüben. Nicht wir allein besitzen sie, es wäre
falsch, das zu denken.
Ich habe einen Oberleutnant gesprochen, der bei Moulin-sous-Touvent in
den letzten vierzehn Tagen ununterbrochen kämpfte. Er war lang und
hager, sein Gesicht scharf und kantig gemeißelt. Seine Augen stahlhart,
und immer zeigte er ein wenig die obern Zähne. Er war nicht gerade
elegant, aber er legte auch keinen Wert darauf. Sein langer, grauer
Mantel war an einzelnen Stellen abgeschliffen, voller Falten, und
schimmerte von den Farben der Erde und des Grases und einem sonderbaren
Rostrot. Die ganzen vierzehn Tage hatte er kaum ein Auge zugemacht, hier
und da zehn Minuten, das war alles. Es ging nicht anders! Sie hockten in
rasch aufgeworfenen Gräben, aber er hatte keine Zeit, an sich selbst und
die persönliche Gefahr zu denken. Es gab zu tun. Die Truppe, nichts
andres als die Truppe! Kein andrer Gedanke. Er ist der Kopf und das Herz
der Leute. Man darf nicht vergessen, daß die Flagge, die schwarzweißrote
Flagge des Reiches, unsichtbar all die vierzehn Tage und vierzehn Nächte
über seinem Kopfe und seiner schiefen, verknüllten und staubigen Mütze
knatterte, das darf man nicht vergessen – anders wäre es ihm und den
andern wohl nicht möglich gewesen, die vierzehn Tage und Nächte
auszuhalten.
So war es also bei Moulin-sous-Touvent, und so ist es zum Teil noch
heute.
Am 5. Juni nachmittags begann der Franzose zu trommeln, und er trommelte
volle drei Stunden lang. Am 6., am Sonntag, trommelte er weiter von
sieben Uhr bis zehn, ein halb elf. Die Drahtverhaue müssen eingetrommelt
sein, die vordersten Gräben, denn anders ist ein Sturm unmöglich, will
man nicht, daß ein ganzes Regiment in den Drähten hängen bleibt. Dazu
hielt er alle Zugänge und Verbindungswege unter Feuer, damit niemand vor
und zurück konnte. So ist es jedesmal, die Taktik steht fest. Dieses
Wirbelfeuer war das fürchterlichste, das mein Oberleutnant je erlebte.
Und dann kamen die Schwarzen angefegt! Das Plateau ist eben, Gras und
Halme, so kamen sie heran, die schwarzen Kugelfänger der Franzosen, die
den ersten Regen von Geschossen mit ihren dicken Mäulern schlucken
sollen. In einer Breite von zwölfhundert Metern, in mehreren Kolonnen,
kamen sie näher. Erst die Granaten, dann die Schwarzen, es ist immer das
gleiche Rezept. Der Franzose weiß wohl einen Unterschied zwischen
Schwarz und Weiß zu machen! O, ganz gewiß. Afrika _brütet_. Die
dunkelhäutigen Mütter sind Tiere, die Junge werfen, und die
dunkelhäutigen Mütter haben keine Augen, um Tränen zu vergießen. Nein!
Dein schönes, edles Antlitz, Frankreich, auf das du so stolz bist, und
das du so gern bewundern läßt, es ist geschändet. In deinen Salons und
Parlamenten, in denen so viel gesprochen wird von Menschenwürde,
Menschlichkeit und Gleichheit und ähnlichen Dingen, wird für ewig ein
Gestank sein, der Gestank von hunderttausend schwarzen, faulenden
Kadavern, die du in diesem Kriege zynisch geschlachtet hast. Nie, nie
wirst du diesen Gestank mit deinen Parfümen ersticken können, niemals,
du weißt es wohl! Wohlgemerkt, ich habe deinem tapfern Kapitän Lerroy
Beaulieu ein Hurra gebracht, denn ich liebe und bewundere ihn, er ist
das Frankreich von einst, aber ich verabscheue dich, wenn du, roh und
schamlos, die Peitsche des Tierbändigers schwingst. Afrika wird dir nie
vergeben, denke an mich! Es wird dir ja nicht gelingen alle Schwarzen
abzuschlachten, und einige werden wohl oder übel zurückkehren in ihre
Dörfer. Sie sprechen deine Sprache nicht, aber dort können sie sich
verständlich machen, und man wird sie verstehen. Man wird dir die
Rechnung vorlegen, und du wirst erbleichen, denke an mich! Sie werden
deine Bataillone niedermetzeln und ihre Köpfe auf Spieße stecken. Dann
wirst du schreien, sie sind Tiere, und das unwissende, belogene und
verlogene Europa wird dir glauben, daß sie Tiere sind, und vor Empörung
beben.
Kurz und gut, die Schwarzen müssen vor! Ein gerader, nicht
mißzuverstehender Blick ins Auge, ein Griff an den Revolver – du
verstehst mich wohl! – Maschinengewehre im Rücken, der Schwarze
versteht. Er schnellt vor wie ein Tier, das um sein Leben läuft,
Maschinengewehre voraus, Maschinengewehre im Rücken, der Todesschweiß
glänzt auf den dunkelhäutigen Gesichtern.
So kamen sie heran bei Moulin-sous-Touvent in den heißen Stunden der
Schlacht. Sie fielen wie Hammel, in die der Blitz schlägt. Dann erst
fluteten die Wellen der französischen Infanterie heran. Die Übermacht
war so groß, daß es Wahnsinn gewesen wäre, sie in zerschossenen Gräben
und Granattrichtern zu erwarten. Man ging zurück. Aber die flankierenden
Gräben standen wie Festungen und gaben Flankenfeuer. Verlängerungen
wurden vorgetrieben, um die Flankenstellungen auszudehnen. Die Schlacht
war im Gange. Reserven kamen blitzschnell heran, vorwärts, Sturm! Um
sechs Uhr abends war der Feind wieder zurückgeworfen. Was er noch hielt,
waren zwei zusammengetrommelte Gräben von etwa hundert Meter Tiefe. Die
ganze Nacht hagelten die Granaten bis acht Uhr morgens. Die Kämpfe wogen
hin und her. Die Gewehre peitschen, die Maschinengewehre hämmern, Minen,
Handgranaten. Unsre Grauen hocken in rasch aufgeworfenen Gräben,
Sandsäcke vor, es ist heiß, staubig und stickig. Sappen, Gräben, man
beißt sich langsam durch die Erde näher. So geht es fort, ohne Pause,
bis zum 14. Es ist immer das gleiche. Das heißt, es ist immer _gleich
furchtbar, gleich blutig_, es erfordert immer den gleichen Mut, die
gleiche Ausdauer, die gleiche unmenschliche Anstrengung!
Am 14. abends setzten wir zum Gegenstoß an und nahmen den Franzosen
einen Graben weg. Unsre Geschütze trommelten nun ihrerseits. Die
feindlichen Reserven wurden zugedeckt. Ein feindliches Bataillon in
Reservestellung geriet, wie Gefangene aussagten, derart in die Zähne
unsrer Haubitzen, daß der Kommandeur das Kommando: „_Sauve qui peut!_“
gab. So ging es hin und her. Am 16. machte der Franzose drei wütende
Vorstöße. Den Tag leitete er mit Wirbelfeuer ein wie gewöhnlich. Um elf
Uhr brach er nördlich von Moulin bei der Ferme Quennevie vor. Die
kleinen Vorteile, die er dort errang, nahmen ihm unsre Grauen am Abend
wieder ab, und somit war es wieder nichts. Ein Angriff etwas südlicher
scheiterte. Um drei Uhr nachmittags griff er zum dritten Male an diesem
Tage an. In dichten Kolonnen stürmte er vor, kühn und tapfer, aber der
Sturm brach in unsrem Infanteriefeuer zusammen.
In den ersten Tagen des Angriffs hatte er schwere Verluste, am 16. aber
ungeheure. Ein kleines Grabenstück, das nicht den geringsten Wert hat,
war das Resultat der vierzehntägigen Schlacht, die, wie mir mein hagerer
Oberleutnant versicherte, heißer war als die Schlachten bei Soissons und
Vailly. Sie ist noch nicht ganz zu Ende, es flackert immer noch auf da
oben – aber eines ist gewiß: so wenig es Joffre gelang bei Arras
durchzubrechen, so wenig gelang ihm sein verzweifelter Versuch bei
Moulin-sous-Touvent. Und er wird ihm nicht gelingen. Er mag anklopfen,
wo er will, immer wird er auf die gleichen Leute stoßen wie bei Arras
und Moulin-sous-Touvent – ob sie nun sächsisch sprechen oder bayrisch
oder märkisch oder schwäbisch – es sind immer die gleichen. Es sind
Kerle, braun und hart wie Erz.