Im Juni

Seit vielen Wochen hat Douai Gewitter. Es sind Gewitter jeden Formats,

fürchterliche, wovon die Stadt erzittert, und harmlosere, die nur leise

knurren. Sie währen Tag und Nacht. Sie ziehen in Rudeln um die Stadt,

prallen aufeinander, toben und poltern, im grauen Morgen rumoren sie

ferner, mit jeder Stunde des Tages aber kommen sie wieder näher. Am

Abend wüten sie am lautesten. Dabei ist der Himmel über den Dächern der

Stadt blau und heiß.

Eines Nachmittags zog ein wirkliches, ein natürliches Gewitter über die

Stadt herauf, aber es konnte nicht aufkommen gegen die Konkurrenz, es

brummte ein bißchen und war wieder weg.

Die Kanonen von Arras, Loretto und Souchez aber schlugen weiter, dumpf

und zornig, wie seit Wochen. Die Bewohner von Douai kennen es nicht

anders, sie gehen mit Kanonenschlägen zu Bett. Wie der Müller erwacht,

wenn das Rad stehen bleibt, so werden Douais Bürger einmal erschrocken

auffahren, wenn der Geschützdonner plötzlich schweigen sollte.

Jeden Tag aber, einmal, zweimal und öfter, löst sich aus dem großen

Gewitter ein kleines Separatgewitter los und erscheint direkt über der

Stadt. Dann kracht und poltert es ganz in der Nähe, die Stadt selbst

kracht. Douai bekommt Besuch. Der fällige Flieger erscheint, klein und

golden wie eine Mistfliege, um nachzusehen, ob Douai noch steht, um

seinen Landsleuten ein paar Bomben auf die Köpfe zu schmeißen und um

nach Neuigkeiten in den Straßen und auf dem Bahnhof zu schnüffeln. Dann

sieht man die Schrapnelle oben im heißen Blau des Himmels platzen. Man

sieht die weißen Schrapnellwölkchen, während man seinen Kaffee trinkt,

und man sieht sie, wenn man zufällig einmal den Kopf zum Fenster

hinaussteckt. Der Flieger gehört hier zum täglichen Brot, wenn man so

sagen kann. Einmal kamen sie in der Nacht und warfen achtundsechzig

Bomben; sie warfen neulich fünfzig auf den Flugplatz bei der Stadt, ohne

eine Katze zu treffen, sie warfen wiederholt auf den Bahnhof; man ist

hier nie ganz sicher, ob nicht eine Bombe unterwegs ist. Vor drei Tagen

warfen sie Zeitungen herunter, eine gutgemeinte Aufforderung an unsre

Soldaten, nach Hause zu gehen, da ja nun auch Italien das Messer für sie

wetze ...

Seit einigen Tagen kommen sie seltener, und wenn sie kommen, fliegen sie

in Rekordhöhe. Sobald sie gemeldet werden, erscheint der deutsche

Kampfflieger über der Stadt, der _Luftpolizist_. Er brummt hoch über den

Dächern dahin, zieht weite Kreise um den Beffroi, dann stellt er den

Motor ab und sticht wie ein Habicht in die Tiefe, um zu landen. Ein paar

Minuten später ist er schon wieder oben und brummt. Zwei Franzosen hat

er in den letzten Tagen ohne viele Umstände abgeschossen. Ich habe die

Luftpolizisten gesehen und auch die Maschine. Sie haben mir ihre

Schliche erklärt und den Apparat vorgeführt. Es sind reizende Leute,

aber ich möchte ihnen nicht da oben begegnen, so in 2000 Meter Höhe.

Das große Gewitter aber grollt weiter, während die Abwehrkanonen

knallen.

Douai ist eine mittlere Provinzstadt, mit einem rechteckigen Marktplatz,

wie ihn alle französischen kleinen Provinzstädte hier im Norden haben.

Ein paar Droschken stehen da, mit jämmerlichen Pferden, ganz wie in

Berlin. Zum Glück haben sie nie etwas zu tun. Ein paar schöne alte

Kirchen, ein hübscher Stadtpark mit ein paar modernen Denkmälern im

Geschmack der Provinz, gewundene, nicht gerade breite Straßen – schon

ist Douai zu Ende, und die Industrie, die Kohle beginnt. Es gibt noch

prächtige Sachen hier zu kaufen: feinste, allerfeinste Kuchen, Orangen,

Zitronen, Spargel, Artischocken, Konserven, Butter, Streichhölzer,

Tabak, kurz alles, was ein Europäer nötig hat. Die Leute leiden keine

Not. Unerschöpflich müssen ihre Vorräte und Reserven sein. Im November

war ich hier, und aus dem Keller eines Händlers wurde ein großes Weinfaß

gerollt und auf einen Wagen geladen. Heute sah ich aus dem gleichen

Keller riesige Fässer rollen. Es ist mir unbegreiflich! Und doch wird

hier nicht wenig getrunken, das kann niemand behaupten. In der Nähe des

Rathauses hat sich eine deutsche Bierhalle aufgetan, aber fast immer

hängt an der geschlossenen Türe ein Plakat: Ausverkauft! Nur einmal traf

ich es glücklich, die Halle war geöffnet. Die Feldgrauen spülten sich

den Staub hinunter, am nächsten Tage schon wieder: Ausverkauft. Wie

wunderbar und rätselhaft ist dagegen der Weinkeller des französischen

Händlers! Wenn ich das Faß im November nicht gesehen hätte, so würde ich

gar nichts sagen, aber nun rollen sie hier schon monatelang Fässer

heraus ...

Im Herbst zogen in Douai fünf Feldgraue ein, besahen sich die Stadt und

verschwanden wieder. Ein paar Wochen später kamen mehr, und nun gingen

sie nicht wieder fort. Die französischen Soldaten, die geflüchtet waren,

verbargen sich in den Häusern und warfen Uniformen und Gewehre auf die

Straße. Welche Angst, welch schreckliche Angst hatten die Leute von

Douai anfangs vor den deutschen Soldaten. Aber es zeigte sich, daß alles

Schwindel war. _Les journaux!_ Nichts begeistert die Franzosen mehr, als

sich tüchtig belügen zu lassen. Die Lüge ist Phantasie, Rausch, Genie,

die Wahrheit ist allzu nüchtern. Kurz und gut, Douai setzte seine

Papiergeldpresse in Bewegung und damit war die Sache im Gange. Unsre

Verwaltung ist einsichtsvoll und der Bürgermeister ist vernünftig, also

wurden größere Reibungen vermieden. Douai hat sein Schicksal, aber man

muß gestehen, es trägt es mit Würde. Die Leute sind höflich und

taktvoll, sie haben sich an die Feldgrauen gewöhnt. Ja, eines Tages,

eines Tages werden sie ja doch wieder verschwinden. Es ist nicht für

ewig.

„_La guerre est triste, pour nous, pour vous, pour tout le monde!_“

Jedermann gebraucht hier diese Redensart, der Kaufmann, die Verkäuferin,

der Kellner. Sie leiern diese Phrase ohne jede Betonung und ohne zu

denken herunter, wie einen Spruch, den man hundertmal am Tage hersagt.

Oder: „_Oh, cette guerre, quand sera-t-elle finie?_“ – Gott allein weiß

es. (Origineller drückte sich ein Kellner aus: „Dieser Krieg ist eine

internationale Schweinerei, mein Herr, ich bin Kosmopolit!“)

Mitte Mai hatte Douai seine großen Tage. Es war in der Zeit der wütenden

französischen Vorstöße. Man buk Kuchen und band Blumensträuße.

Auffallend viele Zylinder und schwarze Gehröcke erschienen in der

Straße. Der Bürger schnupperte in der Luft. Man wartete! Joffre hatte

gesagt (so erzählt man!), er hatte gesagt, er werde am 12. in Douai

soupieren. In Lens wollte er frühstücken und am Abend des gleichen

Tages, wie gesagt, in Douai soupieren. Er sagte nicht: ich komme,

sondern er sagte ausdrücklich, er wolle am 12. in Douai soupieren,

obwohl es doch eigentlich selbstverständlich ist, daß er speisen würde,

wenn er käme. Wie, wo, wann und zu wem er es gesagt hatte, wußte

niemand. Aber daß er käme, das stand fest.

Es ist begreiflich, daß sich in einer seit sechs Monaten besetzten Stadt

die Nervosität bis zur äußersten Spannung steigern kann. Nun, Joffre kam

nicht. Er kam nicht am 13., 14., 15. Die Zylinder verschwanden langsam,

und heute habe ich nur noch zwei gezählt. Douai sank ermattet in seine

Resignation zurück, und heute glaubt es nicht mehr, daß Joffre in der

nächsten Zeit kommen werde. Nein, ich sah es Douai deutlich an.

Heute braust und donnert Douai vom kriegerischen Lärm eines Heeres, das

Menschen, Material und Energie im Überfluß hat. Es ist eine der

lautesten Städte Europas, und die Rue St. Jacques schlägt spielend die

großen Pariser Boulevards in der Hochsaison. Die Gewitterstadt rasselt

und bebt in einer Atmosphäre von Krieg. Lastautos poltern vorüber,

Automobile schnarren, zwitschern und trompeten. Regimentsmusik, laut und

breit. Zwei Bataillone Feldgrauer marschieren vorbei, frisch gewaschen,

ausgeruht, mit hartem, tapfrem Tritt, der weder Erschöpfung noch

Müdigkeit zeigt. Es sind jene Bataillone, die Joffre daran hinderten, in

Douai am 12. zu soupieren, sie lagen oben auf der Lorettohöhe. Frisch

und guter Laune sind sie – denn sie leben! Ein Auto schnarrt vorbei:

zwei blaugraue Offiziere sitzen darin. Französische Fliegeroffiziere,

die gestern bei Vimy abgeschossen wurden. Dann kommen Kolonnen, endlose

Kolonnen, von schweren Bierbrauerpferden gezogen, die mit den Hufen

Funken aus dem Pflaster schlagen. Sie nehmen kein Ende, und alle

Fensterscheiben der Rue St. Jacques klirren. Tag und Nacht gibt es hier

keine Ruhe.

Im Hotel du Cerf – ein vernachlässigtes, schmutziges, ödes Hotel, das

ich hiermit verfluche! – spielen ein paar Kriegsfreiwillige, noch den

Schmutz der Gräben an den Stiefeln, einen flotten Tango, in einer

Nebenstraße marschieren Soldaten und singen ein fröhlich schallendes

Lied. Plötzlich knallt es: ein Flieger.

In das ewige Getrappel der Pferde und Tuten der Automobile tönt

getragene Musik. Der Chopinsche Trauermarsch. Ein Major wird zur letzten

Ruhe geleitet. Wieder tuten und trompeten die Autos. Am Abend gehe ich

selbst hinter dem Sarg eines gefallenen jungen Offiziers her zum

Bahnhof. Ein Güterwagen nimmt den Sarg und die Blumen auf. Daneben steht

eine Lore mit einem neuen Geschütz. Heute mittag passierte uns, nicht

mir, eine äußerst peinliche Sache. Wir waren, ein paar Bekannte und ich,

beim Delegierten des Roten Kreuzes zum Frühstück geladen. Wir wußten,

daß ein junger Offizier gefallen war, der den Namen eines bekannten

Sportmannes trug, aber wir wußten nicht, war es der bekannte Sportmann

selbst oder sein Bruder. Ein Herr fragt bei Tisch: „Ist der bekannte

Sportmann gefallen oder sein Bruder?“ Der Wirt sieht den Fragenden an

und deutet auf einen anwesenden jungen Offizier: „Hier sitzt der Bruder

des Gefallenen. Er ist der bekannte Sportmann.“

Ja, man soll hier außen nie derartige Fragen stellen.

An diesem Abend trafen wir in der Rue St. Jacques einen Dragoner, der in

hohen Stiefeln dahinstampfte und lustig pfiff. Was pfiff er? Den

Chopinschen Trauermarsch. Wir fragen: „Sagen Sie mal, was pfeifen Sie

eigentlich da?“

Der Dragoner geschmeichelt, verlegen: „Es ist so ne neue Sache. Das

Neueste, das man hat, von Berlin in den Theatern –“

Ein merkwürdiges Pflaster, dieses Douai! – Wenn die Sonne untergeht und

die Lichter des Himmels verlöschen, versinkt die Gewitterstadt in

Dunkelheit, in rabenschwarze Nacht. Die Estaminets, die kleinen

Gastwirtschaften, die kleinen Cafés schließen. Kein Licht, kein Mensch,

kein Hund. Der Beffroi, die Kirchen, Giebel, Bäume ragen schwarz und

stumm zum Himmel empor. Eine _verkohlte_ Stadt. Geht man über den

Marktplatz, so schallt es, als käme eine Kompanie daher, und man

erschrickt, solch einen furchtbaren Lärm zu machen. Man ist verloren und

auf den „Cerf“ angewiesen. Hier ist wenigstens Licht. Aber es kommt vor,

daß auch hier das Licht plötzlich ohne jede Warnung ausgeht und man eine

Stunde im Dunkeln sitzt. Ein Flieger ist irgendwo. Die Wachen klappen

auf ihren schweren Stiefeln draußen vorbei, Autos ohne Lichter

schleichen dahin. Es knarrt von Rädern, Kolonnen, Transporte von

Verwundeten. Douai ist tot. Aber horch!

Um so lauter und härter rollt der Donner der Geschütze. Wie die Brandung

des wilden, nächtigen Meeres an einer schrecklichen, öden Küste.

Der Krieg im Westen · 第 27 / 82 题