Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe
Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die
Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der
schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und
schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen
nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten
Schläge der Kanonen.
Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben
sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die
Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die
Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die
grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde.
Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine,
Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in
der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote.
Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche
von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt
erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren
französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis
dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot
fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen,
die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat
es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras
und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen
Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich
um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze
Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der
Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die
Wahrheit.
Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der
Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen
sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg.
Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber
wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen.
Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht
verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind
hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett.
In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft
haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die
Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man
direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts
fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und
Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen
nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie
losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch
kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft
ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf.
Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im
Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel
Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und
Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in
den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen
eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische
und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter
von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen
verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir,
daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind,
so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die
etwas vertragen.
Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert
und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er
eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht,
und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger
Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen
entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer
Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie
eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine
Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und
bald kommt er wieder.
Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich
plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen
werden.
Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der
Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm.
Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt
er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat
man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick
stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze,
eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch
keck auf dem Kopfe sitzen.
„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten.
Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten,
es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres
Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit
Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“
Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe.
Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht
weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine
Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist
ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales
Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller
Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er
sein Ziel erreicht.
Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt
herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte
und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen.
Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die
Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind
Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige
Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar
Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern,
es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen
Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig
vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach.
Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den
Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die
Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn
man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist.
Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des
Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete.
In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer
sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen
einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute
sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts
geschehen.
Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite
Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die
berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe.
Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen
Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten
flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie
liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie
sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder
irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter
Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald
auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe,
die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort
weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer
Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort,
Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele
konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im
Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in
sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die
glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der
Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der
Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die
Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren
können, wie es Heiden und Wilde taten.
Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine
Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern
denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken
sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht.
Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm,
und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man
nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er
bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene
Gewehre.
Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie
ist heute ein Haufen Trümmer.
Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten,
sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder
Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt
viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die
Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt
sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die
Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den
Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften.
Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat?
Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird
anfangen, an sie zu denken.
Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute.
Sie _raucht_.
Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden auf dem goldgrünen sanften
Abhang der Höhe, über den still die Wolkenschatten ziehen, Feuer von
Kartoffelkräutern abgebrannt, deren rostbrauner Qualm senkrecht in die
heiße Luft steigt. Als ständen hinter der Höhe, hinter dem Bois de
Bovigny, Reihen von Fabrikschlöten, die ihren Rauch emporwirbeln lassen.
Aber diese dicken Säulen rostbraunen Qualms entstehen urplötzlich, ohne
jede Vorbereitung, drei, vier fahren nebeneinander aus der Erde. Sie
wechseln ebenso urplötzlich den Ort, bald stehen sie höher, bald tiefer,
bald ein paar Kilometer rechts, bald links. Sie sind rostbraun und
rostrot und zuweilen schwarz wie Ruß. Es sind die Einschläge der
französischen Granaten, die unsere Gräben eindecken wollen. Die Gräben
selbst kann man von hier aus nicht sehen, aber an den Einschlägen der
Granaten kann man ihre Kurve verfolgen, die sich quer über den Fuß der
breiten Höhe zieht. Auch hört man die Einschläge nicht, denn die
Geschütze donnern und rollen ohne Pause.
Aus dem Bois de Bovigny wirbelt eine pechschwarze Rauchwolke empor,
turmhoch, und in der nächsten Sekunde eine zweite, deren Qualm sich hoch
oben mit dem Qualm des ersten Einschlages vereinigt. Deutsche Granaten.
Die schwarzen Rauchfahnen hinter dem Wald wehen hin und her, sie steigen
an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit in die Höhe, stehen
minutenlang und nehmen die Form von Pinien an. Sie verblassen, und ein
neuer Krater speit Schwärze und Finsternis in die Luft empor.
In der Talmulde, die so friedlich und sonnig aussieht, hinter den
winzigen Häusern da unten, wälzt sich eine safranfarbene Wetterwolke.
Sie schwankt schwer und unheilvoll am Boden, hebt sich hoch und steigt
dick geballt in die Luft, einen Teil der Höhe verdeckend. Eine schwere
Granate, die einer unserer Batterien galt. Wütende Abschüsse. Schlag auf
Schlag, die Luft dröhnt. Hinter dem Bois de Bovigny, im Tal gegen Ablain
zu, steigt eine schwarze Wetterwand in den blauen Himmel. Wir bleiben
ihnen nichts schuldig!
Plötzlich kommt unten in der Talmulde eine rostbraune Granatwolke ins
Laufen. Es sieht merkwürdig aus. Es ist ein spitzer Kegel, ein spitzer
Wirbel von rostbraunem Rauch, der sich rasch dahinbewegt wie der Rauch
eines Eisenbahnzuges. Es ist ein Auto, das da drunten auf dem staubigen
Straßenfaden wie toll dahinfegt. Es fährt um sein Leben. Ein weißes
Wölkchen steht urplötzlich über dem Auto im heißen Blau des Himmels. Ein
Schrapnell. Zu hoch. Ein zweites. Das Auto läuft wie eine Maus, die
Angst hat. Es ist toll, hier zu fahren! Droben im Bois de Bovigny sitzt
der Franzose mit seinen Scherenfernrohren und sieht jede Katze im Tal.
Es sind Offiziere, Befehlsüberbringer. Es muß sein. Durch!
Die Sonne brennt. Es ist drückend heiß, und der Schweiß läuft mir über
das Gesicht.
Die Lorettohöhe blinzelt und blinkt. Ein unsichtbares wütendes Fabeltier
stampft auf ihr hin und her und reißt den Boden mit den Hörnern auf und
schleudert die Erde in die Höhe. Heiß, heiß wie die Hölle muß es dort
drüben in den Gräben sein, wo unsere tapferen Jungen liegen. Der Himmel
sei ihnen gnädig.