Im Juni

Der Tag ist heiß, und die Schlacht wütet. Es ist immer dieselbe

Schlacht, eine der furchtbarsten und größten dieses Krieges, die

Schlacht bei Arras. Sie dauert schon Wochen, wird sie nie enden? In der

schwülen Nacht polterten und schlugen die Geschütze, und sie poltern und

schlagen in den heißen, glühenden Tag hinein. Die Kanoniere schlafen

nicht mehr. Je näher der Wagen kommt, desto lauter krachen die harten

Schläge der Kanonen.

Die Landschaft ändert sich. Aus dem Grün der Wiesen und Felder heben

sich riesige, unförmige Aschenhaufen, grauschwarz und öde, die

Schlackenberge der Kohlenzechen. Plump und häßlich liegen die

Schutthalden da, unproportioniert, die Wohnstätten der Menschen, die

grünen Baumwipfel überragend, unfruchtbar inmitten der fruchtbaren Erde.

Sie sehen aus wie die Krater erloschener Vulkane. Hohe Kamine,

Fördertürme, Backsteingebäude, Beton- und Eisenfachwerk. Hier vorn, in

der Feuerzone, stehen die Zechen still. Weiter hinten rauchen Schlote.

Im Norden, im Dunst der Sonne, steht auch die feine Rauchfahne der Zeche

von Courrière, deren Unglück vor Jahren das Herz der ganzen Welt

erschütterte. Damals eilten westfälische Bergleute herbei, um ihren

französischen Kameraden Hilfe zu bringen. Es handelte sich um zwei- bis

dreihundert Bergleute, die in der harten Schlacht um das tägliche Brot

fielen, und die Welt brachte ihnen jene Summe von Mitgefühl entgegen,

die im geraden menschlichen Verhältnis zu der Katastrophe stand. Man hat

es vergessen. Viele tausend Jahre liegen zwischen der Schlacht von Arras

und jenem denkwürdigen Tage, da deutsche Männer ihren französischen

Kameraden im gleichen Landstrich zu Hilfe eilten! Heute handelt es sich

um Hunderttausende, um mehr. Die Welt schweigt! Mehr als das: die ganze

Welt arbeitet fieberhaft, um Material zu liefern, das die Legionen der

Opfer vermehrt. Die Welt will leben, damit andre sterben. Das ist die

Wahrheit.

Auch drüben beim Feinde rauchen die Schlote! Sie fördern sogar in der

Feuerzone, sie brauchen Kohle. Selbst wenn hineingefunkt wird, stellen

sie den Betrieb nicht ein. So ist der Krieg.

Das Auto biegt in einen Zechenhof ein. Es ist still hier und so sauber

wie in einem Tanzsaal. Die Zeche steht still, sie ist längst ersoffen.

Wo es früher rasselte und zischte, daß man sein eignes Wort nicht

verstehen konnte, herrscht jetzt Feiertagsschweigen. Stille Leute sind

hier eingezogen, Verwundete und Ärzte. Die Zeche ist ein Lazarett.

In dem großen Zechensaal liegen sie, die Tapferen, die für uns gekämpft

haben, in langen Reihen. Der Saal ist hoch, luftig und rein und die

Betten schneeweiß. Die Fenster stehen offen. Von dem Saal aus blickt man

direkt in die Baderäume, die früher den Bergleuten dienten. Nichts

fehlt, nichts ist vergessen, für alles ist hier wohl gesorgt. Ärzte und

Pfleger bewegen sich zwischen den Betten, Schwestern gibt es hier außen

nicht. Leichter oder schwerer verwundet, je nachdem die Schlacht sie

losließ, liegen sie da und leiden heroisch, so wie sie vorher heroisch

kämpften. Viele schlafen. Sie sind erschöpft, oder das Morphium hilft

ihnen über die schlimmsten Schmerzen hinweg. Einzelne stöhnen im Schlaf.

Einer hat das Gesicht mit einem Tuch bedeckt, und seine Hände zupfen im

Schlaf leicht an der Decke. Es gibt hier blutige Verbände und viel

Schreckliches, daß einem das Herz stehenbleibt, aber ohne Blut und

Wunden gibt es keinen Krieg. Die meisten sind erst heute nacht und in

den letzten Tagen eingeliefert worden. Einer hat den Kopf vollkommen

eingewickelt, so daß er aussieht wie eine Wattekugel. Aber zwei frische

und muntere Augen blicken aus den Binden hervor. Es gibt hier Gesichter

von allen möglichen Farben. Ein gelbes Gesicht mit geweiteten Augen

verfolgt mich lange. Der Mann war am Tode, aber der Arzt versichert mir,

daß für ihn keine Gefahr mehr besteht. Die meisten Gesichter aber sind,

so erstaunlich es ist, braun und frisch, es sind robuste Burschen, die

etwas vertragen.

Einer sitzt in seinem Bett, der geschiente linke Arm ist hoch gelagert

und an einem richtigen Strick aufgehängt. Mit der Rechten schreibt er

eine Feldpostkarte. Ja, er schreibt an seine Frau, daß es ihm gut geht,

und er hat keine Lust, sich lange stören zu lassen. Ein junger

Unteroffizier lächelt mir mit roten Wangen und hellblauen Augen

entgegen. Er ist achtzehn Jahre, blond und frisch, Zögling einer

Unteroffizierschule. Er bekam einen Schuß in den Schenkel, wuchtig wie

eine große Keule warf ihn die kleine Kugel nieder. Er hat keine

Schmerzen, nein, zuweilen ein bißchen, morgen geht es in die Heimat, und

bald kommt er wieder.

Aber es gibt hier viele, die nicht schreiben und nicht fröhlich

plaudern, und hier gibt es manche, die ihre Heimat nicht mehr sehen

werden.

Im Hof sind zwei Krankenautos vorgefahren. Eine Tragbahre steht auf der

Erde, und darin liegt ein Kanonier mit verbundenem rechten Arm.

Schmutzig und zerrissen, wie er aus der Schlacht getragen wurde, liegt

er da, und sein Verband rötet sich langsam vom Blute. Die Stiefel hat

man ihm ausgezogen. Sein Gesicht ist braun, fast schwarz und sein Blick

stark. Ich sehe, daß er die Zehen in den Socken verkrampft. Die Mütze,

eine runde, schirmlose, verstaubte und verknüllte Mütze, hat er noch

keck auf dem Kopfe sitzen.

„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn und sehe, wie seine Zehen arbeiten.

Er schüttelt den Kopf. „Ein bißchen Schmerzen muß man schon aushalten,

es schadet nichts. Ein Volltreffer kam in die Batterie, schweres

Kaliber, drei Mann tot, fünf verletzt.“ Er spricht, als stünde er mit

Granaten auf du und du. „Die andern sind im Wagen.“

Ich blicke hinein. Es stöhnt da drinnen. Ich gehe.

Im Zimmer des Zechenpförtners liegt ein Franzose. Er liegt allein, nicht

weil er ein Franzose ist, sondern weil es schlecht um ihn steht. Seine

Wunde ist zu furchtbar, als daß man ihm wünschte, durchzukommen. Er ist

ein schöner junger Mann, vielleicht fünfundzwanzig. Sein schmales

Gesicht ist bleich und still, seine Augen tiefbraun und noch voller

Leben und Bewußtsein. Tagelang wird er noch unterwegs sein, bevor er

sein Ziel erreicht.

Die beiden Krankenwagen fahren aus dem Hof, ein voller Wagen kommt

herein. Herrlich ist die Hilfsbereitschaft und Unermüdlichkeit der Ärzte

und Pfleger und Krankenträger. Es gibt viel zu tun in diesen Tagen.

Mit der Landschaft haben sich die menschlichen Wohnstätten und die

Menschen geändert. Es sind keine anmutigen Dörfer mehr, es sind

Arbeiterviertel, aus der Großstadt in die Landschaft geworfen. Rußige

Backsteinhäuser, staubige Straßen, schmucklose Fenster mit ein paar

Fetzen schmutziger Gardinen. Die Bewohner sind keine Dörfler und Bauern,

es sind Städter aus den Kellerwohnungen, in billigen, verschlissenen

Kleidern. Bleich, schlecht genährt und schwindsüchtig stehen sie untätig

vor den Haustüren und starren dem Wagen mit stumpfen Blicken nach.

Fahle, greisenhafte Kinder, mit einer Spur von Schönheit, die in den

Geschlechtern verklingt, halbwüchsige Burschen mit kecken Mützen, die

Zigarette zwischen den schmalen Lippen. Sie greifen an die Mütze, wenn

man vorbeikommt, und strecken die Zunge heraus, sobald man vorüber ist.

Nur ganz selten kann ich jenen schönen und helläugigen Typus des

Arbeiters entdecken, den die Arbeit nicht vernichtete.

In das Industriedorf B. wird zuweilen hineingeschossen. Ein paar Dächer

sind abgedeckt, ein paar Häuser zeigen Granatlöcher. Gestern kamen

einige Granaten herüber und töteten eine Frau und zwei Kinder. Heute

sitzen Weiber und Kinder schon wieder an der Straße, als sei nichts

geschehen.

Gleich hinter diesem Dorf sinkt die Straße ins Tal, in die breite

Talmulde hinab. Und drüben liegt sie ausgebreitet wie ein Panorama, die

berühmte Höhe, die so viel Blut getrunken hat, die Lorettohöhe.

Sie sieht anmutig aus. Golden und grün steigt sie aus der grünen

Talmulde empor, breit und sanft, ein flacher Höhenzug, von Hügelketten

flankiert. Oben ist sie bewaldet, Laubwald, das Bois de Bovigny. Sie

liegt in der glühenden Sonne, und Wolkenschatten ziehen darüber hin. Sie

sieht aus wie eine sonnige Höhe in Franken oder in Thüringen oder

irgendwo, es ist gar nichts Besonderes an ihr. Ein breiter, sanfter

Höhenzug in der Junisonne, der Dunst der Hitze darüber und etwas Wald

auf der Kappe, nichts sonst. Und doch ist diese anmutige, sonnige Höhe,

die so friedlich aussieht, daß man glauben könnte, Schafe würden dort

weiden und Kinder spielen in den Wiesen, heute nichts als ein großer

Grabhügel, ein Riesengrab. Tausende und aber Tausende liegen dort,

Freund wie Feind. Sie fielen im Herbst, im Winter, im Frühjahr. Viele

konnten nicht begraben werden. Sie lagen monatelang in der Sonne, im

Schnee, im Regen, und die Erde zerrte an ihnen und zerrte sie langsam in

sich hinein. Des Nachts starrten sie aus ihren offenen Augen in die

glitzernden Sterne empor, in jene Welt des Friedens und der

Herrlichkeit, wo ihre Seelen jetzt wanderten, während ihre Leiber in der

Hölle dieser Erde lagen. So furchtbar ist die Wut des Krieges, daß die

Gegner sich nicht einmal die Zeit zur Bestattung ihrer Toten gewähren

können, wie es Heiden und Wilde taten.

Man wird nun einsehen, daß die Anmut und Lieblichkeit dieser Höhe eine

Lüge ist. Dort oben gibt es schauerliche Dinge, an die niemand gern

denkt. Es gibt dort Sumpfstreifen, in denen die Toten langsam versunken

sind, so daß heute nur noch ein Stiefel oder ein Ellbogen heraussieht.

Es gibt Gräber voller Unheimlichkeiten, halb voll Wasser und Schlamm,

und ein Schnurrbart sieht aus dem Wasser. Es gibt hier Dinge, die man

nicht erzählen kann. Wenn der Bauer einst hier wieder pflügt, so wird er

bei jedem Schritt auf Knochen stoßen, auf Stiefel und zerbrochene

Gewehre.

Hier oben stand die oft genannte Kapelle von Notre Dame de Lorette. Sie

ist heute ein Haufen Trümmer.

Hier oben hat jeder Quadratmeter Boden seine Kämpfe gehabt, seine Toten,

sein Entsetzen. Die Erde ist zerfetzt von Granaten. Hier oben hat jeder

Weg, hat jede Besonderheit ihren Namen, und an all diesen Namen hängt

viel Blut und Heldenmut. Diese Namen werden weiterleben, und die

Soldaten, die die Höhe freigab, werden von ihnen sprechen, wenn sie alt

sein werden. Da ist die Kanzel, der Hohlweg, der Barrikadenweg, die

Schlammulde, die Totenwiese. Diese Namen kehren wieder in den

Gefechtsbüchern der Regimenter, die hier kämpften.

Hat jemand gewußt, welche Bedeutung diese Höhe in diesem Kriege hat?

Niemand. Zuweilen wurde sie in kurzen Telegrammen genannt. Man wird

anfangen, an sie zu denken.

Seit Wochen ist sie unter schwerem Feuer. Auch heute.

Sie _raucht_.

Auf den ersten Blick sieht es aus, als würden auf dem goldgrünen sanften

Abhang der Höhe, über den still die Wolkenschatten ziehen, Feuer von

Kartoffelkräutern abgebrannt, deren rostbrauner Qualm senkrecht in die

heiße Luft steigt. Als ständen hinter der Höhe, hinter dem Bois de

Bovigny, Reihen von Fabrikschlöten, die ihren Rauch emporwirbeln lassen.

Aber diese dicken Säulen rostbraunen Qualms entstehen urplötzlich, ohne

jede Vorbereitung, drei, vier fahren nebeneinander aus der Erde. Sie

wechseln ebenso urplötzlich den Ort, bald stehen sie höher, bald tiefer,

bald ein paar Kilometer rechts, bald links. Sie sind rostbraun und

rostrot und zuweilen schwarz wie Ruß. Es sind die Einschläge der

französischen Granaten, die unsere Gräben eindecken wollen. Die Gräben

selbst kann man von hier aus nicht sehen, aber an den Einschlägen der

Granaten kann man ihre Kurve verfolgen, die sich quer über den Fuß der

breiten Höhe zieht. Auch hört man die Einschläge nicht, denn die

Geschütze donnern und rollen ohne Pause.

Aus dem Bois de Bovigny wirbelt eine pechschwarze Rauchwolke empor,

turmhoch, und in der nächsten Sekunde eine zweite, deren Qualm sich hoch

oben mit dem Qualm des ersten Einschlages vereinigt. Deutsche Granaten.

Die schwarzen Rauchfahnen hinter dem Wald wehen hin und her, sie steigen

an verschiedenen Stellen zur gleichen Zeit in die Höhe, stehen

minutenlang und nehmen die Form von Pinien an. Sie verblassen, und ein

neuer Krater speit Schwärze und Finsternis in die Luft empor.

In der Talmulde, die so friedlich und sonnig aussieht, hinter den

winzigen Häusern da unten, wälzt sich eine safranfarbene Wetterwolke.

Sie schwankt schwer und unheilvoll am Boden, hebt sich hoch und steigt

dick geballt in die Luft, einen Teil der Höhe verdeckend. Eine schwere

Granate, die einer unserer Batterien galt. Wütende Abschüsse. Schlag auf

Schlag, die Luft dröhnt. Hinter dem Bois de Bovigny, im Tal gegen Ablain

zu, steigt eine schwarze Wetterwand in den blauen Himmel. Wir bleiben

ihnen nichts schuldig!

Plötzlich kommt unten in der Talmulde eine rostbraune Granatwolke ins

Laufen. Es sieht merkwürdig aus. Es ist ein spitzer Kegel, ein spitzer

Wirbel von rostbraunem Rauch, der sich rasch dahinbewegt wie der Rauch

eines Eisenbahnzuges. Es ist ein Auto, das da drunten auf dem staubigen

Straßenfaden wie toll dahinfegt. Es fährt um sein Leben. Ein weißes

Wölkchen steht urplötzlich über dem Auto im heißen Blau des Himmels. Ein

Schrapnell. Zu hoch. Ein zweites. Das Auto läuft wie eine Maus, die

Angst hat. Es ist toll, hier zu fahren! Droben im Bois de Bovigny sitzt

der Franzose mit seinen Scherenfernrohren und sieht jede Katze im Tal.

Es sind Offiziere, Befehlsüberbringer. Es muß sein. Durch!

Die Sonne brennt. Es ist drückend heiß, und der Schweiß läuft mir über

das Gesicht.

Die Lorettohöhe blinzelt und blinkt. Ein unsichtbares wütendes Fabeltier

stampft auf ihr hin und her und reißt den Boden mit den Hörnern auf und

schleudert die Erde in die Höhe. Heiß, heiß wie die Hölle muß es dort

drüben in den Gräben sein, wo unsere tapferen Jungen liegen. Der Himmel

sei ihnen gnädig.

Der Krieg im Westen · 第 18 / 82 题