Brügge, das tote Brügge, ist heute keineswegs tot. Es lebt. Aber noch
weiß es nicht recht, ob es wirklich erwacht ist oder ob es nur träumt.
Einen wunderlichen, wirren Traum, grotesk, unfaßbar und unterhaltend,
aus dem aber jeden Augenblick der Schrecken züngeln kann wie eine
Stichflamme roten Feuers. So liegt es, zwischen Wachen und Schlaf, ein
heiteres Lächeln auf den Zügen und einen kleinen Tropfen Angstschweiß
auf der Stirn.
Seine stillen verwinkelten Gassen hallen wider von schweren genagelten
Stiefeln, die ungeniert auftreten wie zu Hause, und an den Klöpplerinnen
vorüber, die fleißig vor den kleinen Häuschen sitzen, rumpeln schwere
Lastautomobile, so daß der Boden erbebt. Auf dem Fischmarkt hocken
putzige Weiber und ziehen den Aalen die Haut über den Kopf, und während
sie schaben und feilschen, rasselt eine Maschinengewehrabteilung an
ihnen vorbei. Aus dem Schmuckkästchen der Rue de l’Ane Aveugle quillt
ein Bilderbuch: Weiber mit weißen Hauben, Krausen und sonderbaren
Umhängen, und plötzlich weichen sie zur Seite, und der Teufel in der
Vermummung eines Motorradfahrers prasselt und knallt mitten durch sie
hindurch und bewedelt sie mit seinem langen Schweife aus Schwefeldämpfen
und Gestank. Die herrliche Grande Place wimmelt von Leben. Wachen,
Autos, Karren, Züge brauner Marinesoldaten, heiß und staubig, das Gewehr
auf dem Rücken. Die Zeitungsjungen schreien und rennen, um die neuesten
Blätter aus Berlin, Frankfurt und Köln an den Mann zu bringen, und wenn
jemand es wagt, einen scheuen Blick auf die Wunder von Architektur
ringsum zu werfen, so ist eine Meute von Postkartenverkäufern hinter ihm
her. Die Bevölkerung Brügges ist auf den Beinen, denn es ist immer etwas
zu sehen, und die Soldaten sind auf den Beinen, um die Bevölkerung zu
sehen. Ein paar Mönche in braunen Kutten rudern durch einen Schwarm
Feldgrauer. Drei Jahrhunderte fließen auf der Grande Place zusammen,
nicht mehr und nicht weniger. Aber jede Viertelstunde singt das
Glockenspiel oben auf dem Beffroi seinen Choral, fromm und gottergeben,
während unten die Motoren prasseln und rattern.
Der Krieg ging an Brügge vorüber, und Brügge freut sich, daß es lebt. Es
ist eine Stadt des Friedens, eine Stadt auf Urlaub. Kommt man von da
draußen, wo die Häuser keine Dächer mehr haben und mit Sandsäcken
ausgestopft sind, so wirkt Brügge wie eine Großstadt, in der man nun
ruhig Atem holen will.
Ein Lehmfarbiger stolpert vor mir über den Platz. An seinen Stiefeln
hängt noch der Schmutz der flandrischen Gräben. Er stolpert, weil er
nicht mehr gewohnt ist, auf richtigem Pflaster zu gehen, er torkelt vor
Verwunderung und kann sich gar nicht zurechtfinden. Hier gibt es noch
Häuser ohne Granatlöcher, und hier sehen wirklich und wahrhaftig
Menschen, Zivilisten, aus den Fenstern und nicht Soldaten und Pferde! Er
dreht den gebräunten Hals hin und her und kratzt sich den golden
schimmernden Stoppelbart. Und hier gibt es – Frauen! Er betrachtet sie
aufmerksam und eingehend, als ob er sie kaufen wolle, von den Schuhen
angefangen bis hinauf zum Scheitel. Er bleibt stehen und glotzt ihnen
direkt ins Gesicht. Zeitungen? Nein, Zeitungen will er nicht. Er will
nichts wissen vom Krieg, er will nichts als dieses Leben hier, diese
Welt, in der er fast ein Fremder geworden ist, und die ihm, weiß Gott
wann, abhanden kam. Hätte er je gedacht, daß es noch eine Stadt gäbe wie
diese, unversehrt, friedlich und sonnig, eine Stadt, genau so wie Städte
früher waren? Er begreift es nicht. Aber nun kommt ein Mädchen über den
Platz, rotweiß gestreiftes Kleid, blondes Haar, hochbusig und mit
Hüften, die sich sehen lassen können. Eine Köchin. Der Lehmfarbige steht
wie angewurzelt, er beginnt zu wachsen, seine Brust wird breiter, und
sein heller Blick strahlt der Köchin entgegen. Sein braunes, mageres
Gesicht ist ernst und ohne jede Bewegung, aber sein Blick folgt jedem
Schritt des Mädchens und sein Gedanke ist so stark, daß die Köchin
instinktiv einen Bogen macht, als sie nahe kommt. Und nun betrachtet er
sie von hinten! Dann stolpert er weiter, bestaunt die Läden, die Frauen,
und immer wieder bleibt er stehen und läßt den Blick über den Platz
wandern. Die Großstadt Brügge hat ihn berauscht! Ein kleines Café, schon
ist er drinnen. Ich genieße das Behagen, mit dem er ein Glas Bier
hinuntergießt. Ein Schluck. Zahlen, gehen. Man sieht, er hat nicht eine
Minute Zeit zu verschwenden. Ein kleines Restaurant, hinein. Beim
dritten Glas verlasse ich ihn. Ich gehe nahe an ihm vorbei und sehe, daß
seine linke Backe eine Anzahl Schmisse trägt. Der Lehmfarbene ist
Student, Gott weiß, wer er ist, momentan ist er gemeiner Soldat, und das
genügt.
In der Stunde, in der ich in dem verzauberten Brügge eintraf, hatte das
Leben auf der Grande Place gerade seinen Höhepunkt erreicht. Die
Matrosenkapelle konzertierte. Sie spielte laut und vergnügt wie in einem
Badeort an der Ostsee, Warnemünde oder Arendsee. Das Glockenspiel des
Beffroi klingelte seine fromme Weise bescheiden dazwischen. Der Platz
wimmelte von Menschen, und der Waffelbäcker in seinem weißen
Jahrmarktskarren machte glänzende Geschäfte. Plötzlich krachten die
Kanonen in nächster Nähe. Es klang wie Kirchweihschießen, lustig und
ermunternd. Unter dem grauen Gewölk, hoch oben, hing, kaum zu sehen, ein
grauer Doppeldecker, mit direktem Kurs auf den Beffroi. Alle Gesichter
wandten sich nach oben. Die Fenster füllten sich mit Köpfen. Aus den
Haustüren, den Läden strömten die Leute und standen dicht gedrängt auf
dem Platze; ganze Scharen von Kindern. Brügge bekam Besuch, und
jedermann wollte sehen, wie er herankam über den Giebeldächern. Alles
zappelte vor Neugier und Spannung. Die Neugier des Volkes ist immer
größer als seine Angst. Aber es kam noch etwas andres dazu! Mehr oder
weniger freundlich gesinnt, mehr oder weniger gleichgültig, mehr oder
weniger feindlich, die Leute von Brügge waren im Herzen alle Belgier
geblieben, und die da oben in der Luft waren Freunde von ihnen, Belgier,
Franzosen, Engländer, einerlei. Man hatte sie nicht vergessen, da
drüben, hinter dem Yserkanal, auf dem letzten Fleckchen belgischen
Landes. Sie waren Boten, die man ihnen sandte. Mochten sie nun ein paar
Leute, ein paar Bürger töten, darauf kam es nicht an. Es kam darauf an,
daß sie mit der Absicht hierherkamen, dem Feinde zu schaden. Hätten sie
es gewagt, so hätten sie dem Flieger zugejubelt, obwohl er sie töten
konnte, denn er war einer der _ihrigen_! Die graue Maschine kam rasch
näher. Die Kanonen krachten, Schlag auf Schlag. Ein Maschinengewehr
kläffte wütend in die Höhe. Die Schrapnelle platzten rings um die graue
Maschine, in einem Rahmen grauer Tupfen stand sie. Sie stieg höher,
hinein in die Wolke, aber die Schrapnelle folgten ihr in die Wolke
hinein. Es blitzte in der Wolke wie Büschel scharfer Messer, die sich
gegen die Maschine zückten. Es knisterte. In all den Lärm hinein sang
plötzlich das Glockenspiel seinen friedlichen, frommen Choral,
unbekümmert um den Lärm der Welt, und es wird seine Weise singen, sollte
einmal Brügge in Flammen aufgehen, was Gott verhüten möge. Da fiel mein
Blick auf einen Mönch, der neben mir stand. Er hatte den Kopf halb in
die Kutte gezogen und sah mit großen, warmen Augen zum Flugzeug empor.
Im Schoß hielt er ein kleines Gebetbuch. Dieser Mönch verhielt sich zu
den Leuten da oben wie der fromme Singsang des Beffroi zum Krachen der
Geschütze. An Stelle des Gebetbuchs hielten sie Bomben im Schoß, und mit
zusammengekniffenen kalten Augen fegten sie dahin. Es waren, wie gesagt,
die Jahrhunderte, die sich hier auf der Grande Place von Brügge
begegnen.
Nun aber wurde es Ernst! Er kam heran, so wütend auch das
Maschinengewehr hämmerte. In ein paar Sekunden mußte er über dem Platze
schweben. Wie der Tod auf Flügeln kam er daher.
Wie auf ein Signal rissen die Leute aus. Die Panik setzte ein, und die
Menge explodierte. Nach allen Seiten, _strahlenförmig_, machten sie sich
davon, die Kinder auf raschen, dünnen Beinen voran. Sie stürzten in die
Gassen, in die Haustüren, in die Kaffeehäuser. Die Erde verschluckte
sie, und die Köpfe verschwanden aus den Fenstern. So erstaunlich ihr Mut
vor einigen Sekunden war, so komisch wirkte diese überstürzte Flucht.
Mein Mönch? Er war wie weggeblasen.
Ich zog mich unter ein solides Portal zurück, und man kann mir glauben,
wenn ich sage, daß ich das Portal vorher genau auf seine Konstruktion
untersuchte.
Leer lag der Platz, wie reingefegt. Keine Seele weit und breit, kein
Gesicht in einer Tür, einem Fenster. Es war wie Zauberei. Nicht einmal
ein Hund war zu sehen.
Der Kampfplatz war dem Maschinengewehr, den Geschützen und dem Flugzeug
unter den schmutzigen Wolken überlassen. Die Maschine schwebte eine
Sekunde über dem Rande des Platzes, dann, gerade im entscheidenden
Moment, bog sie scharf nach rechts aus. Es war ihr zu ungemütlich
geworden. Sie stieg höher, verschwand in der Wolke und machte den
Versuch, zurückzukehren. Aber eine Salve von Schrapnellen fuhr ihr
entgegen, eine ganze Mauer grauer Wölkchen. Sie kehrte um.
Ein paar Minuten blieb der Platz leer, dann aber strömte das Leben
wieder auf ihn zurück. Kinder, Mädchen, Hunde, der Waffelbäcker,
Feldgraue und Lehmfarbene. Die Chauffeure, die ausgerückt waren, standen
plötzlich wieder bei ihren Wagen.
Das Glockenspiel des Beffroi bimmelte wieder seine fromme, gottergebene
Weise.
Nichts war geschehen. Das träumende Brügge war zusammengeschauert in
seinem Traum. Das war alles.