Die Welt des Feldsoldaten ist groß und erhaben. Der sausende Himmel, die
Sterne, die Wolken und das freie Feld: das ist seine Wohnung. Vertraute
Wege und bekannte Dörfer, die Heimat in der Ferne, Briefe, Zeitungen,
alles gehört ihm. Kameraden, bekannte Gesichter, neue, immer neue
Gesichter, neues Gelächter und neue Stimmen. Ein spukhaftes Dasein, voll
des Unbekannten, stetig Wechselnden. Die alltäglichsten Dinge, Essen,
Schlafen, abenteuerlich und absonderlich. Außergewöhnlich, groß und
unerhört, voll nie gekannten Grauens und nie gekannter Wonnen sind seine
Empfindungen. Der Feldsoldat ist kein gewöhnlicher Mensch mehr, er ist
der Erkorene, er ist das _Volk_ selbst, für das er kämpft. Wäre es
anders, nicht den zehnten Teil der Anstrengungen, die das Feld fordert,
könnte er ertragen. Wenn er sein Geschütz abreißt, so ist es nicht seine
Faust, die Millionen Fäuste seines Volkes reißen das Geschütz ab, und
sein Volk sendet den großen Fluch hinüber zum Feinde.
Wehe aber, wenn er das Unglück hat, gefangengenommen zu werden! Seine
große und stolze Welt bricht in einer einzigen unglückseligen Stunde
zusammen. Er ist nicht mehr sein Volk, er ist ein gefangener Soldat,
nichts andres. In einer Sekunde sind seine Tressen und seine
Auszeichnungen verblaßt, die Bewunderung seiner Kameraden, die ihn
belebte, ist verstummt. Kennt hier jemand seine Geschichte, seine
Geschichte als Soldat, meine ich? Weiß hier jemand, wie er sich schlug,
welch kühne Patrouillengänge er hinter sich hat, daß seine Offiziere ihm
die Hand drückten und ihn vor versammelter Mannschaft lobten? Fremde
Gesichter, fremde Worte, eine fremde Welt. Eine Ewigkeit trennt ihn von
seinen Kameraden, seinem Pferde, seiner Batterie, seiner Heimat, seinen
Angehörigen, unwirklich scheinen schon jetzt die Bilder zu sein, an die
sein Gedächtnis sich klammert. Sein Mut, sein Ehrgeiz, sein Rausch, sie
sind dahin. Er war alles, jetzt ist er nichts. Eine Nummer in den Listen
der Gefangenenlager ist er, in dem das Herz seines ganzen Volkes schlug,
geworden. Nüchtern, klein und erbärmlich ist jetzt seine Welt.
Sieht man Gefangene gehen, so versteht man alles. Sie trotten müde
dahin, gleichgültig, ohne Haltung, aber nichts wäre verkehrter, als von
Gefangenen auf die Truppe zu schließen, der sie angehörten. Häufig wird
der stolzeste und stärkste Soldat der gebrochenste Gefangene sein.
Schlimmer noch, um vieles schlimmer ist es, verwundet in Gefangenschaft
zu geraten. Noch kleiner und elender ist die Welt des verwundeten
Gefangenen. Ein Bett, ein getünchter Saal, die Gesichter der Pfleger und
Pflegerinnen und der Ärzte, nichts sonst. Der Schritt der Wache vor der
Tür. Droben in Flandern habe ich verwundete Gefangene besucht, und von
ihnen will ich erzählen.
Ich trete ein, und sofort sind alle Augen auf mich gerichtet. Ein neues
Gesicht! Seit vielen Tagen, seit Wochen das erste neue Gesicht. Was will
er, was tut er hier, was bringt er uns? All diese glänzenden Augen
forschen neugierig und aufmerksam in meinen Zügen. Einzelne haben sich
aufgerichtet, um mich besser sehen zu können. Niemand spricht ein Wort,
alle stellen die Ohren und es ist ganz einerlei, in welcher Sprache ich
rede, die Hauptsache ist, daß sie eine neue Stimme hören.
Da ist zunächst ein Neger. Schwarz und glänzend wie ein gewichster
Stiefel, das Gebiß blendend weiß. Er ist eines der hübschesten
Exemplare, die ich je sah, das sauberste gewiß, fast noch ein Kind, und
versucht sofort, meine Milde durch ein naives, vertrauliches Lächeln zu
gewinnen. Ich rede ihn englisch an, da ich bis heute nur Englisch mit
Negern gesprochen habe, aber siehe da, er antwortet französisch. Aus dem
Senegal. Und wie alt? Zwanzig. „Wo hast du gekämpft?“ – Er zeigt sein
schönes Tiergebiß und lächelt. Er weiß es nicht. „Bei Ypern?“ – „Ja, bei
Ypern. _Chemin de fer_, hin und her, immer hin und her, _chemin de fer_“
– er radebrecht, gestikuliert, nein, er weiß gar nichts. Vergnügt legt
er sich in das weiße Kissen zurück. Nie in seinem ganzen Negerleben ging
es ihm so gut, nie so sauber, Gott, er wird sich nie mehr zu waschen
brauchen. Er hatte zwei Lungenschüsse, aber das schadete ihm
ebensowenig, wie wenn man eine Katze anschießt.
Neben ihm liegt ein Engländer, ebenfalls Lungenschuß. Ein junger,
zarter, hellblonder Bursche, der eben aus dem Jenseits zurückkommt. Er
hat noch die großen, glänzenden Augen, die man von dort mitbringt, und
die durchsichtigen, schmalen Wangen. Er ist aus Birmingham, Kaufmann.
Aufrecht sitzt er in seinem Bett, die beiden Hände auf der Decke, und
sein Kopf sinkt schwach von einer Seite auf die andre, während er
flüsternd antwortet. Er trägt eine Kette mit einem kleinen Kreuz um den
dünnen Hals. – „Was bedeutet das Kreuz? Seid ihr Katholiken in
Birmingham?“ – „Nein, ich war protestantisch, aber nun bin ich
katholisch geworden.“ Eine Nonne steht neben dem Bett, eine belgische
Schwester, rotbäckig und gesund, und blickt auf ihr blondes Lämmchen.
„Hier sind Kanadier!“ sagt der Arzt.
Ja, das sind sie. Schmale, feste Schädel, klar gezeichnete Gesichter,
kräftige Augen, breite Schultern, die Arme lang gemessen, das Haar weich
und kurz. Es sind Amerikaner, ohne jeden Zweifel, wenn sie auch etwas
nördlich von den Staaten geboren wurden. Ich sehe mir sie an, und sie
betrachten mich mit der gleichen Aufmerksamkeit. Sie wissen genau, daß
sie nun an die Reihe kommen, und haben keine Angst.
„Wer von euch war beim Sturmangriff von St. Julien dabei?“
„Wir alle.“
Nun sehe ich, daß sie geschient und verbunden sind. Trotzdem sehen sie
gesund und kräftig aus. Es sind Leute, die einen Stoß vertragen können,
ausgezeichnetes Material. Sie antworten höflich, aber sie sagen nicht
mehr als gerade nötig ist. Allmählich erst werden sie etwas
gesprächiger. Sie sind zufrieden, sie beklagen sich über nichts. Jeder
deutsche Soldat, mit dem sie es zu tun hatten, war „gut“ zu ihnen. „Nach
dem Kriege werden wir uns die Hände drücken.“ – „Aber die englischen
Zeitungen? Sie sind die gemeinsten Lügner der Welt!“ – Ihre Augen stehen
auf Abwehr. – „Wann seid ihr herübergekommen?“ – „Ich im September, die
andern später.“ – „Wieviel wart ihr? Seid ihr in England gelandet oder
in Frankreich?“ – Die schönen Augen des Clerks von Toronto sehen mich
offen an und schweigen. Er will nicht sprechen. Aber später, als wir
mehr Vertrauen zueinander gefaßt hatten, kam er ganz von selbst auf den
Transport zurück und sagte mir, daß sie 30000 waren, 21 Dampfer, drei
Wochen auf See, in Plymouth gelandet, in England noch ein paar Monate
gedrillt. Es war sehr schlechtes Wetter, immerzu Regen, einer ist am
Regen gestorben.
„Am Regen gestorben?“ – „Ja!“
Der Seemann im Nachbarbett, dessen Fuß zerschossen ist, lacht. „Es war
verdammt schlechtes Wetter, Sir!“
Sie erzählen mir alles mögliche, und ich bemühe mich, sie gesprächig zu
halten. Die Deutschen schießen gut, sie würden es niemand raten, den
Kopf auch nur eine Sekunde aus dem Graben zu strecken. Weshalb sie aus
Kanada herüberkamen, um gegen uns zu kämpfen, das wollen sie mir auf der
Stelle sagen. „Die Neutralität Belgiens, Sir! Wir sind gekommen, um euch
aus Belgien zu vertreiben.“ – „Weshalb überlaßt ihr das nicht den
Engländern, haben sie nicht genug junge Leute? Weshalb sollt ihr
Kanadier die Arbeit der jungen Engländer tun?“ – Das Gespräch wird
lebhafter und die Franzosen auf der andern Seite recken die Hälse.
„Und St. Julien? Wie war es da?“
Der hübsche Clerk mit dem geschienten Arm, drei Kugeln, richtet sich im
Bett auf, so gut es geht: Sie kamen also da in Gräben, in denen vorher
Engländer lagen. Aus welchem Grunde gewechselt wurde, wußten sie
vorläufig noch nicht. Später erst begriffen sie es. Zwei Tage lagen sie
da. Sie wußten gar nichts, weshalb, warum, nichts. Essen gab es nicht
regelmäßig. Die Straßen um Ypern herum lagen unausgesetzt unter Feuer.
Plötzlich aber hieß es vorgehen! Weshalb, warum, wohin, kein Mensch
wußte es. Nun aber bekamen sie furchtbares Feuer, schwere Granaten, auf
offenem Felde, ohne jede Deckung. „Ich lag hinter einem Haufen von
gefallenen Kameraden, den rechten Arm zerschossen. Die Kameraden
stürmten weiter, plötzlich Maschinengewehrfeuer, Flankenfeuer,
Gewehrfeuer. Die Kameraden fielen wie hingemäht. Es war zu Ende.“
Er sieht mich an. „Wie groß sind die Verluste, Sir?“ Seine Augen fragen,
er denkt, ich könnte mich jetzt recht wohl revanchieren für die Angaben,
die er mir über die Transporte machte. Aber ich weiß es wirklich nicht.
Sehr große Verluste!
Der Clerk nickt und wendet den Blick ab. „Ich glaube nicht, daß viele
davongekommen sind!“ sagt er ruhig und schlicht.
„Sie haben wohl genug vom Krieg?“ frage ich ihn, indem ich mich
verabschiede. „Werden Sie wieder gegen uns kämpfen?“
Er lächelt. „Nein!“ Und leiser, so daß es die Kameraden nicht hören,
fügt er hinzu: „Es war die Hölle, Sir!“
Nun kommen die Franzosen an die Reihe. Sie haben die ganze Zeit
aufmerksam zugehört, die Ohren gespitzt, auf jede Bewegung geachtet,
damit ihnen ja nichts entgehe; verstanden haben sie kein Wort. Sie
wußten, daß auch ihre Zeit kommen würde. Höflich und gefällig erwidern
sie den Gruß. Selbst der Landwirt aus der Gegend von Rouen nickt mit dem
dicken rechteckigen Schädel, obwohl er Schmerzen hat und fiebert. Mich
interessiert mehr als alle andern der Greis an seiner Seite, ein
schmächtiger Mann mit ausgeprägt französischen Zügen. Sein weißgraues
Haar zieht mich an und seine lebendigen, fröhlichen Augen. Er stammt aus
der Bretagne, und da ich mich dort auskenne, so haben wir gleich ein
Thema, um bekannt zu werden.
„Wann wurden Sie verwundet?“ frage ich. „Im Herbst.“ Er hebt die Decke
in die Höhe, und nun sehe ich, daß ihm das linke Bein bis zur Hüfte
amputiert ist.
„Wie alt sind Sie?“
„Siebenunddreißig Jahre, mein Herr.“
Um meine Überraschung zu verbergen frage ich rasch nach dem Alter des
Landwirts aus Rouen. Er ist zwei Jahre jünger.
„Sie fühlen sich jetzt gesund?“ „Sehr wohl!“ Und der Mann aus der
Bretagne sprudelt seine Geschichte heraus, ungeheuer lebhaft, mit vielen
plastischen Gesten. „Ja, man muß Glück haben, mein Herr, das ist alles.
Es war im Herbst, hier oben in Flandern. Wir mußten zurück, die
Deutschen waren hinter uns her. O, lala, wir hatten es eilig! Da – eine
Granate zerreißt mir den Fuß. Ich verkrieche mich in ein Loch in der
Erde und warte. Die Kameraden sind fort, alle weg, niemand zu sehen. Ich
warte, immer in meinem Loch. Zweiunddreißig Stunden liege ich da, aber
nun hören Sie! Plötzlich Schritte. Ich spitze aus meinem Loch hinaus.
Ein Sergeant vom Roten Kreuz. Ich rufe, er hört. Ich strecke die Arme
hoch – so – er kommt heran und sagt: ‚Rühren Sie sich nicht!‘ Zwei
Stunden später war ich im Lazarett. Man muß Glück haben.“
Fröhlich und heiter ist der Mann aus der Bretagne. Er hat dem Tod ein
Bein hingeworfen wie einem Haifisch und triumphiert über den Handel. Im
Krieg wird der Mensch bescheiden.
Unten im Garten des Klosters treffe ich einen Scheich, mit Turban,
würdigem Bart, elfenbeinernem Gesicht und elfenbeinernen Händen. Er
bittet mich um eine Zigarette. Vielleicht hat er ein Dutzend Frauen zu
Hause, vielleicht ist es Sünde, daß er etwas aus meinen Händen
entgegennimmt, vielleicht verliert er seine Kaste. Einerlei, es ist nun
doch so weit mit ihm gekommen, daß er bettelt.