Durch die Luke in der Kirchturmspitze hat man einen weiten Blick über
das Land: unten liegt winzig und verwinkelt das Dorf. Ein paar Häuser
sind zerschossen. Soldaten hantieren vor den Häusern. Eine
Radfahrerabteilung – braune Marinesoldaten, das Gewehr auf dem Rücken –
schlängelt sich über den kleinen Marktplatz. Ein großes Postauto tutet
und überholt sie. Karren, trottende Pferde, die roten Gesichter der
Fuhrleute sind alle nach oben gerichtet. Zwei Flugzeuge kreuzen unter
den grauen Wolken. Rasch und klein wie eine Maus läuft das entferntere
am Himmel entlang. Hinter dem kleinen Dorf aber breitet sich das Land.
Flandern. Es ist grün von den Wiesen und gelb von den blühenden Rüben,
ganz flach; trübe und resigniert duckt es sich unter dem hängenden
Gewölk. Silhouetten von Alleen, die die Landstraßen begleiten, stehen
geisterhaft auf dem Lande, eine hinter der andern, wie Schleier, die
herabhängen, und alle scheinen sie parallel, quer durch das Land zu
laufen, bis zum Horizont, wo eine graue Regenwolke Ypern verbirgt.
Dazwischen flache graue Wolken, die auf der Erde liegen, Wälder und
Wäldchen, die niemand kannte, und die plötzlich einen Namen bekamen:
Polygonenwald, das Wäldchen von St. Julien. Hier standen die vier großen
englischen Geschütze. Hinter den geisterhaften Silhouetten der Alleen
Dörfer, Reste von Dörfern, dem Auge kaum erkennbar. _Zonnebeke_, _St.
Julien_, _Langemark_. Im Frieden werden Orte berühmt durch ihre Kultur
und ihren Geist, im Krieg durch ihr Unglück. Da liegen sie und
verstecken sich in der Erde. Still und verzweifelt liegt das Land, und
der Donner der Geschütze rollt darüber weg.
Heute, Flandern, mit deinen geisterhaften Alleen, die stillstehen und
sich nicht bewegen, erscheinst du mir wie ein großer Friedhof.
Eine knappe Viertelstunde von dem Kirchturm entfernt zieht sich ein
lehmiges ausgetrocknetes Flußbett in weitem Bogen durch die Landschaft.
Oft nähern sich die Ränder bis auf dreißig Meter, oft entfernen sie sich
bis auf ein paar hundert. Die Ränder sind tief ausgegraben, unterhöhlt,
gewunden und verzweigt, wie Bauten von Bibern. Das sind die verlassenen
Stellungen.
Hier auf diesem Gürtel Landes lagen sie einander sechs lange Monate
gegenüber, Tag und Nacht, und Tag und Nacht saß der Tod dicht angelehnt
neben jedem einzelnen Mann. Hier lagen die Gewehre und hier, man sieht
es noch deutlich, standen die Maschinengewehre. Zwischen den Gräben
lagen die Leichen, wo sie gerade hinfielen, und da lagen sie und blieben
liegen, und die Kugeln durchlöcherten sie noch hundertfach, obschon sie
schon zehnfach gestorben waren. Tausendfach starb hier jeder einzelne
Mann, auch der, den der Zufall verschonte. Oft raste der Tod hier wie
ein Orkan, mit Finsternis, Feuer, Eisen und erstickenden Gasen. Die
Gräben wurden eingetrommelt, Meter für Meter. Einmal hatten sie drüben
Besuch (nicht in den Gräben, sondern weit dahinten!), zwei Könige und
einen Präsidenten. An diesem einzigen Tage warfen sie _siebzigtausend_
Granaten herüber – und wir hatten keine dreißig Mann Verluste. Sie gaben
den hohen Herrschaften eine Vorstellung und schossen ein Vermögen in die
Luft hinein. Die Komödie auf dem Schlachtfelde! So und nicht anders ging
es hier zu. Der Soldat kroch in die Erde. Aber da kam ihm das Wasser
entgegen. Bis an die Knie wateten die Tapfern im Wasser. Jedes Haus
hinten war zerschossen und die Trümmer unausgesetzt unter Feuer. Es
entstanden ganze Städte unter der Erde, Städte in Wäldern, die
Mannschaften ruhten aus in Eisenbahnzügen, die zurück mußten, sobald das
Feuer zu stark wurde.
Die Erde bei den Gräben ist zerrissen. Trichter an Trichter. Der Regen
spritzt heute in den kreisrunden Lehmtümpeln. Auch die Allee hat
mitgekämpft. Die hohen Bäume schlugen der Länge nach hin, wie Riesen,
von der Granate in den Wurzelbau getroffen und hochgeschleudert. Sie
wurden in der Mitte abgerissen. Ihre Kronen stürzten zersplittert in das
Feld, und so stehen sie noch. Kein Baum, der nicht seine Wunde hätte,
manche sind von oben bis unten zerfetzt. Die Allee hat sich tapfer
geschlagen, die Allee von Poel-Capelle nach St. Julien. Eine Armee von
Krüppeln steht an der Straße.
Die verlassenen Gräben sind mit allerlei Schutt angefüllt.
Konservenbüchsen, Waffenteile, zerweichte und unleserlich gewordene
Briefe. Ein blutiger Tuchfetzen, den einer an die Wunde preßte,
erblassend und zu Tode erschrocken. Sie sprechen eine grauenhafte
Sprache und ihr Flüstern verfolgt mich. Es ist sehr still hier und es
hat den Anschein, als ob die Stille sich über den Gräben verdichtete und
über all den Dingen, die einst Menschen gehörten. Ich wünschte wohl, sie
kämen hierher, die drei hohen Herrschaften, zu deren Ehre einmal so
furchtbar laut geschossen wurde, sie kämen hierher und _hörten sich die
Stille an_. Vielleicht würden sie den süßlichen Geruch spüren, der aus
den Gräben steigt, vielleicht würde sich ihr Auge schließen vor all dem
Grauenhaften, das der Schutt in den Gräben deckt. Sie würden gehen und
nun würden sie stolpern! Bei jedem Schritt würden sie über Gräber
stolpern. Gräber hier, Gräber dort. Franzosen, Schottländer, Kanadier,
Kolumbier, Farbige und Schwarze. Sie würden die Namen auf den Kreuzen
lesen. Sie würden die verstümmelte Allee hinabgehen, und links und
rechts würden die Kreuze ihnen folgen. Sie würden bei St. Julien die
Massengräber sehen. Hier lagen die Kanadier so dicht, daß die
Fliegerphotographien aus 2000 Meter Höhe die Leichenhaufen zeigten. Nun
würden sie begreifen, daß sie in einen Friedhof geraten sind, der naß
ist von Blut und Tränen.
Aber weiter. Die Kanonen krachen. In Erdhöhlen hocken Soldaten um die
dampfenden Kochtöpfe und sind guter Dinge, denn sie leben.
_Langemark_, berühmt geworden durch sein Unglück, wie viele andre Orte,
ist das grinsende Skelett einer kleinen Stadt. Die wenigen Häuser, die
noch stehen, zeigen fröstelnd das nackte Gebälk. Die Ziegel sind ohne
Ausnahme herabgerasselt, als die schweren Geschosse einschlugen. Wie
Gespenster von Häusern stehen sie inmitten der Trümmerhaufen. Der
Kirchturm sieht aus wie ein verwitterter Sandsteinfelsen, rostrot und
brüchig steht er am Rande eines niedergemähten Parkes. Ein Haus ist mit
dem Schieferdach niedergebrochen, wie ein gefallener Elefant, der sich
auf die Stoßzähne stützt. Es ist deutsche Arbeit, sie ist gründlich, das
muß man sagen. Hut ab vor unsern Kanonieren!
Aus dem Keller irgendeines zerschossenen Hauses steigt langsam und still
ein General, in den weiten Mantel gehüllt. Er scheint das einzige
lebende Wesen weit und breit zu sein. Gelassen und würdevoll, ein wenig
gelangweilt, zeigt er uns sein Heim. Das Haus ist verschüttet, es liegen
noch Leichen unter dem Schutt. „Hier lebe ich nun, im Keller,“ sagt er
mit leiser, gelangweilter Stimme. „Sie schießen oft wütend herein. Sehen
Sie die Trichter? Es sind ganz große Dinger. Na, man gewöhnt sich an
alles.“ Wir gehen und der General promeniert ruhig, in seinen Mantel
gewickelt, im Regen auf und ab.
In dieser Gegend sieht man kein Tier und kein lebendes Wesen. Zuweilen
ein paar Soldaten, die laut und fröhlich antworten, wenn man sie anruft.
Aber die Geschütze krachen ringsum, obschon man sie nicht sieht.
Sie sind trotz des schlechten Wetters fleißig bei der Arbeit und die
Luft dröhnt wie von Explosionen, hart und metallen. Die Geschosse toben
in die Höhe, es röhrt und wühlt in der Luft, sie _pflügen_ sich hinauf.
Die Luft zischt, genau wie das Wasser unter dem Kiel eines Rennbootes.
Es gurgelt gierig da oben, wie Gurgeln voller Blut. Unwillkürlich sucht
der Blick das Geschoß, obwohl es natürlich zu rasch ist, als daß man es
sehen könnte. Aber es scheint greifbar nahe zu sein. Ja, ich sehe es
auch, wie es in seiner Kurve dahinjagt. Es ist gelb und dreht sich
rasend um die Längsachse, eine donnernde, dröhnende Röhre von
Luftwirbeln als Schleppe, den blanken Zünder zischend in die dicke,
graue Regenluft bohrend. Die gelbe Farbe verbrennt rauchend auf seiner
Hülle. Nun ist nur noch das schleifende Zischen der Luft zu hören. Es
ist hinüber! Links und rechts schlagen die Geschütze, es kracht wie von
einschlagenden Blitzen. Alle paar Minuten dröhnt hinter mir ein hellerer
Schlag und eine Granate jagt gurgelnd und zischend über mich hinweg. Die
Luft ist voller Eisen. In den Pausen der Geschütze hört man das hastige,
heisere Kläffen der Maschinengewehre und das Knattern der Gewehre.
So ist es hier. Es ist das Morgenkonzert, das gewöhnliche. Und so ist
das Abend- und Nachtkonzert. Man gewöhnt sich daran, und das flandrische
Land hat seit vielen Monaten nichts andres gehört. Die Front ist um
einige Kilometer vorgerückt, sonst hat sich nichts geändert.