Der Adlerwagen fegt die Landstraße hinunter, als sei der böse Feind
hinter ihm her. Er springt in langen Sätzen über die frischbeschotterten
Granattrichter hinweg und sucht so rasch wie möglich in Deckung des
zerschossenen Gehöftes zu kommen, auf das die staubige Straße
schnurgerade zuführt. Die Sache ist die: gewöhnlich setzt es hier eine
Lage, und die feindlichen Geschütze sind, wie ein Blinder sehen kann,
verteufelt genau eingeschossen. Allein nichts geschieht. Der Wagen duckt
sich hinter eine Backsteinbaracke, ein ehemaliges Wirtshaus, dessen
Stirn jämmerlich zerschmettert ist wie von Keulenhieben. Hier pflegen
die Granaten gewöhnlich einzuschlagen.
Der Begleitoffizier hegt noch immer Hoffnungen. Er lauscht hinüber, und
ich sehe ihm deutlich an, daß er enttäuscht ist. Er hatte mir die Lage
angekündigt und empfindet es als eine Störung des Programms, daß der
Feind zu faul ist zu schießen.
„Dann bekommen wir sie sicher auf der Rückfahrt!“ Das ist ein gewisser
Trost.
Zu Fuß geht es weiter, denn er – der Feind – würde es als eine
Achtungsverletzung betrachten, wenn man auch die allerletzte Strecke zu
den Gräben noch im Auto zurücklegte. Es gibt immerhin Grenzen.
Eigentümlich ist das Gefühl, zu Fuß zwei Kilometer in der hellen Sonne
eine Landstraße entlang zu promenieren, ohne jede Deckung, knappe
achthundert Meter an den feindlichen Gräben entlang. Sie können uns ja
deutlich sehen, mit bloßem Auge, und die roten Streifen der
Offiziersmützen leuchten weithin. Weshalb schießt er nicht? – „Sie
frühstücken, sie rasieren sich.“ – Drüben liegen Engländer. Sie trinken
jetzt wohl Tee und essen Marmelade dazu, was mögen sie tun? Immerhin, es
liegen Hunderte von Gewehren schußbereit. Vielleicht reizt sie das kecke
Rot der Offiziersmützen, vielleicht haben sie schlecht geschlafen, oder
vielleicht sind sie mit dem Frühstücken gerade fertig geworden und haben
Lust, ein wenig zu arbeiten. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß uns
ein Offizier durch das Glas genau beobachtet, in unsern Mienen mit den
Blicken herumtastet, und es lediglich von seiner Laune abhängt, ob er
feuern lassen will. Nichts ereignet sich. Auf dem Rückweg allerdings,
ich will das vorausnehmen, summten ganz unvermittelt ein paar Kugeln
über uns weg – aber nur weil wir stehengeblieben waren, um einen Flieger
zu beobachten. Es gibt eben hier Sitten wie überall, gehen ist erlaubt,
stehenbleiben wird als Unhöflichkeit angesehen.
In dem von Granaten übel zugerichteten Dorf empfängt uns der Kommandeur
des Regiments. Ein Mann wie aus Wurzelholz geschnitzt, knorrig, stark
und schlicht, ohne Pose und ohne Phrase. Das gibt es hier außen nicht.
Er hat die Augen des Frontoffiziers, _Frontaugen_, die aus Hunderten
herauszufinden ich mich jederzeit erbiete. Sie sind glänzend und rein,
bewußt, ein wenig nachdenklich und voll Anteilnahme. Der Mensch ohne
Lack und Firnis blickt aus ihnen. Es sind Augen, wie Menschen sie haben,
die der Tod anschauerte, die er zuweilen mit seinem Finger berührte und
denen er ein kleines Wort zu irgendeinem Augenblick ins Ohr flüsterte.
Wir steigen in die Schanze ein. Hier stand früher einmal eine Brauerei.
Früher! Die Granaten sind heißhungrig darüber hergefallen und haben nur
Trümmer übriggelassen. Sie haben die Mauern zerfressen, die Kamine mit
Stumpf und Stiel verschlungen und Kessel und Röhren zu Klumpen zerkaut.
Fanden sie nichts andres, so fraßen sie tiefe Löcher aus der Erde.
Laufgänge und Schützengräben durchspinnen und umspinnen den Komplex der
Ruine. Mit Sandsäcken und erdgefüllten Bierfässern hat der Kommandeur
ein Fort aus den Trümmern gebaut, eine groteske und musterhafte Festung,
in der man vor Gewehrkugeln wenigstens ziemlich sicher ist, wenn man
nicht allzu großes Pech hat. Wieder und wieder versucht der Feind, die
Schanze durch Granaten zu zerstören, immer wieder wird geflickt, gebaut
und verrammelt. Bombensichere Mannschaftsunterstände mit winzigen
Eingängen – Villa Duck dich, Villa Frieden usw. – mit kleinen blühenden
Gärtchen davor. Hier und da ein paar blumengeschmückte Gräber. Der
„Friedhof der Leichtsinnigen“. Hier ruhen zur Warnung für die Lebenden
jene Tapferen, die aus Unvorsichtigkeit und Leichtsinn dem Tod
entgegenliefen. Sie streckten den Kopf aus dem Graben, um zu sehen, ob
etwas los wäre, sie krochen aus dem Graben heraus, obgleich es verboten
ist, nur um einmal etwas _Neues_ zu tun. Nun liegen sie da, dicht neben
den Blumenbeeten, und die Kameraden pfeifen ihr Liedchen über ihr Grab.
Das ist, ganz kurz, was es hier oben zu sehen gibt, zwischen den Wällen
sozusagen. Die eigentliche Festung aber liegt in den Kellern der
Brauerei, zweistöckig und labyrinthisch. Nasse, finstere, niedrige Gänge
wie in einer Schauerburg. Trübes Bier schwimmt in einem Graben, Treppen
und Verschläge, die in pechschwarze Stollen und Kamine hinabführen,
Mauern aus Sandsäcken und Fässern. Schießscharten dazwischen, vorsichtig
mit Ziegelsteinen verschlossen. Sehr freundlich sieht es hier nicht aus.
In den Kellerräumen, wo die Mauern am dicksten sind, schlafen die
Mannschaften beim trübseligen Schein einer verstaubten, elektrischen
Lampe. Sie liegen, dicht nebeneinander gepackt, in Uniformen und
schweren Stiefeln, so wie sie aus den Gräben kommen. Wie verwunschene
Bergleute, von einem Zauber eingeschläfert, liegen sie da. Sie wachen
nicht auf, wenn wir eintreten. Der Schweiß perlt auf ihren eckigen
Stirnen, es ist heiß hier unten. Sie genießen den Schlaf, sie klammern
sich an ihn. Heute sind sie soundsoviel, morgen sind sie einer oder zwei
weniger. Ein Platz wird leer sein oder zwei oder mehr. Daran sind sie
gewöhnt. Sie leben von heute auf morgen, und sie gehen vom Leben in den
Tod, wie man eine Tür zumacht, und niemand sieht sie wieder. Wenn sie
heute das erste Wort sprechen, so wissen sie nicht, ob es nicht ihr
letztes ist. Ein junger Schläfer schwitzt stärker als die andern, seine
Wimpern sind nahezu weiß. Auf seinen roten Backen flimmern feine
Härchen. Sein Mund steht offen und zeigt die weißen starken Zähne. Er
scheint zu lachen im Schlaf und schläft so ruhig und gesund wie in
seinem Dorf zu Hause. Neben ihm liegt ein Dunkelhaariger, mit gelber
Gesichtsfarbe und dichten Bartstoppeln. Er schläft unruhig und röchelt
gepreßt. Träumt er? Träumt er, daß der Engländer kommt und ungeniert in
den Drahtverhauen wirtschaftet, und er schießt und schießt, aber der
Engländer ist nicht zu treffen, er zieht eine Zange heraus und fängt an,
in aller Gemütsruhe die Drähte zu durchschneiden ... Plötzlich öffnet er
die Augen, sie blicken grünlich, und starrt mich an. Sobald er sich
regt, taucht hinten ein fahles Gesicht empor. Aber im nächsten
Augenblick schlafen sie wieder, und alle schlafen, dicht
aneinandergedrückt, tief und traumlos, als ob sie keine Lust hätten
aufzuwachen.
Luft, Licht. Wir tauchen aus dem dunkeln Bergwerk empor in die grelle
Sonne. Über meinem Kopfe rasselt und trommelt plötzlich ein Kobold in
den Kupfertöpfen der Brauerei. Eine Kugel. Sahen sie uns an den
Schießscharten vorübergehen? Die Gräben sind das Letzte an
Bequemlichkeit und Umsicht. Tief eingeschnitten, so daß man sich nicht
zu bücken braucht, die Schießscharten solid verschalt wie tiefe Nischen.
Bei jeder ein Täfelchen mit dem Namen des Schützen. Der Boden ist mit
Brettern ausgelegt, und da und dort steht: Nicht ausspucken! Es spuckt
auch niemand aus. Eine Dame könnte in einem Ballkleid hier gehen. Ich
habe von französischen Gräben gehört, wo sie in ihrem eignen Dreck
herumlaufen und ihre Toten, mit einer Lage Erde darüber, als Diele
benützen. Ein Toter ist tot und spürt nichts mehr, aber trotzdem ...
„Sehen Sie etwas?“
„Ja. Einer guckt immer mit dem Kopfe raus. In der Nacht haben sie eine
Puppe an einer Stange aufgehängt. Dort!“
Durch die kleine, rechteckige Schießscharte blickt man in das grüne Land
hinein, wie durch ein Fernrohr. Unsere Drahtverhaue, dann eine Wiese,
die leicht im Winde schwankt. Dahinter dünnes, wirres Gestrüpp. Das sind
_seine_ Drahtverhaue. Ein kleiner Wall aufgeworfener Erde. Sonst ist
nichts zu sehen, so sehr ich mich auch anstrenge. Auf diesem Streifen
Wiesenland, ein paar hundert Meter breit, bewegt sich nichts, seit
vielen Monaten nichts. Es ist ein verfluchter Streifen Land. Das Gras
wächst, weil es keine Vernunft hat, aber kein Falter, kein kleiner Vogel
lebt hier. Nur die Kugeln spinnen ihr Netz darüber. Plötzlich erschrecke
ich. Da steht, man mag es glauben oder nicht, wahrhaftig ein Mensch
aufrecht und unbekümmert auf dem Erdwall drüben! Ich erschrecke für ihn,
obwohl ich es ja nicht bin, der da drüben steht, und ich erschrecke vor
allem, weil sich auf diesem leblosen Streifen Land überhaupt etwas
zeigt. Ist er toll geworden? Aber das ist ja die Puppe! Dann und wann
knallt es da drüben, in der Ferne rumpelt Geschützdonner. Die Schanze
aber schweigt. Sie hat seit zwei Tagen keinen Schuß abgegeben. „Es ist
ein richtiger Spaß! Er soll glauben, daß wir fort sind.“ Aber er glaubt
es ja doch nicht. Gestern hat er alle Schießscharten einzeln
abgestrichen und die Schanze hatte zwei Tote.
Sonderbar ist so ein winziges rechteckiges Fensterchen ins grüne Land.
Es ist ein Fenster ins Jenseits ... Es ist möglich, daß in dem gleichen
Augenblick, in dem der Feldgraue hinaussieht, der Tod hereinblickt, und
der Feldgraue erschrickt und fällt hintenüber ...
Ein Gewirr sind die Gräben, auf, ab, hin und her. Maschinengewehre, sie
haben den schönsten Platz. Überall stehen Posten. Sie stehen hier Tag
und Nacht, heute, morgen und in diesem Augenblick. Seit dem Herbst, da
das Laub fiel, und jetzt ist es wieder grün.
In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der
Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater,
rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon
wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere
Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie
liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So
hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie
bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß,
worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet?
Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des
Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine
erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des
Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert
Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite
hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die
Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den
Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der
französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander,
hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft
schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus
sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der
Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und
Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze
nebeneinander kämpften.
Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit
leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf
der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe
und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern
und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren
stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie
warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen
den Feind: _dort, dort_ ...