Mai 1915

Der Adlerwagen fegt die Landstraße hinunter, als sei der böse Feind

hinter ihm her. Er springt in langen Sätzen über die frischbeschotterten

Granattrichter hinweg und sucht so rasch wie möglich in Deckung des

zerschossenen Gehöftes zu kommen, auf das die staubige Straße

schnurgerade zuführt. Die Sache ist die: gewöhnlich setzt es hier eine

Lage, und die feindlichen Geschütze sind, wie ein Blinder sehen kann,

verteufelt genau eingeschossen. Allein nichts geschieht. Der Wagen duckt

sich hinter eine Backsteinbaracke, ein ehemaliges Wirtshaus, dessen

Stirn jämmerlich zerschmettert ist wie von Keulenhieben. Hier pflegen

die Granaten gewöhnlich einzuschlagen.

Der Begleitoffizier hegt noch immer Hoffnungen. Er lauscht hinüber, und

ich sehe ihm deutlich an, daß er enttäuscht ist. Er hatte mir die Lage

angekündigt und empfindet es als eine Störung des Programms, daß der

Feind zu faul ist zu schießen.

„Dann bekommen wir sie sicher auf der Rückfahrt!“ Das ist ein gewisser

Trost.

Zu Fuß geht es weiter, denn er – der Feind – würde es als eine

Achtungsverletzung betrachten, wenn man auch die allerletzte Strecke zu

den Gräben noch im Auto zurücklegte. Es gibt immerhin Grenzen.

Eigentümlich ist das Gefühl, zu Fuß zwei Kilometer in der hellen Sonne

eine Landstraße entlang zu promenieren, ohne jede Deckung, knappe

achthundert Meter an den feindlichen Gräben entlang. Sie können uns ja

deutlich sehen, mit bloßem Auge, und die roten Streifen der

Offiziersmützen leuchten weithin. Weshalb schießt er nicht? – „Sie

frühstücken, sie rasieren sich.“ – Drüben liegen Engländer. Sie trinken

jetzt wohl Tee und essen Marmelade dazu, was mögen sie tun? Immerhin, es

liegen Hunderte von Gewehren schußbereit. Vielleicht reizt sie das kecke

Rot der Offiziersmützen, vielleicht haben sie schlecht geschlafen, oder

vielleicht sind sie mit dem Frühstücken gerade fertig geworden und haben

Lust, ein wenig zu arbeiten. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß uns

ein Offizier durch das Glas genau beobachtet, in unsern Mienen mit den

Blicken herumtastet, und es lediglich von seiner Laune abhängt, ob er

feuern lassen will. Nichts ereignet sich. Auf dem Rückweg allerdings,

ich will das vorausnehmen, summten ganz unvermittelt ein paar Kugeln

über uns weg – aber nur weil wir stehengeblieben waren, um einen Flieger

zu beobachten. Es gibt eben hier Sitten wie überall, gehen ist erlaubt,

stehenbleiben wird als Unhöflichkeit angesehen.

In dem von Granaten übel zugerichteten Dorf empfängt uns der Kommandeur

des Regiments. Ein Mann wie aus Wurzelholz geschnitzt, knorrig, stark

und schlicht, ohne Pose und ohne Phrase. Das gibt es hier außen nicht.

Er hat die Augen des Frontoffiziers, _Frontaugen_, die aus Hunderten

herauszufinden ich mich jederzeit erbiete. Sie sind glänzend und rein,

bewußt, ein wenig nachdenklich und voll Anteilnahme. Der Mensch ohne

Lack und Firnis blickt aus ihnen. Es sind Augen, wie Menschen sie haben,

die der Tod anschauerte, die er zuweilen mit seinem Finger berührte und

denen er ein kleines Wort zu irgendeinem Augenblick ins Ohr flüsterte.

Wir steigen in die Schanze ein. Hier stand früher einmal eine Brauerei.

Früher! Die Granaten sind heißhungrig darüber hergefallen und haben nur

Trümmer übriggelassen. Sie haben die Mauern zerfressen, die Kamine mit

Stumpf und Stiel verschlungen und Kessel und Röhren zu Klumpen zerkaut.

Fanden sie nichts andres, so fraßen sie tiefe Löcher aus der Erde.

Laufgänge und Schützengräben durchspinnen und umspinnen den Komplex der

Ruine. Mit Sandsäcken und erdgefüllten Bierfässern hat der Kommandeur

ein Fort aus den Trümmern gebaut, eine groteske und musterhafte Festung,

in der man vor Gewehrkugeln wenigstens ziemlich sicher ist, wenn man

nicht allzu großes Pech hat. Wieder und wieder versucht der Feind, die

Schanze durch Granaten zu zerstören, immer wieder wird geflickt, gebaut

und verrammelt. Bombensichere Mannschaftsunterstände mit winzigen

Eingängen – Villa Duck dich, Villa Frieden usw. – mit kleinen blühenden

Gärtchen davor. Hier und da ein paar blumengeschmückte Gräber. Der

„Friedhof der Leichtsinnigen“. Hier ruhen zur Warnung für die Lebenden

jene Tapferen, die aus Unvorsichtigkeit und Leichtsinn dem Tod

entgegenliefen. Sie streckten den Kopf aus dem Graben, um zu sehen, ob

etwas los wäre, sie krochen aus dem Graben heraus, obgleich es verboten

ist, nur um einmal etwas _Neues_ zu tun. Nun liegen sie da, dicht neben

den Blumenbeeten, und die Kameraden pfeifen ihr Liedchen über ihr Grab.

Das ist, ganz kurz, was es hier oben zu sehen gibt, zwischen den Wällen

sozusagen. Die eigentliche Festung aber liegt in den Kellern der

Brauerei, zweistöckig und labyrinthisch. Nasse, finstere, niedrige Gänge

wie in einer Schauerburg. Trübes Bier schwimmt in einem Graben, Treppen

und Verschläge, die in pechschwarze Stollen und Kamine hinabführen,

Mauern aus Sandsäcken und Fässern. Schießscharten dazwischen, vorsichtig

mit Ziegelsteinen verschlossen. Sehr freundlich sieht es hier nicht aus.

In den Kellerräumen, wo die Mauern am dicksten sind, schlafen die

Mannschaften beim trübseligen Schein einer verstaubten, elektrischen

Lampe. Sie liegen, dicht nebeneinander gepackt, in Uniformen und

schweren Stiefeln, so wie sie aus den Gräben kommen. Wie verwunschene

Bergleute, von einem Zauber eingeschläfert, liegen sie da. Sie wachen

nicht auf, wenn wir eintreten. Der Schweiß perlt auf ihren eckigen

Stirnen, es ist heiß hier unten. Sie genießen den Schlaf, sie klammern

sich an ihn. Heute sind sie soundsoviel, morgen sind sie einer oder zwei

weniger. Ein Platz wird leer sein oder zwei oder mehr. Daran sind sie

gewöhnt. Sie leben von heute auf morgen, und sie gehen vom Leben in den

Tod, wie man eine Tür zumacht, und niemand sieht sie wieder. Wenn sie

heute das erste Wort sprechen, so wissen sie nicht, ob es nicht ihr

letztes ist. Ein junger Schläfer schwitzt stärker als die andern, seine

Wimpern sind nahezu weiß. Auf seinen roten Backen flimmern feine

Härchen. Sein Mund steht offen und zeigt die weißen starken Zähne. Er

scheint zu lachen im Schlaf und schläft so ruhig und gesund wie in

seinem Dorf zu Hause. Neben ihm liegt ein Dunkelhaariger, mit gelber

Gesichtsfarbe und dichten Bartstoppeln. Er schläft unruhig und röchelt

gepreßt. Träumt er? Träumt er, daß der Engländer kommt und ungeniert in

den Drahtverhauen wirtschaftet, und er schießt und schießt, aber der

Engländer ist nicht zu treffen, er zieht eine Zange heraus und fängt an,

in aller Gemütsruhe die Drähte zu durchschneiden ... Plötzlich öffnet er

die Augen, sie blicken grünlich, und starrt mich an. Sobald er sich

regt, taucht hinten ein fahles Gesicht empor. Aber im nächsten

Augenblick schlafen sie wieder, und alle schlafen, dicht

aneinandergedrückt, tief und traumlos, als ob sie keine Lust hätten

aufzuwachen.

Luft, Licht. Wir tauchen aus dem dunkeln Bergwerk empor in die grelle

Sonne. Über meinem Kopfe rasselt und trommelt plötzlich ein Kobold in

den Kupfertöpfen der Brauerei. Eine Kugel. Sahen sie uns an den

Schießscharten vorübergehen? Die Gräben sind das Letzte an

Bequemlichkeit und Umsicht. Tief eingeschnitten, so daß man sich nicht

zu bücken braucht, die Schießscharten solid verschalt wie tiefe Nischen.

Bei jeder ein Täfelchen mit dem Namen des Schützen. Der Boden ist mit

Brettern ausgelegt, und da und dort steht: Nicht ausspucken! Es spuckt

auch niemand aus. Eine Dame könnte in einem Ballkleid hier gehen. Ich

habe von französischen Gräben gehört, wo sie in ihrem eignen Dreck

herumlaufen und ihre Toten, mit einer Lage Erde darüber, als Diele

benützen. Ein Toter ist tot und spürt nichts mehr, aber trotzdem ...

„Sehen Sie etwas?“

„Ja. Einer guckt immer mit dem Kopfe raus. In der Nacht haben sie eine

Puppe an einer Stange aufgehängt. Dort!“

Durch die kleine, rechteckige Schießscharte blickt man in das grüne Land

hinein, wie durch ein Fernrohr. Unsere Drahtverhaue, dann eine Wiese,

die leicht im Winde schwankt. Dahinter dünnes, wirres Gestrüpp. Das sind

_seine_ Drahtverhaue. Ein kleiner Wall aufgeworfener Erde. Sonst ist

nichts zu sehen, so sehr ich mich auch anstrenge. Auf diesem Streifen

Wiesenland, ein paar hundert Meter breit, bewegt sich nichts, seit

vielen Monaten nichts. Es ist ein verfluchter Streifen Land. Das Gras

wächst, weil es keine Vernunft hat, aber kein Falter, kein kleiner Vogel

lebt hier. Nur die Kugeln spinnen ihr Netz darüber. Plötzlich erschrecke

ich. Da steht, man mag es glauben oder nicht, wahrhaftig ein Mensch

aufrecht und unbekümmert auf dem Erdwall drüben! Ich erschrecke für ihn,

obwohl ich es ja nicht bin, der da drüben steht, und ich erschrecke vor

allem, weil sich auf diesem leblosen Streifen Land überhaupt etwas

zeigt. Ist er toll geworden? Aber das ist ja die Puppe! Dann und wann

knallt es da drüben, in der Ferne rumpelt Geschützdonner. Die Schanze

aber schweigt. Sie hat seit zwei Tagen keinen Schuß abgegeben. „Es ist

ein richtiger Spaß! Er soll glauben, daß wir fort sind.“ Aber er glaubt

es ja doch nicht. Gestern hat er alle Schießscharten einzeln

abgestrichen und die Schanze hatte zwei Tote.

Sonderbar ist so ein winziges rechteckiges Fensterchen ins grüne Land.

Es ist ein Fenster ins Jenseits ... Es ist möglich, daß in dem gleichen

Augenblick, in dem der Feldgraue hinaussieht, der Tod hereinblickt, und

der Feldgraue erschrickt und fällt hintenüber ...

Ein Gewirr sind die Gräben, auf, ab, hin und her. Maschinengewehre, sie

haben den schönsten Platz. Überall stehen Posten. Sie stehen hier Tag

und Nacht, heute, morgen und in diesem Augenblick. Seit dem Herbst, da

das Laub fiel, und jetzt ist es wieder grün.

In den letzten Tagen hat die Festung ein neues Fort dazubekommen. Der

Feind hat einen Minengang vorgetrieben und gesprengt. Es ist ein Krater,

rund und groß wie ein Karussell, und der Rand des Kraters ist schon

wieder ausgebaut und befestigt. Ideal ist das Fort, es flankiert unsere

Gräben. Leider hat es drei von unsern tapfern Leuten gekostet. Sie

liegen tief unten in der Erde, so tief, daß man sie nicht holen kann. So

hat hier jeder Tag seine Ereignisse, und die nächste Minute kann sie

bringen. Er kann ja eine neue Mine hochfliegen lassen, Gott weiß,

worüber er jetzt, in dieser Sekunde, brütet?

Ein Laufgang führt mitten durch das zerschossene Dorf zum Unterstand des

Kommandeurs. Hübsch und freundlich ist es hier unten, eine Schiffskabine

erster Klasse unter der Erde. Hierher kommen die Offiziere zuweilen des

Abends, sozusagen, wenn sie ausgehen wollen. Es sind nur hundert

Schritte, aber es ist immerhin eine Abwechslung. Nur eine Schattenseite

hat dieser Salon unter der Erde. Er stößt direkt an den Friedhof. Die

Granate ist ein böses Tier ohne Vernunft. So ist sie wiederholt in den

Friedhof gefahren, wo sie nichts zu suchen hatte, und hat die Gräber der

französischen Bürger aufgerissen. Sie warf die Grabsteine durcheinander,

hat die Gebeine mit in die Tiefe gerissen, und in einer Familiengruft

schwimmt ein Kindersarg. Von der Treppe des unterirdischen Salons aus

sieht man über eine Reihe frischer Gräber. Das sind die Toten der

Schanze. Der frühere Kommandeur, Offiziere, Unteroffiziere und

Mannschaften. Nebeneinander liegen sie, so wie sie auf der Schanze

nebeneinander kämpften.

Ja, hier liegen sie, aber in Wahrheit sind sie nicht tot. In Wahrheit

leben sie, denn sie sind unvergessen. Sie leben mit den Kameraden auf

der Feldschanze, ganz wie früher. Sie wandern durch die Schlafgewölbe

und sehen nach, ob sie noch nicht aufstehen, sie sitzen auf den Gräbern

und lauschen auf die Gespräche der Kameraden. Bei den Maschinengewehren

stehen sie und lugen aus. In der Nacht wandern sie in den Gräben. Sie

warnen die Kameraden, sie richten ihnen die Gewehre, sie zeigen ihnen

den Feind: _dort, dort_ ...

Der Krieg im Westen · 第 8 / 82 题