8. Mai 1915

Während die verbündeten Armeen in Westgalizien das russische Tor aus den

Angeln brechen, sind wir hier oben im Westen dabei, die

englisch-französische Panzertür einzurennen. Der Gegner hier oben ist

zäher und intelligenter und läßt sich die Zähne aus dem Maul schießen,

bevor er weicht. Die Kämpfe sind wütend. In aufrechten Sturmkolonnen

liefen die Engländer da und dort gegen das Feuer unsrer Gräben an. Man

ist guten Muts und voller Zuversicht. Wie ich höre, haben sich unsere

Truppen in höllischen Nahkämpfen wie Rasende geschlagen. Sie gingen wie

glühende Teufel vor. Ich sah sie heiß und dampfend aus den Stellungen

zurückkehren, und der Rausch des Kampfes lag noch in ihren siedenden

Augen und über den rauchenden, marschierenden Kompanien. Einige trugen

Verbände, die meisten hatten schon wieder den Weg in die Wirklichkeit

zurückgefunden und lachten. Seit den letzten Tagen dröhnt hier Himmel

und Erde vom Donner der Geschütze. Die Kraterkette, die die deutschen

Batterien in weitem Bogen gegen Ypern vorschoben, speit täglich Hunderte

von Tonnen Eisen in den Hexenkessel von Ypern hinein. Ein Hauptmann

versicherte mir, das Feuer sei heftiger, als es vor Antwerpen war.

Heute morgen um sechs Uhr war ich an der Front, die im Südosten an das

Operationsgebiet von Ypern stößt. Die Kanonen sind noch früher

aufgestanden. Sie pochen, atemlos, wie schwere Schmiedehämmer, die im

Akkord arbeiten, und die Luft wettert von den wütenden Schlägen. Auch

nicht eine einzige kleine Sekunde Pause gönnen sie sich. Sie sind ein

Rudel von Gewittern im Hochgebirge, die knurren und grollen, verstört

hin und her irren und nicht zur Ruhe kommen. Häufig fallen die Schläge

zusammen, und dann dröhnt und rollt es, als donnere eine Bergwand zu

Tal. Sie stampfen über und unter der Erde, sie sind ringsum, überall.

Der ganze Horizont brandet. Sie saugen die Atmosphäre ein und schnauben

sie aus. Das Gebäude der Luft wankt. Je näher das Auto jagt, desto

wütender und wilder wird das Feuer. Deutlich hört man aus dem atemlos

auf und ab wogenden Pochen und Stampfen das böse, tiefe Raubtierknurren

der schwersten Geschütze heraus, die die andern überbrüllen.

Wir halten in einem zerschossenen Gehöft, einige hundert Meter von den

englischen Stellungen entfernt, und der Boden rollt ununterbrochen unter

meinen Füßen, wie von schweren Lastautomobilen. Die Seismographen, denke

ich, müssen die Erschütterung der Erdkruste auf Hunderte von Meilen im

Umkreis anzeigen, falls sie etwas taugen. Ich habe noch kein Erdbeben

erlebt, aber es kann kaum anders sein. Es ist richtiges wildes

Trommelfeuer (ein neues Wort für mich) und zuweilen verschlägt es mir

den Atem, obschon ich einigen Lärm vertrage. Schlag auf Schlag, bebend

von Leidenschaft, unerbittlich und rasend, Salvenhiebe eines Boxers, der

den Gegner erbarmungslos niederhämmert. Die Geschütze schütteln sich vor

Wut, sie glühen und taumeln, kochenden Schaum vor dem Maul, und speien

ihren Haß hinüber.

Der Morgen ist göttlich. Die Welt leuchtet und die Vögel singen

unbekümmert. Aber ich sehe und höre nicht, ich ergebe mich der lauten

Brandung des Feuers, die mächtig, wie der Ozean, daherrollt. Zuweilen

wage ich es, einen kleinen scheuen Blick zum Himmel emporzuwerfen, der

in seiner Herrlichkeit blendet, zuweilen erbleiche ich im Innern, und

manchmal hätte ich Lust, mich zu bekreuzen. Ich bin, ohne mich’s zu

versehen, mitten in ein Gewitter der Urzeit geraten, da die Erde sich

spaltete und die Gebirge gebar. Oder was ist es? Führt die Erde Krieg

mit der Sonne und befeuert sie aus ihren Vulkanen rasend das Gestirn am

Himmel? Poltern Unholde im Raum, die ich nicht sehe und die rings um

mich toben? So unheimlich und mächtig ist das Toben, von solch

elementarer Wucht, daß meine Maßstäbe versagen, wie vor den Zahlen der

Astronomen, und es mir schwer wird zu glauben, daß hier Menschen kämpfen

und auf Fleisch und Knochen geschossen wird. Ja, verstehst du wohl, es

ist der Mensch, von menschlichen Müttern geboren, der hier eine Sache

unter sich ausmacht. Auf seine Art, mit seinen Maschinen und seinem

Zorn. Der Dämon der Erde, angefüllt mit urweltlichen Instinkten, die

lange schlafen und die ein Nichts wecken kann. Ich bin, wenn man will,

in ein Völkergewitter geraten, das sich wütend entlädt, bei dem es Eisen

hagelt und Blut regnet.

Ich muß gestehen, ich möchte heute nicht in Ypern und in der Umgebung

Yperns sein. Ich möchte auch nicht, daß ein Freund und Bruder von mir

dort wäre. Selbst für englische Nerven, denke ich, muß es genügen, und

ich bin sicher, heute gehen ihnen die Pfeifen aus. Ich spreche gar nicht

von den Franzosen und Farbigen, die mit der Hälfte zufrieden wären. Sie

– die Engländer – wissen recht gut, daß es uns Ernst ist, und täuschen

sich nicht über die Lage. Unerbittlich und mitleidlos ist die Sprache

der Geschütze. In ganzen Rudeln stoßen ihre Flugzeuge aus dem Feuerloch,

aufgescheucht und unruhig, und kreuzen hartnäckig und verzweifelt über

unsern Stellungen, um die Geschütze zu finden. Wie zornige Raubvögel,

deren Horst brennt, kreisen sie hoch oben und spähen nach dem Feind.

Heute morgen, vor fünf, hat mich schon das Krachen der Abwehrkanonen aus

den Federn getrieben. Nun, da der Tag wächst, stehen bald rechts,

bald links hoch oben am blauen Himmel die Reihen der weißen

Schrapnellwölkchen. Plötzlich kracht es auch dicht neben mir, ein harter

und naher Knall, und eine Granate zischt gierig und böse knirschend über

meinen Kopf hinweg in den Himmel empor. Ein englischer Doppeldecker in

eiliger Fahrt, gut 2000 Meter hoch. Das Schrapnell explodiert hinter

ihm. Zwei, drei. Wie Raketen fauchen sie in die Höhe. Vier, fünf. Ein

Maschinengewehr rasselt und streut eine Fontäne von Spitzkugeln in den

Äther. Nun reißt ein Geschütz in einiger Entfernung links ab und der

Engländer bekommt Stirnfeuer. Prächtige Schüsse! Ein Schrapnell muß

dicht über ihn weggeflogen sein. Der Engländer hat genug, er wendet in

toller Kurve und geht mit dem Wind davon. Aber er kommt wieder. Dreimal

versucht er es, hartnäckig und kühn, unsre Stellungen zu überfliegen,

und dreimal muß er zurück. Das Maschinengewehr hämmert wie toll und kann

sich nicht mehr beruhigen.

Das Geschützfeuer aber rollt und pocht, ohne Atem zu holen, die Salven

dröhnen. Die Schlacht geht weiter. Wie sage ich? Sie hat erst

_begonnen_. Es ist sieben Uhr.

Am Abend sah ich die Sonne im Westen versinken, blutrot, groß und

düster, wie sie an großen historischen Schlachttagen gesunken sein soll.

Sie sah aus wie ein blutüberströmtes Antlitz, die Sonne von Ypern, naß,

zerschossen, und sterbend noch voll Majestät.

Die Geschütze aber schlugen noch immer.

Der Krieg im Westen · 第 6 / 82 题