Während die verbündeten Armeen in Westgalizien das russische Tor aus den
Angeln brechen, sind wir hier oben im Westen dabei, die
englisch-französische Panzertür einzurennen. Der Gegner hier oben ist
zäher und intelligenter und läßt sich die Zähne aus dem Maul schießen,
bevor er weicht. Die Kämpfe sind wütend. In aufrechten Sturmkolonnen
liefen die Engländer da und dort gegen das Feuer unsrer Gräben an. Man
ist guten Muts und voller Zuversicht. Wie ich höre, haben sich unsere
Truppen in höllischen Nahkämpfen wie Rasende geschlagen. Sie gingen wie
glühende Teufel vor. Ich sah sie heiß und dampfend aus den Stellungen
zurückkehren, und der Rausch des Kampfes lag noch in ihren siedenden
Augen und über den rauchenden, marschierenden Kompanien. Einige trugen
Verbände, die meisten hatten schon wieder den Weg in die Wirklichkeit
zurückgefunden und lachten. Seit den letzten Tagen dröhnt hier Himmel
und Erde vom Donner der Geschütze. Die Kraterkette, die die deutschen
Batterien in weitem Bogen gegen Ypern vorschoben, speit täglich Hunderte
von Tonnen Eisen in den Hexenkessel von Ypern hinein. Ein Hauptmann
versicherte mir, das Feuer sei heftiger, als es vor Antwerpen war.
Heute morgen um sechs Uhr war ich an der Front, die im Südosten an das
Operationsgebiet von Ypern stößt. Die Kanonen sind noch früher
aufgestanden. Sie pochen, atemlos, wie schwere Schmiedehämmer, die im
Akkord arbeiten, und die Luft wettert von den wütenden Schlägen. Auch
nicht eine einzige kleine Sekunde Pause gönnen sie sich. Sie sind ein
Rudel von Gewittern im Hochgebirge, die knurren und grollen, verstört
hin und her irren und nicht zur Ruhe kommen. Häufig fallen die Schläge
zusammen, und dann dröhnt und rollt es, als donnere eine Bergwand zu
Tal. Sie stampfen über und unter der Erde, sie sind ringsum, überall.
Der ganze Horizont brandet. Sie saugen die Atmosphäre ein und schnauben
sie aus. Das Gebäude der Luft wankt. Je näher das Auto jagt, desto
wütender und wilder wird das Feuer. Deutlich hört man aus dem atemlos
auf und ab wogenden Pochen und Stampfen das böse, tiefe Raubtierknurren
der schwersten Geschütze heraus, die die andern überbrüllen.
Wir halten in einem zerschossenen Gehöft, einige hundert Meter von den
englischen Stellungen entfernt, und der Boden rollt ununterbrochen unter
meinen Füßen, wie von schweren Lastautomobilen. Die Seismographen, denke
ich, müssen die Erschütterung der Erdkruste auf Hunderte von Meilen im
Umkreis anzeigen, falls sie etwas taugen. Ich habe noch kein Erdbeben
erlebt, aber es kann kaum anders sein. Es ist richtiges wildes
Trommelfeuer (ein neues Wort für mich) und zuweilen verschlägt es mir
den Atem, obschon ich einigen Lärm vertrage. Schlag auf Schlag, bebend
von Leidenschaft, unerbittlich und rasend, Salvenhiebe eines Boxers, der
den Gegner erbarmungslos niederhämmert. Die Geschütze schütteln sich vor
Wut, sie glühen und taumeln, kochenden Schaum vor dem Maul, und speien
ihren Haß hinüber.
Der Morgen ist göttlich. Die Welt leuchtet und die Vögel singen
unbekümmert. Aber ich sehe und höre nicht, ich ergebe mich der lauten
Brandung des Feuers, die mächtig, wie der Ozean, daherrollt. Zuweilen
wage ich es, einen kleinen scheuen Blick zum Himmel emporzuwerfen, der
in seiner Herrlichkeit blendet, zuweilen erbleiche ich im Innern, und
manchmal hätte ich Lust, mich zu bekreuzen. Ich bin, ohne mich’s zu
versehen, mitten in ein Gewitter der Urzeit geraten, da die Erde sich
spaltete und die Gebirge gebar. Oder was ist es? Führt die Erde Krieg
mit der Sonne und befeuert sie aus ihren Vulkanen rasend das Gestirn am
Himmel? Poltern Unholde im Raum, die ich nicht sehe und die rings um
mich toben? So unheimlich und mächtig ist das Toben, von solch
elementarer Wucht, daß meine Maßstäbe versagen, wie vor den Zahlen der
Astronomen, und es mir schwer wird zu glauben, daß hier Menschen kämpfen
und auf Fleisch und Knochen geschossen wird. Ja, verstehst du wohl, es
ist der Mensch, von menschlichen Müttern geboren, der hier eine Sache
unter sich ausmacht. Auf seine Art, mit seinen Maschinen und seinem
Zorn. Der Dämon der Erde, angefüllt mit urweltlichen Instinkten, die
lange schlafen und die ein Nichts wecken kann. Ich bin, wenn man will,
in ein Völkergewitter geraten, das sich wütend entlädt, bei dem es Eisen
hagelt und Blut regnet.
Ich muß gestehen, ich möchte heute nicht in Ypern und in der Umgebung
Yperns sein. Ich möchte auch nicht, daß ein Freund und Bruder von mir
dort wäre. Selbst für englische Nerven, denke ich, muß es genügen, und
ich bin sicher, heute gehen ihnen die Pfeifen aus. Ich spreche gar nicht
von den Franzosen und Farbigen, die mit der Hälfte zufrieden wären. Sie
– die Engländer – wissen recht gut, daß es uns Ernst ist, und täuschen
sich nicht über die Lage. Unerbittlich und mitleidlos ist die Sprache
der Geschütze. In ganzen Rudeln stoßen ihre Flugzeuge aus dem Feuerloch,
aufgescheucht und unruhig, und kreuzen hartnäckig und verzweifelt über
unsern Stellungen, um die Geschütze zu finden. Wie zornige Raubvögel,
deren Horst brennt, kreisen sie hoch oben und spähen nach dem Feind.
Heute morgen, vor fünf, hat mich schon das Krachen der Abwehrkanonen aus
den Federn getrieben. Nun, da der Tag wächst, stehen bald rechts,
bald links hoch oben am blauen Himmel die Reihen der weißen
Schrapnellwölkchen. Plötzlich kracht es auch dicht neben mir, ein harter
und naher Knall, und eine Granate zischt gierig und böse knirschend über
meinen Kopf hinweg in den Himmel empor. Ein englischer Doppeldecker in
eiliger Fahrt, gut 2000 Meter hoch. Das Schrapnell explodiert hinter
ihm. Zwei, drei. Wie Raketen fauchen sie in die Höhe. Vier, fünf. Ein
Maschinengewehr rasselt und streut eine Fontäne von Spitzkugeln in den
Äther. Nun reißt ein Geschütz in einiger Entfernung links ab und der
Engländer bekommt Stirnfeuer. Prächtige Schüsse! Ein Schrapnell muß
dicht über ihn weggeflogen sein. Der Engländer hat genug, er wendet in
toller Kurve und geht mit dem Wind davon. Aber er kommt wieder. Dreimal
versucht er es, hartnäckig und kühn, unsre Stellungen zu überfliegen,
und dreimal muß er zurück. Das Maschinengewehr hämmert wie toll und kann
sich nicht mehr beruhigen.
Das Geschützfeuer aber rollt und pocht, ohne Atem zu holen, die Salven
dröhnen. Die Schlacht geht weiter. Wie sage ich? Sie hat erst
_begonnen_. Es ist sieben Uhr.
Am Abend sah ich die Sonne im Westen versinken, blutrot, groß und
düster, wie sie an großen historischen Schlachttagen gesunken sein soll.
Sie sah aus wie ein blutüberströmtes Antlitz, die Sonne von Ypern, naß,
zerschossen, und sterbend noch voll Majestät.
Die Geschütze aber schlugen noch immer.